Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 1 (9.1932)
- Date
- 1932-09-01
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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19 JUGEND UND GEMEINDE Beiläge zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde Nr. 1 SEPTEMBER 1932 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an den Schriftleiter der Beilage, Ernst Holzer, Corneliusstrasse 8, zu richten. GIBT ES NOCH EINE JUDISCHE JUGENDBEWEGUNG? Die alle und die neue Bewegung So, wie es jederzeit Jugend geben wird, wird es immer eine Jugendbewegung geben. Denn die Jugendbewegung ist die lebendige Ausdrucksform des Willens einer jungen Generation. Aber mit dem Wechsel der Generationen wechseln Inhalt und Formen der Jugendbewegung. Wie sich die Generation der Vorkriegsjahre überlebt hat, abgelöst wurde durch eine Generation der Sachlichkeit und des Zweckwillens, so ist auch die Jugend vom Hohenmeißner hineingewachsen in das Volksganze, hat sie aufgehört eigenös zu sein. Daß diese alte Jugendbewegung tot ist, kann man nur als eine natürliche Entwicklung betrachten. Eine andere Frage ist es, ob ihr Leben zweckvoll war, ob sie erreicht hat, was sie erreichen wollte und ob sie die höchste Aufgabe alles Lebenden erfüllt hat, zu zeugen und durch die Zeugung weiter zu entwickeln. Man soll Toten nichts Schlechtes nachsagen, trotzdem ... diese Generation hat die sich selbst gestellte Aufgabe nicht erfüllt. Sie wollte Erneuerer sein und ward nur Bewahrer. Sie wollte das Spießbürgertum überwinden und schuf sich nur die Spießer der Jugendbewegung. Diese Jugend versagte, weil sie nicht erkannte, daß Jugend genau so wenig einen Eigenwert darstellt, wie etwa das Alter, daß Jugend nur eine Uebergangszeit ist, voll eigener Werte, daß aber diese Werte nicht absolute, an ein ewiges Jungsein gebundene sind. Der junge Mensch wird älter, er kann als gereifter Mensch nicht in einer Jugendkultur leben. Denn Kultur kann nie altersgebunden sein, Kultur ist das Wachsende, das Fortschreitende, ist der lebensvolle Ausdruck einer sich entwickelnden Menschheit. Die alte Jugendbewegung wollte die Kultur in ihren Kreis bannen, sich eine eigene Jugendkultur schaffen. Aber Kulturen entstehen nicht nur aus einem Wollen heraus, aus der Jugendkultur wurde ein Jugendkult, und Avas im Entstehen noch lebendig war, wurde im Sein zur toten Form. Das Jugendland war etwas Großes und etwas Schönes, und etwas Wertvolles für junge Menschen, solange sie jung waren. Aber sie wurden älter und entwuchsen dem Jugendland. Oder aber ihre Seele blieb im Jugendland gefangen. Dann wurden sie lebensfremd. Das war die eine Tragik der alten Jugendbewegung. Die andere war die maßlose Ueberschätzung der Tatsache des Jungseins. Jugend ist etwas Eigenwertiges, ist ein in sich geschlossener seelischer Zustand, aber die Werte sind zeitgebunden und müssen wachsen wie die Menschen wachsen. Das wollte die alte Jugendbewegung nicht wahr haben. Alles, was jung war und durch die Jugend gestaltet wurde, schien ihr wertvoll zu sein, alles andere negierte sie. Und erkannte nicht, daß sie nur den Fehler der Generation vor ihr mit umgekehrten Vorzeichen machte, dieser Generation, die alles, was sie geschaffen, für alle Zeiten wahr haben wollte. Aus dem Traum der alten Jugendbewegung gab es ein schweres Erwachen. Der Konflikt entstand, als der erste Generationswechsel innerhalb der Jugendbewegung eintrat. Es gab auf einmal wieder Aeltere und Jüngere, zwei Generationen, zwei Stufen in einer Kultur. Zwar war noch der Wille zum Gemeinsamen da. Aber dieses Gemeinsame war nicht mehr zu finden, weil die einen es im Jugendland, die anderen im Leben suchten, diesem Leben, das sich gegen das Jugendland durch die Grenze der Wirklichkeit' schied. Auch das stärkste Wollen kann die Wirklichkeit nicht überwinden. Die Wirklichkeit siegte, und die alte Jugendbewegung starb an ihr. Le roi est mort! Vive le roi! Schon in der nächsten Generation entstand eine neue Jugend, wirklichkeitsnah, wenn auch oft wirklichkeitsfeindlich. Denn die Wirklichkeit der Nachkriegszeit war eine Verneinung aller Ideale einer Vergangenheit; schwerer als alle anderen traf diese Wirklichkeit die jüdische Jugend. Was ein Weltkrieg und eine sogenannte Revolution nicht erreicht hatten, die Nachkriegsjahre erzwangen es: den völligen Umbau im jüdischen Sein, noch nicht eigentlich den Umbau, erst einmal die Erschütterung im Sein und Bewußtsein. Werte wurden zertrümmert, was fest fundiert erschien, zersplitterte wie Glas. Nichts blieb, weder Gemeinschaft noch Familie, weder Kultur noch Wirtschaft. Der Vierzehnjährige mußte in den Beruf, das Kind sollte das Leben erkennen und meistern. Der Berufstätige verlor seine Stellung, und damit den Weg, der ihn durchs Leben führen sollte. Neue Schlagworte drangen in das jüdische Leben, keine Ideologie, kein Parteiprogramm, keine festerworbene Wahrheit der Vergangenheit hielt dem Chaos stand. Doch schon lebt eine neue Jugend. Sie sieht die Wirklichkeit und will in ihr leben. Aus dem Lebenwollen erzwingt sie das Neue. Jugendland wird ihr zum Schulungsland, erfüllt von dem Erlebnis des Jungseins, des Wählenkönnens und der Fähigkeit, sich und ihr Leben zu formen. Den Wert der Jugend erkennt diese jüngste Generation in der. Unbefangenheit, in der Freiheit der Entscheidung. So gestaltet sie ihr Leben. Mit der Scoutbewegung ist auch in die jüdische Jugendbewegung eine neue Tendenz getragen worden. Der Scout ist nicht der Knabe, der Scout ist der Mann. Erziehung zum Scout ist Erziehung zur Männlichkeit, zu männlicher Stärke und zu männlichem Wollen. Klar steht dieses Ziel vor Augen. Die Gemeinschaft erschöpft sich nicht im jugendlichen Sein, — das ist nur die erste Stufe —, die Gemeinschaft findet ihren wahren Ausdruck erst im Leben des Volkes. Die Jugendbewegung von heute bekennt sich zum Volksganzen, fühlt sich als Teil dieser Gemeinschaft. Kampf und Problem des Ganzen wird Kampf und Problem der Jugend. Die jüdische Jugendbewegung sieht ihre Aufgabe in der Gestaltung der jüdischen Gemeinschaft. Jeder ihrer Schritte muß auf dem Wege zum Judentum erfolgen. Und dieser Weg führt durch das Chaos der Zeit, führt hinein in den sozialen Kampf. An Stelle des Erlebens der Gemeinschaft am flammenden Lagerfeuer, an Stelle des träumenden Fühlens einer Verbundenheit, tritt das Erlebnis durch die gemeinsame Leistung, durch das gemeinschaftliche Bekenntnis zum gemeinschaftlichen Werk. Nicht mehr um eine jüdische Jugendkultur geht es, sondern um die Erfüllung einer jüdischen Kultur mit der Kraft und dem Erneuerungswillen der Jugend. Arbeit im Judentum, Arbeit um das Judentum, Arbeit für das Judentum. Aus dem Chaos der Zeit muß mit einer neuen Gesellschaft auch eine neue jüdische Gesellschaft erstehen. Die Jugend von heute ist die Generation, die morgen Träger der neuen Gesellschaft sein wird. Um diese geht es, nur um diese. _ Kurt London Was die Jugendbewegung wollte und erreichte In diesen Zeilen wird der Versuch unternommen, zu ergründen, ob Jugendbewegung heute noch möglich ist und ob die jüdische deutsche Jugend in einem anderen Verhältnis zu dieser Frage steht als die übrige deutsche Jugend. Es scheint nötig,' kurz zu rekonstruieren, was Jugendbewegung in ihrem Anfang bedeutete. Sie wollte eine von Konvention, Gesellschaft, Schule und Elternhaus eingezwängte Jugend freimachen. Sie wollte der Jugend alle Fesseln abstreifen, sie zu sich selber führen, dem jugendlichen Leben ein absolut autonomes Recht einräumen. Und es ergaben sich die hohen Forderungen von Gefolgschaft, von Führertum, es ergab sich die Jungens-Gemeinschaft, die Gruppe, ein neuer, reiner Eros blühte. — Praktisch sah die Sache so aus: Man ließ sich von seinen Eltern möglichst wenig mehr sagen, man war abstinent, man mied die Gesellschaft. Man ging regelmäßig auf Fahrt, machte regelmäßig Heimabende, auf denen mit einer glühenden Begeisterung alle Probleme durchgesprochen wurden, die den jungen Menschen nahe kamen. Und das höchste und letzte Ziel war das Bild eines neuen, freien deutschen Menschen, der all das Hohle und Schlechte über den Haufen werfen und eine neue, gute und sinnvolle Welt aufbauen sollte. Die Fragen: was hat die Jugendbewegung erreicht, welche ihrer Ziele sind verwirklicht und wo ist sie gescheitert, scheinen auf den ersten Blick für die Lösung der am Anfang ge-