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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-10-01 · 2 (10.1932) · p. Seite 54

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
2 (10.1932)
Date
1932-10-01
Page
Seite 54 (sequence 32)
Language
German
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Seite 54 Die tragenden Kräfte des Judentums Ein Brief an die Redaktion Sie haben mich aufgefordert, in Auseinandersetzung mit Josef Kasteins „Eine Geschichte der Juden" die Frage nach den Kräften zu behandeln, die die Erhaltung des Judentums bewirken. Sie weisen ferner darauf hin, daß Kastein in der jüdischen Geschichte eine Antithese aufzeige, die ein Programm bedeute: Bewegung gegen Zustand; Kasteiii halte di,e Bewegung in der jüdischen Geschichte für das Wesentliche und Bezeichnende. Ich gebe Ihnen zu, daß die von Ihnen aufgeworfenen Fragen zu den bedeutsamsten der jüdischen Gegenwart gehören; und ich bekenne gern, daß besonders die erste mich schon früher zum Nachdenken gereizt hat. Daß allerdings das Buch von Kastein der geeignete Anlaß für mich wäre, zu diesen Fragen etwas zu sagen, kann ich leider nicht ohne weiteres anerkennen. Was ich dazu zu bemerken hätte, müßte vielmehr fast ohne Beziehung neben dem Buche stehen. Um das zu begründen, muß ich einen Augenblick auf die Eigenart des Buches selbst eingehen. Der Verfasser behauptet zeigen zu wollen, „wo die Verantwortung und also der Sinn in der Existenz des jüdischen Volkes liegt". Das heiße Avas auch immer: Was Kauteln dazu sagt, wird durch seine Darstellung nur unvollkommen gestützt. Wenn er, wie bereits erwähnt, im Epilog die ..Bewegung1 im Gegensatz zum „Zustand" für das charakteristische Moment der jüdischen Geschichte hält, so ist dieses Moment entweder rein formaler Natur, jedem Geschichtsablauf eigen und insofern nicht gerade für die jüdische Geschichte charakteristisch. Meint der Verfasser aber, daß die Bewegung in dem inhaltlichen Sinne das ausschlaggebende Moment der jüdischen Geschichte sei. daß die Juden sie gesucht hätten, selbst wenn sie nicht aus gegebenem Anlaß ohnehin in einem bestimmten Zeitpunkt entstehen mußte, so kann ich diese Behauptung für jedenfalls durch Kasteins Buch nicht erwiesen halten. Gewiß gebe ich zu, daß die immanente Entwicklung des jüdischen Volkes bei Kastein eine außerordentlich große Rolle spielt. Ich möchte aber keinen Zweifel daran lassen, daß Kasteins Darstellung in dieser Hinsicht vielfach mit den historischen Tatsachen nicht in Einklang zu bringen ist. Die Einwirkung des Hellenismus, des Christentums, des Islams auf deD Gedankengehalt, und damit, wie Kastein ganz richtig sieht, auf die tatsächliche Geschichte dieses wie kein anderes zu allen Zeiten von einer sich im Grunde gleichbleibenden Idee bestimmten Volkes ist weit größer, als der Verfasser vermutet, der eine bedenkliche Tendenz zeigt, die genannten Erscheinungen nicht nur in ihrer Bedeutung für das Judentum, sondern sogar für die politische und geistige Geschichte der Welt zu bagatellisieren. Und wo ihm das nicht gelingt, versucht er wenigstens ihre geringere Wertigkeit gegenüber der jüdischen Werthaltung darzutun. Damit ist das Buch als Geschichtswerk eigentlich gerichtet. Es dient nur zur Vervollständigung des Bildes, wenn ich darauf hinweise, daß die einen überaus breiten Raum einnehmende Darstellung der Leiden des jüdischen Volkes in der Diaspora nicht nur von Vorwürfen gegen unsere Verfolger in früheren Jahrhunderten und von Ansätz.en, die Nachkommen dieser Verfolger zur Begleichung des Schuldkontos ihrer Vorfahren uns gegenüber aufzufordern, begleitet ist, sondern daß auch die Darstellung der Motive dieser Verfolgungen advokatorische Ausführlichkeit und dabei Einseitigkeit zeigt, die schlecht zu dem Bestreben paßt, die jüdische Geschichte aus immanenten Kräften zu verstehen. Ich leugne nicht die Berechtigung des jüdischen Historikers, die Geschichte seines Volkes von jüdischen Gesichtspunkten aus zu betrachten. Dies geschieht aber am besten, wenn der jüdische Historiker einen Standort in der jüdischen Gegenwart hat und von da aus versucht, so wahr wie möglich zu schreiben, mit legitimer Begeisterung für sein Volk, aber ohne Angriffe auf dessen Gegner in der Vergangenheit. Durch eine Polemik, wie die von Kastein beliebte, verliert das Buch auch seine pädagogische Bedeutung für die jetzt lebende jüdische Generation; denn Haltung und Sprache dieser Polemik wie des Buches überhaupt sind kein Zeichen innerer Sicherheit und wegweisender Klarheit. Diejenigen Historiker, die die Erzieher ihrer Völker gewesen sind, haben zu allen Zeiten die objektive Wahrheit gesucht und sie darstellend gestaltet. Wer vom jüdischen Volk und seiner Haltung in der Vergangenheit nur Positives zu sagen weiß, glaubt zu Unrecht, seine Zeitgenossen damit aufrichten zu können. In dem Maße, wie die Brüchigkeit dieser Darstellung erkannt werden wird, wird die Wirkung dieses Buches auf Juden und Nichtjuden zu einer Gefahr werden. Die Kräfte, die die Erhaltung des Judentums bewirkt haben, sind von Kastein nicht erfaßt worden. Sie konnten von ihm nicht erfaßt werden, weil sein Buch keine Stellung zum Metaphysischen einschließt. Daß das jüdische Volk das Gesetz gehalten hat, nicht weil es mußte, sondern weil es wollte, ist weder neu, noch in dieser Formulierung unbedingt richtig. Woher es aber kommt, daß zu allen Zeiten jüdisches Volk vorbände n war, ob es nun das Gesetz hielt oder nicht, darauf darf ein Schriftsteller mit der Perspektive Kasteins. in dessen Darstellung überdies Massenmorde, Hinrichtungen und Vertreibungen einen so breiten Raum einnehmen, nicht mit dem Hinweis auf die unerschöpfliche jüdische Lebenskraft antworten. Ich weiß sehr wohl, daß hier der Punkt ist, an dem die Frage nach dem Wunder in der jüdischen Geschichte sich erhebt; und es ist vielleicht seltsam, daß gerade ich es bin, der sie in die Debatte wirft. Aber wer das Wunder leugnen will, muß einen anderen Grund dafür angeben können, daß das jüdische Volk, dessen Geschichte seit fast dreieinhalb Jahrtausenden bekannt ist und das den größten Teil dieser Zeit nicht im eigenen Lande zugebracht hat, bei allen äußeren Dezimierungen und inneren Teilauflösungen bis zum heutigen Tage nicht nur in seiner Substanz ungebrochen ist, sondern im Augenblick der Gefahr, die alle bisherigen entscheidend überbot, es gewagt hat, sogar seinen Messianismus zu säkularisieren und in seiner alten Heimat Palästina das untrügliche und diesseitigste Mittel gegen seinen Untergang zu schaffen. Ich wage nicht, im Rahmen dieses Briefes zu entscheiden, woher das jüdische Volk diese Fähigkeit des „Schear jaschuw" zu bewahren die geistige, physische und materielle Kraft genommen hat. Aber daß es diese Kraft stets bewiesen hat. wird seiner Wiederaufrichtung eine stärkere Stütze sein als ein übersteigertes Bewußtsein von seinem eigenen Wert auf Kosten anderer. Ich brauche nicht zu betonen, daß ich mir der Bedeutung der Ideologie für jede praktische Arbeit bewußt bin. Gerade die Richtung im modernen Judentum, die das Werk Palästina auf ihre Fahne geschrieben hat, ist auch die erste gewesen, die der modernen Judenheit eine Ideologie gegeben und durch die Auseinandersetzung mit ihr auch die nichtzionistische Judenheit revolutioniert hat. Eine solche Ideologie kann aber niemals ein Essay sein; und nichts als ein voluminöser Essay ist das Buch von Kastein. Es ist dabei ganz gleichgültig, wieviel im einzelnen richtig und falsch ist; und ich gebe auch gern zu, daß manche Partien in dem Buch mit packender Kraft geschrieben sind. Aber die geistige Vorbereitung zur Schaffung siner Ideologie ist ohne Fälligkeit und Willen zu vorurteilsfreier Erkenntnis undenkbar; und wie weit Kastein von solcher entfernt ist, zeigt nichts besser als die Begründung, mit der er es ablehnt, Spinoza zu behandeln, der immerhin auch den Theologisch-politischen Traktat geschrieben hat und damit der Begründer unter anderem der modernen Bibelwissenschaft wurde. Vielleicht werden Sie sich wundern, daß ich das alles in einer für Jugendliche bestimmten Zeitschrift sage. Ich tue dies mit vollem Bewußtsein. Ich wünsche nicht, daß das Buch von Kastein für die jüdische Generation der Gegenwart der Geschichtsersatz wird, aus dem sie die Berechtigung herleitet, an der Erkenntnis der jüdischen Geschichte, wie sie gewesen ist, vorbeizugehen. In diesem Wunsche kann mich auch die prozionistische Haltung des Verfassers nicht beirren. Denn ich glaube allerdings, daß nur ehrliches Bemühen um das Wissen von ihrer Geschichte die jüdische Jugend von heute an den Ort führen kann, der ihr von eben dieser Geschichte angewiesen ist. Dr. MartinPleßner Vom Sinn des Judentums Die Vergangenheit hat zur Gegenwart geführt, das ist eine Selbstverständlichkeit, eine Denknotwendigkeit. Wer Geschichte schreibt, muß sie so darstellen, daß sie zur Gegenwart hinleitet, sonst widerspricht sie der Denknotwendigkeit. Gegenwart ast alles, was gegenwärtig ist, was an Masse und Energie in dem für uns größtdenkbaren Raum, bezogen auf einen kleinstdenkbaren Zeitabschnitt, den wir „jetzt" nennen, wirksam ist. Das ist unübersehbar viel, und wir können nur mit unserm Denken einen ganz kleinen Ausschnitt bestreichen. Aber wir wollen auch bewußt nur einen kleinen Abschnitt wissen, keine Kreatur hat auf die Dauer Interesse an Dingen, die außerhalb ihrer akuten Lebens- und Sterbefragen liegen, auch der Mensch nicht. Ja alle unsre Wissenschaft muß irgendwie in unseren Menschenfragen verankert sein. Das, was wir nur aus der Gegenwart herausschneiden können und wollen, dieser unser Ausschnitt ist für uns die Gegenwart. Das Subjektive dieser Gegenwart ist dem Politiker immer bewußt, dem Wissenschaftler nie. Der Geschichtsschreiber

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