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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-11-01 · 3 (11.1932) · p. Seite 67

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
3 (11.1932)
Date
1932-11-01
Page
Seite 67 (sequence 13)
Language
German
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Seite 67 Literarische Rundschau Geschichte der Jüdischen Gemeinde Kassel unter Berücksichtigung der Hessen-Kasseler Gesarotjudenheit. Band I, herausgegeben von der Israelitischen Gemeinde Kassel. 1931, .196 S., 50 Abb. — Diese im Auftrag der Gemeinde Kassel geschriebene Geschichte hat es sich zur Aufgabe gemacht, „am Beispiel der an sich in jüdisch-ideeller Hinsicht kaum hervorgetretenen Gemeinde . . . Entstehen, Wachsen und Wandel einer jüdischen Residenzgemeinde über die entscheidenden Epochen der deutschen Geschichte hin typisch sichtbar zu machen". Von dem auf zwei Bände berechneten Werk gibt der erste Band ein Bild der inneren Gemeindegesehichte, die durch drei verschiedene Bearbeiter auf drei verschiedenen Sachgebieten dargestellt wird. Durch die Verteilung an verschiedene Mitarbeiter wird zwar dies Bild uneinheitlich, aber es gibt eine durch persönliches Temperament gefärbte und deshalb lebendigere Vorstellung, als es die fortlaufende historische Erzählung .eines Einzelnen geben würde. Die erste (und auch umfangreichste) Arbeit des vorliegenden Bandes .von* Dr. Rudolf Hallo behandelt: Kasseler S y n a g o g-& n -g e s c h i c h t e. Synagogen und Friedhöfe, Kunst und Handwerk der Juden in Kasse 1". Hier werden gewissermaßen die Ausdrucksformen des jüdischen Lebens in Kassel dargestellt. Im Mittelpunkt stehen, nachdem die Geschichte der Kasseler Juden von 1293 herab kurz geschildert ist, die Synagogenbauten von 1756 und vornehmlich von 1836/39. Die Baugeschichte dieser noch jetzt bestehenden Synagoge wird hier mit aller Ausführlichkeit dargelegt, verdient aber weit über den lokalen Rahmen hinaus Beachtung durch den Streit, der sich um die Form und Gestalt dieses Baues abspielte und der „als ein klassisches Dokument der Entstehungsgeschichte des stilistischen Historismus angesprochen werden darf". Die Beteiligung der ersten Architekten Kassels an den Vorentwürfen, der Widerstreit der Meinungen um die ägyptische, maurische, islamische, klassizistische oder romanische Stilform, die jüdisch-geschichtlich begründete Stellungnahme des Gemeindevorstands zugunsten der letzteren und nicht zuletzt die Beteiligung eines jüdischen Architekten., an Entwurf und Ausführung des Baues geben dieser Darstellung ihre ganz besondere Bedeutsamkeit. Neben der Baukunst wird in Hallos Arbeit die bildende Kunst Kasseler Juden vor und nach der Emanzipation dargestellt. Hierbei interessiert besonders die Vorbereitung der Emanzipation von jüdischer Seite durch die z. T. bewußt gewollte Angleichung in kulturellen Dingen. In diesem Zusammenhang werden die vielen hessischen Historien- und Porträtmaler, die Miniaturmaler und Illustratoren dargestellt. Schließlich wird dem Handwerk eine eingehende Würdigung zuteil, die ebenfalls über den lokalen Rahmen hinaus auf allgemeinere Zusammenhänge soziologischer Natur hinweist. Eine Darstellung der Friedhoi'skunst mit einem Grundriß ihrer Stilgeschichte schließt die durch Bilder reich illustrierte und mit Anmerkungen fest unterbaute, wissenschaftlich gründliche bedeutsame Arbeit ab. die mit des Verfassers früheren Arbeiten über jüdische Volkskunst in Hessen und seiner Familiengeschichte ein Gesamtbild der künstlerischen und handwerklichen Betätigung der hessischen Juden hervorbringt. Im zweiten Beitrag gibt Rechtsanwalt und Notar Julius Dalberg eine „Volkskunde der Hessen-Kasseler Jude h". Aus dreifacher Bindung durch Landschaft. Judentum und Umwelt entwickelt sich ein durchaus charakteristischer Menschenschlag, den der Verfasser „den Schwaben unter den deutschen Juden" nennt. Typus und Gestalt, Vor- und Zunamen, Sprache und Dialekt werden untersucht und zum Beweis.für "die Feststellung, „daß die Juden in Hessen von Süden nach Norden eingewandert sind, und daß sich unteT iihnen verhältnismäßig wenig Rückwanderer aus Polen befinden". Dazu gibt Dalberg eine würzige Darstellung der Küche der hessischen Juden, reich versehen mit genauen Rezepten. In das innere Leben und in die Charaktereigenschaften führen zum Abschluß die Bemerkungen über die Stellung zur Religion, über Traditionsgebundenheit, Brauch und Kultus; Aberglauben und Witz. Die Schilderung des auf nationaljüdischem Standpunkt stehenden Verfassers ist ein schlagender Beweis für die Heimatverwachsenheit der hessischen Juden. Die Darstellung ist durch viele Anekdoten und die Wiedergabe von ganzen Gesprächen besonders humorvoll und lebendig gestaltet. Nach so viel Reichtum bleibt dem dritten Mitarbeiter Landrabbiner Dr. Gott hilf Walter schon rein stofflich für sein Thema „Geschichte der Religionsschule und des Kultus" nur noch wenig Raum. Freilich hätte man gern — besonders für den nicht-jüdischen Leser — etwas mehr vom Kultus selbst an dieser Stelle erwähnt gewünscht. Die Darstellung beschränkt sich auf die Entwicklungsgeschichte der Schule und einiger Kultuse-inrichtungen (Orgel, Synagogen- Ordnung und Einführung einer zweiten orgellosen Synagoge). Der vorliegende erste Band ist seiner Aufgabe in vollem Umfang gerecht geworden und hinterläßt beim Leser nur den einen Wunsch, daß der zur Ergänzung notwendige zweite Band, der die politische Geschichte und die Rechtsverhältnisse der Kasseler Juden bringen soll, recht bald erscheinen möge. Rudolf Stahl Jacob Bernays. Ein Lebensbild in Briefen. Hei"ausgegeben von Michael Fraenkel. Breslau: M. & H. Marcus, 1932. VI, 172 S. — Nicht etwa, weil sein Vater, der Hamburger Chacham Isaac Bernays, gewisse Beziehungen zu Frankfurt hatte, da er aus Mainz gebürtig und Lehrer von Samson Raphael Hirsch war, soll das soeben von Michael Fraenkel herausgegebene Lebensbild seines Sohnes Jacob in diesen Blättern angezeigt werden, sondern weil seine eigene Persönlichkeit es beanspruchen darf, über den Kreis der Wissenschaftler hinaus beachtet zu werden. Seine außerordentlichen Fähigkeiten des Geistes, seine Belesenheit in der antiken Literatur, die lebendig zu ihm sprach, und besonders im griechischen Schrifttum, dessen Umkreis sich für ihn bis über das Neue Testament hinaus dehnte, sein feiner Sinn und seine vorsichtige Kombinationsgabe, die ihn unerkannte Beziehungen und Zusammenhänge aufdecken ließ und nicht zuletzt seine gewählte und scharf geprägte Ausdrucksweise führten Bernays zur Meisterschaft in der Philologie und schafften und erhielten ihm Freundschaften in den Kreisen der Gelehrten und der gebildeten Oberschicht, obwohl er niemandem gegenüber aus seiner treuen Anhänglichkeit und seinem strengen Festhalten an dem überlieferten Judentum und dessen Bräuchen ein Hehl machte. Der äußere Erfolg aber blieb ihm versagt. Trotz der Bemühungen seines Bonner Lehrers Friedrich Ritsehl und so einflußreicher Persönlichkeiten wie des preußischen Gesandten in London, des Freiherrn v. Bimsen, ließ das reaktionäre Ministerium von Räumer keinen Zweifel darüber, daß die Beförderung eines Juden auf eine Professur nicht vorgenommen werden würde. Erst von Breslau aus, wo er 13 Jahre als Dozent am dortigen Rabbinerseminar wirkte, wurde er dann endlich im Jahre 1866 nach Bonn als a. o. Professor und Direktor der Universitätsbibliothek berufen. Mit diesen nackten Daten aus dem Leben von Jacob Bernays muß die Anzeige sich begnügen und für alles weitere auf das Buch von Michael Fraenkel verweisen, der sich die Mühe genommen hat, von überallher biographische Notizen und Urteile von Freunden über Jacob Bernays zu sammeln, und dieses Material zusammen mit einer Auswahl von Briefen an ihn und von ihm zu veröffentlichen.*) Die Leser dieser Zeitschrift seien vor allem auf einen Brief Bunsens an Bernays vom November 1852 hingewiesen. Bimsen, der analog der Ineinswerdung von semitischem und hellenischem Geiste im- Christentum die weltgeschichtliche Bedeutung des Judentums in der „Christianisierung und Helleno-Germanisierung des Judentums" sah, unterbreitet Bernays zusammen mit der Mitteilung, daß alle Versuche, ihm eine Anstellung in Preußen zu verschaffen, fehlgeschlagen seien, den Vorschlag ein Bekenntnis zum Christentum abzulegen. Er schreibt ihm unter anderem: „Sie stehen im Herzen gerade wie ich zur Ueberlieferung: auf dem weltgeschichtlichen Standpunkt. Der Unterschied ist, daß ich'mit der Weltgeschichte gehe, Sie gegen den Strom. Der Verlust der Nationalität ist ein schwerer. Der Verlust -der Einheit des eigenen Bewußtseins mit dem weltgeschichtlichen ein schwererer, weil hoffnungsloser." „Sollten Sie nicht von diesem Standpunkt aus, mit Jesus und seinen Jüngern und so vielen der Edelsten und Frömmsten Ihres Volkes, den alten Bund von neuem fortzusetzen den Beruf fühlen, wenn Sie sich ernst und muthig prüfen? ..." „Sollten Sie nicht als Sohn Israels noch größere Seligkeit in der Religion der Liebe und Menschheit finden als ich, der heidnische Germane? Ich bin fest überzeugt, daß wenn Sie diese Seligkeit einmal geschmeckt, Sie ihrer nie vergessen können ohne ihr Bestes aufzugeben." „Und dann erst, wenn Sie ganz die Liebe Gottes im Sohn empfunden, also auch in der Menschheit und ihren Ge- *) M. Fraenkel hat vergessen, unter den von ihm benutzten Quellen den herrlichen Nachruf zu nennen, den Hermann Usener in der „Allgemeinen Deutschen Biographie'* (Bd. 46) auf Jacob Bernays veröffentlicht hat.

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