Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 3 (11.1932)
- Date
- 1932-11-01
- Page
- Seite 80 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 80, ten hundert Jahren jüdischer .Geschichte, entschieden bestritt. Die Debatte mit nichtjüdischen Intellektuellen über die deutsche Judenfrage ist. mithin keine Neuigkeit. Sie hatte damals mehr abstrakten Charakter; sie hat heute ungleich stärkere aktuelle Bedeutung. Ganz im Gegensatz zu Böhms Gedankengang wird in den neueren Veröffentlichungen vielfach Judentum mit. all jenen Strömungen gleichgesetzt, deren Grundlage die humanitäre Idee ist, mögen diese Strömungen untereinander wiederum sehr gegensätzlich sein, wie Liberalismus und Sozialismus; es sei kein Zufall, so wird gesagt, daß beide anziehend auf Juden wirken. Denn fremd sei ihnen allen die Kenntnis vom Wesen des Staates. Blasser nationalfeindlicher Pazifismus liege allen zugrunde. Auch der Zionismus wird von dieser Kritik nicht ausgenommen. Bekannt ist jene (hier nach dem Gedächtnis zitierte) Aeußerung Adolf Grabowskis in der „Zeitschrift für Politik", der auch dem politischen Zionismus, anders als Böhm, die Unfähigkeit nachsagt, die Probleme der Macht zu verstehen, der stattdessen dem staatsfremden Humanitätsideal nachjage. Dem deutschen Judentum im 19. Jahrhundert wurden in einer Periode der Freiheit und Gleichheit jene Menschenrechte gegeben, die auch anderen Gruppen, soweit sie emanzipationsbedürftig waren, gegeben wurden. So wie der staatsrechtliche Akt der Emanzipation als erste Etappe erwachter Humanität galt, (das Geschenk der französischen Revolution), betrachtete man von nun an ihre Vollendung als eine Frage der Entwicklung, als eine iYage der Zeit. Die Humanitätsidee wirkte zündend, sie wirkte anregend auf den Fortschrittsoptimismus einer Schicht, für die die Vision einer Gesellschaft freier Menschen das wünschenswerteste Gegenteil zu ihrer gegenwärtigen Lage war, einer Schicht, die einer Welle bedurfte, um aus der Lage tiefster gesellschaftlicher Erniedrigung emporgetragen zu werden. So wie die Vorstellung der mehrwertfreien Gesellschaft das Ideal ist, das dem sozialen Schicksal des Arbeiters entspricht 'und mithin seinem materiellen Streben die ideelle Richtung geben kann, so gab hier eine Idee einem gesellschaftlich berechtigten Aufwärtsstreben die Richtung. Mir liegt nichts an doktrinärer Anwendung marxistischer Geschichtsbetrachtung, und ich werde nicht ängstlich die Frage verneinen, daß dem Juden des 19. Jahrhunderts die Idee des Universalismus aus seinem Geschichtsgedächtnis bekannt vorkommen durfte. Wo beides, ursprünglicher Idealismus und kollektives Lebensinteresse, im politischen Leben zusammentrafen, mußte der Taumel der Erwartung um so größer sein. „Es wird eine Zeit kommen," verkündete Eduard Gans, ein prominenter Sprecher dieser Generation, „wo man in Europa nicht mehr fragen wird, wer Christ und wer Jude ist." Kein Zufall ist es, daß die jüdischen Formulierungen 'dieser Zeit der gesellschaftlichen Situation des sich anpassenden Juden entsprechen. Dem Juden ist die Weisung mit auf den historischen Weg gegeben, so wurde jetzt gesagt, als Träger menschheitlicher Ideen mitten unter den Völkern zu leben, wobei der metaphysische Auftraggeber, offenbar Anhänger des Grundsatzes „cuius regio eius natio", die merkwürdige Bedingung hinzugefügt hatte, daß die Juden national dem Mehrheitsvolk angepaßt sein mußten. Es ist kein Zufall, daß in dieser illusionären Zeit diese Konstruktion entsteht. Die Anhänger jener vorschriftsmäßigen Staatsauffassung, die den Staat national einheitlich zu machen wünscht, verkennen ihre Rolle und reden sich ehrlich ein, in dieser Lebenslage Träger einer Mission, Lehrer sein zu' können, während sie doch Objekte des Geschehens. Schüler zu sein (Achad Haam) verurteilt waren. — Juden also standen und stehen im Kampf bei den Parteien, die den humanitären Nationalismus vertreten, stehen links und belasten, wenn sie hier eine bestimmte Zahl überschreiten, die politische Erfolgsmöglichkeit der Partei. (Friedrich Naumann hat aus diesem Grunde die Neigung des deutschjüdischen Bürgertums zum Liberalismus als Belastung empfunden.) Juden paralysieren den Schwung der nationalistischen Reaktion, indem sie die „zersetzenden Ideen" in Europa fördern, Pazifismus. Sozialismus, Menschheitsidee. Juden bürgerlicher Herkunft stehen im sozialen Kampf auf der Seite des Proletariats, oft opportunistisch preisgegeben von denen, die in der Theorie die Menschheitsidee gegen den jungen jüdischen Nationalismus ausspielen (Fall Gustav Landauer). Und ein weiterer Vorgang ist wesentlich: 1862 verkündet ein aus der Geschichte des Sozialismus bekannter Mann, Moses Heß, ein von Marx .schlecht behandelter Zeitgenosse, zum ersten Male den Gedanken eines humanitären, universalistischen jüdischen Nationalismus, verlangt in seinem Buche „Rom und Jerusalem" die Beseitigung der letzten Nationalitätenfrage, der Judenfrage nämlich. Er erkennt ihren nationalen Charakter, verlangt im Anschluß an die erfolgte individuelle Emanzipation die fehlende nationale durch die Besiedlung Palästinas. Er kämpft gegen die, welche die Abtrünnigkeit vom Judentum als humanistisches Ideal anseilen. Die jüdische Volksmasse, so sagt er, wird sich an der großen geschichtlichen Bewegung der modernen Menschheit erst dann beteiligen, wenn sie ein jüdisches Vaterland haben wird. Die Erfüllung der jüdischen Mission, „Vollendung der Entwicklungsgeschichte und Erziehung des Menschengeschlechts", hängt ab von „der nationalen Wiedergeburt, aus der das religiöse Genie der Juden neue Kräfte ziehe und vom heiligen Ideal der Propheten wieder beseelt werden wird". . So haben die Sprecher der Gegenseite schon recht, wenn sie im Namen des gebildeten Antisemitismus dem Judentum vielfache, allerdings sehr verschieden motivierte, Beziehungen zur humanitären politischen Lehre nachsagen. Unrecht aber hat Grabowski, wenn er meint, daß wir, auch wir Zionisten, vom Wesen der Macht und des Machtstaates nichts verstehen. Der Zionismus insbesondere, für den diese Frage speziell akut ist, hat sehr wohl verstanden, daß Politik Durchsetzung des Möglichen mit gegebenen Mitteln bedeutet. Daher war Herzl klug genug, von Anfang.an zu wissen, daß der Zionismus eine Atmosphäre des Wohlwollens benötige, um zu gedeihen. Klüger als manche, die sich heute in erster Linie auf ihn berufen, wußte er, daß ein politisch ohnmächtiges Volk -die Atmosphäre der gegenseitigen Verständigung, der Demokratie und der Freiheit benötige, um zu erreichen, daß die Legitimität der jüdischen Forderung der politischen Welt einleuchte. Nun kann dieser ganze Gedankengang nicht so gemeint sein, als ob Judentum an sich mit irgendeiner Idee gleichzueetzen sei. Besonders ein nationaler Jude wird sich hüten müssen, zu verkennen, daß das lebende jüdische Volk Strömungen jedweder und entgegengesetztester Art aufzunehmen in der Lage ist, „wie alle Völker". So weist z. B. Gustav Krojanker. der sich in seiner Broschüre ebenfalls mit Grabowski auseinandersetzt, auf die bemerkenswerte Tatsache hin, daß die Grabowskische Kritik von revisionistischer Seite Zustimmung gefunden habe; das ist selbstverständlich und war vorauszusehen, und diese Tatsache widerlegt unsere Ausführungen nicht. Es wird sich darum handeln, im Leben zu erweisen, welche Richtung die stärkere, repräsentativere ist, um unseren gegen diesen, den legitimen gegen den illegitimen Nationalismus durchzusetzen, wie bei allen Völkern. Die wahre jüdische Art, gute und schlechte Eigenschaften, Begabung für diese oder jene Idee wird dann der Welt dort offenbar werden, wo die Juden, von der Fessel des offenen oder latenten numerus clausus oder der völligen Ausgesperrtheit befreit, ihr Leben führen können. Ich hoffe, daß dann der antisemitische Vorwurf, daß die Juden die Autoren des humanitären Nationalismus seien, sich dort bewahrheiten wird, wo es nicht mehr darauf ankommt, sich den Aufenthalt in einer feindlichen Welt erträglicher zu machen. Hier werden die (den Ungeist) zersetzenden Ideen wirklich die Waffe des Starken sein und nicht mehr als Ausweg des Schwachen, der um sein Dasein kämpft, gedeutet werden können. Dr. Hans Pomer anz Richtigstellung. In dem Aufsatz „Die tragenden Kräfte des Judentums" von Dr. Martin Pleßner (Oktoberheft S.' 54) ist der Anfang des dritten Absatzes durch Druckfehler entstellt; es muß richtig heißen: „Das heiße was auch immer: Was Kastein dazu sagt, wird durch seine Darstellung nur unvollkommen gestützt." Alle Versicherungspflichtigen, Beamte, Angehörige freier Berufe, Angestellte u. Arbeiter versichern sich bei der LICHTERFELDER ERSATZKASSE Krankenu. Sterbekasse für das Deutsche Reich / Gegründet 1884 / Verwaltungsstelle: Kaiserstr. 16, BUrohaus: ..Kaiserplatz" / Tel. 28940 / Wir gewähren Mehrleistungen u. Familienversich. gegen geringe Zusatzbeiträge Schluss der Beilage. Verantwortlich für die Schriftleitung der Beilage: Ernst Holzer in Frankfurt a. M.