Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 3 (11.1932)
- Date
- 1932-11-01
- Page
- Seite 78 (sequence 24)
- Language
- German
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Seite 78 Der Materialismus jüdisch I Was antworten wir dem Antisemiten, wenn er behauptet, der Jude sei Materialist? Auf Grund von mancherlei Erfahrungen der letzten Jahre möchte ich zunächst den Rat geben, daß nur der antwortet {sofern überhaupt zum Antworten oder Debattieren Gelegenheit gegeben wird), der genügend in der Materie Bescheid weiß. Es genügt nicht, im gegebenen Falle den „Anti- Anti" aus der Tasche zu ziehen und unter dem Stichwort „Jüdischer Materialismus" u. dergl. Antwortmaterial zu suchen. Es ist unbedingt notwendig und auch möglich, daß vor allem unsere jungen Menschen sich recht eingehend orientieren: ich nenne daher in den folgenden Ausführungen einige Literatur. 1. Unser Gegner kann uns „materialistisch" im vulgären Sinne schelten: „die Juden" sind habsüchtig, geldgierig, ihr Gott ist das G-eld, und mit ihrem Geld versuchen sie, die Welt zu beherrschen. Es besteht auch bei uns gar kein Zweifel darüber, daß wir leider und nicht durch eigene Schuld in ausgesprochenen „G e 1 d b e r u f e n" allzustark vertreten sind. Es ist ganz sicher und durchaus selbstverständlich, daß eine Entwicklung von Jahrhunderten ihre Spuren bei uns hinterlassen hat. Wir konnten weder Landwirte noch Arbeiter werden, vom Beamten ganz zu schweigen. Jeder, der sich mit den Dingen eingehender beschäftigt, weiß, wieviel äußere Widerstände auch heute noch die Bestrebungen von unserer Seite erfahren, eine Berufsumschichtung durchzuführen, die eine gesunde und harmonische Gestaltung unserer sozialen Gliederung gewährleisten könnte, weiß auch, wie schon die trostlose Lage des Bauernstandes und der Arbeiterschaft ganz besonders in Deutschland heute hinter unsere bekannten Anstrengungen, junge Mensehen in „produktive" Berufe hineinzubringen, ein großes Fragezeichen setzt. Der Vorwurf aber, an unserer Lage schuld zu sein, trifft die anderen. Das schließt nicht aus, daß wir — in aller Offenheit nach innen und außen — sehr energisch Front machen gegen überkommene Vorurteile bei uns: gegen die Gültigkeit einer Achtungs-Skala, die beim Schnorrer anfängt und über den Arbeiter, Handwerker, Kaufmann zum Koinmerzienrat und Akademiker aufsteigt. Es sei auch gesagt, daß Gott sei Dank bei der Jugend diese hierarchische Gesellschaftsordnung nicht mehr anerkannt wird. Es ist aber auch nicht so, daß uns Geldsucht und Habgier eingeboren seien, noch weniger, daß unsere Kritiker und Gegner ein Recht hätten, sich selbst davon freizusprechen. Es würde den Rahmen dieser Zeitung sprengen, Beispiele anzuführen. Man lese einmal bei Dr. Joseph S. Bloch: „Israel und die Völker" (Verlag Benjamin Harz, Berlin—Wien 1923) das Kapitel ..Realismus und Mammonkult"' (S. 532—551). ferner das Kapitel über den ..Wucher bei Juden und Christen im Mittelalter" (S. 181—208). und es ergibt sicli ein Material, das für ein Dutzend Debatten langt, ohne daß man sich nur einmal zu wiederholen braucht. Auf der anderen Seite lese man in Bibel und nachbiblischem Schrifttum nach (und wer das nicht kann, mag zu den heute in vorzüglicher Anordnung vorliegenden Quellenbüchem greifen, wie die von Höxter oder die vom Verband der Deutschen Juden herausgegebenen ..Lehren des Judentums"), wie eindeutig antimaterialistisch die jüdische Lehre ist, man blättere die Geschichte unseres Volkes nach, um zu sehen, wie oft unsere Väter Geld und Gut und Leben ließen, um einer „Idee", um Gottes willen. 2. Unser Gegner kann uns philosophisch kommen. „Materialismus als Weltanschauung" ist unvereinbar mit Jude- Sein. Der Materialismus als Weltanschauung sagt, daß in der Materie das Wesen aller Dinge zu sehen sei, daß alles Geistige nur Erscheinungsform der Materie sei. Für diese Lehre sind Vertreter vom alten Leukipp bis zu Münsterberg in Menge zu finden, kein einziger jüdischer Name ist darunter. Die Namen der jüdischen Denker stehen sämtlich, ausnahmslos, auf der Gegenseite. Ebensowenig vermag uns der praktische („ethische") Materialismus etwas zu sagen, der da lehrt: der Lebenszweck ist die Gewinnung materieller, sinnlicher Güter, oder verfeinert: man kann nicht ideelle Güter erwerben, wenn man nicht satt ist. Wir können nicht anerkennen, daß nur Hunger und Liebe das Gefüge der Welt zusammenhalten (ein Wort, das übrigens bei Schiller (!) steht: am Schluß des ironischen Gedichtes auf „die Weltweisen")- Die Bibel hat der Welt immerhin die Lehre gegeben, daß der Mensch nicht vom Brot allein lebt (V. Mos., 8: 3), und das bleibt ein jüdisches Wort, auch wenn man es nach Matthäus 4, 4 zitiert. Um über den Materialismus streiten zu können, muß man erst einmal versucht haben, sich überhaupt über metaphysische und über erkenntnistheoretische Fragen zu orientieren. Man wird dann sehen, daß Materialismus eine philosophische Erkenntnisstufe darstellt, und zwar die erste, der — je nach denkerischem Leistungsvermögen — noch zwei oder drei höhere folgen. Es ist unsere Aufgabe, nach oben zu steigen, nicht unten stehen zu bleiben: aber aus der Treppe eine Stufe herausnehmen, ist unsinnig. Wer sich die Mühe machen will, diese Frage einmal durchzudenken, möge eine gute, leicht faßliche Einleitung in die Philosophie zur Hand nehmen, etwa die von Eisler oder Külpe: ich empfehle ferner (vielleicht auch für einen interessierten Heimabendkreis unter sachkundiger Leitung) das kleine Büchlein des Jenenser Prof. Dr. Bruno Bauch, des bekannten Kant-Forschers: „Anfangsgründe der Philosophie"; es ist die sehr klar und fremdwortfrei geschriebene Zusammenfassung seiner Volkshochschul-Vorträge. 3. Schließlich sind wir immer wieder nach Ansicht unserer Gegner verantwortlich für den „historischen Materialismus" des „Juden" Karl M a r x. Darüber ist, auch in diesen Blättern, schon so viel geschrieben worden, daß es genügt zu sagen: der Jude Karl Marx und sein Werk sind nicht denkbar ohne den deutschen Idealisten Hegel. Und weiter: auch wer Marx und seine Ideologie ablehnt, kann anerkennen, daß seine Art der Geschichtsbetrachtung zum mindesten einen hohen methodischen Wert hat. Es ist gar nicht abzusehen, wie weit die Betrachtungsweise von Marx heute Allgemeingut geworden ist. Wie oft lindet man in einer Nazi-Zeitung im Leitartikel Gedankengänge, die „marxistisch" sind, und vielleicht wenige Zeilen tiefer, unterm Strich, einen Angriff auf Marx. Es geht auch mit anderen Dingen so: vor mir liegt eine nationalsozialistische Tageszeitung.'die im Feuilleton eine „Widerlegung" der „vergiftenden jüdischen" Lehren von Freud und Adler bringt: genau eine Zeile über dem Strich wird gesagt, daß irgendwelche Gegner „ihre Minderwertigkeitskomplexe durch bestialische Taten abreagieren"! Zur ganzen Frage auch hier zum Schluß die Empfehlung einer leicht lesbaren und kleinen Schrift: Dr. Heinrich Levy- Koref: „Karl Marx und Hegel. Zur Widerlegung der Legende vom jüdischen Marxismus" (Berlin, Philoverlag 1925). Emil Mannheimer Vom Nationalismus und Kosmopolitismus zum Volks¬ und Raumbewußtsein Als seit der Zeit der Aufklärung und der französischen Revolution das Judentum sich aus dem Zwang und damit auch aus der über die Ländergrenzen hinausreichenden Verbundenheit des Ghettos befreite, trat es in die noch morgenfrische rationalistische Welt des Menschen und Völker aus hergebrachten Bindungen lösenden Liberalismus, Kapitalismus und Imperialismus ein. Unbegrenzt und allumfassend zeigten sich damals Möglichkeiten des vordringenden Menschengeistes auf dieser Erde. Es schien sittliche Pflicht gerade des religiösen Christen wie Juden, sich in die neue Kampffront einzufügen, die einen zeitlichen, aber in der Formung den ewigen seit Jahrtausenden erhobenen sittlichen Forderungen der Öffenbarungsreligionen an die Welt nahestehenden allgemeinen moralischen Zustand zu errichten versprach. Als Kampfgemeinschaft zur Erreichung des menschlichen Fortschritts galten dabei spätestens seit der Mitte des 18. Jahrhunderts allein die neu entdeckten großen Nationalkomplexe, nicht mehr wie bisher als statisch in sich ruhende, begrenzte, durch Geschichte und Abstammung fast unbewußt geformte Volksgruppen empfunden, sondern als politisch, wirtschaftlich und kulturell in die unendlich scheinende Welt vorstoßende Zielgemeinschaften. Zuerst formierte sich in diesem Sinne die englische, amerikanische und französische Nation, die leicht an auf ihrem Boden überkommene Staatsinstitutionen anknüpfen konnten. In schweren bis etwa 1918 dauernden Kämpfen gegen partikularistische Gebilde und die in der neuen Zeit zu Fremdkörpern gewordenen Erben übernationaler Staatlichkeit des Mittelalters, das römische Reich deutscher Nation, das österreichisch-ungarische und das russische Imperium, einten sich nach westlichem Vorbild zuerst das Deutsche Reich und Italien im Nationalstaat, dann alle romanischen und slawischen Nationen, denen die Asiaten folgten. Für das zweite Reich der Deutschen, das von Herder, Fichte, Humboldt und anderen Wegbereitern der Befreiungskriege geistig und politisch, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bald auch wirtschaftlich und zivilisatorisch, vor-