Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 2 (10.1932)
- Date
- 1932-10-01
- Page
- Seite 33 (sequence 11)
- Language
- German
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Seite 33 Ein Manifest des Geisfes Von S. Me Beim Stöbern in meiner Bibliothek fand ich kürzlich ein nach Form und Inhalt höchst eigenartiges Buch, das 1893 in Berlin erschienen ist. Das Buch, im Folioformat auf Kunstdruckpapier gedruckt, trägt die Ueberschrift: „Freiheit, Liebe, Menschlichkeit. Ein Manifest des Geistes von hervorragenden Zeitgenossen". Ueber den Geist, der in diesem Buche herrscht, und über den Zweck, dem es dienen soll, gibt das Geleitwort einen klaren Begriff. „Der Kampf ist da", heißt es darin, „als dessen Siegespreis die Antisemiten den herrlichsten Edelstein aus dem unantastbair-n Schmuck der Germania zu gewinnen hoffen, der Kampf um die wertvollste Errungenschaft des modernen Staatslebens, der heiße Kampf um die dem deutschen Volke verfassungsmäßig gewährleistete Gleichberechtigung! In jedem Krieg entscheidet aber vor allem die geistige Bedeutung der Führer, denn das Vertrauen zu diesen nährt und weckt kampfesfreudige Begeisterung und trägt im selben Maß zur Erhöhung der Siegeszuversicht bei, wie es lähmend wirken muß auf die gegnerischen Scharen, die wahrhaft Edelsten einer großen Nation in geschlossenen Reihen sich feindlich gegenüber zu sehen! Solche Führer unter einer Fahne zu vereinigen wider den Antisemitismus, das war der leitende Gedanke des vorliegenden Werkes. Der Geist der Humanität, der Geist der Wahrheit riefen die Getreuen auf und — alle, alle kamen." In der Tat kamen alle, die damals zur geistigen Elite Deutschlands zählten, um in einem Manifest des Geistes dem Antisemitismus die Spitze zu bieten. Das Buch „Freiheit, Liebe, Menschlichkeit" enthält Beiträge von mehr als hundert geistigen Männern und Frauen, u. a. von Gerhart v. Amyntor, Ludwig Barnay, Victor Blüthgen, M. G. Conrad, Felix ' Dahn, Georg Ebers, Ernst Eckstein, Moritz v. Egidy, Johannes Fastenrath, Martin Greif, Paul Heyse, Wilhelmine von Hillern. Hans Hopfen, Wilhelm Jensen, Max Kalbeck, Hieronymus Lorm, Hermione v. Preuschen, Julius Rodenbenr, Otto Roquette, Bertha v. Suttner, Gundaccar v. Suttner, Albert Traeger, Johannes Trojan, Anton v. Werner. Hermann Lingg liefert gleichsam als Motto zu dem Buche folgenden Vierzeiler: „Trost zu spenden, Schmerz zu lindern, Licht zu wecken weit und breit. Freiheit allen Erdenkindern! Freiheit, Liebe, Menschlichkeit." Richard Freiherr v. Krafft-Ebing schreibt: „Eine recht befremdliche und bedauerliche Erscheinung im Kulturleben gesitteter Nationen Europas stellt der die Gemüter verrohende is els Klassen- und Rassenhaß dar. Für den Kenner der Kulturgeschichte ist diese geistige Epidemie kein Novum. Vom psychiatrischen Standpunkt fragt es sich nur. ob diese Erscheinung die Bedeutung einer Kinder- oder Greisenkrankheit im Leben der von ihr heinigesuchten Völker hat. Ich glaube das Erstere annehmen zu müssen, denn die Entw'u-kliMi^sfähi^keit des menschlichen Geistes ist noch lange nicht an ihren Grenzen angelangt, unsere jetzige Kulturstufe vielmehr eine relativ noch niedere. Sind doch große Mehrheiten der heutigen sich für gesittet haltenden Menschen noch weit entfernt von jenem Evangelium der allgemeinen Menschenliebe, das der erhabene Stifter der christlichen Religion vor bald 1900 Jahren ihnen verkündet hat, von jener Höhe der sittlichen Entwicklung, die sich als internationaler moralischer Sinn bezeichnen läßt." Hermione v. Preiischen-Telmann faßt ihr Urteil über den Antisemitismus im nachstehenden Satz ztisama.en: „Der Antisemitismus ist der stärkste Beweis gegen die Schraubentheorie der emporsteigenden Zivilisation." Otto Julius Bierbaum äußert sich sehr scharf gegen den Antisemitismus und meint: „Wen Gott liebt, den züchtigt er. Demnach scheint es wirklich, daß die Juden noch heute das Volk Gottes sind, denn die Zuchtrute des Antisemitismus, so struppig und ruppig sie ist, wird am letzten Ende doch nur ihnen von Nutzen sein. Wer "da sieht, von welchen Händen sie zumeist geschwungen wird, muß Sympathie für die empfinden, denen sie droht." Peter Rosegger sehreibt kurz und bündig: „Drei Richter verbieten es mir, fremde Völker als solche zu hassen: Die Menschlichkeit, die Geschichte und das Christentum." Julius Stettenheiin gibt nachstehendes „Im Konzert" betiteltes Gedicht zum besten: ,.Du bist wie eine Blume. Ein wundervoller Text, Das ist das Lied der Lieder. Das hat mich schier behext! Ich finde auf dem Programme v Des Dichters Namen nicht, Es ist gewiß von Goethe, So deutsch, so tief, so schlicht. „Das Liedchen ist von Heine." Ein Jude machte das Lied*? Jetzt find' ich's ganz abscheulich, Ich bin Antisemit." Produktive Abwehr Von Benno Kolin Wie immer man zu den Methoden der Abwehrarbeit stehen mag, so viel steht fest, daß es keine bessere Möglichkeit gibt, die Angriffe auf die jüdische Gemeinschaft abzuwehren, als durch kollektive jüdische Leistungen. Daher gewinnen gerade in der jetzigen Zeit solche Leistungen und produktive Schöpfungen jüdischer Gemeinschaften ihre besondere Bedeutung. Wer sich je mit den Fragen der jüdischen Berufs- Schichtung und der daraus erwachsenen sozialen Schichtung befaßt hat. kennt zur Genüge die Anomalien der jüdischen Gesellschaft und weiß, welche schwere Schäden uns durch diese ungesunde Struktur beigebracht wurden. Es ist bekannt, welche Umstände dazu beigetragen haben, die Juden im Mittelalter und in der neueren Zeit aus den landwirtschaftlichen Berufen und vom Land überhaupt zu verdrängen. Weniger bekannt aber sind die Tendenzen, die dazu führen, wieder eine möglichst große Zahl von Juden in die Landwirtschaft überzuführen. Diese Tendenz eines großen Teils" der heutigen jüdischen Jugend, wieder zu landwirtschaftlichen Berufen zurückzukehren, entströmt drei Quellen. Die wichtigste ist zweifellos die neu erwachende jüdische Landwirtschaft in Palästina und anderen Ländern, die gezeigt hat, daß Juden für die Landwirtschaft, wenn sie genügend vorbereitet sind, .keineswegs ungeeignet sind, und daß sie mit Liebe und Energie sich wieder ganz in diesen Beruf hineinleben können. Dann aber hat auch die Jugendbewegung, die einen großen Teil der jüdischen Jugend während der letzten 20 Jahre erfaßt hat, dazu geführt, Menschen zu einem natürlicheren Leben, zu einer stärkeren Verbundenheit mit der Natur und ihren Kräften zu bringen, und hat bewirkt, daß die von der Jugendbewegung erfaßten Menschen, in ihrem Streben nach einer gesunden, natürlichen Formung ihres Lebens, diese Tendenzen auch bei ihrer Berufswahl mitsprechen lassen. Es ist daher erklärlich, daß die meisten Jugendlichen, die zum landwirtschaftlichen Beruf übergingen, aus den Jugendbünden stammten. Schließlich aber hat gerade in den letzten Jahren die wirtschaftliche Krise dazu geführt, auch jüdische Menschen wieder zu dem Beruf zurückzuführen, der in jedem unter normalen Verhältnissen lebenden Volk den größten Teil der Berufszugehörigen III L.EP5TEIN SCHILLERSTRASSE 2 Das neue SPEZIAL-GESCHÄFT für Herren- und Damenwäsche. Für Herbsf und Winter reich sortiert in Strümpfen und Trikotagen erster Marken wie EI b e O, Ribana, Kübler.