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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-10-01 · 2 (10.1932) · p. Seite 29

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
2 (10.1932)
Date
1932-10-01
Page
Seite 29 (sequence 7)
Language
German
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Seite 29 Die erhabenen Tage in der Kunst Von Dr. Hermann Gundersheimer Wem bekannt ist / wie geheim die Juden heut zu Tag die Sachen / so ihren Gottesdienst betreffen / zu tradieren / und / so vielmöglich vor denen Christen zu verbergen pflegen I wird mir sonder Zweifel zugeben müssen / dass etwas gründliches von demselbigen zu schreiben / una ihre dabey gebrauchten Ceremonien deutlichzu entwerfen/sehrschwehrfalle. Mit diesen Worten, die den psychologischen Hintergrund für manches falsche Urteil über Juden und jüdische Gebräuche aufdecken, beginnt die Einleitung eines stattlichen mit vielen Kupferstichen versehenen Werkes aus dem 18. Jahrhundert. (Paul Christian Kirchner, Jüdisches Ceremonieli oder Beschreibung derjenigen Gebräuche, welche die Juden ... in acht zu nahmen pflegen. Nürnberg, 1724, verlegt bei Peter Conrad Monath.) Es ist keineswegs ein von den Juden gehegtes Geheimnis, sondern nur des Autors gequältes Suchen nach Fremdartigem und, wie ihm scheint, Geheimnisvollem, das den Inhalt seines Buches bestimmt. Wer nach diesem Werk — es sei hier aus der großen Reihe möglicher Beispiele herausgegriffen — sich über die Zeremonien der Juden unterrichten wollte, mußte zu Vorstellungen gelangen, die nicht nur ungenau, sondern sogar unwahr waren. Auf Grund solcher Schilderungen aber unterrichteten sich in jener Zeit auch die Künstle!-, die ein jüdisches Thema zu gestalten hatten. Was gerade in dem Buche Kirchners an Kupferstichen mit Szenen aus dem Leben der Juden zu finden ist, beweist, wie beziehungslos der Zeichner der Stiche zu der Aufgabe war, die ihm der Verleger übertragen hatte. Zwar ist gesagt, daß die Tafeln ..den Herrn Verfertiger nicht wenig Mühe gekostet/ als welcher hierinnen nicht nach seiner Phantasie hat handeln wollen/ sondern vieles davon in Augenschein zu nehmen Gelegenheit gehabt/ und alles mit den Juden conferiret/ welche selbst ein- und anderes ihm an die Hand gegeben/ bisweilen etwas corrigiret/ und sich im übrigen die Arbeit wohl gefallen lassen." Nirgends aber könnte die Fragwürdigkeit alter Illustrationen jüdischen Lebens und jüdischer Gebräuche eindringlicher ausgesprochen sein, als in diesem empfehlenden Berichte. Die Nichtjuden, die sich mit der Herstellung solcher Stiche beschäftigten, waren meist ohne jede tiefere Einsicht in den Sinn der Zeremonien, die sie reproduzierten, und die Juden, die gelegentlich um Korrekturen gebeten wurden, „ließen sich die Arbeit wohl gefallen"! Künstler, deren Leistung unter dem Gesichtspunkt der Qualität bedeutend sein mag, wurden zu Aufgaben herangezogen, die zu lösen ihnen versagt sein mußte: wenn schon der Forscher mit dem Glauben an ein undurchdringliches Geheimnis die Fragen des jüdischen Zeremonials aufwarf — der bildende Künstler, zu allen Zeiten dem Mystisch-Romantischen leichter zugänglich, sah hier alle Möglichkeiten vor sich, die bescheidenen Gegebenheiten phantasievoll zu übersteigern. So kommt es, daß das festliche Leben der Juden in den Darstellungen nichtjüdischer Künstler keinen Hauch jener einzigartigen Stimmung und feierlichen Haltung erhält, die für uns in Wahrheit die spezifisch festlichen sind. Sogleich drängt sich hier die Frage nach der Wiedergabe jüdischer Feste und Gebräuche aus der Hand jüdischer Künstler auf. Derartige Darstellungen sind bis zum 19. Jahrhundert äußerst selten, nicht weil es an jüdischen Künstlern gefehlt hätte, sondern weil — abgesehen von den beliebten Illustrationen der Haggada und gelegentlich der Megilla — ein Bedürfnis nach bildmäßigem Schmuck bei den Juden kaum bestand. Die Gründe hierfür sollen an dieser Stelle nicht aufgedeckt werden. Erinnert sei nur an die zu manchen Zeiten besonders strenge Auswirkung des Abbildverbotes der Heiligen Schrift. Erst Moritz Oppenheim machte das religiöse Leben der Juden und ihre Zeremonien „bildwürdig". Eine Reihe späterer jüdischer Maler hat mangelnde Begabung durch Verniedlichung und Versüßlichung des Gegenstandes zu verdecken versucht, und so die erfreulichen und gesunden Ansätze zur Darstellung jüdischer Themen in weiten Kreisen diskreditiert. Wenn hier von der Auswirkung der „Jomim nauroim", der Erhabenen Tage vom Neujahrsfest bis zum Ende des Laubhüttenfestes, auf das Schaffen der Künstler gesprochen wird, so kann es sich nur um die Feststellung der Kultgegenstände handeln, die ihrer Herkunft und ihrer geschmacklichen Durchbildung wegen Anspruch erheben dürfen, als kunstgewerbliche Leistungen gewertet zu werden. Zu allen Zeiten des Jahres und bei jeder Gelegenheit empfängt die Synagoge von ihren t e x t i 1 e n Ausstattungsstücken -Stimmung und Charakter. Der. t e x t i! e S iii m u c k ist es auch, der die erhabene Größe des Neujahrsfestes und des Versöhmmgstages unterstreicht, er manifestiert die freudige Feier des Laubhüttenfestes. Thoravorhänge (Parochet), Thoramäntelchen, die Decken des Almemors und der Gebetpulte wechseln mit den Festen nicht nur die Farbe, sondern häufig auch Form und Schmuekzutat. Bis in die ältesten Zeiten jüdischer Handwerkergeschichte reichen die Berichte von der Kunstfertigkeit und dem Aufwand bei der Herstellung und Anschaffung dieser Textilien; besonders in der Rhein-Main- Gegend haben sie sich in erstaunlicher Fülle erhalten. Die in gleicher Weise überall wiederkehrenden Farben der Vorhänge und Decken beweisen deutlich ihren farbensymbolischen Gehalt: in weißen, leinenen Totengewändern versammelt sich die Gemeinde, nicht anders als weiß können wir uns am Neujahrsfest und am Versöhnungstag die Heilige Lade verhüllt denken. Weißseidene Mäntelchen mit silbernen Brokaten umhüllen die Thora, und es ist ein jedesmal aufs neue zwingender Eindruck, wenn der Schrein geöffnet und die Reihe der Thorarollen in ihren weißen Gewändern sichtbar wird — ein Symbol des Lichtes, der Makellosigkeit, der Reinheit und der erhabenen Größe. Ganz anders dann die Wirkung, die von den bunten Samten ausgeht, die am Laubhüttenfest an die Stelle der weißen Seide und silbernen Brokate getreten sind. Nicht mehr Kühle und Hoheit, sondern Wärme und Nähe wird nun empfunden! Stoffe und Farben mit den Stickereien von Kultgeräten, Kronen. Tiereu wirken mit. die diesseitsfreudige Stimmung auszulösen, die unsere Feste erfüllt. Der reiche Bestand an Textilien in den alten Gemeinden zeigt den Eifer, mit dem man sich der Ausstattung des Gotteshauses gewidmet hat. Die Vorhänge und Mäntelchen sind, nach ihren meist applizierten, oft auch eingestickten Inschriften, Stiftungen von Gemeindemitgliedern aus verschiedenen Anlässen des religiösen und bürgerlichen Lebens. In der überwiegenden Mehrzahl sind es Arbeiten judischer Kunsthandwerker. Während Pesach durch die Haggada und die Erfordernisse des Sedertisches besonders anregend auf das Schaffen der Künstler und Kunsthandwerker gewirkt hat, haben die Jomim nauroim geringere Bedeutung im Kunstschaffen erlangt. Abgesehen von den festlichen Textilien bringt das Neujahrsfest nur das Schophar zu den anderen Kultgeräten. Die heute meist im Gebrauch befindlichen einfachen Formen des Widderhorns lassen freilich nicht ahnen, daß man früher auf die Beibringung besonders schön geschwungener Hörner größtes Gewicht legte, diese dann mit Arabeskenverzierungen versah, mit eingeätzten Ornamenten und Inschriften, ja selbst mit bunten Bemalungen und häufig mit kostbaren Montierungen in Silber oder Gold am Mundstück und am Rande. In den Sammlungen jüdischer Kultgegenstände sind noch einige Beispiele solch kostbarer Schophars erhalten. Es entspricht dem Charakter des Versöhnungstages, daß, abgesehen von den Vorhängen und Decken, die meist dieselben wie am Neujahrstage sind, keine künstlerischen Arbeiten zu seiner Feier entstanden sind. Alles, was von der Konzentriertheit auf den Ernst des Tages ablenken könnte, wird vermieden. Das Symbol der unterschiedslosen Gleichheit aller Menschen vor Gott, das weiße Leinengewand, steht in strengem Gegensatz zu jeder individualisierenden Kunstform. Trotzdem hat das menschliche Schmuckbedürfnis auch hier eine Auswirkung gefunden: in manchen Gegenden sieht man Gürtel mit vergoldeten Schließen, die den Leinenkittel zusammenhalten sollen. Segnende Priesterhände, die eine Krone tragen, zwei Löwen, eine Inschrift haltend oder ein Spruchband, sind meist als Verzierungen der Gürtelschließe verwendet. Erst das Laubhüttenfest bringt den Künstlern und Kunstgewerblern neue Anregung und Aufgaben. Zwar ist die Laubhütte ihrer Substanz und ihrer Bedeutung nath ein anspruchsloser Bau, der auf Höfen und Baikonen errichtet wird, früher auch auf den Dächern, auf Straßen und Plätzen aufgeschlagen wurde. Das Ungewöhnliche dieser Wohnform und das Festliche des Anlasses haben, besonders in den Ländern Schofar aas Indien (Aus Mitt. dl Gesellsch. z. Erforschung jüd. Kunstdenkmäler IIIIIV)

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