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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-11-01 · 3 (11.1932) · p. Seite 66

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
3 (11.1932)
Date
1932-11-01
Page
Seite 66 (sequence 12)
Language
German
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Seite 66 Werkes eine besondere Weihe und eröffnete ihm weitgestreckte Perspektiven. Schließlieh wurde vor nunmehr 40 Jahren (1890) die Anstalt auf jenes historische Gelände verlegt, auf dem der Philosoph Helvetius ein Landhaus hatte, wo Frau Helvetius unter anderen Diderot, d'Alembert, Franklin, den Abbe Gregoire und Bonaparte zu ihren Gästen zählen durfte. Und muß beim Ausspruch gerade des letzten allgewaltigen Namens nicht auch daran erinnert werden, daß an dieser Stelle ein anderer Bonaparte1) auf den Journalisten Victor Noir einen tödlichen Schuß abgab — am 31. Dezember 1869 —, der das wankende Kaiserreich wieder eines anderen Napoleon in seinen Grundfesten erbeben ließ? Fürwahr, eine Fülle von Erinnerungen ruht auf jener Ecke von Anteuil, einer Vorstadt unseres lieben Paris, in dem mit jedem Schritt Jahrhunderte geschichtlichen Lebens ins Gedächtnis gerufen werden. Doch nun genug Geschichte und Erinnerungen! Was wir in dieser Stunde fühlen und erleben, bedarf nicht des Kalenders als Stütze. In allererster Linie kommt es bei dieser Feier darauf an, die zu ehren, die uns vorausgegangen sind. Sie haben die Alliance gegründet, sie haben den Weg in die Zukunft gewiesen, sie haben die Methode bestimmt. Unsere Pflicht ist es, den Vorkämpfern der Alliance eine Stunde des Gedenkens zu weihen, jenen hingebenden Dienern am Ganzen, ganz gleich, ob sie in der breiten (Jeffentlichkeit oder mehr in stiller Zurückgezogenbeit gelebt und gewirkt haben. Ihre Lebensarbeit, ihre Kraft haben sie in den Dienst eines Ideals gestellt, dessen Verwirklichung ohne ihr persönliches Opfer unmöglich gewesen wäre. Auch bringen wir in dieser Stunde den jungen Menschen unsere Sympathie entgegen, die in strengster, aufopfernder Arbeit sich bemühen, den Spuren der Aelteren zu folgen. Zuletzt ein Wort des Dankes an all die edlen Stifter, die toten wie die lebenden, die mit beispiellosem Edelsinn unser Werk erhalten und immer mehr gefestigt haben. Stellen Sie sieh bitte einen Augenblick nur die gewaltigen Aufgaben vor, die es zu bewältigen galt, denken Sie einmal auch an die Schwierigkeiten, die sich hemmend in den Weg stellten. In Marokko sind 38 Schulen mit 10 500 Schülern zu unterhalten und zu leiten. In Griechenland 9 mit 2000 Schülern. In Syrien 10 Schulen mit 2900 Schülern. Palästina hat 9 Schulen mit 3700 Schülern, Mesopotamien 7 mit 5000 Schülern, Persien 15 mit 5200 Schülern. In, Tunis bestehen 6 Anstalten mit 3300 Schülern. In den Balkanstaaten sind 18 Schulen mit insgesamt 8000 Schülern. Aegypten und Tunis besitzen 2 Schulen mit 500. Zöglingen. Außerdem hat Jaffa eine landwirtschaftliche Schule (Mikweh-Israel) mit 190 Internen. Sie bildet ein Kleinod des neuen Palästina. Eine ganz trockene Statistik vermag eher als die beste Rede Ihnen *zu sagen, welche Bedeutung der Unterricht mit Lehrern und Schülern für sich beanspruchen darf. Im französischen Schulsystem bildet, wie Sie wissen, das c e r t i f i c a t d'etudes den Abschluß "der Volksschulbildung. In Casablanca meldeten wir hierzu 30 Kandidaten, von denen 27 bestanden (9 mit „gut", 1 mit „sehr gut"). Von den 38 Bewerbern in Fez bestanden 36, darunter 9 mit gut. In Tanger Avaren es 36 von 40 (16 Knaben und 20 Mädchen),, zu einer Zeit, wo die anderen Schulen von Tanger im ganzen nur 29 Bestandene aufweisen konnten. In Aleppo bestanden alle 6 Kandidaten, in Beirut 5 von 7, während hier von allen übrigen 203 Bewerbern aus anderen Schulen nur 56 als bestanden erklärt werden konnten. Aehnlich liegen die Dinge bei den Mädchen. In Beirut konnten, alle 11 Bewerberinnen bestehen. In Jaffa (Palästina) 14 von 17. In Jerusalem, wo unter den 14 Kandidatinnen 10 ihre Prüfung bestehen konnten, hat der französische Konsul Wert darauf gelegt, seine lebhafte Zufriedenheit mit den schriftlichen und mündlichen Prüfungsergebnissen zum Ausdruck zu bringen. In Persien, wo das Französische überall die zweite Landessprache zu werden sich bemüht, kommt zu der Prüfung im Persischen eine solche im Französischen hinzu. Hierbei hatten unsere Schulen zuletzt folgende Ergebnisse aufzuweisen. In Ispahan erhielten alle 34 Bewerber das persische Schlußzeugnis. Die Prüfung im Französischen fand hier zum ersten Male statt. Von 8 Knaben bestanden 6, von 3 Mädchen 2. Nach den allerletzten Meldungen haben in Tunis von 29 Kandidaten 23 bestanden. Mit solchen Ergebnissen darf ein Unterrichtswerk zufrieden sein. Die Alliance hat es aber nicht nur mit dem Unterricht zu tun, sie ist vielmehr eine Bildungsanstalt, und zwar eine solche jüdischer Prägung. Bei der Gründung dachten. ihre Schöpfer daran, „R,egen er at io ns ar b eit" in den Gemeinden des Orients zu leisten, in denen infolge der Trägheit der türkischen Organe alles Leben erloschen war. Das Ziel war gewaltig, die französische Kultur ein mächtiges Mittel, es zu erreichen. Die Juden, die ihr ihre Befreiung zu verdanken hatten, hatten hierbei ihren unschätzbaren Wert kennengelernt. Aber auch das Judentum seinerseits hatte große traditionelle Werte aufzuweisen. Während Tausenden von Jahren hat das Hebräische als die Sprache seiner Gesetzgeber, seiner Helden, seiner Dichter, seiner Priester und Weisen den tiefsten Gehalt des jüdischen Bewußtseins zum Ausdruck gebracht. Wenn auch vereinsamt, selbst vergessen, sind doch irgendwo im Innern von uns allen Schätze der hebräischen Kultur verborgen. Sie schlummern auf jenem unerforschlichen, undurchdringlichen Grunde, in dem unsere Ahnen in uns weiterleben. Manchmal springt aus der dichten Finsternis ein Blitz auf. der für einen Augenblick unsere'ganze Vergangenheit erhellt, zugleich auch die weithinreichenden Wurzeln in der gewaltigen Reihe unserer Ahnen aufdeckt. Französisch und Hebräisch, eng einander verbunden, dies war die prophetische Vision eines Cremieux, Leven, Manugl. Glühende Patrioten, begeisterte Juden, die mit dem Dienst an der Sache ihrer entrechteten Brüder den für Frankreich zu verbinden gedachten. Ihnen war es nicht vergönnt, den neuen Orient zu sehen, den sie vorausgeschaut und den sie vorbereitet hatten. Jenen Orient, wo das in seine Rechte eingesetzte Judentum aufhört, eine Religion von Parias zu sein. Der zum bürgerlichen und politischen Leben aufgerufene Jude kann hier bereits die Aufgabe erfüllen, die ihm zugefallen ist. Welch grausames Spiel des Schicksals läßt jetzt den aus dem Bereich des Orients vertriebenen ewigen Feind in Europa, unmittelbar vor den Toren Frankreichs, wieder erscheinen! Gestärkt durch die Erfahrungen der Vergangenheit wollen wir uns auch dieses Mal mit aller Macht dagegen wehren, daß wir an der göttlichen Gerechtigkeit und der menschlichen Vernunft verzweifeln sollten. Unbeirrt wollen wir unsere Arbeit fortsetzen, um den Tag des Messias herbeizuführen, an dem überall ein jeder Jude, wie wir es so gerne in unserem lieben Frankreich tun, wird sagen können: Ich bin ein Bürger des Staates, der mich aufnimmt, ihm mit Herz und Seele verbunden, und doch habe ich nichts von dem Ideal zu verleugnen, das Israel mir hinterließ: C i v i s s u m J u d a e u s. J) Gemeint ist Pierre Bonaparte, der hier den Journalisten Yvan Salmon, genannt Victor Noir, durdi einen Pistolenschuß tötete (Anm. d. Uebers.) *fVQ> otf * Schuhhaus Benedikt nur 11 Kaiserstr. 11 Das Haas der Qualitäten Lampen Ludwig ■ nur bei Wesp Elektr. 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