Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 2 (10.1932)
- Date
- 1932-10-01
- Page
- Seite 55 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 55 schreibt also auf die Gegenwart zu, auf seine Gegenwart, oft im Glauben an Objektivität. Ich betone: Es gibt auch Meßbares in der Geschichte, Objektives. Alte Grenzsteine, Münzen, Gesetzes- und Schenkungsurkunden, Stammbäume, Todeszahlen und einiges mehr. Man kann daraus zur Not für eine ganz bestimmte Sache und eine beschränkte Zeit eine fast objektive wissenschaftliche Studie machen. So z. B. „die Schicksale der nichtregierenden Habsburger-Prinzen im 17. Jahrhundert". Wir, die Konsumenten der Geschichtsschreiber, wollen aber mehr; und die wahrhaft großen Geschichtsschreiber wollten auch mehr. Der Mensch baut seine Auffassung aus seinen räumlich und zeitlich nächsten Vorgängen auf — Vorgängen nicht nur um ihn, sondern auch in ihm. Aber das Denken streicht über das eigentliche Nahe hinaus und sucht im Fernen für die Auffassung Bestätigung, die sich innerhalb des engsten Lebens und Sterbens gebildet hat. Der Mensch will sich verankern im Raum und in der Zeit. Das Verankern im Raum: Die Sehnsucht nach fernen Ländern und Meeren. Beim Jungen, um dort Indianer zu sein, denn in seiner Auffassung ist er hier in seiner Gegenwart Indianer, wenn auch verhinderter; und bei uns, um irgendeine unserer Auffassungen bestätigt zu bekommen, ob sie nun uns selbst oder sonst etwas betreffen, hauptsächlich solche Auffassungen, die wir lieben und die unser scharfer Verstand in dieser Gegenwart sich weigert, zu verankern. Und das Verankern in der Zeit: Für die Zukunft, also für die Zeit der noch kommenden Schmerzen, die Religion und ihre Schwestern Glaube und Aberglaube. Für die Vergangenheit die Geschichte. Wir alle sind Geschichtsverbraucher, wir alle wollen die Verankerung. Alle großen Historiker, die über ein Fachgebiet hinausgegangen sind, haben für eine Gemeinschaft geschrieben, eine Gemeinschaft von Zeitgenossen, denen sie nicht ihre Vergangenheit klären wollten, sondern denen sie helfen wollten. In der Geschichtschreibung einer Gesellschaft ist Diagnose und Therapie untrennbar verbunden. Das hat sogar zu eigenartigen Irrtümern geführt. Wer einen Heilweg angibt, ist natürlich dafür verantwortlich zu machen. Wenn aber der, der diagnostiziert, beschuldigt wird, Urheber zu sein, so ist das in der Medizin wie in der Geschichte eine eigenartige Denkverwirrung. Marx hat den Klassenkampf nicht erfunden, sondern erkannt. Jede Geschichtschreibung hat nur das Verankerungsbedürfnis ihrer Verbrauchergruppe zu erfüllen. Dabei steht es dem Historiker natürlich frei, für welche Menschen er schreiben will. Ja, es soll sogar Historiker geben, die noch für Menschen schreiben, die für uns schon 50 Jahre tot sind. Die große deutsche Geschichtschreibung des 19. Jahrhunderts — die Namen Mommsen, Treitschke, Ranke liegen uns noch im Ohr (und wir möchten hierzu am liebsten auch die Gebrüder Grimm rechnen) — mußte notgedrungen römisch-deutsch sein, für sie mußte das 16. Jahrhundert unter dem Zeichen der Reformation stehen, sie mußte ihre Krönung in der Erhebung von 1813 finden. Denn für sie galt es, ein bürgerlich-liberales, freiheitlichreformatorisches, geeintes deutsches Kaiserreich zu errichten. Man kämpfte um die Früchte von 1813, die Historiker standen mit auf Seiten der Kämpfenden. Wer aber behauptet hätte, 1813 wäre ein Ausläufer der französichen Revolution und seines letzten Exponenten Napoleon, der wäre überhaupt nicht gehört worden, und wer von den Bauernkriegen berichtet hätte, wäre vielleicht sogar gefragt worden: Wann war das? So leitet die kämpfende Bürgerschicht des 18. und 19. Jahrhunderts ihr Recht auf Kampf aus der Geschichte her, und ihre Geschichtsdarstellung und -auffassung ist wahr; der kämpfende Arbeiter wird auch seinen Kampf aus der Geschichte beweisen, und seine Auffassung ist auch wahr; und auch der Zionismus wird seine Geschichte haben müssen, um wahr zu sein. Jede Geschichtschreibung besteht also aus einem anatomischen und aus einem physiologischen Teil, der anatomische ist die Struktur, das „soweit wie möglich Tatsächliche"; das Physiologische ist die F u n k t i o n, der zusammenhängende Ablauf, den wir, so wie w i r ihn sehen, für bewiesen halten. Wir vergessen aber dabei, daß wir diesen Ablauf bewußt auf unsere Gegenwart gerichtet haben. Oder ich möchte noch schärfer sagen: Wir stehen in der Gegenwart und beleuchten mit einem scharfen Licht zunächst den Platz, auf dem wir stehen. Dann werfen wir unser Licht scheinwerferartig in bestimmte Richtungen. In der Ferne sehen wir oft nur Schattenrisse von Gegenständen. Es hängt nun ganz von unserem Standpunkt ab, was das für ein Schattenriß ist, wir können viel deuteln, ja es hängt auch von der Richtung ab, in der wir am längsten ableuchten, und immer bekommen wir ein anderes Bild unserer geschichtlichen Umgebung. Ja, oft haben wir keinen einfachen Scheinwerfer, sondern statt dessen, ohne daß wir es wissen, einen komplizierten Projektionsapparat, und sehen wir weiße Flächen, so projizieren wir unsere Auffassungen hinein und lehren sie als Wissenschaft. Wir vertragen halt keine weißen Flächen ... Wir können wieder zu ehrlicher Geschichtserkenntnis kommen. Unter zwei Voraussetzungen: 1. Jeder, der Geschichte schreibt und Geschichte treibt, studiert soweit als möglich die objektiven Einzelheiten. Das ist das Skelett, ja es sind oft nur ein paar Knochen. 2. Und rekonstruiert sich dann für seinen politischen-philosophischen Verankerungsbedarf eine ganze Geschichte. Er dichtet dann. Gibt zu, daß er dichtet. Dichtung ist nicht mehr objektiv, aber sie ist noch wahr. Ja, sie ist überhaupt das Lebendigwerden all des Wahren, das nicht meßbar ist. Wir vergessen heute, daß Wissenschaft die Wahrheit nicht umfaßt. Wissenschaft ist meßbar, meßbar ist wahr. Aber außer dem Meßbar-Wahren gibt es noch das Subjektiv-Wahre. Da Wahr ein Begriff der Ethik und damit der Wertung ist, ist es doppelt wichtig, das zu betonen. Wer Geschichte schreibt, soll unterscheiden zwischen dem Objektiven — es ist sehr wenig und oft unwichtig — und dem Subjektiven. Nur so kann Geschichte wieder zu einem Weg der Verankerung, oder sagen wir: Verwurzelung werden. Hans May. Aus der Tätigkeit der Jugendkommission Im nächsten Monat wird die alljährlich vorzunehmende Neuwahl der Vertreter der Jugendorganisationen in der Jugendkommission erfolgen. Aus diesem Anlaß wird im folgenden ein kurzer Bericht über die Tätigkeit der Kommission im letzten Jahr gegeben. Die wesentlichste Aufgabe, die der Kommission oblag, war die, den zum großen Teil unter schwierigen Raumverhältnissen arbeitenden Bünden ein geräumiges Heim zu bieten. Durch das Entgegenkommen der Gemeindeverwaltung konnte diese Aufgabe in besonders erfreulicher Weise gelöst werden. Das Anwesen Eschersheimer Landstraße 65 steht nunmehr der Jugend nahezu vollständig in drei Stockwerken zur Verfügung. Im Heim sind 15 Bünde untergebracht. Die sozialeJugendarbeit, der die Kommission schon von Beginn an ihre Aufmerksamkeit zugewandt hatte, wurde im vergangenen Jahr nach zwei Richtlinien hin konkretisiert. Im Frühjahr 1932 wurde unter dem Patronat der Jugendkommission das Tagesheim der erwerbslosen jüdischen Jugend in der Königswarterstraße 26 eröffnet. In dem Tagesheim, über das wiederholt an dieser Stelle berichtet wurde, verkehren täglich 20—25 erwerbslose männliche Jugendliche, die in verschiedener Weise durch Fortbildungsarbeit, Kurse, Sport, Spiel und Unterhaltung beschäftigt werden. Es sind Schritte eingeleitet, das Tagesheim in der Königswarterstraße weiter auszubauen und vor allem einen täglichen Werkarbedtskurs einzurichten. Darüber hinaus versucht die Kommission, dem Problem der erwerbslosen jüdischen Jugend durch die Einsetzung einer jüdischen Gruppe im Freiwilligen Arbeitsdienst zu Leibe zu rücken. Es ist anzunehmen, daß die'erste Gruppe bereits in kürzester Frist mit der Arbeit beginnen wird. Ein zweites Projekt ist in Vorbereitung. Die Kommission hat sodann die Arbeit der Bünde in verschiedener Hinsicht zu unterstützen unternommen. Neben der Ueberlassung geeigneter und ausreichender Räume im Jugendheim hat sie durch die Subventionierung der Bünde nach Maßgabe ihrer Größe und Bedürftigkeit zu einem sehr erheblichen Teil ihnen bei der Aufrechterhaltung und Ausdehnung ihrer Tätigkeit geholfen. Auch in geistiger Beziehung hat die Kommission die jüdische Jugendarbeit beeinflußt und unterstützt. Einmal durch die monatliche Herausgabe der Beilage zum Gemeindeblatt „Jugend und Gemeind e", die häufig und zum Teil regelmäßig in den Bünden durchgearbeitet wird, sodann durch eine Reihe von Jugendversammlungen und Führerbesprechungen, in denen Themen von allgemeiner Wichtigkeit behandelt wurden. Zwei weitere wesentliche Aufgaben konnte die Kommission bisher nicht zu einer befriedigenden Lösung bringen: die Anstellung eines Jugendleiters, der sich intensiv mit der jüdischen Jugendarbeit in Frankfurt befaßt, sowie die Bereitstellung der Turnhalle des Philanthropins für die Sportbünde. Es ist jedoch zu hoffen, daß auch diese Fragen baldigst gelöst werden können. Außer den genannten Arbeitsgebieten hat sich die Jugendkommission noch mit einer großen Anzahl grundsätzlicher und technischer Fragen zu befassen gehabt, die dank der ausgezeichneten Zusammenarbeit mit Gemeindevorstand und Gemeindevertretung zumeist eine befriedigende Regelung finden konnten. Philipp Falkenstein Schluss der Beilage. Verantwortlich für die Schriftleitung der Beilage: Ernst Holzer in Frankfurt a. M.