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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-10-01 · 2 (10.1932) · p. Seite 28

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
2 (10.1932)
Date
1932-10-01
Page
Seite 28 (sequence 6)
Language
German
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Seite 28 Nachhut dir ist seine Erscheinung. / Rufst du dann / Antwortet dir Er / schluchzest du auf / spricht Er: Hier bin ich. / Räumst du nur aus deiner Mitte / Unterjochung, Fingerstrecken. Arggerede, reichst dem Hungernden deine eigene Seele / sättigst eine niedergebeugte Seele: / da strahlt dein Licht in der Finsternis auf. sonnenhöhgleich wird dein Düster / stetig geleitet dich Er / sättigt deine Seele mit Köstlichkeiten / ermuntert dein Gebein 7 daß du gleich wirst einem durchrieselten Garten /• einem Wasserborn gleich / dessen Wasser nie versagt. / Trümmer der Vorzeit / bauen die Deinen auf / Grundmauern von Geschlecht für Geschlecht / errichtest du wieder / rufen wird man dich Rißverzäuner, / Rückbringer der Pfade für die Besiedlung. Daß es erhabene Forderungen sind, die in diesen Schriftversen einen gewaltigen, unvergeßlichen Ausdruck gefunden haben, daß hier das soziale Gewissen in einer sonst nie gehörten Weise geweckt wird, empfindet jeder, dessen Herz nicht von Stein ist. Wie eng sind doch manche neueren Bibelerklärer, die die Worte: „Vor deinem Fleisch verstecke dich nicht", in allem Ernst nur auf den Volksgenossen beziehen wollen. Von dem ist ja in dem ganzen Kapitel nicht die Rede. Was uns das Wort sagen will? Die ganze Menschheit ist ein Organismus, der gleiche Hunger quält, uns alle, ein Leid haben wir alle zu tragen, arm und reich gehören zusammen und sind ..ein Fleisch", sollen ein Fleisch werden, so wie Mann und Weib zu ..Einem Fleisch" werden sollen nach den ersten Blättern der Bibel. Ein berühmter Meister, erzählt der Talmud, knüpfte an dieses Jesaiaswort die Mahnung: „Sieh sein Fleisch wie dein Fleisch an! Es gibt keinen, der nicht in die gleiche Lage kommt. Bist Du es nicht, dann ist es Dein Sohn oder Dein Enkel." Es ist gut. solche Weisheit hervorzuholen. Wir hatten iluer ganz vergessen, bis unsere Zeit kam und sie uns erschütternd ins Gedächtnis rief. Wie tief aber ist dje Gemara (Balm bathra 9b) in das Wort der Schrift eingedrungen, wenn sie die Verse: ..ist*s nicht: für den Hungernden brechen dein B r o t," usw. von den Versen „reichst dem Hungernden deine Seele" trennt und in diesen den eigentlichen Höhepunkt der prophetischen Forderung erblickt, indem sie meint, daß der Segen dessen, der den Armen mit Geld und Gut unterstützt, nicht an den Segen heranreicht, der über denjenigen kommt, der mit Worten befriedet und tröstet. Der nur vermag es, der seine Seele gibt. Doch wie herrlich das auch alles ist, was der Prophet hier vei kündet, woher leitet er das Recht her, dies alles als das „rechte Fasten" zu bezeichnen? Die Antwort kann nach allem, was wir vorausgeschickt haben, nicht mehr schwierig sein. Heißt „seine Seele demütigen" sich selbst bezwingen, dann ist das Fasten ein Sinnbild für die Forderungen der Religion in ihrer Gesamtheit. Das Judentum verlangt gewiß nicht die Askese im üblichen Sinne, aber darum verzichtet es doch keineswegs auf die Entsagung. Ja, im Mittelpunkt seines Glaubens und seiner Gesetze steht in einer eigenen Prägung die Weisheit, die einst nach der Erzählung des Talmuds (Tamid 32a) die Weisen des Morgenlandes dem großen Alexander mitgeteilt haben: „Nur der lebt, der sich immer wieder tötet", und die uns in der Mahnung des deutschen Dichters „Stirb und werde" oder in der anderen: „Das ganze Leben ruft uns zu, daß wir entsagen sollen" vertraut ist. Hast du an dem einen Tage, das will der Prophet sagen, die Kraft deines Willens erfahren und erprobt, so lasse nichts verlorengehen von dieser neugewonnenen Macht über dich selbst: laß sie ausströmen in jeden einzelnen Tag deines Lebens und du wirst tagtäglich Gott finden. Hast du an dem einen Tag auf das verzichten gelernt, was im allgemeinen nicht entbehrt werden darf und soll, was du notwendig hast für deines Lebens und Leibes Erhaltung, so lerne von dief-em einen Tage, dich von allen- Fesseln zu befreien, die dich einengen, dich über dich selbst zu erheben und auf manches Entbehrliche und Ueberflüssige zu verzichten, um mit denen zu fühlen, und für die zu wirken, die das ganze Jahr hindurch mehr oder weniger fasten, so wie du heute mit ihnen im gemeinsamen Fasten vereint bist. Daß wir hier nicht unterlegen, sondern wahrhaft auslegen, zeigt die Wendung „sättige gebeugte Seelen" (nephesch naana tasbia) mit besonderer Deutlichkeit. Hier wird derselbe Ausdruck angewandt, der für das Fasten des Versöhnungstages in der Thora geprägt ist und von Jesaia zum Ausgangspunkt seiner Rede gemacht wird. Auch die Schlußsätze der Rede, in welchen manche Bibelkritiker ein spätes Anhängsel erblicken wollen, werden jetzt erst in ihrem Zusammenhang mit dem Vorangehenden vollkommen verständlich; sie lauten: Hältst du zurück deinen Fuß / wegen der Wochenfeier / vom Tun nach deinen Gelüsten / am Tag meiner Heiligung / rufst die Feier selber: Wonne ' die MIR heilig ist: Ehrwürdige / und ■ehrst sie / statt deine Wege zu tun / statt zu finden dein Gelüst / und Gerede zu reden / dann wirst du Wonne haben an MIR / ich fahre dich über Höhen der Erde •' ich atze dich mit Jakobs deines Vaters Eigen. / Ja, geredet hat's :Sein Mund! Die Buber-Rosenzweigsche Uebersetzung zeigt in der Uebertragung „Hältst du zurück deinen Fuß.....vom Tun u a c h deinen Gelüsten . . . und ehrst sie, statt deine Wege zu tun, statt zu finden dein Gelüst . . .", wie sehr -diese Verse auf den Anfang des Kapitels zurückgreifen, in dem es heißt: „Arn Tag eurer^Kasteiung findet ihr doch ein Gelüst aus und treibt all euern Erwerb bei." Auch der Sabbat, dieser Tag froher Festesfeier, diese" „Wonne" der Tage, ist bei alledem in manchem Betracht ein „Inui nephesch". Gestaltet doch der Sabbat der Sabbate die Selbstbesiegung und Selbstbezwingung' nur nach einer neuen Seite aus, die jeder Sabbat heischt, indem er uns vollkommen loslöst von dem Kampf um das tägliche Brot und uns „über die Höhen der Erde erhebt", so daß wir nicht nur den schöpferischen Gott finden, sondern auch unseren Nebenmenschen: „Damit ruhe dein Knecht und deine Magd gleich dir", „damit eine Seele finde der Sohn deiner Magd". Der Talmud erzählt uns, daß ein Rabbi mit Rücksicht auf das Wort unseres Prophetenabsehnittes „und Gerede zu reden" so weit gehen wollte, für den Sabbat ein großes Schweigen, die Stille in Gott und die Verzichtleistung auf jede irdische Rede zu verlangen. Die Halacha hat sich dieser Ansicht nicht angeschlossen. Aber sie gebietet mit Rücksicht auf den ganzen Zusammenhang des Schriftwortes, daß am Sabbat von geschäftlichen Dingen nicht gesprochen werde. Um so mehr soll die Rede sein von den „Dingen des Himmels", von den großen Anliegen der Gesamtheit, von den Werken der Menschenliebe! Daß das Wort des Propheten die Jahrtausende hindurch immer wieder gleich einem mächtigen Schofarton in unseren Gotteshäusern erklingt, ist den Meistern des Gesetzes zu danken. Dieselben Männer, die mit solcher Strenge und mit so peinlicher Gewissenhaftigkeit darüber gewacht haben, daß die äußere Kasteiung der biblischen Vorschrift gemäß innegehalten werde und sich nicht nur in der Enthaltung von Speise und Trank erschöpfe, haben auch dafür Sorge getragen, daß der letzte Sinn des Fastens bei den Söhnen und Töchtern Israels lebendig bleibe. Schon die Art, wie die Fasttage nach einem Bericht; der Mischna in alter Zeit begangen worden sind, zeigt das in ergreifender Weise. Man brachte, berichtet sie (Thaanith II, 1) 'die heilige Lade auf einen freien Platz der Stadt. Der älteste der anwesenden Gelehrten sprach dann die folgenden Worte: Brüder! Von den Einwohnern von Ninive heißt es (Jona III, 10) nicht: „Gott sah ihr Trauergewand und ihren Fasttag", sondern vielmehr „Gott sah, daß sie heimgekehrt waren von ihrem bösen Wandel und von der Gewalttat ihrer Hände". So heißt es auch bei dem Propheten (Joel 2, 12) ... . „kehrt zu mir heim mit eurem ganzen Herzen, mit Fasten, . . . zerreißt eure Herzen und nicht eure Kleider!" So hat der Talmud jeden Fasttag mit dem Versöhnungsfest in Verbindung gebracht. Und knüpft er auch in diesem Falle an das Buch Jona an, so wird gerade hier eine Brücke geschlagen von diesem Buch zu der Morgenhaftara und -ihrer Mahnung: „wohl: zum Streit und Gerauf kasteit ihr euch, mit frevler Faust dreinzuschlagen . . .". Wie tief aber diese ganze Auffassung vom Wesen des Fasttages im Rabbinismus verankert ist, mögen zwei Aeußerungen des Talmuds zeigen. Die eine (Sanhedrin 35a) meint: wer gefastet hat, aber nicht unmittelbar nach dem Ausgang des Fasttags der Armen gedenkt, vergießt Blut, was Raschi, der berühmteste Talmuderklärer so versteht, daß der Arme auf die Spende gleich nach dem Fasttage bestimmt gerechnet hat. Und ein anderes Wort (Berachoth 6b) lautet: Des Fasttags Lohn ist die milde Gabe. Rabbi Samuels Edels, ein gleichfalls gefeierter Erklärer, macht dazu die Bemerkung: „Du hast am Fasttage an den Ausgaben für dich gespart. Mindestens darauf hat der Arme ein Recht. Du darfst es ihm nicht vorenthalten." So bringt die Ueberlieferung die sprachlich in innigster Verbindung stehenden Worte Thaanith hithanoth, das das althebräische Zeitwort „zum" für fasten im späteren Hebräisch nahezu verdrängt und das Wort „oni", wie der Arme im Hebräischen heißt, begrifflich von neuem einander nahe: Fasten heißt sich an die Stelle des Armen, sich ihm gleich setzen, sich mit ihm eins wissen . . . Mit dem Versöhnungstag des Jobeljahres haben wir begonnen. An dieses gemahnt der Schofarton, der am Ende jedes Jörn ha-Kippurim ertönt. Und indem er sich dem siebenmaligen Bekenntnis zu dem einzigen Gott anschließt, will er uns in die Seele rufen, daß es im Sinne des Judentums letzten Endes keine V ersöhn u ng mit Gott geben kann ohne die soziale Versöhnung. Wie das Zehnwort, das von dem erlösenden Gott ausgeht, in das Gebot „Du sollst Dich nicht gelüsten lassen", mündet, so führt uns der Sabbat der Sabbate immer wieder von neuem hin zu dem letzten Ziel aller Gesetze und zu dem Gott, der unsere Fesseln sprengt.

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