Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-09-01 · 1 (9.1932) · page 22

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
1 (9.1932)
Date
1932-09-01
Page
– (sequence 22)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3094266-3094386-3094387--3323-3098092
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

20 stellten Fragen weniger wichtig. Sie sind es aber doch, denn es besteht ein Zusammenhang zwischen dem, was erreicht bzw. nicht erreicht wurde, und der weiteren Entwicklung der deutschen Jugend. Freilich ist hier einzuschalten, daß die Bünde der Jugendbewegung mit der Zeit nicht mehr ausschließlich auf dem Programm des Hohen Meißners basierten, sondern daß die Aufgaben, die sich die Bünde jeweils besonders stellten, und die tiefen menschlichen Beziehungen, die sich bei einem auf das gleiche Ziel gerichteten intensiven Leben von selbst ergaben, gewichtig mit in den Vordergrund traten und das Gesicht der Bünde bestimmten. Das besagt, daß es für die bloße Existenz der bündischen Gemeinschaft nicht unbedingt erforderlich war, daß die zu Anfang von der Bewegung gestellten Ziele erreicht wurden; daß also Jugend, die nicht mehr an die Möglichkeit einer Aenderung der Gesellschaft glaubte, daran nicht notwendig scheitern mußte, sondern ihren Sinn in anderen Aufgaben finden konnte. Allerdings konnten solche Aufgaben nur aus dem Geist und der Haltung einer Jugend gefunden und gestellt werden, die das Erlebnis des Aufbruchs für immer im Herzen trug. Es muß aber zunächst gesagt werden, inwieweit die Jugendbewegung ihre Ideale verwirklichen konnte und erreicht hat. Und da sieht es trostlos aus. Die Gesellschaft ist nicht um einen Deut besser geworden. Es gibt ihr gegenüber für den aus der Jugendbewegung Kommenden nur zwei Möglichkeiten: entweder negiert er sie und stellt sich außerhalb, dann geht ihm jede Wirkungsmögliehkeit über bestenfalls einen kleinen Kreis Gleichgesinnter hinaus verloren. Oder er geht erhobenen Hauptes in die Gesellschaft hinein, wissend, daß er sie braucht, wenn sein Wollen nicht wirkungslos bleiben soll, und in -der Hoffnung, durch sein persönliches Sein menschlich in seinem Sinne wirken zu können. Ein Untergehen in der Gesellschaft, wie sie heute ist, ist für einen jeden jungen Menschen unmöglich, dem je ein Feuer, an dem er eine Nacht lang wachte, zum Erlebnis wurde. — Auch bei der Schule ist nicht viel gebessert. Gewiß gibt es freie Schulgemeinden und Reformschulen, es gibt mehr Sport im Stundenplan und einen Spielnachmittag, aber ist denn damit etwas geändert? Vielleicht ist das Lehrermaterial ein wenig besser geworden; es gibt junge Lehrer, die nicht nur etwas von ihrem Fach, sondern auch von Psychologie und Pädagogik verstehen, aber sie sind selten. Und wenn man sich den Nachwuchs auf der Universität und der pädagogischen Akademie betrachtet, läßt man jede, aber auch die kleinste Hoffnung Avieder fahren. — Elternhaus. Hier ist vielleicht am meisten gebessert. Es werden den Jungens nicht mehr so viel Schwierigkeiten gemacht, wenn sie auf Fahrt gehen wollen, man sieht, daß es den Jungens nur gut tut, in einer Gruppe zu sein. Aber das ewige Problem Eltern—Kinder konnte auch eine Jugendbewegung nicht lösen. Es ist noch festzustellen, daß die Sportbewegung, wie wir sie heute haben, in Deutschland ohne die Jugendbewegung nicht den großen Umfang hätte annehmen können. — Auch in der Politik macht sich die politische Konkretisierung hündischer Gedanken durchaus bemerkbar: bei der Hitler- Bewegung, beim Jungdeutschen Orden, bei dem Tat-Kreis, der Otto - Sti-asser - Gruppe und vielleicht auch bei der Eisernen Front. Wie hat nun die Jugend darauf reagiert, daß fast alles, was sie im Endziel wollte, nicht erreicht wurde? Resignierte sie? Nein, sie stellte sich um. Die Bünde setzten die oben angedeutete und in ihrem Anfang gezeigte Entwicklung fort. Der ..Kampf gegen Elternhaus, Schule, Gesellschaft" trat immer mehr in den Hintergrund. Es wurden andere Ziele aufgestellt, nationale, pfadfindische, religiöse, man sprach von der Erziehung zur Persönlichkeit, zum ganzen Kerl, der im Leben seinen Mann stellt. — Nun aber erhebt sich die Frage: Ist das denn überhaupt noch Jugendbewegung? Ist das, was heute in den Bünden gemacht wird, nicht nur noch Jugendpflege? Es ist Jugendbewegung, was da ist. Jugendpflege wäre es, hätte man nur die alten Formen der Bünde und Gruppen, die sich um einen Führer scharen, übernommen. Es ist aber Jugendbewegung, denn nicht der kann Führer sein, der allein geistig überlegen ist, er muß es auch menschlich sein, die Jungens, die ihm folgen, müssen ihn lieben. Es ist noch der alte radikale Geist, in dem man sich mit den Problemen des Lebens herumschlägt; vor allem, es ist die unbedingt gerade, menschliche, geistige und seelische Haltung, die all die jungen Menschen in ihren Herzen und hinter ihren Stirnen tragen. Haltung ist nichts, was zu beschreiben oder zu definieren wäre, und. so werden nur die das Gemeinte verstehen, die es leben und erleben können. In diesem Zusammenhang muß noch auf das Problem hingewiesen werden, das sich für die Jugend aus der einschneidend veränderten menschlichen und wirtschaftlichen Gesamt-Situation ergibt. Das Problem liegt im Rahmen dieser Betrachtung am Rande — ist aber heute eines der wichtigsten — und kann deshalb nur angedeutet, nicht erschöpfend behandelt werden. Es besteht für viele Bünde die Frage, ob sie überhaupt weiter existieren können. Fahrten werden infolge Geldmangels in Frage gestellt; der Beruf, der im Durchschnitt heute weit früher als bisher an den jungen Menschen herantritt, hindert ihn zeitlich und oft auch in Bezug auf seine Interessen daran, im Bunde wie bisher mit ganzer Kraft selbstverständlich mitzuarbeiten. Das sind aber Dinge, die die Jugendbewegung nicht in Frage stellen können. Vielleicht, sicher sogar ergibt sich, im ganzen gesehen, eine wesentliche Verkürzung der bündisch aktiven Zeit. Für den Führer wird die Möglichkeit, lange Zeit auf die Geführten einzuwirken, immer geringer. Für die Jugendbewegung ist aber, wie oben ausgeführt, die Haltung das Entscheidende, die Wesen, Art und Handeln des Menschen bestimmt. Es ist den Bünden nie darauf angekommen, möglichst viel Leute unter ihren Fahnen zu sammeln. Wenige, die etwas Besonderes waren, bedeuteten ihnen mehr, als viele, die nur Durchschnitt waren. Und deshalb wird Jugendbewegung nicht untergehen, wenn es auch nur noch wenige sind, die ihre Fahnen hoch tragen. Auch die Politisierung der Jugend — wieder ein Problem, das in diesem Zusammenhang nur angedeutet werden kann:— wird der echten Jugendbewegung keinen Abbruch tun können. Wenn es auch heute scheint, daß Reformen, die bessern sollen, nur über die Politik die Möglichkeit einer Verwirklichung haben, so ist es doch immer der höchste Glaube der Jugendbewegung gewesen, daß der Mensch im Mittelpunkt stehen muß und nicht die Dinge und daß auf die Formung des Menschen das entscheidende Gewicht gelegt werden muß. (Es wäre wünschenswert, wenn in diesen Blättern einmal die Probleme „Jugend und Politik" und „Jüdische Jugend und deutsche Politik" erörtert würden, aber nicht parteipolitisch, sondern grundsätzlich.) Steht nun die jüdische deutsche Jugend anders zu diesen Fragen, als die übrige deutsche Jugend? Grundsätzlich nicht. Denn jede Jugend, die deutsch spricht und deutsch empfindet, kann jugendbewegt sein. Von diesem Gesichtspunkt aus konnte es auch die zionistische Jugend sein, Avas der Blau-Weiß gezeigt hat. Dies aber ist nicht der einzige Blickpunkt. Ein Jugendbund, dem nicht mehr der Mensch und seine freie Entwicklung im Mittelpunkt aller Arbeit steht, sondern eine Idee, ist nicht mehr Jugendbewegung. In dem Augenblick, in dem die Bewegung, die ja auf der Freiheit des Menschen basiert, eingeengt wird durch ein Ziel oder eine Idee, die überpersönlich ist, in dem Moment also, wo Jugend zu einem bestimmten Zweck oder Ziel in eine bestimmte Richtung geführt wird, ist sie nicht mehr Jugendbewegung. Hier deckt das Beispiel des Blau-Weiß, der durch ein konkretes Ziel in diesem Sinne ja durchaus festgelegt war, keinen Widerspruch auf. Denn zu Beginn der Bewegung waren solche Zielsetzungen durchaus möglich und standen nicht im Widerspruch zur Freiheit des Einzelnen. — Heute stehen die Ideen, mögen sie nun politisch, religiös oder jüdisch - volklich sein, fordernd im Vordergrund und beanspruchen für sich alleinige Gültigkeit. Deshalb ist heute die jüdische Jugend-Gemeinschaft, die sich als Bund einer Idee oder einem festen, für alle verbindlichen Ziele verschrieben hat, nicht mehr zur Jugendbewegung zu zählen. Jugendbewegung sind nur die, denen der freie Mensch letzten Sinn und höchstes beglückendes Ziel bedeutet. Kurt Wongtschowski Gesetzestreue Jugendbewegung Zunächst erscheinen Gesetzestreue und Jugendbewegung als zwei unvereinbare Gegensätze. Die Menschen der Jugendbewegung wollten vor eigener Verantwortung frei ihr Leben gestalten, weil sie in jedem Handeln nach fremdem Willen eine innere Unwahrhaftigkeit erblickten. Und so proklamierten sie das Recht der Kritik an allem Bestehenden: Nichts ist ■deshalb richtig, weil es bisher so gewesen und bisher als richtig angesehen worden ist; richtig ist nur, Avas sich heute A7or eigenem Urteil als richtig enveist. Dagegen Avir Esräer, wir traten in diese Welt der autonom sein Avollenden Jugend ein, mit dem Willen, auf diese .Eigengestaltung unseres Lebens zu einem Avesentlichen Teil zu A^erzichten, um unser Leben nach der Thora zu leben. Und trotz dieser geAvaltigen Verschiedenheit lag die Gegensätzlichkeit nur auf der Oberfläche, im Formalen, nicht im Sinn der BeAvegung. Im Ziel mußte es auch für uns darauf ankommen, die Harmonie herzustellen zwischen unserem /Sein und unserem Handeln, daß unser Handeln nicht umvahres mechanisches Tun bleibt, an dem unser Sein keinen Anteil hat. Aber Avährend die anderen, A'on ihrem Sein — oder mindestens ihrem vermeintlichen Sein — ausgehend, frei ihr Leben zu gestalten suchten, um diesem Ideal näherzukommen, mußte uns aus gleicher Zielsetzung die Aufgabe erwachsen, uns selbst zu den unwandelbar, feststehenden Lebensformen der Thora hin-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.