Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 2 (10.1932)
- Date
- 1932-10-01
- Page
- Seite 26 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 26 Das Buch wird aufgeschlagen Von J. Diament Dein Herz, zermürbt, mit müden Fingern hat Das Budi der Hoffnung zugesdilagen; Es liest darin nicht mehr: denn, ach! es wendet sich kein Blatt — Und wenn — dann hat es dir dodi nichts zu sagen . . . Es dehnt sich endlos, stumm, die Wüste deines Lebens .. . Leben? Ist dies noch Leben? Sag, was schenken dir nodi deine Tage? Und du — was hast du ihnen nodi zu geben? JNur Not und Leid und Klage ... Und dodil In deines Innern Stummheit heute fällt Ein Wort aus Fernen: Rosdi-hasdionoh! und es hebt Dein Herz. 0, Gruss der Kindheit! Giuss aus alter Welt, Die nicht verschüttet, die verborgen lebt. Es raunt von neubeginnendem Kapitel in dem Buch der Ewigkeit Es raunt davon, dass deine Füsse didi in eine neue Strasse tragen Und dass vielleicht ein Glück Dir gibt jetzt das Geleit. . Es raunt — und leise wird das Buch der Hoffnung wieder aufgeschlagen Lehrt Not beten? Von Genieinderabbiner Dr. Georg S a 1 z b e r g e r Wenn der jüdische Gottesdienst auch keineswegs bloßer Gebetsdienst ist, vielmehr Bekenntnis und Gebot, Schriftverlesung und -erkläxung eine bedeutende Stelle darin einnehmen, so ist doch das Gebet sein hauptsächlicher Inhalt: die alten Stammgebete und Stücke aus allen Teilen der Bibel, mittelalterlicher Poesien und ganz besonders — als die unerreichten Vorbilder aller Gebete und religiösen Lieder — die. Psalmen. Diese Tatsache bringen uns die hohen Feiertage, denen wir entgegengehen; wieder eindringlich zum Bewußtsein. Wir brauchen nur an die Tefilla — und das heißt im eigentlichen Sinne Gebet — von Neujahr und Versöhnungstag zu denken, in der die tiefsten Gedanken der Feste zum Ausdruck kommen, nur zu denken an das ergreifende „un'ssanne taukef". worin das Gebet selbst als zweites der drei. Werke bezeichnet wird, durch die der hinfällige und sündige Mensch },das böse Verhängnis" abzuwehren vermag. Auch noch in dem, was wir aus Thora und Propheten an den „gewaltigen Tagen" nach alter Sitte verlesen, wird die hohe Schätzung deutlich, die das Gebet in unserer Religionsgemeinschaft genießt: Hier fleht . Hanna inbrünstig um ein Kind, dort dankt Jona in einem Psalm für seine wunderbare Rettung. Man sollte meinen, daß in unseren Tagen, wo unzähligen Menschen, um mit Jesaja zu reden, die Wasser bis zum Halse gestiegen sind, inbrünstiger gebetet werden müßte als sonst, daß jüdische Menschen zumal, denen heute in den meisten Ländern der Erde politisch und wirtschaftlieh ein Doppeltes an Not zu tragen auferlegt ist, „ihr Herz vor Gott auszuschütten", wie es von Hanna heißt, sich getrieben fühlen. Sagt nicht ein bekanntes Sprichwort: „Not lehrt beten"? Aber es geht mit diesem Sprichwort wie mit vielen andern: es gibt nur halbe Wahrheit und ist darum mit Vorsicht aufzunehmen. Not. bittere Not kann im Gegenteil bewirken, daß der Mensch das Beten verlernt. Die Mutter, die am Bett ihres kranken Kindes auf den Knien lag, unter heißen Tränen sein . Leben vom „lieben Gott" zu erflehen und ihr Kind doch sterben sehen mußte, wird es schwer haben, an diesen Gott sich künftig noch vertrauend zu wenden. Wir erinnern uns aus dem Kriege der Briefe von Vätern, an die wie an Erzvater Abraham (wir lesen es am Neujahrsfeste wieder) der Ruf erging: Opfere deinen Sohn, den einzigen, den du liebst, und die auf die Nachricht, daß ihr Sohn auf dem Altar des Vaterlandes geopfert sei, die Antwort gaben, sie könnten zu einem Gotte nicht mehr beten, der ihnen das angetan. Nicht anders ist's im Grunde, wenn heute angesichts der ungeheuren Arbeitslosigkeit, Verblendung und-Verzweiflung die proletarischen Massen höhnisch fragen: Wo ist denn euer Gott, der Brot gibt zur rechten Zeit? und die Gottlosigkeit zu ihrer Religion erbeben. Not lehrt nicht immer beten, so wenig wie das Glück es immer tut. Denn wie der Unglückliche sich von Gott abwendet, weil Er ihm, wie er meint, doch nichthelfen will oder kann, so vergißt Ihn der Glückliche leicht, weil Er ihm nicht zu helfen braucht. Wie weise ist doch das Gebet des Frommen aus den -Sprüchen Salomos: „Gib mir nicht Armut noch Reichtum; laß" mich mein bescheiden Brot genießen. Ich könnte sonst satt werden und verleugnen und sprechen: Wer ist Gott? Oder, "wenn ich verarmte, stehlen und mich am Namen meines Gottes -vergreifen". Aber freilich kann Not auch beten lehren. Als unsere Feldgrauen monatelang in den Schützengräben lagen und die Granaten heulend durch die Lüfte sausten, ringsum unter ungeheurem Getöse einschlugen und bald hier, bald dort Menschenleiber in blutige Fetzen zerrissen, da hat mancher in Todes angst sein zitterndes Herz zu dem Gott erhoben, dessen Bild längst darin verschüttet war, hat mancher vielleicht auch einen frommen Wandel gelobt, falls dieser Gott ihn heil heimkehren ließe. Jüdische Kameraden sind damals, vor allem am Neujahrs- und Versöhnungsfest, zu den Feldgottesdiensten zusammengeströmt, von denen viele den Gottesdienst in der Heimat kaum noch kannten, und haben mit Inbrunst die ehrwürdigen Worte und Weisen nachgestammelt und mitgesungen — denn morgen vielleicht ging's zum Sturmangriff. Aber was ist wohl bei den meisten, die dann heimgekehrt sind, von diesen Gelübden und diesen Gebeten geblieben? Das Gebet, das die Not uns eingibt, ist zumeist eben nur ein Notgebet^ und mit der Not schwindet das Beten wieder. Und doch kann die Not auch eine L e h r m e i s t e r i n echten Betens werden. Aber sie kann es nur an einem Menschen, in dessen Brust der Glaube an einen Gott, an einen guten Gott, das Vertrauen auf Ihn, die Liebe zu Ihm, die Sehnsucht nach Ihm, die Demut vor Ihm noch lebendig ist. Die Furcht des Einzelnen vor einer drohenden Gefahr, sein dringender Wunsch, daraus irgendwie und durch irgendwen befreit zu werden, genügen nicht. Erst wo die Not nicht bis an den Hals, sondern bis ans Herz gedrungen ist, wo die Kreatur sich in ihrer ganzen Ohnmacht gegenüber dem Allmächtigen, in üirer ganzen Unreinheit gegenüber dem Heiligen fühlC wo sie mit dem biblischen Sänger fliehen möchte vor dem Angesicht des Ewigen und mit dem tiefsinnigen Dichter späterer Zeiten von Ihm sich 'flüchtet — zu Ihm, da ruft aus der Tiefe die Seele zu Ihm und weiß mit einer Gewißheit, an die kein Verstand reicht, daß der ferne Gott „nahe ist allen, die Ihn rufen, allen, die Ihn in Wahrhaftigkeit rufen". Not, die so den glimmenden Funken reEgiösen Gefühls zur Glut entfacht, solche Not lehrt beten. Die Geschichte unseres jüdischen Volkes gibt davon Zeugnis. Nicht des Israel, das, noch jung, sich selbst kaum anders dachte und wünschte als alle anderen Völker, das jedesmal, wenn es in Bedrängnis war, zu Gott schrie, bis Gott ihm einen Retter sandte und es gerettet wieder von Gott abfiel, sondern des in Denken und Dulden gereiften jüdischen Volks der großen Zerstreuung. Wie haben in ihren Ghettosynagogen unsere Ahnen gebetet, an Sabbaten, Festen und gar an den „gewaltigen Tagen"! Ihr Beten war eine „kawwana", ein „Ausrichten der Seele" auf den „König der Welt", der doch auch der Vater seiner Geschöpfe, auf den Gott ihrer Väter, der doch auch ihr Gott war. Mochte Er sie schwer heimsuchen, sie zogen Ihn nicht vor ihren Richterstuhl. Sie klagten Ihm ihr übergroßes Leid. Aber die Schuld gaben sie sich selbst, nicht Ibm. Sie trugen demütig ihr Flehen vor seinen Thron und vergaßen, von allem entblößt, dabei auch die irdischen Güter nicht: Nahrung, Gesundheit und langes Leben. Sie wußten, daß allein Sein heiliger Wille geschieht, und glauben doch, daß Er ihr Beten höre und erhöre. Vor allem aber: sie machten ihr Beten nicht zu einem selbstsüchtigen Bitten; um höhere Güter ging es ihnen, um den Bestand und die Ehre ihrer Gemeinschaft, um das Kommen des Gottesreiches, wo „alle Geschöpfe zu einem Bunde würden, Gottes Willen mit ganzem und friedvollem Herzen zu tun". Ja, sie konnten, von aller Welt verachtet und geächtet, Gott preisen, der ihr Los trotz allem schön gestaltet und. Ihm jubelnd danken, „dem Gütigen, dessen Erbarmen nicht aufhöret, und dem. Bannherzigen, dessen Gnade niemals endet". Und in solchem Monolog ihres Selbst, den sie als Zwiesprache mit einem traulich als „Du"