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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-11-01 · 3 (11.1932) · p. Seite 77

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
3 (11.1932)
Date
1932-11-01
Page
Seite 77 (sequence 23)
Language
German
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt _Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde_ Nr. 3_____NOVEMBER 1932 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an den Schriftleiter der Beilage, Ernst Holzer, Corneliusstrasse 8, zu richten, ANTWORT AN DEN „GEISTIGEN" ANTISEMITISMUS In unserer Zeit des ausgehenden Liberalismus wird gerade von dem tiefer schürfenden Antisemiten häufig der Vorwurf erhoben: der Jude als einer der hervorragendsten Vertreter liberalen Geistes stünde der deutschen „Erneuerung" entgegen, weil Humanismus und Kosmopolitismus, Rationalismus und Materialismus als typisch liberale Grundhaltungen von jüdischen Menschen bevorzugt gepflegt würden, während sie vom .heuen nationalen Deutschland" eindeutig bekämpft werden müssten. Es erscheint notwendig, gegenüber diesem sozusagen geistigen Antisemitismus eine Klärung und eine Antwort zu versuchen. Schriftleitung. Rationales Denken - eine jüdische Grundhaltung! Mit dem Antisemitismus, der sich angriffsvoll und betont „gegen" uns richtet, ist leicht fertigzuwerden: er wird sich selbst ad absurdum führen, wenn ihm der Nährboden — Not, Chaos, die Geburtswehen des neu sich formenden Deutschland — genommen ist. Unvergleichlich schwieriger, dem von der Schriftleitung als „geisfeig" bezeichneten Antisemitismus zu begegnen; schwieriger vor allem deshalb, weil wir selbst uns in nicht genügend tiefer Kenntnis unserer inneren Situation mit den Voraussetzungen dieses Antisemitismus identifizieren. Machen wir uns die Problemstellung klar: Der Liberalismus als (bereits-überwundene?) Phase in der Entwicklung der europäischen Völker brachte seine Segnungen: nach mittelalterlicher Engstirnigkeit gelangte die ratio zur Herrschaft, mit ihr der wissenschaftliche Forschungsgeist, die technikbedingte Ausweitung der Daseinsmöglichkeit; — aber auch mehr: wie alles, was geboren wird, den Todeskeim in sich trägt, so brachte der Liberalismus seine Ueberspitzung mit sich, d. h. die Möglichkeit des Wucherns seiner Gaben über das Maß des Erträglichen hinaus. So wurde aus Kultur Zivilisation, aus ratio erdferne Nurvernunft, — damit besiegelte sich das Schicksal des Liberalismus. Das Pendel schlug zurück (und scheint wieder nach der Gegenrichtung zu weit auszuholen): der Ruf ward laut nach dem unmittelbaren Erlebnis (nicht interpretiert durch den Intellekt), nach der Erschütterung, nach einer Erhöhung des Lebensgefühls in Ekstase und Rausch, weil man glaubte, aus dieser Erhöhung heraus der Menschheit neue Werte zuströmen lassen zu können. Man begann, die „Verzivilisierung" zu verdammen, weil 'die in ihrem Gefolge auftretende Mechanisierung die Arbeit verödete und das Freizeitvergnügen standardisierte, weil sie auch die Seelen zu entleeren drohte. Und man predigte Beredtschaft zur Inspiration: nicht Erdachtes und Erarbeitetes — Erleuchtung sollte die Welt vorwärtstreiben; das heißt, für die Masse ausgedrückt: mehr Primitivität und Unverbildetheit tun not, denn nur so bereitet man sich zum daseinsvertiefenden Erlebnis. Der objektive Betrachter erkennt auch in dieser (Forderung die Ueberspitzung. Hand in Hand mit der erlebnisempfänglichen Primitivität gehen Dumpfheit und Urteilslosigkeit, geht ein Zurücksinken des geistigen Niveaus. Und doch hat der Ruf nach der größeren Erdnähe, die Forderung nach der Wiedereinsetzung des nicht abgebogenen Instinktes sein Befreiendes und Bejahenswertes. Doch schalten wir an dieser Stelle erst einmal unsere jüdische Situation ein: Die Aufklärung, der Liberalismus brachten uns Juden die Möglichkeit der Emanzipation, öffneten die Ghetto-Tore, gaben uns die endliche Wirkensmöglichkeit innerhalb der großen Menschengemeinschaft. Verständlich also, wenn ein wesentlicher Teil der Judenheit fürchtet, mit dem Schwinden dieses Liberalismus dessen Segnungen wieder verlustig zu gehen. Aber auch aus der nicht zweckgerichteten, sondern innerlich bedingten Geisteshaltung von Juden (nicht der Juden!) erklärt sich deren Festhalten an den Ideen des Liberalismus: stets fanden sich Juden (nicht die Juden) als bewahrende Elemente der geistig-kulturellen Besitztümer der zu Ende gehenden Epoche, aus ihrer religiöskonservativen Denkweise her erklärbar. Aber nicht alle Juden waren und sind Bewahrende. Hier aber finden wir bestätigt, was eingangs angedeutet wurde: daß wir unsere eigene Situation nicht kennen und die Grunddispositionen des „geistigen" Antisemitismus zu unseren eigenen machen: da man uns identifiziert mit der Geisteshaltung des Liberalismus, — identifizieren auch w i r uns voll Oberflächlichkeit in unserer Gesamtheit mit ihr, und übersehen, daß nur viele Einzelne — aus den eben angedeuteten Gründen — innerlich verwurzelt im Lager des Liberalismus kämpfen; daß aber die übrigen sich nur deshalb mit einreihen, weil man sie einreiht, und weil sie glauben, die antisemitische Gebärde der Nichtliberalisten schließe sie automatisch von deren Ideologie aus. Das ist aber falsch. Tatsache ist zwar, daß die Gruppen, die sich heute dem Irrationalismus verschreiben — also vornehmlich die nationalistischen —, sich vor jüdischer Einflußnahme schützen wollen; das kommt aber daher, daß sie versuchen wollen, ihre ganz eigenen, spezifischen, verschütteten Gruppeninstinkte wieder aus der „Verdrängung" heraufzuholen, und daß sie in dem Wiedereinsetzen dieser Gruppeninstinkte völlig unverbogen ihre — für wertefördernd gehaltene — -Eigenart herauszukristallisieren suchen. Diese Ablehnung jüdischer Einflußnahme mag begründbar sein oder nicht, — das spielt bei unserer Betrachtung keine wesentliche Rolle. Wir müssen uns nur darüber klar werden, daß die gleichen Kräftemögliohkeiten auch in jüdischen Menschen und jüdischen Gruppen schlummern. Das Judentum und auch die Judenheit sind keineswegs identifizierbar mit dem Liberalismus schlechthin, und also nicht mit seinen einzelnen Faktoren. Vielmehr waren und sind gerade in der Judenheit seit je stärkste Strömungen gegen Rationalismus zugunsten eines — zumeist religiös fundierten — Irrationalismus vorhanden. (Ich erinnere an den Chassidismus; an viele rational unbegreifliche Messiasgläubigkeiten wie die an Sabbatai Zewi; selbst der Zionismus gehört hierher mit seinen ähnlichen Tendenzen von Erdhaftigkeit und Volkbetontheit wie alle übrigen Nationalismen um uns.) Geben wir also ruhig zu, daß die Rückkehr zu irrationalen Prinzipien auch ihr Befreiendes und Bejahenswertes hat, insoweit nämlich, als dieser Irrationalismus aus einer religiösen, also positiven, ethischen Grundhaltung des Menschen stammt, aus einer Bereitschaft, das Wunder zu empfangen, dem übermächtigen Eindruck unerklärbarer Natur- und GeLstesoffenbarung (Franz v. Assisi, Beethoven, van Gogh) sich unverbildet und erschütterungsfähig hinzugeben. Dies also ist dem von uns betrachteten Antisemitismus zu erwidern: 'die jüdisch-religiöse wie die jüdisch-menschliche Konzeption schließt keineswegs den irrationalen Erlebniswillen aus; wie aus jeder Gemeinschaft heraus, so auch aus der unsrigen kann nur je und je der einzelne Mensch betrachtet werden; und wenn immerhin ein beträchtlicher Teil einer bestimmten Denkrichtung zuneigt, so ist damit noch keineswegs die Prädispotsition der ganzen Gemeinschaft zu eben dieser Denkrichtung bewiesen. Edith Falk

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