Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 1 (9.1932)
- Date
- 1932-09-01
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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22 Zum Schluß möchte ich darauf hinweisen — das ist allerdings mein rein persönlicher Standpunkt zu dieser Frage —, daß unabhängig davon, ob sich die jüdische Lehre in Einklang mit dem Sozialismus bringen läßt oder nicht, Judentum und Sozialismus nicht näher verwandt sind als beispielsweise Deutschtum und Sozialismus.. Denn die jüdische Religion, die jüdische Lehre und das jüdische Volk sind so eng miteinander verknüpft, daß man unmöglich das „Judentum" bloß als Lehre abstrahiert von der „Judenheit" betrachten kann! Für die Juden aber, sei es als Kollektiv, sei es als Einzelindividuen, läßt sich keine einheitliche sozial-politische Parole ausgeben, da sie wie alle anderen Volks- oder, wenn Sie wollen "Religionsgemeinschaften den verschiedensten Interessengruppen und Ideenkreisen angehören. Selbst wenn der praktisch belanglose Beweis erbracht werden könnte, daß die jüdische Lehre in der Tat — was ich ja widerlegt zu haben glaube — mit dem Sozialismus in Einklang zu bringen sei, ändert sich an dieser Tatsache nichts. Eli C h w e i d a n s k y Ueberwindet den Nassenmenschen! Diskussionsbeitrag zur Mainummer von „Jugend und Gemeinde" Einem Kreise entstammend, der sich im allgemeinen fern von flüchtigen Artikeln hält, weil diese doch nur kleine, fast unbedeutende Bruchteile des Wesens eines Einzelnen oder einer Gemeinschaft sind, möchte ich trotzdem in die Aussprache „Ueberwindet den Massenmenschen" eingreifen; denn ich glaube, daß das Blatt ,-Jugeud und Gemeinde" bemüht ist, wirklich das Leben junger jüdischer Menschen wiederzuspiegeln und eine Gemeinsamkeit zu schaffen; allerdings bin ich der gegebenen Einschränkung bewußt. — Wir gehen davon aus, daß wir inmitten einer Krise sind, daß also eine Bindung an Gesetz und Ordnung nicht mehr besteht und daß kein neues Gesetz und keine neue Ordnung gesetzt worden ist. Wir befinden uns in einer Zwischenperiode und sehen heute schon das Zusammenfallen und Untergehen einer Masse von Ideen und Richtungen und werden, so lange die Krise dauert, ein weiteres Zusammenbrechen erleben. Andererseits bemerken wir aber einen immer größeren Rückgang der Gesamtbildung und des Gesamtethos der Massen und gleichzeitig eine Verbildung, Verzerrung geistiger Schichten. So erkennen wir ein Verlieren der geistigen Menschen in Einzelproblemen wie Wirtschaft, Politik, Psychologie und anderer Begriffe. Und wir erkennen eine Abwanderung vom Wesentlichen: dem Gesämtmenschen. Es hagelt deshalb Anschauungen, die uns überrennen, und deren immer neue Ueberwindung dem jungen Menschen viel Zeit in seiner Entwicklung kostet; ja, er verfängt sich sogar in ihnen. Eine „intellektuelle" Jugend macht sich deshalb breit, die, verblüfft durch das Eingefangensein in irgendeiner Problemidee (sagen wir um eine herauszugreifen: in den Marxismus), allerlei produziert, aktiviert und große Kreise einfängt, ohne daß hiervon irgendeine Rettung noch eine Lösung der Krise zu erwarten wäre. Die Krise hat demnach auch die Geistigen, die Elite erfaßt und tobt in ihr einen Kampf, gleich dem, den sie in den Massen tobt. Ist es bei der Masse eine Flucht in den Rausch (losgelöstes Leben), so ist es bei den Geistigen Flucht in das Problem (gleichzeitig losgelöstes Leben). Die Art der Flucht ist demnach ähnlich, beides ist Flucht vom Wesen. Diese Krise wirkt also bei Elite und Masse gleich. Und es ist deshalb klar, daß sich noch kein wirklicher Führer gefunden hat, denn die Elite leidet ja an derselben Krankheit wie die Massen. Führer aber kann nur der Gesunde sein! Die Lehre der Krise ward also klar herausgeschält. Wenn wir wollen, daß sie überwunden wird (Nichtüberwinden ist Untergang), so müssen wir wieder zu dem Lebendigen aus dem Losgelöstsein finden. Wir müssen wieder auf die Ursachen (im Sinne von Urbestimmungen) zurückgreifen. Wir müssen die lebendigen Kräfte des Wachstums wieder da suchen, wo sie zu finden sind: in Natur, in Werk, in Gott. Erst aus •dem Mitleben und Erleben alles uns Umgebenden entsteht Wesen. Und nur aus gefülltem Wesen entsteht Kraft zum Führertum, die Erhebung über das Seiende zu Künftigem. Das Problem? Es wird zum Bestandteil, einem Bestandteil des Wesens. Gerade wir, als junge jüdische Menschen, sind dazu berufen, diese Forderung zu erfüllen. Denn, wenn man ohne gekünstelte Aufgaben "und Fehldeutung sich der Bibel naht, so springt uns gleich besagte Forderung in die Augen. Ich brauche hier nur auf die Schöpfungsgeschichte hinzuweisen und auf das Ebenbildsprinzip zwischen Gott und Mensch. Und wenn wir schon versuchen, jüdische Gemeinschaft zu bilden, soll da nicht der Punkt sein, auf dem man Gemeinschaft aufbauen könnte, jenseits aller Zersplitterung, bejaht durch das bindende Buch? Paul Frank Jüdische Jugend und freiwilliger Arbeitsdienst Die sich immer stärker auswirkende Erwerbslosigkeit unter der jüdischen Jugend in Frankfurt veranlaßte die Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde, einen Ausspracheabend mit dem obigen Thema zu veranstalten. Am Montag, den 8. August, fand eine gutbesuchte Jugendversammlung statt, bei der Dr. Georg Lubinski, Berlin, in einem größeren Referat theoretische und praktische Darlegungen zu dem Problem „Erwerbslose jüdische Jugend und FAD" machte. Die Bedenken und Schwierigkeiten, die der Beteiligung am FAD entgegenstehen, wurden unverhohlen aufgewiesen; zugleich wurde aber die Quintessenz des Referats deutlich, wonach der FAD heute auch der erwerbslosen jüdischen Jugend die Möglichkeit gibt, ihre ökonomische und im gewissen Sinne auch psychische Lage im bescheidenen Maße zu verbessern,, eine Möglichkeit, von der in Berlin schon Gebrauch gemacht wurde. Nach den gutdurchdachten Ausführungen Dr. Lubinskis gab Philipp Rochwerg einige Aufschlüsse über "die Vorarbeiten, die zum Zwecke der baldigen Realisierung eines jüdischen FAD in Frankfurt bisher geleistet wurden. In der darauf folgenden Diskussion versuchte man von gegnerischer Seite das Schwergewicht der Aussprache auf das Prinzipielle des Problems FAD zu legen, ein unfruchtbares Beginnen, das von dem Leiter des Abends, Ernst H o 1 z e r, schnell vereitelt wurde, so daß der Abend hauptsächlich noch praktische Gesichtspunkte ergab, die für die Verwirklichung des von der Jugendkommission verfolgten Projekts von Nutzen sein können. Im Anschluß an diese Veranstaltung berief die Jugendkommission am Montag, den 15. August, eine Sitzung ein, an der die Vertreter sämtlicher Jugendbünde und -vereine teilnahmen. Es zeigte sich, daß aus diesen Kreisen dem Plan des jüdischen FAD Widerstände nicht entgegengesetzt werden, sondern im Gegenteil großes Interesse an seiner beschleunigten Durchführung vorhanden ist. Als praktisches Ergebnis dieser Sitzung kann erwartet werden, daß die Jugendvertreter in ihren Kreisen eine tüchtige Propaganda entfalten, damit mit einer möglichst großen Gruppe von AD-Freiwilligen in kurzer Zeit die Arbeit in Angriffgenommen werden kann. Meldungen an Ernst Hölzer, Corneliusstraße 8. Ph. R. Die Vorteile des freiwilligen Arbeitsdienstes Die folgenden Zeilen sollen kurz die Vorzüge des Freiwilligen Arbeitsdienstes aufzeigen. Gedacht ist der Freiwillige Arbeitsdienst hauptsächlich für Menschen unter 25 Jahren', die durch die lange Arbeitslosigkeit jeder geregelten Beschäftigung entwöhnt sind. Wenn auch die Beschäftigung im Freiwilligen Arbeitsdienst für Kaufleute und Handwerker nicht unbedingt * als berufsfördernd anzusprechen ist. so ist doch ein wichtiges Moment zu beachten: Das Einspannen in geregelte Tätigkeit. Schon durch eine regelmäßige Pflicht und durch einen von Tag zu Tag stärker werdenden Arbeitsrhythmus kommt der Jugendliche nicht nur zum Bewußtsein seiner Kraft, sondern er kommt auch ab von den Gedanken, die das Nichtstun zwangsläufig mit sich bringt. Außerdem wird durch den Zuschuß des Staates ihm ein kleines fiananzielles Entgelt geboten, das im Gegensatz zur Unterstützung als wirklich erarbeiteter Verdienst anzusprechen ist. Die wichtigste und im allgemeinen zu wenig beachtete Vergünstigung des Freiwilligen Arbeitsdienstes besteht in der Verpflegung und, falls der Arbeitsdienst nicht in der Stadt selbst ausgeführt wird, in der gemeinschaftlichen Unterkunft und dem Zusammenleben mit gleichaltrigen und gleichdenkenden Kameraden. Wir hoffen, in Frankfurt durch Errichtung des Freiwilligen Arbeitsdienstes dem jungen Erwerbslosen eine der dringendsten Sorgen des Alltags abnehmen zu können, indem wir ihn nicht nur vor dem Nichtstun und den damit verbundenen Unzuträglichkeiten im Haus abhalten, sondern auch zu gleicher Zeit ihm die Verpflegung geben können, die er haben muß, wenn er körperlich arbeitet. Die oft geäußerte Befürchtung, daß die Jugendlichen dem Arbeitstempo nicht gerecht werden können, ist in der Praxis widerlegt worden; man wird genügend Rücksicht nehmen, um sowohl die Eingewöhnung als auch die körperliche Kraft in Einklang mit der Arbeit zu bringen. Die Tageseinteilung sieht sechs Stunden körperlicher Betätigung vor; zwei weitere Stunden sind der Weiterbildung und" sportlichen Betätigung gewidmet. Es ist zu wünschen, daß recht viele Jugendliche sich für den Freiwilligen Arbeitsdienst melden, insbesondere auch deshalb, da eine Reihe größerer Firmen die Tendenz "haben, bevorzugt Leute einzustellen, die bereits im Freiwilligen Arbeitsdienst gearbeitet haben. A. B Schluss der R<-i!a?e. Verantwnrlli.-b ffir Hie Srhrlftleitune Her Reilacre: Ernst Ho^er in Frnnknut ».