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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-10-01 · 2 (10.1932) · p. Seite 53

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
2 (10.1932)
Date
1932-10-01
Page
Seite 53 (sequence 31)
Language
German
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Seite 53 Subjektive Geschichtserkenntnis .Selten war es einem Judcngeschlecht notwendiger und nützlicher zugleich, sich in jüdische Geschichte zu vertiefen, als dem imsern. Sie zeigt uns, daß unsere Zeit nicht die schlimmste aller Zeiten ist, daß vergangene Tage unseren Vätern von dem Augenblick an, in dem sie eine Volksgemeinschaft bildeten, immer Kämpfe und Verfolgungen brachten. Sie kann uns die rechte Einstellung geben zu all dem Furchtbaren um uns, die Haltung, die sich für die Nachkommen all jener Geschlechter \on Kämpfern und Duldern ziemt. Aber ein ebenso wichtiger Grund, uns aus der Geschichte Hilfe und Kraft zu holen, ist der, daß uns aus ihr allein Mittel erwachsen, mit denen wir einer jüdischen Jugend helfen können, die einen schweren Ideenkaiupf kämpft. Wir hören und lesen vom Untergang des Judentums. Viele unserer jungen Menschen, die unter dem i'Ä.i fluß schwerer Lebensbedingungen und einer vielleicht noch schwereren, weil fast hoffnungslosen Zukunft stehen, glauben, daß das Hauptziel und der erste Sinn ihres Daseins in einer Erreichung und Schaffung besserer wirtschaftlicher Zustände bestünde. Sie nehmen an, die Idee des Kommunismus führe?ic am besten zu diesem Ziele. Nichts wäre falscher, als dieses Ringen unserer Jugend nicht ernst zu nehmen, ihr nicht zu glauben, daß sie sich ernsthaft mit all den Problemen auseinandersetzt und daß auch ihr Kommunismus ihr nicht nur Wort ist. sondern sich auch in die Tat umsetzen lasse. Naturgemäß kann aber bei vielen von ihnen das Jude-sein zu kurz kommen, bei manchen sogar vielleicht verschwinden. Untergang des Judentums — da müssen wir ansetzen, helfen und stützen. Wir müssen den Sinn unseres Jude-seins für uns selbst und die andern wieder so konkret zu fassen suchen, daß es trotz materialistischer Geschichtsauffassung und trotz kommunistischen Wirtschaftsprogrammes wieder lebendiger Quell wird. In diesem Suchen nach dem Sinn des Jude-seins ist Ka st eins ..Geschichte der Jude n" uns ein guter Helfer. Sie macht sich von der ersten Seite an zur Aufgabe, zu suchen: „wo die Verantwortung und also der Sinn der Geschichte des jüdischen Volkes liegt", und ihr wollen wir nun in einigen Gedankengängen folgen. Am einschneidendsten für den Sinn des Judentums und zugleich am schwersten zu fassen für den jungen Menschen unserer Zeit ist die religiöse Kraft, die ihm innewohnt, und ohne die Judentum nicht gedacht werden kann. Sie hat entscheidend eingewirkt auf das jüdische Volk und ist von ihm nicht zu trennen. Ob wir nun auf dem Boden der Ueberlieferung und der Offenbarung stehen oder wie Kastein glauben, daß das jüdische Volk sich seinen Gott und seine Gottesidee selbst geschaffen habe aus der Erkenntnis heraus, daß das nackte Leben allein auch unter den besten Bedingungen nicht Selbstzweck sein kann, bleibt für diese Betrachtungen gleich. Eines nur ist wichtig: diese Religion ergeht sich nicht in Theorien, sondern ist in das Leben einbezogen und fest und innig mit ihm verknüpft. Ihre Grundforderung ist die „Z e - d o k o", d. i. Gerechtigkeit, die sich in allen sozialen und anderen Gesetzen immer wiederholt. Eng verknüpft mit dem religiösen Inhalt und ebenso wichtig bis auf den heutigen Tag für den Sinn des Jude-seins ist das Land. Eine Zielsetzung in der Wüstenwanderung ist dem Volke gegeben dadurch, daß Mose ihm die Aufgabe stellt, das Land Kanaan zu erobern, da es ihm verheißen ist. Und es erwächst eine Bindung zu dem Lande, ehe es betreten ist, ein Heimatgefühl aus eiuer Verheißung heraus, so stark wie es nur sein kann, auch bei denen, die mit der Scholle nicht verwurzelt sind; und diesem Heimatgefühl hat sich erhalten lange nachdem das Leben im eignen Lande vorbei ist. Vielen von uns ist das Land Zentralbegriff und tiefster Sinn unseres Jude-seins. Grundlegend wichtig und mit der Idee des Religiösen verbunden ist ebenso der Begriff der Auserwähltheit. Oft als Ueberheblichkeit angesehen und erklärt, ist er gerade das Gegenteil von Ueberheblichkeit und enthält in sich tiefste Verpflichtung. Aus dem Bündnis des Volkes mit seinem Gott ergibt sich, daß eine gegenseitige Bereitschaft besteht. Sinn und Inhalt unseres Lebens soll es sein, dieses Bündnis, das die Auserwähltheit in sich schließt, zu stärken. Es wird verlangt ein Einsetzen unseres ganzen Seins für die Idee des Geistigen und Göttlichen, die sich in unserem Leben als die Idee der 'Gerechtigkeit manifestiert. Diese Gerechtigkeit, die der Grunditon aller unserer sozialen Gesetzgebung ist, soll jeder unserer Handlungen zugrunde liegen. All unser Tun ist unlösbar verbunden mit Gott oder der Gerechtigkeit oder dem höheren Walten, wie man es auch bezeichnen will. Alles Geschehen, auch das historische, trägt seinen Sinn in sich, und jeder kann durch seine innere Einstellung und Haltung mitbestimmen an seinein Geschick. Die Tat des Alltags ist wesentlich und verpflichtend, und aus dieser Verpflichtung wächst die Verheißung und mit ihr der tiefste Sinn der Auserwähltheit. ,.Ein Sicbbewähren als Vorbild, eine Auserwähltheit aus der Verpflichtung, nicht aus dem Anspruch. Nicht wir dürfen, sondern wir müssen." Im Zusammenhang mit dem Begriff der Auserwähltheit soll von dem der Mission gesprochen werden, der auch manchen unter uns sinngebend zu sein scheint. Mission liegt uns fern in der Form, in der andere Glaubensgemeinschaften sie betrieben haben, sowohl mit Feuer und Schwert also auch nur mit dem Wort. Durch unser Dasein sollen wir immer wieder nur die Kraft des Geistes und die Verwerflichkeit der Gewalt dokumentieren und vor allem die Notwendigkeit von Gerechtigkeit und Frieden. Das ist Mission und Auserwähltheit in einem. Diese Auserwähltheit jedoch ändert nichts an der Universalität des Gottes. Dieser universelle Gott, der sich das kleine Volk auserwählt hat, fordert von ihm Besonderes und wird ihm besondere Züchtigungen auferlegen, wenn es nicht im Sinne der Verpflichtung lebt. Die Propheten haben die Dauer und die Zeitlosigkeit des jüdischen Volkes motiviert und ihm das Fundament verschafft, das ihm in der Fremde Hilfsmittel war. Zum ersten Male bewährt sich die Errichtung der Existenz aus dem Geisligen her in Babylon, und weiter und besser noch im Zusammenstoß mit der griechischen Kultur. Die konnte zwar Weltkultur weiden, aber die jüdische Kultur vermochte sie nicht zu erobern. Dieses kleine Volk war so auf sich und sein Eigenleben eingestellt, daß es sich von all dem Schönen und Schimmernden des Griechentums, nicht betören ließ. Nicht als ob das Zusammentreffen ganz ohne Wirkung geblieben wäre. Vieles wurde aufgenommen, aber die Eigenart blieb. Wir wissen auch, daß das nicht kampflos abging. Aber die Masse des Volkes fühlte und war sich bewußt, daß ein Aufgehen in einer fremden Art unmöglich erwünscht war, da damit sowohl die Betonung des Primats des Geistigen als auch die Aufgabe zur Verwirklichung ins Wanken geraten wäre. Daß man den Kampf mit dem Griechentum aufzunehmen wußte, beweisen die Makkabäerkämpfe. Bezogen auf den Sinn unsere Jude-seins beweist dies mehr als alles andere, wie weit die Verinnerlichung dieses Volkes gehen kann und wie tief verwurzelt seine Aufgabe in seiner Psyche ist. Aus diesem Ziel nach Vergeistigung und Verinnerlichung ergibt sich die Sehnsucht nach Erlösung und Befreiung von kleinlichen Belastungen für den Einzelnen und nach Frieden und Gerechtigkeit für die Menschheit. Universell wie der jüdische Gott ist die Idee des Messianismus. Eng ist sie verknüpft mit der Auserwähltheit und variabel sind ihre Folgen in der Geschichte. Das Christentum entstand aus jener Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden heraus; allerdings abgewandelt ins Individualistische und anlehnend an Leid und Elend des Mittelalters ist der Messianismus Träger der Bewegung um Sabbathai Zeui. Zwei Bewegungen, verschieden in ihren Folgen, aber mächtig in ihrem Impuls, gleich bezeichnend für die Kraft der jüdischen Aufgabe und immer wieder gipfelnd in Gerechtigkeit und Frieden. „Ein Volk wird nimmer gegen das andere das Schwert erheben und sie werden nicht mehr den Krieg erlernen." Gibt es ein Wort, das treffender und besser auch die ■ Sehnsucht unserer Tage und unseres Geschlechts kennzeichnet? Religion, Land, Verinnerlichung und Auserwähltheit im Sinne der Verpflichtung, stete Bereitschaft für Gerechtigkeit und Frieden, das als tiefen Sinn unseres Jude-seins erfaßt und erkannt, unseren Kindern vorgelebt, wird wieder ein lebendiges Judentum erzeugen, das das Zusammentreffen mit keiner anderen Idee zu fürchten hat und das lebensfähig sein wird in einer oder der anderen Form. Nur lebendig muß es sein, ins Leben einbezogen, wie es das immer schon sein sollte. Und unsere Zeit kann und wird dann als starke Mahnerin nicht nur eine furchtbare und traurige sein, sondern ein Wort Kasteins beweisen:;,Es ist nicht wahr, daß Gott mit den stärkeren Bataillonen ist, aber zuweilen bedient er sich der stärkeren Bataillone, damit die Menschen die innere Aufmerksamkeit nicht vergessen." R e c h a S p i e r

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