Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-10-01 · 2 (10.1932) · p. Seite 31

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
2 (10.1932)
Date
1932-10-01
Page
Seite 31 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3094266-3094386-3094388--3339-3098109
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 31 Polens — die Frage der Esrogimbesehaffung für die große polnische Judenheit löste. Die Judenkronältesten in Polen — die Führer dieses „Waad" — hatten neben vielem anderen auch den Einkauf der „rituellen Südfrüchte" zentralisiert — er war sozusagen Alleinhandelsmonopol des „Waad". Sie ernannten kraft ihrer Machtvollkommenheit einen geeigneten Juden zum „General-Esrog-Einkäufer" für die ganze polnische Judenheit, der in Breslau seinen Wohnsitz hatte und sogar das allen anderen Juden venvehrte Recht auf längeren Aufenthalten in Breslau erhielt. Dort übernahm er die aus Italien gekommenen „Aepfel, Myrten und Palmen" von einem Breslauer christlichen Kaufmann, der sie dort bestellt hatte. Der Verdienst des „Paradiesäpfeljuden" an diesem Geschäft — im Jahre 1701 betrug der Wert der aus Italien importierten Ritualien 700 Rtl. — scheint groß gewesen zu sein; daher kam es auch zuweilen zu Streitigkeiten über die Besetzung dieses wichtigen Außenhandelspostens der polnischen Judenheit. Einmal griff sogar ein polnischer König, Johann III. Sobiesky. i. J. 1693 in einen solchen Konflikt zweier Anwärter auf den Posten eines Paradiesäpfeljuden durch ein Schreiben an den Breslauer Rat ein3) — vermutlich auf Veranlassung der polnischen Judenältesten, die den von ihnen eingesetzten „Esrauger" vor Konkurrenz schützen wollten. Nach dem Vorbild der böhmischen, mährischen und pol nischen Juden versuchten auch die deutschen Juden, soweit sie in Gemeinden oder Territorialverbänden organisiert waren, die Esrogbeschaffung sicherzustellen und zu zentralisieren. Die größte deutsche Gemeinde jener Zeit, die Frankfurter Gemeinde, ließ sich wahrscheinlich ihre Esrogim über Nürnberg aus Italien zuschicken, wie wir dies von der aschkenasischen Gemeinde zu Altona- Hamburg sicher wissen. Die sephardische Judengemeinde Hamburgs, die sich ursprünglich selbst die Esrogim besorgt hatte, zog es daher 1666 vor, „mit den Juden in Frankfurt a. M. eine Vereinbarung zu schließen, damit .sie uns alljährlich zur geeigneten Zeit 16 oder 20 Paradiesäpfel schicken. Der Preis hierfür 'darf bis zu 30 Rtl. betragen."4) Später ließen sie sich von der inzwischen erstarkten aschkenasischen Judengemeinde von Altona-Hamburg ihre Esrogim mitbesorgen. Diese hatte der Esrogimbesehaffung gleich in ihrem ersten Gemeindestatut 3) Breslauer Stadtarchiv. MMM 220. 4) Jahrb. d. jüd. lit. Ges., X, 1912, S. 2S6. v. J. 1686 einen Platz in den §§ 98—100 angewiesen; wie man wohl annehmen kann, nach dem Beispiel älterer deutscher Gemeinden und der östlichen Zentralorganisationen. Aus diesen Paragraphen können wir uns ein Bild über die mit der Beschaffung und Verteilung der Esrogim verbundenen Schwierigkeiten und Zeremonien machen.5) Die Gemeindekassierür hatten den Auftrag, bei den italienischen Lieferanten „70 Stück auserlesener Früchte" nebst 70 Palmenzweigen und 140 Myrtensträußen zu bestellen. Diese mußten in einer besonderen Schachtel, die den Vermerk „für die Altonaische Gemeinde" trug, verpackt werden (in eine besondere Schachtel wurden auch die gleichzeitig geschickten Esrogim für die Hamburger sephardische Gemeinde gelegt). Durch einen speziellen Esrogjuden wurden die Früchte aus Italien über Nürnberg nach Hamburg gebracht; die Hamburger Gemeinde hatte sich sogar einen besonderen Paß vom Kaiser für diesen Esrogjuden ausstellen lassen, so daß er seine kostbare Ware von Italien aus ohne jede Belästigung und Untersuchung durch Zollbehörden nach Hamburg führen konnte. Einen Tag vor der Eröffnung der Esrogkisten sollte dies in den Synagogen durch die Schulbedienten öffentlich bekannt gemacht und etwaige Reflektanten aufgefordert werden, sich beim Gemeindekassierer vormerken zu lassen. Bei der Eröffnungszerenionie durften nur die Spitzen der Gemeindebehörden — d. h. der Oberrabbiner, die Aeltesten, Nebenältesten, Beisitzer und Gemeindekassierer — zugegen sein; unbefugte Teilnehmer hatten als Strafe einen Reichstaler zu entrichten. Dann folgte die vom Oberrabbiner vorgenommene Verteilung. Wie teuer, wertvoll und selten die Esrogim damals waren, zeigt die Liste derer, denen sie von Gemeindewegen zugewiesen wurden. Es erhielt die große Hamburg-Altonaer Gemeinde 6 Esrogim, die Wandsbeker Gemeinde 2, die Harburger, sowie die in der Nähe sich befindenden kleineren Gemeinden, in welchen ein Gottesdienst stattfand, je 1 Esrog; ferner erhielten die amtierenden Aeltesten und Nebenältesten 6 Esrogim, die durch das Los verteilt wurden. Nach ihnen kamen die früheren Aeltesten und Nebenältesten, die Gemeindebeisitzer, sowie die Gemeindekassierer an die Reihe. Die verbleibenden, gewiß nicht mehr sehr zahlreichen Früchte wurden unter die Gemeindemitglieder, die sich beim Kassierer hatten vormerken lassen, verlost. 6) Mitf d. Ges. f. jüd. Volkskunde 1905, H. 11, S. 3T. Orientalisch-jüdische Musikkunde Von Alice Jacob- Loewenson Abraham Zwi Idelsohn, ein Meister der jüdischen Musikforschung, stammt aus Libau in Kurland, wo er am 1. Juli 1882 geboren wurde. Seine musikalische Ausbildung erhielt, er in Königsberg, Berlin und Leipzig. Nach einer zweijährigen Kantoratstätigkeit in Regensburg begab er sich im Jahre 1905 nach Südafrika und 1906 nach Jerusalem. Aus jener Zeit stammen seine Studien über orientalische Musik und die Gründung des dortigen Instituts für jüdische Musik und einer jüdischen Musikschule. Nach vorübergehendem Aufenhtalt in Berlin lebt er seit 1922 in Amerika. Seit 1924 wirkt er am „Hebrew Union College" in Cincinnati. Demnächst sollen die restlichen vier Bände des „Hebräisch-Orientalischen Melodienschatzes" (bei Friedrich Hofmeister in Leipzig) erseheinen. In den zehn Bänden des Gesamtwerkes ist damit die großartigste Sammlung der Gesänge der Weltjudenbeit geschaffen, die es bis heute gibt. Die Umwälzung in der Betrachtung jüdischer Musik, die sich im letzten Jahrzehnt vollzogen hat, danken wir ohne allen Zweifel den Forschungen und Sammhingen A. Z. Idelsohns. Säße Idelsohn nicht „so weit vom Schuß", würde man viel besser wissen, was er geleistet hat. So aber können wir nur die Auswirkungen notieren, und den Dank erhalten meist Kräfte, die ihn am wenigsten verdienen. Vor Idelsohn wußte man kaum etwas von orientalisch-jüdischer Musik. Es gab vielleicht in einigen wenigen instinkthafteren Geistern die Ahnung, daß das Beste, was in der jüdischen Musik Europas (insbesondere der osteuropäischen) steckt, vom Orient kommt. Tatsachenmaterial, das halbwegs zuverlässig war, oder gar faktisches Wissen gab es gar nicht. Nun liegen Idelsohns Phonogramme und Sammlungen vor — und eine neue Welt ward uns erschlossen. Wenn wir hier gerade auf diese Seite seiner Bedeutung hinweisen, so geschieht es deshalb, weil sie uns als seine produktivste für Historie, Gegenwart und Zukunft der jüdischen Musik erscheint. Für die Historie: weil sie die Ursprünge aufzeigt. Für die Gegenwart: weil sie aufschlußreiche Zusammenhänge zwischen der Musik des Orients und der Musik der Moderne hat sehen lassen. Für die Zukunft: weil diese Zusammenhänge sich aller Voraussicht nach in der Produktivität des jüdischen Musikschöpfers von morgen mehr auswirken werden, als die jüdische Musik des Abendlandes. Noch interessanter als die orientalisch-jüdische Synagogalmusik — die immerhin gewisse Aehnlichkeit mit der europäischen aufweist — ist die orientalisch-jüdische Volksmusik. Sie ist reinster Orient, aber jüdischer Orient, d. h. sie untersteht den musikalischen Gesetzen der orientalischen fjuwehe 'uweltere Altbekannte Qualität KAISERSTRASSE 12 O. (oJilberschrniecle Neue zeitgemäße Preise

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.