Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 1 (9.1932)
- Date
- 1932-09-01
- Page
- Seite 13 (sequence 15)
- Language
- German
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13 In meinen iKiriderjahren besuchte ich die Synagoge am Börneplatz, die unserem Hause nahelag, täglich zum Morgen- und Abendgebet. In meiner Erinnerung stehen alle die Männer, die damals am Gottesdienst teilnahmen; fast alle deckt sie schon der Rasen. Diejenigen, die den Gottesdienst leiteten, sehe ich noch besonders lebendig vor mir. (Die starke und volle Stimme des damaligen Vorbeters Marx, der gleichzeitig auch an der Religionsschule unterrichtete, erscholl immer in sonorem Wohllaut; an den Fasttagen erhob sie sich im Nachmittagsgebet zu solcher Stärke, daß unter uns Kindern das Scherzwort ging „Er schreit nach Brot". Häufig wohnte ich schon als kleiner Junge dem Vorbereitungsunterricht für die Barmizwah bei; da ging es nicht immer sehr sanft zu. Ich höre noch seine scharfen Mahnungen an diejenigen, die entweder die Sprache oder den Ton, den Nigun, nicht beherrschten. Der kleine bärtige, starke Mann schien mir in diesem Augenblick wie ein Avilder Tyrann, er machte seine Drohungen freilich nie wahr, aber in diesen Stunden, die dem wochentäglichen Nachmittags-Gottesdienst folgten und uns kleine Knirpse in Scheu um den Almemor vereinten, und in welchen in der Tat manchesmal aus dem Mund des Kindes nicht sehr melodische Klänge ertönten, fürchteten wir doch, daß den vielfach wiederholten Ankündigungen irgendeine Ausführung folge. In immer gleich melodischem Klang ertönte die Stimme des Oberkantors Fabian 0 g u t s c h. Auch in seinem persönlichen Wesen lag nur Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit; seine Stimme erhob sich voller Wohllaut in die Höhe, und in solcher Leichtigkeit und Reinheit erklang sie in allen Kadenzen, daß auch wir Jungen von seinem Gesang und Gebet hingerissen wurden. Ein Gegenstand 'besonderer Verehrung und größten Ansehens war der Schammes, Herr I s a a c. Wenn er seinen großen Sabbathrock anhatte, einen- Gehrock, der fast bis zum Boden reichte, und durch die Synagoge .schritt, machte er mit seiner hohen und wohlbeleibten Gestalt den Eindruck eines der Ersten in der Gemeinde. Von ihm erzählt man sich auch folgendes: Als ein Vorsteher einer süddeutschen Mittelgemeinde, der ihn an einem Badeort kennen gelernt hatte und sein behagliches Wohlleben vielleicht ein wenig neidisch verfolgte, einst die Frage an ihn richtete: „In welche Schul gehen Sie eigentlich in Frankfurt und was haben Sie für Geschäft?", auf die Antwort, er sei Schammes am Börneplatz, verwundert den Kopf schüttelte mit dem Zusatz „bei uns gestattet sich nicht einmal der Parnes jeden Tag eine kleine Flasche Wein", da erwiderte Herr Isäac, ohne aus der Ruhe zu kommen: „Bei Ihnen möchte ich auch nicht einmal Parnes sein." Neben Herrn Isaac amtierte Herr Halberstadt, ein trefflicher und treuer Beamter, den neben vielen anderen Tugenden große Frömmigkeit zierte. Sein kleines Amt nahm er mit großer Strenge Erinnerungen an clen Börneplatz wahr, und wir durften uns nicht von ihm ertappen lassen, wenn wir beim „Lajenen" oder sonst gerade irgendwelche Unterhaltung pflegten. Nicht vergessen soll hier werden der Synagogenwart, Herr II o 1 f e n s t e i n. Er war ein frommer und überzeugter Katholik, und in seinem überzeugten Gottesglauben spielte auch die Sorge um die Sauberkeit und Schönheit der ihm anvertrauten Synagoge eine große Rolle. Er hatte verhältnismäßig große technische Fähigkeiten. Er hatte sich selbst einen kleinen Gießwagen in der Form der städtischen Gießwagen gebaut, und mit diesem Gießwagen versorgte er den Bürgersteig vor der Synagoge und den angrenzenden Häusern. Wenn »las kleine rote, saubere Gießwägelchen, von Herrn Helfensteiiis Hand gelenkt, auf der Straße erschien, zeigte sich das Staunen der ganzen Kinderwelt, die aus den Nachbarstraßen und -gassen hervorbrach, um das Wunderwerk anzusehen. Wie die Fama erzählt, geschah es einmal, daß Helfenstein, der auch ein warmer Anhänger der Zentrumspartei war, deren Führer damals der bekannte „Reiehsregent" Dr. Lieber war, der in ausgezeichneten Beziehungen zu Herrn Rabbiner Dr. Horovitz stand und diesen häutiger besuchte, Herrn Dr. Lieber als „lästigen Ausländer" heftig anfuhr. Das war so geschehen: Damals wohnte Helfenstein im 2. Stock des Kabbinerhatises und hatte dort seine Dienstwohnung. Während der Zeit des Mittagsschläfchens von Helfenstein kam nun Dr. Lieber zu Besuch zu dem Rabbiner, zog aber an der falschen Schelle, so daß Helfenstein geweckt wurde; Helfenstein erklärte zunächst von oben, daß hier sicher ein Irrtum vorliegen müs^e und reagierte nicht weiter. Nach wenigen Minuten wurde wieder geschellt, so daß er sich erheben mußte und in Schlafrock und Pantoffeln hinunterging, um dem bärtigen Herrn Dr. Lieber zuzurufen: „Sie Pollack könnten auch Ihre Augen aufmachen, dann würden Sie sehen, daß die Schelle nicht zu Rabbiner Horovitz, sondern zu mir geht," und damit öffnete er die Tür. Das Vorkommnis erregte Dr. Lieber recht ordentlich. Schließlich wurde aber aus der Tragödie eine Komödie, als er hörte, daß Herr Helfenstein ein treuer Diener seiner Kirche, ein treuer Anhänger seiner Partei und dabei ein treuer Wächter der Synagoge war. Helfenstein hatte starke Gewissensbisse und wurde in der Folge doch etwas vorsichtiger und ruhiger. Von den Vorstehern, die damals in der Synagoge wirkten, will ich nur einige nennen, die mir ins Gedächtnis kommen: A r o n Meyer, der tätige Stadtverordnete und humorvolle Kinderfreund, Emanuel Lehmann, der leicht gerührte und leicht erregte Mann strenger Gewissenhaftigkeit, der gelehrte Dr. H e i n e m a n n , der für uns Kinder mit seinem schönen, edlen Profil schon ein Gegenstand der Verehrung war, wenn er sich auch in unsere Spiele nicht mischte und sich um unsere Interessen wenig kümmerte; der würdevolle Herr Alle Saison-Neuheiten in Seiden- und Wollstoffen geschmackvoll und preiswert KAUFHERR Steinweg 4 Steinweg 4 Haus- und Küchengeräte Glas u« Porzellan in bekannt guter Qualität Grösste Auswahl LOREY Schillerstrasse 16 — Gr. Eschenheimerstr. 29.