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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-11-01 · 3 (11.1932) · p. Seite 60

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
3 (11.1932)
Date
1932-11-01
Page
Seite 60 (sequence 6)
Language
German
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Seite 60 Die BehaUBewegung und ihr Einfluss auf die Judenheit Persiens Von Dr. Wal Persien, das einst eine einzigartige Stellung in der Weltgeschichte eingenommen hatte, das der Welt nicht nur Staatsmänner vom Format eines Cyrus und Darius, sondern auch Propheten und Religionsstifter wie Zoroaster und Dichter-Philosophen wie Hafis und Firdusi, Sadi und Omar Chajjam geschenkt hat. — dieses Persien wurde im 19. Jahrhundert noch einmal der Schauplatz eines großen geistesgeschichtlichen Geschehens, noch einmal die Geburtsstätte einer neuen religiösen Offenbarung durch das Auftreten eines Mannes, der sich als Messias ausgab und eine religiöse und soziale Bewegung entfachte, die, zuerst unter dem Namen Babismus und dann als Behaismus bekannt, weit über Persiens Grenzen hinaus gewirkt hat und heute in der ganzen Welt, in Vorderasien, China, Japan, Indien, Australien, Südafrika, Amerika und Europa, auch in Deutschland (Stuttgart!) Millionen von Menschen zu ihren Anhängern rechnen kann. Diese Bewegung, die die jüngste Religionsbildung und die letzte auf dem Boden des östlichen Islams entstandene Sekte darstellt, müßte schon angesichts ihrer außerfewöhnlichen Wirkung unser lebhaftes Interesse erregen. Allein as würde ihre Behandlung an dieser Stelle nicht rechtfertigen, wenn nicht der Einfluß dieser Bewegung auf die Judenheit Persiens ungeheuer groß gewesen wäre. Der Islam hat im Verlauf seines 1350jährigen Bestehens eine nicht geringe Zahl von Sekten aus sich entlassen, die ihre Existenz gewissen dogmatischen Lehren und mystischen und theosophischen Spekulationen verdanken. Niemals zuvor aber hat eine aus dem Islam hervorgegangene Religionsbildung Juden so sehr in ihren Bann gezogen und sie vom Boden des Judentums entfernt, als diese Behaibewegung des 19. Jahrhunderts. Um dieses der europäischen Judenheit bisher ganz unbekannte und für die Gegenwartsgeschichte des persischen Judentums entscheidende Phaenomen zu verstehen, muß zunächst auf die Geschichte und Zielsetzung der Bewegung kurz eingegangen werden. Der Gründer der neuen Bewegung, Sajjid Ali Mohammed, wurde im Jahre 1820 in Schiras geboren. Im Alter von ■24 Jahren proklamierte er sich als das Tor Gottes, als „Bab", •durch das allein die Menschen in die Kammer der Glückseligkeit und des wahren Glaubens gelangen können. Er entwickelte ein ganzes System theologischer Spekulationen im Anschluß an die Islamische Lehre von dem Imam als dem Träger der Offenbarung und versammelte eine große Schar von Anhängern um sich. Durch den dauernden Zustrom neuer Schüler ermutigt, begann er, seine Lehre über seine Heimatstadt hinaus zu verbreiten. Doch sein Anspruch, daß die Lehre Mohammeds der seinen -weichen müsse, denn er sei der Messias, auf den die schiitische Welt warte und die wahre Verkörperung der messianischen Verheißung aller Religionen, führte zu seiner Gefangennahme, und nach vielen Leiden wurde er im Jahre 1850 in Täbris von der unter dem Einfluß der schntischen Geistlichkeit stehenden persischen Regierung hingericaret. Seine in vielen Büchern und Schriften niedergelegten Lalrren gewannen nach seinem Tode, -weil gewaltsam unterdrückt, immer mehr an Boden und wurden von seinem nach Bagdad geflüchteten und später nach Adrianopel und Cyprus verbannten Jünger Subhi-Azel „Morgen der Ewigkeit" und vor allem von Beha Allah, dem „Glanz Gottes" genannten bedeutendsten Jünger des Bab weitergeführt. Der letztere wurde nach vielen inneren Auseinandersetzungen das anerkannte Haupt der Bewegung, dem sie auch ihren heutigen Namen Behaismus' verdankt. Er übernahm zunächst die babistische Lehre unverändert, setzte aber bald an die Stelle des Bab seine eigne Person, als den eigentlichen Propheten, während Bab nur der Vorläufer und Verkünder gewesen sein soll, wie Johannes der Täufer für Jesus. Auf Betreiben des persischen Gesandten wurde auch Beha Allah von der türkischen Regierung im Jahre 1868 von Bagdad zuerst nach Konstantinopel und Adrianopel, dann nach Akko (Palästina) verbannt, wo er bis zu seinem Tode im Jahre 1892 lebte. Unter diesem Beha Allah und noch mehr unter seinem Sohne Abbas Effendi oder Abdul Beha, der seinem Vater als Haupt der Bewegung folgte (er starb im Jahre 1921) erfuhren die ursprünglichen Lehren des Bab eine bedeutende Veränderung, indem sie immer mehr den Zusammenhang mit dem Islam und seiner Dogmatik und Theologie aufgaben und sich zu einer religiösen und sozialen Weltbewegung entwickelten. Akko, der Site der Gefangenschaft des Beha Allah und seine spätere Grabstätte, und Haifa, wohin später die sterblichen Ueberreste des Bab und seiner Anhänger gebracht wurden, bekamen den Charakter von „heiligen Statten", zu ter Fischel denen jährlich die Behai-Anhänger aus aller Welt pilgerten und den Grundstein legten, die so berühmten persischen Gärten und Gräber in Akko und Haifa zu einem der weihevollsten und eindruckvollsten Stätten Palästinas zu gestalten. Daß Palästina wiederum religiöses Zentrum auch für und durch diese neue religiöse Richtung wurde, ist von nicht geringer Bedeutung im Hinblick auf die Stellung dieses Landes in der Welt. Wenn wir in aller Kürze sagen wollen, was das Ziel dieser Bewegung war, deren, äußerer Verlauf hier nur skizzenhaft geschildert werden konnte, so dies: Die Behai-Bewegung (wir machen hier keinen Unterschied zwischen Babismus und Behaismus, obwohl ein solcher besteht) ist eine aus sufischen und theosophischen Elementen zusammengesetzte Bewegung, die eine Reform des schiitischen Islam und eine Erneuerung Persiens aus einem religiösen und ethischen Impuls heraus erstrebt, sich aber im Laufe ihrer Entwicklung zu einer neuen Religion oder Sekte mit eigner Glaubenslehre, Dogmatik und mit einem eignen sozialen und politischen Programm entfaltet hat. Die kultische Grundordnung des orthodoxen Islam wurde radikal durchbrochen, das öffentliche Gebet mit allen seinen Formalitäten (Waschurigen, Gebetsrufer usw.) aufgehoben, die Wallfahrt nach Mekka abgeschafft, eine neue mit dem Auftreten des Bab einsetzende Zeitrechnung auf der Grundlage des altpersischen Sonnenjahres und nicht des mohammedanischen Mondjahres eingeführt, wobei das Jahre in 19 Monate von je 19 Tagen eingeteilt wurde (auf die mystische Bedeutung der Zahl 19 wie überhaupt auf die Zahlen- und Buchstabenmystik der Behai kann hier nicht eingegangen werden), eigne Festtage und Versammlungen festgesetzt, und als die Gebetsrichtung des einzelnen, — im Judentum nach Jerusalem, im Islam nach Mekka — wurde jetzt Akko, die Aufenthaltsstätte des Beha Allah gewählt. Auch wurde die Verschleierung der Frau aufgehoben und ihre Emanzipation proklamiert, der Djihad, die Idee des heiligen Krieges, abgelehnt und last not least als Glaubensbekenntnis statuiert:- „Es gibt keinen Gott außer Allah, und Beha Allah (also nicht mehr Mohammed!) ist sein Prophet". Wir sehen also: eine völlige Ueberwindung des islamischen Kultus und Priestertums, ein Abstreifen alles engen Konfessionalismus und ein Sieh- Erweitern zu einer gegen Gesetz und Ritus eingestellten Universalreligion, die erlaubt „alles zu tun, was dem gesunden Menschenverstand nicht widerstrebt". So bemerkenswert auch alle diese und viele anderen Reformen waren, — nicht in ihnen konnte die Kraft liegen, die diese neue Bewegung befähigte, auf Angehörige anderer Religions- und Kulturkreise einzuwirken. Schließlich bedeuteten diese Lehren doch gleichsam nur eine Revolution im eignen Hause, eine innerhalb der islamitischen Welt der Gläubigen erfolgte Verschiebung religiöser oder kultischer Werte. Der Punkt aber, der über den Rahmen des Islams heraus alle Bevölkerungskreise Persiens betraf und betreffen mußte, liegt in der veränderten und neuartigen Einstellung dieser Bewegung zu den An-- dersgläubigen, also auch zu den Juden in Persien. Wir erinnern uns, daß durch die seit dem 16. Jahrhundert in Persien eingeführte schiitische Form des Islam das öffentliche Leben von einer fanatischen Geistlichkeit beherrscht wurde, die sich vom Westen und seiner Kultur ängstlich abschloß und durch ihre exklusive Haltung allem Fremden und Europäischen gegenüber jeden Fortschritt des Landes verhinderte. Wenn der Prüfstein einer Religion ihr Verhältnis zu den Andersgläubigen darstellt, so kann man den schiitischen Islam mit Recht als reaktionär, engherzig und intolerant bezeichnen. Seine interkonfessionelle Gesetzesauffassung ist der denkbar größte Gegensatz von Toleranz und Geistesfreiheit. Zwar geht auch der sunnitische Islam in seiner Einstellung zu den Andersgläubigen ebenso wie der schiitische Islam auf eine Koranvorschrift (9,28) zurück, wonach alle Ungläubigen (Juden, Christen, Magier etc.) „unrein" (nadjas) sind. Während aber der sunnitische Islam diese koranische Bestimmung, an die er sich übrigens in der geschichtlichen Wirklichkeit nie streng gehalten hat, durch eine tolerantere Auslegung fast völlig aufgehoben und weggedeutet hat, hält die schiitische Richtung an dem Wortlaut des Gesetzes streng fest und erklärt selbst die körperliche Substanz jedes Ungläubigen im rituellen Sinne für unrein. Das war das Bollwerk des schiitischen Klerus, der Rückhalt seiner Machtstellung und er war es, der diese Idee bis zur äußersten Konsequenz im Leben durchgeführt hat, — eine Idee, die in Persien noch bis vor kurzem vorherrschte und in einigen Städten Persiens sogar noch heute

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