Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 1 (9.1932)
- Date
- 1932-09-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3094266-3094386-3094387--3324-3098093- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
21 ■zuentwdckeln, uns selbst in diese Formen hineinzudenken, hin- ■einzufühlen und hineinzuleben, — der entgegengesetzte Weg mit dem gleichen Ziel der Harmonie von Sein und Handeln. Und folgerichtig ergab sich auch für unser Wollen die entscheidende kritische Einstellung der Jugendbewegung, — das Kriterium der Zugehörigkeit zu ihr: Nichts durfte deshalb als -richtig angesehen werden, weil es bisher als richtig angesehen worden war. Nur wurden für uns nicht die Formen unserer Lebensgestaltung- Gegenstand dieser Kritik — die standen ja •als Ziel fest —, sondern unser eigenes Sein als das allein unserem Gestaltungswillen iiberlassene Material, also wir selbst, unser eigenes Fortschreiten und unser jeweiliger Stand auf •dem Wege' zur Thora. Was uns berechtigte, uns der Jugendbewegung zuzuzählen, "war neben ihren Formen also ihre entscheidende Grundhaltung, ihre typische, nie vorher festgelegte Einstellung, mit der ihre Menschen an alle auftauchenden Fragen herangingen, um sie vor eigener Verantwortung zu lösen. Hier liegt auch der tiefste Grund für unsere politische Neutralität — u. a. für unsere bald nach der Gründung erfolgte Loslösung von der Agudas Jisroel —, weil eben dieses Wollen, dieses Kämpfen um den eigenen Standpunkt, unvereinbar ist mit festgelegten Parteiprogrammen und schon vorgeschriebener Lösung politischer Fragen. In der Politisierung des größten Teiles der Jugendbewegung liegt übrigens einer der Gründe für die heutige Krise der Bewegung. Denn soweit sich Jugendgruppen als Nachwuchsbewegung für irgendwelche politischen Organisationen betrachten, haben sie auf Wesentlichstes der Jugendbewegung verzichtet. Ein anderer Grund für die heutige kritische Lage ist der, daß von dem Augenblick an, in dem die Jugendbewegung aufhörte, eine Kampfbewegung zu sein — zu einem großen Teil, weil ihre Forderungen Gemeingut der ganzen gebildeten Welt geworden waren —, daß von diesem Augenblick an der grandiose Schwung zu erlahmen begann, mit dem die damalige Jugend ihren Anspruch auf Eigengeltung fast unübersteiglichen Hindernissen gegenüber durchzusetzen versucht hatte. Die späteren sahen häufig kein Ziel mehr, für das sich Begeisterung und Einsetzen der ganzen Person lohnte, und Stagnation begann in vielen Bünden, soweit man sie nicht durch Politisierung überwand, die der Jugend wieder konkrete Ziele vor Augen stellte. Natürlich sind auch im Esra diese Tendenzen lebendig geworden, an Stelle der weltweiten, alles umschließenden Haltung der Jugendbewegung die Beschränkung auf bestimmte politische Ziele zu setzen; unerschöpfliche Diskussionen über das Thema: Was will der Esra? und ihre Lösungsvorschläge zeigen die Situation. Aber demgegenüber beginnt sich seit ein bis zwei Jahren die Ueberzeugung durchzusetzen, daß gerade wir nicht nötig haben, die alten Ziele unserer Arbeit zu revidieren, die wir uns ja'nicht die Erkämpfung und Gestaltung bestimmter eigener Lebensformen zum Ziel gesetzt hatten, die als endliche Aufgabe nur auf Zeit begeistern kann, sondern die durchaus unendliche Aufgabe, uns selbst nach übermenschlich hohen Zielen, nach unserer Thora, zu formen. Und heute sieht man schon wrieder, daß der Esra nur dann seine Bedeutung für uns behalten kann, wenn er sich diese Haltung bewahrt, die Haltung der jugendbewegten Erziehungsgemeinschaft. .Dr. L. Feilchenfeld Judentum und Sozialismus Diskussionsbeitrag zur Aprilnummer von „Jugend und Gemeinde" Vorbemerkung: Unter „jüdische Lehre" sollen hier Lehren im Judentum und Anschauungen über das Judentum verstanden werden, die kanonisiert sind oder im Laufe der Zeit kanonische Geltung im traditionellen Judentum erlangt haben, nicht aber private Anschauungen moderner Juden über Wesen und Inhalt des Judentums. Seitdem das Judentum in nähere Berührung mit den geistigen Strömungen seiner Umwelt kam, also seit dem Hellenismus etwa, hat es stets jüdische Persönlichkeiten gegeben, die die Lehren und Anschauungen des Judentums mit den jeweils herrschenden Geistesrichtungen in Einklang zu bringen versuchten: u. a. Philo, Maimonides, Mendelssohn. Ein gefährliches Versuchen! Aber es war nicht allein Erkenntnisfreudigkeit und Forscherdrang, die diese Männer zur Analyse und Deutung des Judentums veranlaßt hatten; vielmehr lag meist ein dringendes Bedürfnis hierfür vor: die Lehren und Erkenntnisse der geistigen Umwelt hatten begonnen, in das Judentum einzudringen und das religiös-nationale Gebäude zu erschüttern. Die anders gefärbten neuen Schichten (bei Klatzkin: Inhalt), die man dann jüdischerseits um den inneren Kern der jüdischen Lehre legte, bei Beibehaltung der alten äußeren Schale (bei Klatzkin: Form), vermochten das Judentum für längere Zeit über die gefahrvollen geistigen Klippen hinwegzubringen; sie wurden erst dann für das Judentum verhängnisvoll, als auch die Schale ausgewechselt wurde. Heute erleben wir Aehnliches. Heute ist es die soziale Struktur der menschlichen Gesellschaft, die im Vordergrund des geistigeu Ringens steht, und schon macht sich ein Bedürfnis bemerkbar, das Judentum nach Marx zu interpretieren, das Judentum wieder um „neue Inhalte" zu bereichern; durch Synthese oder gar Analyse, die Synthese überflüssig mache, da ja Judentum gleich Sozialismus sei. Ist das richtig, ist das falsch? Den Versuch einer Beantwortung dieses Fragenkomplexes stellt die nun folgende Vergleichsuntersuchung dar, wobei in diesem Zusammenhang unberücksichtigt bleiben soll, inwieweit dieses evtl. Plus an Inhalt eine Gefährdung der Form der jüdischen Lehre hervorrufen würde und somit verhängnisvoll sich auswirken müßte. Die Grundlage und der wesentliche Inhalt einer jeden Religion, die auf diese Bezeichnung Anspruch erheben darf, ist naturgemäß die Ethik und die Forderung einer Gewährleistung eines reibungslosen Zusammenlebens der Menschen, der Träger der Ethik, untereinander. Insoweit also in der jüdischen Religion soziale Tendenzen zu finden sind, die aus Gründen der allgemeinen Ethik und der Zweckmäßigkeit ohnehin geboten sind, können sie keinesfalls, wie es oft fälschlicherweise geschieht, zu einem Vergleich Judentum—Sozialismus herangezogen werden. In diesem Zusammenhang ist selbst der Tatsache, daß die soziale Frage einen so breiten Raum in der biblischen Gesetzgebung einnimmt, keine besondere Bedeutung beizumessen, umsoweniger als ja der Sozialismus im Gegensatz zum Judentum seine Forderungen nicht aus ethischen Motiven aufstellt. Immerhin gehen Judentum und- Sozialismus in Bezug auf das soziale Moment ein Stück Wegs de facto zusammen. Das Soziale ist der Punkt, in dem sie sich berühren, aber sich auch schneiden, um dann divergierend auseinander zu gehen: 1. Der Sozialismus als Weltanschauung — nicht als humane Forderung — steht und fällt mit der materialistisch-mechanistischen Welt- und Geschichtsauffassung, wonach die Dynamik allen Geschehens im rein Materiellen zu suchen sei: in den materiellen Gegebenheiten und Zuständen. Das Judentum aber ist in der idealistischen Geschichtsauffassung verankert, nach der Ideen und höhere Prinzipien es sind, die in der Menschheitsgeschichte walten und sie form- und inhaltsgebend gestalten. Den materiellen Momenten dagegen wird eine auslösende, nicht aber ursächliche Rolle zugeschrieben. Geht doch ein Talmudgelehrter sogar so weit, daß er erklärt: ,,Kein Mensch schneidet sich „unten" auch nur in den kleinen Finger, es sei denn, daß es „oben" über ihn so beschlossen wurde". „Haschgacha pratith" nennt das die jüdische Theologie, d. i. Vorsehung, und man kann sich keine größeren Gegensätze denken als Vorsehung, die ein integrierender Bestandteil der jüdischen Lehre darstellt, und materialistische Geschichtsauffassung, verbunden mit einer mechanistischen Weltbildvorstellung. Somit sind wir zu einem zweiten wesentlichen Gegensatz gelangt: 2. Der Sozialismus ist seinem Wesen nach, da er alles rational-mechanistisch zu erklären versucht, atheistisch bezw. pantheistisch, was bloß eine Umschreibung desselben Begriffes darstellt; die jüdische Lehre aber ist theistisch hezw. monotheistisch. Es bleibt sich hierbei gleich, ob wir diese metaphysischen Vorstellungen einer über uns gesetzten in das Welt- und Menschengeschehen eingreifenden Gewalt „Gott", „höheres Prinzip" oder „Urkraft" nennen. 3. Aus der materialistisch-mechanistischen Weltvorstellung folgt konsequenter Weise ferner eine imgeheure Beeinträchtigung, wenn nicht völlige Ausschaltung der persönlichen Willensfreiheit; da sie alles, also auch die Verirrungen der Menschen, materiell begründet sieht. Das Judentum aber lehrt das Prinzip des Guten und des Bösen: den „Jezr-Tow" und den „Jezr-Hara", zwischen denen der Mensch zu „wählen" habe. Im Gegensatz zum Christentum betont das Judentum wieder holt die absolute persönliche Willensfreiheit und Eigenverantwortlichkeit. Auch dieser Gegensatz scheint mir unüberbrückbar. (Man wird mich verstehen, daß ich nicht die reinreligiöse Seite dieser Frage damit berührt haben möchte; ich spreche hier von der jüdischen Lehre als Weltanschauung und nicht als religiöse Dogmensammlung.) 4. Der Sozialismus teilt die Menschen schematisch in zwei große Gruppen, Klassen, ein: Besitzende und Besitzlose oder Ausbeuter und Ausgebeutete. Diese Einteilung und die daraus folgende Konsequenz, der Klassenkampf, ist dem Jiidentum nicht nur wesensfremd, sondern widerspricht total der jüdischen Auffassung über die Verteilung der irdischen Güter durch göttlichen Beschluß. Nach der jüdischen Tradition sind Armut und Reichtum ebenso wie Leben und Tod allein in Gottes Hand gegeben. Darin unterscheidet sich das Judentum in nichts von seiner Tochterreligion-.