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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-11-01 · 3 (11.1932) · p. Seite 61

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
3 (11.1932)
Date
1932-11-01
Page
Seite 61 (sequence 7)
Language
German
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Seite 61 Gemeindemitglieder! Schickt Eure Kinder ins Philanthropin! Die Elternbeiräte der Anstalten des Philanthropie im Auftrage:; Berthold B. Cassel - Dr. Karl Lehmann ' 1. Clemens Sahn (Reform-Realgymnasium a. Lyzeam des Philanthropie) (Volksschule beim Philanthropin) den interkonfessionellen Beziehungen ihren Stempel aufdrückt, wovon der europäische Reisende viel erzählen könnte. Diese intolerante Vorstellung war die Quelle all der Leiden, die die Ungläubigen in Persien und die Juden ganz besonders von seiten der schiitischen Geistlichkeit zu erdulden hatten. Die Behaibewegung aber erkannte in dem schiitischen Priestertum eine der Hauptursachen für den kulturellen Rückstand Persiens, und wandte sich mit aller Schärfe dagegen. Sie trat — und sie ist ja eine Reaktion auf den schiitischen Islam und seine Auswüchse — gerade für interkonfessionellen Verkehr und kosmopolitische Gesinnung ein, erklärte das Prinzip von der Unreinheit der Andersgläubigen für aufgehoben und befreite also die Andersgläubigen von dem Odium der Unreinheit. Und hier haben wir den springenden Punkt zu suchen und das Geheimnis der Wirkung dieser religiösen Reformbewegung auch auf die Juden. Die kühne Neuerung begeisterte zunächst die aufgeklärten Perser, die unter dem kulturellen Rückstand ihres Landes litten, »eines Landes, in dem noch — um nur ein Beispiel zu nennen — bis an der Schwelle des 20. Jahrhunderts Intoleranz und Fanatismus so weit führten, daß schon der bloße Anblick eines Europäers, eines „Ungläubigen", also nicht erst eine faktische Berührung mit ihm, als verunreinigend galt, und fromme schiitische Gemüter ihre Augen zu waschen pflegten, wenn sie einen Ungläubigen auch nur sahen. Durch die Reformbewegung und durch das Anbahnen interkonfessioneller Beziehungen schien ein Weg geebnet zu sein für eine vernünftige Lebensgestaltung, für Einführung europäischer Technik und Wissenschaft, für eine west-östliche Kultur Synthese und für einen kulturellen Aufschwung überhaupt. Wenn nun schon weite persische Kreise diese fortschrittlich gesinnte, tolerante und kulturbejahende Einstellung der Behai-Bewegung begrüßten, mußte sie nicht dem persischen Juden geradezu wie eine erlösende Tat scheinen? Hier tritt ein Mann auf und erklärt, daß Gott das Gebot der Unreinheit der Fremden zurückgezogen habe, daß alle in das Meer der Reinheit getaucht seien, daß alle Menschen Blätter von demselben Baum seien, daß. kein Mensch durch sein bloßes Dasein einen anderen verunreinigen könne — war das nicht gleichsam das T o 1 e r a n z e di k t für die so geknechtete und verfolgte persische Judenheit? Mußte nicht der persische Jude, der bis jetzt nicht wagen durfte, während des Regens auf die Straße zu gehen, weil das Wasser seine ihm nach schiitischer Auffassung anhaftende Unreinheit auf den Gläubigen übertragen könnte, dessen Geld erst gewaschen werden mußte, bevor es in die Taschen des fanatischen schiitischen Händlers wanderte, dessen ökonomischer und sozialer Tiefstand sich überhaupt aus dem Gesetz von der Unreinheit herleitete, mußte er nicht diese neue Botschaft des Beha Allah geradezu wie eine Erlösung betrachten? Jetzt erstand den Juden doch ein Bundesgenosse in ihrem bisher vergeblich geführten Kampf gegen den schiitischen Klerus, für Freiheit und Toleranz, jetzt wurde ihnen doch wirklich ein „Bab", ein Tor geöffnet, das zur Freiheit führte, zum Bruder, zum Menschen schlechthin! Kein Wunder also, daß infolge dieser epochalen Neuerung gerade von jüdischer Seite der Behaibewegung Anhänger in großer Zahl zuliefen. Ihre Ideen von Toleranz und Verbrüderung, die Gleichheitserklärung von „Gläubigen" und „Ungläubigen" übten eine zündende Wirkung aus. Jetzt galt doch der Jude ebensoviel wie der muslimische Nachbar, wenn auch er Behaianhänger war, und in den Versammlungen saß der Behaijude neben Behai-Mohaminedanern und Behai-Christen. Welch eine neue Welt! Eine Revolution im wahrsten Sinne. Diese Ideen wirkten in der Tat \yie einst die der französischen Revolution auf die westeuropäische Judenheit. Im Rausche der Freiheit entäußerten sich viele Juden ihres Selbst, wurden ihrer Arergangenheit untreu, und wie die französische Revolution an der Wiege der jüdischen Emanzipation und Assimilation in Europa stand, so bedeutete die Behaibewegung für die persischen Juden die Geburtsstunde ihrer Assimilation und Emanzipation und den Beginn einer spontanen Abfallb e w e g u n g vom Judentum, die ihresgleichen, wenn auch unter ganz anderen Voraussetzungen, nur noch in der Geschichte der westeuropäischen Judenheit des 19. Jahrhunderts hat; Bevor wir auf den Umfang der jüdischen Abfallbewegung näher eingehen, muß zum Verständnis der neuen Bewegung gesagt werden, daß ihr verändertes Verhalten zu Andersgläubigen nur ein logisches Ergebnis ihres ganzen Religionssystems darstellt und bedingt wurde durch ihre eigentümliche messianische Einstellung überhaupt. Beha Allah erhob nämlich den Anspruch, nicht nur der lang ersehnte Mahdi, d. h. der Messias der Mohammedaner zu sein, sondern auch der Messias der Juden, der wiedererstandene Heiland der Christen, der Saoschyant der Zoroastrer usw. Er sei der jüngste und letzte Träger einer für alle Menschen bestimmten göttlichen Offenbarung, jene Erscheinung, in der sich alle Religionen zu einer höheren Einheit verbinden. Nach dieser evolutionistischen Betrachtungsweise sind also Judentum, Christentum, Islam usw. nur Knotenpunkte des religiösen Geisteslebens, nur Etappen jener Offenbarung, die nun in Beha Allah ihre letzte Offenbarung gefunden haben soll. Dieser Gleichsetzung der verschiedenen Religionssysteme folgte notwendigerweise die Gleichstellung der Träger dieser Religionen, also praktisch die Aufhebung des Prinzips, auf dem die bisherige interkonfessionelle Einstellung des schiitischen Islam beruht hatte. Mit dem Anspruch, der Messias der Juden zu sein, wandte sich der Führer der neuen Bewegung an die Juden. Und die persischen Juden sahen sich zur Stellungnahme veranlaßt. Von dieser jüdischbehaistischen Auseinandersetzung, die in ihrer Parallelität zu den ersten jüdisch-christlichen Polemiken frappiert und einen interessanten Beitrag zur Geschichte jüdischer Apologie und Polemik in neuester Zeit liefert, können hier nur wenige Punkte hervorgehoben werden. Beha Allah hatte einen Jünger, Mirza Abu Fasl aus Gulpaygan, der es sich zur Aufgabe machte, die jüdischen Gemeinden Persiens für die Lehre seines Meisters zu gewinnen. Dieser behaistische Judenapostel schrieb ein auch in europäische Sprachen übersetztes Buch „Geschichte und Wahrheitsbeweis der Behai-Religion", in dem er die Echtheit des Messiasanspruchs des Beha Allah auf Grund der Bibel und der anderen heiligen Bücher nachzuweisen sich bemüht. Gelang es ihm, den behaistischen Anspruch aus der heiligen Schrift abzuleiten, so mußten notwendigerweise die Juden, zunächst die in Persien ansässigen, Beha Allah als ihren Messias anerkennen. Man war deshalb eifrigst bestrebt, alle messianisch-apokalyptisch und prophetologisch irgendwie ausdeutbaren Stellen der Bibel auf Bab und Beha Allah „den Glanz Gottes" zu beziehen. So wurden die berühmten auch von der christlichen Theologie

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