Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 2 (10.1932)
- Date
- 1932-10-01
- Page
- Seite 27 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3094266-3094386-3094388--3335-3098105- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 27 Angeredeten empfanden, gewannen sie immer wieder den Mut und die Kraft, das schier Unerträgliche zu tragen. Wir Juden der Gegenwart sind aus unserer .Selbstsicherheit, in die uns ein wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Aufstieg von hundert Jahren gewiegt hatte, jäh und gewaltsam aufgerüttelt, worden. Gesichert und versichert gegen alle Wechselfälle des Lebens, erkennen wir mit einem Male wieder das Schwankende aller irdischen Güter, und sehen die Ideale von Freiheit, Recht und Menschenliebe in traumhafte Feme ent rückt. Wir müssen, verarmt und machtlos, der äußeren Stützen und des inneren Haltes beraubt, von vorne beginnen. Solche Not kann Demut lehren, das Grundgefühl, aus dem echte Frömmigkeit erwächst. Wir wüßten keinen besseren Wunsch zum Beginn eines neuen jüdischen Jahres, als daß wir aus erneutem Glauben das rechte Beten und aus erneutem Beten den rechten Glauben wieder gewinnen. Das rechte Fasten Von Gemeinderabbiner Dr. Jakob Horovitz Weiß auch gewiß jeder Bibelleser die scharfe Kritik zu würdigen, die das 58. Kapitel des Jesaiabuches an einem Fasttage übt, der sich in äußerer Kasteiung genügt, so ist doch nicht ohne weiteres klar, inwiefern das, was der zweite Teil der Rede fordert „das rechte Fasten" genannt werden darf. Kein geringerer als Michael Sachs veröffentlichte im Jahrgang 1843 der hebräischen Zeitschrift Kerem Chemed eine diese Schwierigkeiten aufhellende Erklärung. Sie ist in der späteren Literatur kaum erwähnt und beachtet worden trotz des berühmten Namens, den sie trägt, und obwohl unseres Wissens inzwischen kein anderer Deutungsversuch nach dieser Richtung hin unternommen worden ist. Er meint, die Rede sei an einem Versöhnungstag des Jobeljahres gehalten worden. Schreibe doch die Thora für jenen vor: „Lasset des Schofars Ton ergehen durch all Euer Land uud heiliget das Jahr" (Leviticus. 25 9 f.). — Eben darum beginne sie: „Einem Schofar gleich erhebe Deine Stimme!". Der Tag aber legte dem Juden doppelte Pflichten auf: Arbeitsenthaltung und Fasten auf der einen Seite und auf der anderen Freilassung der Knechte und Rückgabe der gekauften Grundstücke. Jetzt erst verstehe man die folgenden Worte: „Ist nicht dies die Kasteiung, die ich erwähle: des Joches Bande zu sprengen, Gefesselte freizulassen, alljedes Joch zu zertrümmern." Damit stimme auch der Anfang des 61. Kapitels des gleichen Prophetenbuches überein: „Des Herrn Geist ist auf mir, weil Er mich gesalbt hat, mich gesandt hat, frohe Botschaft zu bringen......, den Gefangenen Freiheit auszurufen (likro deror), den Gefesselten Erlösung zu künden, ein Jahr Seiner Gnade auszurufen." Finde sieh doch genau die gleiche Wendung (ukrathem deror) bei dem Jobelgesetze in der Thoia; der Fasttag aber wird ja in unserem Kapitel „ein Tag der göttlichen Gnade" genannt. Endlich sei auch unter dieser Voraussetzung zu begreifen, daß der Schluß der Rede vom Sabbat spricht .... Wir wollen hier nicht untersuchen, ob diese geistvolle Auffassung dem schlichten Schriftsinn entspricht. Uns scheint indessen, daß die Rede, auch unabhängig von einer solchen Auslegung, in sich verständlich ist. Wir gehen dabei allerdings davon aus, daß sie in jedem Falle an einem Versöhnungstage gehalten wurde oder doch für ihn bestimmt war. Schon die Wendung „die Seele demütigen", die hier zweimal an Stelle des Zeitwortes fasten gebraucht wird, macht das wahrscheinlich. Begegnet sie uns doch immer wieder in den Bestimmungen über den Versöhnungstag, während sie sich im übrigen nur noch dreimal in der ganzen Bibel findet, wie ja auch der Ausdruck Thaanith, der von Haus aus nichts anderes als Demütigung bedeutet, und mit dem später fast durchweg das Fasten bezeichnet wird, nur ein einziges Mal in der Schrift zu lesen ist. Es ist bedeutsam, daß eben diese Benennung wie jene Redeweise „Die Seele demütigen" schon von vorneherein über ein bloßes äußeres Fasten hinausweist. Nunmehr, dünkt mich, sind wir zu einem tieferen Verständnis der Prophetenrede gerüstet, die den wesentlichsten Teil der Morgenhaftara des Jörn ha-Kippurim ausmacht. Diese beginnt, — ich schließe mich fast durchweg der Uebersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig an — also: Rufe aus der Kehle f dämpfe nimmer / posaunengleich erhebe Deine Stimme ' vermelde / meinem Volk ihre Abtrünnigkeit / Jakobs Haus ihre Sünden! / Zwar mich beforschen sie tagtäglich / gelüsten meine Wege zu wissen / als wären sie gleich einem Stamm / der die Milde übte / seines Gottes Recht nicht verließ / heischen von mir Gerichte der Wahrheit / gelüsten nach Gottesnähe: / Wozu haben wir uns kasteit — / Du hast es nicht angesehn / unsre Seelen wir gebeugt — / Du willst es nicht wissen! / — Wohl: / am Tag eurer Kasteiung / findet ihr doch ein Gelüst aus / und treibt all euren Erwerb bei; / Wohl: / Zu Streit und Gerauf kasteit ihr euch / mit frevler Faust dreinzuschlagen — / nicht kasteit ihr euch wies heuttags ist / daß in der Erhabenheit man eure Stimme hören müßte. / Soll dergleichen die Kasteiung sein / die ich erwähle / der Tag / an dem der Mensch seine Seele beugt?! / Daß er seinen Kopf binsengleich hangen läßt, / Sackleinen und Asche sich unterbettet, / willst du dazu ausgerufen haben: / Kasteiung! Gnadentag IHM! Das Volk spottet hier seiner selbst und weiß nicht wie. Es bedient sich der Wendung „wir haben unsere Seele gebeugt", ohne daß ihm ihr Ursinn auch nur von ferne aufgegangen wäre. Doppelt eindrucksvoll sind die Worte: „Am Tage eurer Kasteiung findet ihr doch ein Gelüst und treibt all euren Erwerb bei! Wohl: Zu Streit und Gerauf kasteit ihr euch . . . .", wenn man daran denkt, daß die Rede an einem Jom ha-Kippurim gesprochen wurde. Das Wortspiel, das der Urtext in den Worten tozumu und mazza hat, ist wohl kaum wiederzugeben. Jedenfalls ist es bisher, soweit ich sehe, von keinem Uebersetzer verdeutlicht worden. Der Vorwurf aber, den Jesaia erhebt, steht etwa mit dem in gleicher Linie, was Arnos im 8. Kapitel seines Buches die sprechen läßt, die die „Armen zertreten": „Wann wird . . . der Sabbat vorbei sein, daß wir Korn auftun, daß wir das Epha verkleinern, das Gewicht vergrößern und betrügerisch die Wage fälschen . . . daß wir für Geld die Geringen einkaufen und die Dürftigen um eines Paar Schuhe willen und den Abfall vom Korn verhandeln". Und ebenso ist an Jeremia zu erinnern, der die in den Tempel Tretenden sagen läßt: „Wir sind errettet, um weiter alle diese Greuel zu tun", wozu der Prophet meint: „Ist dieses mein Haus, über dem mein Name gerufen ist, in Euren Augen zur Räuberhöhle geworden?" (Jer. 7, 10 f.) In Wahrheit sprach natürlich das Volk weder hier noch dort so. Der Prophet spricht nur das mit unerbittlicher Klarheit aus, was in dem Unterbewußtsein des Volkes vorgeht, und wras es sich in seiner Halbheit niemals einzugestehen die Kraft und den Mut findet. Seine Kunst bringt es zuwege, ihm zum ersten Male einen Spiegel zu zeigen, in dem es sich selber sieht, scheinbar zu übertreiben und doch nicht um eines Haares Breite von der Wahrheit abzuweichen. Jedes Gebot, — das will er ihm, das will er uns sagen, — das sich nicht in den ganzen Zusammenhang der Gesetze einfügt und Selbstzweck wird, sägt dadurch den Ast ab, die jede einzelne Bestimmung mit dem ganzen Baum und mit der Wurzel verbindet, aus dem es seine Kraft zieht. Doch wenden wir uns der weiteren Rede des Propheten zu! Zuvor noch ein kurzer Blick auf ein Wort aus dem ersten Teil! Rosenzweig - Buber übersetzen: „Zwar mich beforschen sie tagtäglich, gelüsten meine Wege zu wissen .... als wären sie gleich einem Stamm, der Bewährung machte zur Tat, seines Gottes Recht nicht verließ." Wir haben stattdessen den betreffenden Vers mit den Worten: „Der die Milde übte" hierhergesetzt und uns damit an die Uebertragung gehalten, die die gleichen hebräischen Worte im 18. Kapitel des ersten Buches Moses erfahren: „Denn ich habe ihn ausersehen, daß er bescheide seine Söhne und sein Haus nach ihm: sie sollen wahren SEINEN Weg, zu üben MILDE und RECHT, auf daß er über Abraham bringe, was Er über ihn verhieß." Kein Zweifel, daß die Jesaiaworte „gelüsten meine Wege zu wissen,, als wären sie gleich einem Stamm, der die Milde übte, seines Gottes Recht nicht verließ" an diese Genesisstelle anknüpfen. „Der Weg Gottes" zu dem der abrahamitische Stamm in die Welt gesandt ist, drückt sich in diesen beiden Worten aus. Zedaka und Mischpat ist Ziel und Sinn aller Gesetze. Aber so wenig weiß das Volk, wie sehr es sich von diesem Weg entfernt hat, daß es Gott nahe zu sein glaubt. Darum der bittere Spott des Propheten! Und nun lesen wir die folgenden Verse: Ist nicht erst dies die Kasteiung / die ich erwähle: / die Klammern des Frevels zu öffnen / des Joches Bande zu sprengen / und Geknickte auszuschicken ledig — / alljedes Joch solltet. Ihr zertrümmern! / Ist's nicht: für den Hungernden brechen, dein Brot / daß schweifende Gebeugte du ins Haus kommen lassest / wenn du einen Nackenden siehst / daß du ihn hüllest: / vor deinem Fleisch verstecke dich nicht! / dann dringt dein Licht hervor / der Morgenröte gleich / eilends wächst deine Wundhaut zu / deine Wahrheit geht vor dir einher /