Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 2 (10.1932)
- Date
- 1932-10-01
- Page
- Seite 52 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt _Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde_ Nr. 1_____OKTOBER 1931 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an den Schriftleiter der Beilage, Ernst Holzer, Corneliusstrasse 8, zu richten, JUGEND, GESCHICHTE, GEGENWART Die geschichtliche Aufgabe der Jugend Geschichte ist die Kontinuität im Raum und in der Zeit. Geschieh tsbe wu ß t s e i n ist also das Bewußtsein von dieser Kontinuität. Alte Völker, alte Gemeinschaften, haben ein festes, weil in langen und unterschiedlichen Zeitläuften geprägtes Geschichtsbewußtsein. Jungen Völkern mangelt es. Gemeinschaften nun, die von außen her häufig und hart bedroht werden, haben dieses Geschichtsbewußtsein in besonders starker Betonung, sie erleben es, von außen angezweifelt, täglich neu. Sie kommen dadurch zu einer mehr als selbstverständlichen Bejahung ihres Gruppen-Ich. In dieser Lage befinden sich die Juden. Dem gereiften Volk ist die Frage nach der Verbindlichkeit des Geschichtsbewußtseins, die Frage also, ob der einzelne Voiksangehörige auch „national" denkt oder nicht, fremd, Junge, gärende Völker, müssen dauernd diese Frage stellen. Gereiften Menschen ist die Frage nach dem Sinn ihrer Existenz, nach dem Zweck ihres Lebens, fremd. Als ob man den Baum fragen könnte, warum er blüht, das Tier, warum es sich fortpflanzt! Der junge Mensch dagegen, in der gärenden Glut seiner Jugend, muß die Frage nach dem Sinn des Lebens, nach dem Sinn seines So-Lebens, immer wieder stellen. Er ist aber ferner dazu bestimmt, das Nein in die Welt zu setzen, das die Vergreisung des Gewordenen verhindert. Jugend ist wie der Hecht im Karpfenteich. „Das Gleiche läßt uns in Ruhe, aber der Widerspruch ist es, der uns produktiv macht" (Goethe). Dieser ewige Widerspruch ist die historische, die geschichtliche, die Geschichte machende Aufgabe der Jugend. Die geschichtliche Aufgabe jeder Jugend. Auch der jüdischen. Auch sie hat die Sendung, der These, die die reifen Menschen hingestellt haben, damit sich nach ihr das Leben gestalte, die Antithese entgegenzustellen, damit aus ihr die neue These werde. So daß der Fluß des Lebens, des Werdens erhalten bleibt. Jugend kann also kein Selbstzweck sein, so wenig wie Jugend Ziel sein kann. Jugend kann und soll Beginn, kann und soll Forderung, nicht Erfüllung sein; Jugend soll aufregen, erregen, anregen. Denn: „man erwirbt sich vielleicht durch das, was man erregt, mehr Verdienst als durch das, was man selbst vollbringt" (Goethe). Diese beiden aber: einmal die Kontinuität der Geschichte und ihr geistiger Niederschlag, das Geschichtsbewußtsein, und dann die negierende Tätigkeit jeder Jugend und ihr geistiger Niederschlag, ihre revolutionäre Haltung, das sind die Spannungen, in denen jede Generation, jede Epoche lebt, mit denen sie fertig werden muß, und sei es auch unter heftigen Kämpfen. Die Kontinuität im Raum und in der Zeit. Für die Juden ist diese Kontinuität die jüdische Gemeinde. In ihr lebt der Jude sein Judentum, leben alle Juden ihr Judentum. Leben nicht nur ihr Judentum, sondern leben auch das Judentum ihrer Väter. Bauen die Brücken in die Zukunft. Ob in der Diskussion diese jüdische Gemeinschaft definiert wird als Volksgemeinschaft oder als Religionsgemeinschaft, als Schicksalsgemeinschaft oder als Blutsgemeinschaft oder als Kulturgemeinschaft: das ist völlig gleichgültig. Sie war, sie ist und bleibt eine Verantwortungsgemeinschaft. So sieht es der Jude, der sich berufen fühlt, „eine Geschichte der Juden" zu schreiben. Sein „Buch will zeigen, wo die Verantwortung und also der Sinn in der Existenz des jüdischen Volkes liegt" (Kastein). Die Verantwortung und also der Sinn! So sieht es der Juden-Gegner: „Alle scharfsinnigen Begriffsbestimmungen treten zurück vor der Tatsache, daß jemand als Angehöriger einer Verantwortungsgemeinschaft angesprochen wird." „Wir wollen also . . . jeden, der wirksam als Angehöriger der jüdischen Verantwortungsgemeinschaft angeredet werden kann, als Juden .gelten lassen" (Günther, im Augustheft der Europäischen Revue). Diese Verantwortungsgemeinschaft, das ist die Totalität jüdischer Existenz in Raum und Zeit, ist die Demonstration ihrer geschichtlichen Kontinuität. Jeder Jude, ob er sich religiös oder national oder sonstwie immer als Jude fühlt, muß als Angehöriger dieser Verantwortungsgemeinschaft gelten. Unsere alten Weisen sagen: „Kol jisroel arewim se lose". Ganz Israel ist einander verantwortlich. Wir wissen es. Wir tragen an dieser Verantwortlichkeit schwer genug. Die Bejahung dieser totalen jüdischen Lebensgemeinschaft schließt aber nun ein, daß alle Widersprüche, alle Gegensätze in ihr gelöst werden, daß alle Kämpfe innerhalb ihrer Mauern ausgekämpft werden. So forderte -und ermöglichte es die jüdische Gemeinschaft, daß der Kampf um die Autoemanzipation, um die Aufnahme westeuropäischen Lebensgutes, innerhalb des Judentums ausgetragen wurde. Die Notwendigkeit, sich mit der Taufe das „Entreebillett in die europäische Kultur" (Heine) zu erwerben, bestritt sie mit Recht auf das heftigste. Aber sie mußte damit das Zugeständnis machen, daß die jungen Menschen, die sich dieser neuen Kultur verbunden fühlten und verbinden wollten, Unruhe, Verwirrung und Auseinandersetzung in die Ruhe der kehilloh trugen. Es ist auch bei der heute viel berufenen „Roten Assimilation" nichts anderes. Auch dieser Kampf, der Klassenkampf, muß genau so wie der Kampf um die westliche Kultur, wie die religiösen Kämpfe früherer Zeiten ausgefochten werden innerhalb des Judentums. Und niemals hat die Gemeinschaft das Recht, die Türe zu schließen vor denen, die diesen Kampf ansagen; denn damit würde sie selbst die geschichtliche Kontinuität zerbrechen. „Wir erkennen" sagt Kastein, in der Geschichte der Juden*) „als das Wesentliche und Bezeichnende niemals den Zustand, sondern immer die Bewegung." Die innere und die äußere Geschichte dieses Volks verläuft in Bewegungen, die sich im geistigen und im weltlichen Raum vollziehen. Zeit, sagt Bergson, ist Bewegung im Raum. So gesehen, steht die Geschichte des Judentums in der Zeit schlechthin." Wenn Kastein Recht hat, dann ist diese Bewegtheit, diese Bereitschaft, den materiellen und geistigen Errungenschaften der Vergangenheit, dem Gewordenen, das Nein entgegenzuschleudern, Anstoß zu erregen und damit die Agonie der Seelen zu verhüten, ist diese Bewegtheit und diese ewige Bewegung des jüdischen Menschen seine Aufgabe, seine Sendung. Dann erfüllen aber im jüdischen Kreise diejenigen jungen Juden, die die Führer und Träger der „roten Assimilation" dergestalt sind, daß sie die geistige Haltung der neuen Zeit und ihre neue Aufgabe der überkommenen jüdischen Gestalt angleichen, den jüdischen Menschen so hineinstellen in diese neue Zeit, dann erfüllen sie einen eminent jüdischen Beruf. Die Menschen der Jugendbewegung, die um die Jahrhundertwende einer verknöcherten atomisierten Vereinzelung gegenüber den Traum von einer Gesamtheit, einem Volkstum, einer Gemeinschaft, vorträumten, die ihr Totalitätsstreben zu verwirklichen suchten, sie haben es verwirklicht, denn sie leben weiter in allen jungen Juden, die heute das Bewußtsein von der Kontinuität jüdischer Geschichte haben, es als selbstverständlich anerkennen. Und wenn heute eine neu gewachsene Jugend, die Jugend nach dem Umsturz aller politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten, den historischen Widerspruch erhebt, so tut sie das in vollkommenem Geschichtsbewußtsein, in vollkommener Verbundenheit mit der jüdischen Gemeinschaft. So kämpft sie gegen das heutige, vergängliche Bild dieser Gemeinschaft, weil es ihre Gemeinschaft ist, die sie als die ihre weiß, und so und damit erfüllt sie ihre Aufgabe, Nein zum Heute zu sagen und mutig für das Morgen sich zu stellen, als eine jüdische Aufgabe: die geschichtliche Aufgabe jeder jüdischen Jugend. Ernst Holzer. *) Josef Kastein, Eine Geschichte der Juden. Ernst Rowohlt-Verlag. Berlin 1951.