Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-10-01 · 2 (10.1932) · p. Seite 32

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
2 (10.1932)
Date
1932-10-01
Page
Seite 32 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3094266-3094386-3094388--3340-3098110
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 32 Musik, hat aber die individuellen Merkmale ausgebildet, die wir in der jüdischen Musikentwicklung der ganzen Welt finden. Das orientalische Volkslied ist einfach und übersichtlich im Bau, der Tonumfang ist meist klein, eine Art von Moll zeigt mehr oder weniger ausgebildete Tondifferenzierung, also die Neigung zu kleineren als Halbtonintervallen. Die Rhythmik ist irregulär, d. h. die Schwerpunktverteilung erfolgt nicht in regelmäßigen Abständen, wodurch das entsteht, was der europäische Musiker mit „Taktwechsel" zu bezeichnen pflegt. Deutlich ist die Abhängigkeit des Rhythmus von Sprache, Atem, Körperbewegung. Wo Lieder aus dem Arabischen ins Hebräische übernommen wurden, hat sich der Rhythmus der Sprache angepaßt, wodurch häufig prinzipielle Veränderungen der musikalischen Struktur und des Gesamtcbarakters entstehen. Aus Zeiten, die eine nahe Berührung mit der arabischen Kultur brachten, sind fundamentale metrische Einflüsse geblieben. Durch die Mischung des arabischen Metrums und des jüdischen Rezitativs entstehen bisweilen absolut organische, originelle und sehr reizvolle Gebilde. Instrumentalbegleitung der Lieder spielt eine weit geringere Rolle als in der arabischen Musik. Der weltliche Text des jüdisch-orientalischen Volkslieds, welches das ganze Leben der Juden begleitet und durchzieht, hat fast immer einen mystischen Nebensinn: dies ist im Inhaltlichen ein wesentlicher Unterschied zum nichtjüdischen orientalischen Volkslied. Eine Anzahl der Lieder sind aus Spanien und Osteuropa in den Orient verpflanzt worden. Manche von ihnen haben sich an den orientalischen Charakter assimiliert, anderen spürt man ihre abendländische Herkunft deutlich an. Zur Konkretisierung veröffentlichen wir ein Notenbeispiel. Es handelt sich um eine sogenannte „Schirah" für den Sabbath. Die Uebersetzung des ersten Verses lautet: „Singet dem Gotte, ihr Weisen, die Lieder meines Jubels Sabbath und Mondbeginn ist dieser Tag dem Ewigen. Herrlichkeit ist sein Name. Tut es allen kund und lasset es hören. Spielet, jubelt vor dem Könige, dem Herrn!" Jiii^r. 5al»bati.-U"d <Uf jtme»^l«njMtt.. täin, Ü jb J rj*+£ j, . j j- -. -m4 .«•-«»j =ti j j\u Stkth-baH. «<■- frT *M i: ÜSiil =^F^ in 4^=^ ini 4^ ifeh im =£= lin b jimi «f(p. TM«ld««*.l*Hwi- <N.MlUal.'t>olzMi.' ppp^f " r«cl.tt>0rffi | | „| duch jo«. S«i U - «. II 3a-Kar ltlit «•o bo - F jiu £-— £ ■" ' (Lf^cJ uuu * J J m m »VAni ... aUiiV t±±± zt^rü. ±=± =Mr-rrii.J-r. Wf m ■ J7iuTtear*hMlUal! (nn fcil»»! ffe (,>-*£. - «IC- 31, Es handelt sich also um eine Verherrlichung Gottes als des Sabbathspenders. Der Rhythmus ist tanzhaft — die jemenitischen Juden tanzen besonders gut. Unregelmäßigkeiten des Taktes entstehen an einigen Stellen, wo sich das Sprachmetrum dem Grundrhythmus nicht fügen will. Sie sind ganz organisch in den melodischen Fluß einbezogen; der Orientale bewältigt so etwas spielend, ja es gehört sogar zu seinen vitalsten Temperamentsäußerungen, da es der natürliche Ausdruck seines kontrastreichen Affektlebens ist. Der Tanz wird nur von Männern ausgeführt: er beginnt in langsamem Tempo und steigert sich aufs äußerste. Der Charakter der Tonart hat Aehnlichkeit mit der arabischen Makame Nawa. Die Melodik ist fünftönig, nur im ersten Motiv findet sich ein Terzsprung, sonst herrscht .stufenweise Fortbewegung. Man denkt etwa an unser Dur, aber die ganze thematische Struktur, die Art, wie der Tonbestand verwendet wird, hat mit europäischer Musik-Produktion nicht das geringste zu tun. Es ist erstaunlich, mit wie primitiven Mitteln hier ein durchaus originales und frisches Lied mit erstaunlichen Steigerungsmöglichkeiten entstanden ist. Dieses Beispiel ist verhältnismäßig leicht für uns zu verstehen, und es finden sich bei Idelsohn viele ähnlicher Art. Trotzdem darf man diese Einfachheit nicht als Norm ansehen und sich daraufhin einbilden, daß man jetzt einen Einblick in diese Seite unserer Musik gewonnen hat. Die meisten Lieder sind vielmehr von komplizierter Gliederung, differenzierter Tonalität, diffizilem rhythmischem Gepräge. Man muß sich schon mit großer Hingabe in das Studium der jüdischen und der arabischen Musik vertiefen, um das Verständnis für diese, hohe Kunst auszubilden. Ebenso heikel ist die Bearbeitung derartiger Gesänge, die europäischen Praktiken aufs hartnäckigste widersteht und absolut individuelle Maßnahmen erfordert. Das wertvollste Neu jahrsgeschenk in diesem Jahre: fllM Eine Versicherung durch die Hilfe Versicherungsverein a. G. für Mitglieder der jüdischen Ersfer jüdischer Versicherungsverein unter Aufsicht des Reichsaufsichtsamts für Privafversicherung. — Angelehnt an die Victoria zu Berlin. Vertragsgesellschaft des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, und des Hessischen Landesverbandes gesetzestreuer Synagogengemeinden. Bei niedrigsten Monatsprämien ausreichenderVer- 8icherung88chutzl / Keine ärztliche Untersuchung. Verlangen Sie sofortigen Vertreterbesuch. Geschäftsstelle Frankfurt a. M.s Palmstr. 7

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.