Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 3 (11.1932)
- Date
- 1932-11-01
- Page
- Seite 59 (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 59 Munthe gedankenarm. Er übersieht den das Ganze tragenden großen Leitgedanken, der es zum Range eines echten Kunstwerkes erhebt und es als solches neben „Dichtung und Wahrheit" stellt: das ist das Ineinanderflechten und -weben, das herüber- und hinübergehen und -nehmen der sich auf- und •durchringenden Einzelseele mit den wechselnden Eigenarten der persönlichen und dinglichen Umgebungen, das ist Spinozas „Uebereinstimmen und Zusammenklingen in Ordnung, Verknüpfung und Ablauf der geistigen Entwicklung des Individuums und der Vorgänge außerhalb seines Seelenlebens". So nahe aber die Annahme einer Einwirkung Goethes auf Bismarck liegt, so überraschend kam eines Tages dessen eigene Aussage über seine unmittelbare Bekanntschaft mit Spinozas „Ethik". In dem Briefe vom 21. Dezember 1846, in dem er seinem künftigen Schwiegervater eine Art Glaubensbekenntnis ablegt, berichtet er aus seiner Studentenzeit: „Wenn mich in dieser Periode iStudien, die mich der Ehrgeiz "zu Zeiten mit Eifer treiben ließ, oder Leere und Ueberdruß, die unvermeidlichen Begleiter meines Treibens, dem Ernst des Lebens und der Ewigkeit näherten, so waren es Philosophen des Altertums, unverstandene Hegeische Schriften, und vor allem Spinozas anscheinend mathematische Klarheit, in denen ich Beruhigung über das suchte, was menschlichem Verstände nicht faßlich ist. Zu anhaltendem Nachdenken hierüber wurde ich aber erst durch die Einsamkeit gebracht, als ich nach dem Tode meiner Mutter, vor sechs bis sieben Jahren, nach Kniephof zog." Auf diese Stelle beziehen sich M. Bewer („Bei Bismarck") und Moritz Busch („Unser Reichskanzler"), der hinzufügt: „Und wenn wir auch nicht wissen, wie weit er sich Spinozas Weltanschauung damals angeeignet hat, so dürfen wir doch vermuten, daß sie auf ihn gewirkt hat und Mitursache des Weltschmerzes gewesen ist, der ihn in diesen Tagen ergriff und noch lange nachher seine Denkart färbte." Auch das Werk von D. Fr. Strauß „Feuerbach und Bruno Bauer", das in Kniephof Bismarcks Lektüre bildete, führte ihn immer wieder zu Spinoza. Doch hatte er schon, nach eigenem Geständnis, als Pantheist die Schule verlassen. Schleiermacher, der begeisterte Verehrer Spinozas, war sein Religionslehrer, der ihn auch konfirmiert hat. Seine Eltern besuchten nicht die Kirche und huldigten einem Glauben, von dem Lenz in seiner „Geschichte Bismarcks" sagt, daß er „sehr fern von Spinozismus" und „der Ideenwelt des jüdischen Philosophen" war. Nach vorliegenden Zeugnissen war es aber doch die stark von Spinoza beeinflußte Gesinnung der Humanität, der Erbin der Aufklärung, die wir ihnen zusprechen dürfen. Als nun der Sechzehnjährige 1S32, im Jahre, da Goethe starb und zwei Jahrhunderte seit Spinozas Geburt verflossen waren, die Universität bezog, war es kein Wunder, daß er in der Ungebundenheit des Studentenlebens sich noch weiter vom Kirchenglauben entfernte. Es ist bezeichnend, daß er gerade der Bekanntschaft mit Spinoza die Wendung seines Charakters zu ernsterer Auffassung des Lebens zuschreibt. Wie somit Spinozas „Ethik" für das Werden des Menschen Bismarck bedeutsam wurde, so zeigt auch der Staatsm a n n mit dem Spinoza des „Politischentraktates" manche Aehnlichkeit, „Der Zweck des Deutschen Reiches ist der Rechtsschutz" (Schreibt er Ende der siebziger Jahre an König Ludwig von Bayern und etwas später einmal: ^Schaffen wir zuerst einen festen, nach außen gesicherten, im Innern festgefügten .. Bau, und dann fragen Sie mich nach meiner Meinung, in welcher Weise mit mehr oder weniger liberalen Verfassungseinriehtungen das Haus zu möblieren sei, und Sie werden vielleicht finden, daß ich antworte: Ja, ich habe dafür keine vorgefaßte Meinung... Es gibt Zeiten, wo man liberal regieren muß, und Zeiten, wo man diktatorisch regieren muß; es wechselt alles, hier gibt es keine Ewigkeit. Aber von dem Bau des Deutschen Reiches, von der Einigkeit der deutschen Nation, da verlange ich, daß /sie fest und sturmfrei dastehen . . soll." Als seine Gesetzgebung zugunsten der Arbeiter von gegnerischer Seite angegriffen wurde, erwiderte er: „Nennen Sie das Sozialismus oder nicht, es ist mir das ziemlich gleichgültig." Immer wieder betont er, der Herrenmensch nach dem Herzen des Spinozajüngers Nietzsche, daß es einzig und allein darauf ankomme, die Macht im Staate zu behaupten. Alles andere seien belanglose Doktrinen. So vertritt Spinoza die ümnipotenz des Staates, auf dessen Verfassung es so sehr wie auf die Geistesverfassung der Bürger ankommt. Im Reiche Gottes müssen Gerechtigkeit und Liebe Rechts- und Gesetzeskraft besitzen, die sie aber nur erlangen können durch das Gebot der Regierungsgewa.lt. Um den Rechtsstaat und unter den Bürgern Frieden zu erhalten, ist jedes Mittel heilig. Da, nach Spinozas persönlichen Erfahrungen, die Demokratie, der er noch im „Theologisch-Politischen Traktat" gehuldigt hatte, dieser Aufgabe nicht immer gewachsen ist, gibt er im" „Politischen Traktat" dem aristokratischen Regiment den Vorzug. Wer kann es verantworten daß er der Jüdischen Wohlfahrtspflege auf ihren Notruf in der letzten Nummer noch keinen Pfennig geschickt hat? Audi kleine Gaben helfen. (Postscheck 54893) Bitte noch heute erledigen! Nun aber das Wichtigste: Bismarcks Kirchenpolitik. Da der innere Friede nicht erhalten werden kann, wenn die Religionen innerhalb des Staatsverbandes einander befehden, so „können", lehrt Spinoza, „als Diener des göttlichen Wortes nur diejenigen gelten, die auf Grund der Autorität der Staatsgewalt das Volk in derjenigen Frömmigkeit unterweisen, die nach der Entscheidung der Staatsgewalt mit dem öffentlichen Wohl in Einklang steht." ..Nicht wer die besten Gründe für sich hat, hat deshalb den besten Glauben. Der vielmehr hat ihn. der die besten Werke der Gerechtigkeit und Liebe übt." Glücklich preist Spinoza sein Amsterdam, in dem, wer ein Geschäft abschließen will, nicht fragt, zu welcher Religion oder Gruppe der Partner gehört, sondern ob er ehrlich und vertrauenswürdig ist. Und vernichtend ist seine Kritik des Lehrbetriebes an den Hochschulen. Bei diesen Worten Spinozas muß man unwillkürlich an die Abfuhr denken, die Adolf Stöcker und andere Hetzpastoren von Bismarck erfahren haben, vor allem aber an den Kulturkampf. Niemand war vor Spinoza mit solchem Mute und so überzeugenden Argumenten, wie er, für die Superiorität des Staates und seine Befugnis, die Konfessionen als solche von der Politik auszuschalten, eingetreten. Der Theologenkrieg um den Bischof Colenso, in dem Tait, der Bischof von London, 1864 öffentlich erklärte, der Mann der Wissenschaft, der auch nur um Haaresbreite von der Linie der Wahrheit abweichen woile. übe nicht nur an der Wissenschaft, sondern auch an der Religion Verrat, ein Kampf, in dem ein anderer hoher Geistlicher sich Spinoza zum Bundesgenossen wählte, hatte die ganze Kulturwelt beschäftigt und in seinen Bannkreis gezogen. Im Wiener Parlament hatte um dieselbe Zeit der berühmte Universitätslehrer Rokitansky ganz im Sinne Spinozas das Wort gesprochen: „Die Kirche strebt nach Herrschaft und sie hat das Eigentümliche, daß sie sich für verfolgt hält, wenn sie nicht herrschen kann." Dies war die Richtung, die auch Bismarck einschlug, als er durch den Kultusminister Falk gegen den Kölner Erzbischof erklären ließ: „Die Staatsregierung ermißt auch die rechtliche Stellung der Professoren der katholischen Theologie lediglich nach den vom Staate selbst errichteten gesetzlichen Bestimmungen." Auf dieser Linie folgten dann die „Maigesetze". Wie weit im einzelnen das Wesen und Wirken des größten deutschen Staatsmannes mittelbare oder unmittelbare Beeinflussung durch den größten holländischen Denker erfahren hat, kann und soll hier nicht des Näheren untersucht werden. Durch die größten deutschen Denker und Künstler — von Lessing bis Liebermann — wurde Spinoza zu einem machtvollen Faktor der deutschen Bildung mit ihrer Sachlichkeit auf der einen und ihrer Gemütstiefe auf der anderen Seite. In der Politik verrät aber keine Erscheinung so deutlich die Spuren Spinozas, den Langsehn mit Rembrandt auf eine Stufe gestellt wissen will, wie das Werk des Schöpfers des Deutschen Reiches. Sein Leitsatz „Patriae inserviendo consumor" klingt wie ein Zitat aus Spinoza, der die Aufopferung der persönlichen Eigenmächtigkeit im Dienste der Allgemeinheit fordert, als die höchste Tugend die Liebe zum Vaterlande preist und über den Staatszweck eine Ansicht ausgesprochen hat, die nach dem Urteil des großen Staatsrechtslehrers Bluntschli „mit goldenen Buchstaben über den Toren der Residenzen und der Rathäuser eingegraben zu werden verdiente".