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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-09-01 · 1 (9.1932) · p. Seite 12

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
1 (9.1932)
Date
1932-09-01
Page
Seite 12 (sequence 14)
Language
German
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Doch löste sich jedesmal die Unsicherheit in Staunen und Wohlgefallen, ob der musikalischen Sicherheit und Genialität des bescheidenen Mannes, dessen würdige, geschmackvolle und erhebende Vortragsweise in unserer Synagoge noch immer unvergessen ist und bei denen, die das Glück hatten, ihn zu hören, freudig-wehmütige Erinnerung wachruft. Eine Episode aus der Geschichte der Synagoge und ihres Chores soll hier der Vergessenheit entrissen werden. An einem Freitagabend des Oktobers 1901 fand in unserer Synagoge zum ersten Male die feierliche Vorbereitung der in die beiden damals hier stehenden Regimenter (I. Kurhess. Inf.-Regt. Nr. 81 und Husaren-Regt. Nr. 13) neu eingetretenen jüdischen Mannschaften auf die Ableistung des Fahneneids unter persönlicher Führung des damaligen Stadtkommandanten, Generalleutnants Exzellenz von Stülpnagel, statt. Die Synagoge war überfüllt, ein festlicher Gottesdienst mit Predigt war angesetzt. Der Chor hatte „große" Gesänge vorbereitet. Ogutsch Avurde gebeten, einen von ihm selbst vertonten und nur an ausgezeichneten Sabbathen zum Vortrag kommenden „Ad. moloch" (Psalm 93), ein gesanglich-musikalisches Kleinod, zu singen. Ich war beauftragt, mit ihm darüber zu verhandeln, was während des Minchahgottesdienstes, bei dem er nicht beschäftigt war, unauffällig geschah. „Was für ein Jontef ist heute?" war seine Entgegnung, aber er sang, nein jubelte ..Adir bamoraum Ad". Daß Ogutsch bei all seinen Sorgeu und Kümmernissen neben seinem Lebenswerk, dem „Frankfurter Kantor", auch noch einen stattlichen Band synagogaler Chorgesänge für den Freitagabendgottesdienst „Schire Jehuda" herausgegeben hat, die zum großen Teil in früheren Jahren und an besonderen Sabbathen von unserem Chor zu Gehör gebracht wurden, sei an diesem Zusammenhang nur nebenbei erwähnt. — Chordirigent Seckbach kannte das Leistungsvermögen und die musikalische Intelligenz seiner Sänger und wußte genau, wo es zu tonalen Schwankungen kommen konnte. Er nahm deshalb aus Vorsicht die betreffenden Gesänge einen halben Ton höher, damit sie am Schluß nicht zu tief wurden. Daran hinderte ihn auch nicht etwa der Umstand, daß der Kantor einen Gesang einleitete; er hielt sich währenddessen das Ohr zu und gab einen anderen Ton an, mit dem der Chor alsdann einzusetzen hatte. Wir Chorleute mußten uns natürlich dem musikalischen Gebot unseres Leiters fügen, der der Ueberzeugung war, daß niemand aus der Schar der Synagogenbesucher von seinen Jonglierkunststücken etwas merke. Seckbachs Nachfolge trat nach kurzem Interregnum im Jahre 1924 Dr. Nathan Ehrenreich an. Neben seiner eigentlichen Wirksamkeit, wobei auch der Wiederweihe der umgebauten und vergrößerten Synagoge im Jahre 1902 gedacht werden soll, hat der Chor vielfach bei außergottesdienstlichen Veranstaltungen, so oft der Ruf an ihn ergangen ist, seine Kräfte zur Verfügung gestellt. Erwähnt sei vor allem seine Mitwirkung bei zahllosen Trauungen, die früher, in guten Zeiten, mit Vorliebe in den Frankfurter Sälen (Saalbau, Zoo, Kaufmännischer Verein, den Logensälen) abgehalten wurden. Es kam vor, daß wir an besonderen Tagen, an denen nach religiös vorgeschriebenen Karenzzeiten (Omer, 3 Wochen zwischen dem 17. Tamus und dem 9. Ab) sich die Trauungen häuften, von einem Saal zum andern ein Wettrennen mit dem Rabbiner und den Trauzeugen veranstalten mußten, denen im Gegensatz zu uns, die wir die Wege per pedes zurücklegten, Wagen zur Verfügung standen. um rechtzeitig an Ort und Stelle zu sein. Dafür wurde uns nach Schluß der Trauung in freigebiger Weise Imbiß und Erfrischung gereicht, was uns Jungen ganz besonderen Spaß machte. Erwähnt sei ferner die Mitwirkung bei Logen- und anderen Feiern, wie z. B. die Eröffnung der ersten Palästina- Ausstellung im ehemaligen Russischen Hof auf der Zeil im Jahre 1897, die Einweihung der Synagoge an der Unterlindau 1893, der neu erbauten Synagogen in Höchst 1905, Königstein 1906, Bad Nauheim 1929, die Feier des 75jährigen Synagogenjubiläums in Bergen 1929, die Wiederweihe der Krankenhaussynagoge an der Gagernstraße 1928, die Einweihung des neuen Friedhofs 1929; ferner die alljährlichen Chanukkafeiern für die Patienten des Gumpertz'schen Siechenhauses, sowie die Mitwirkung bei Trauer- und Gedächtnisfeiern um verdiente Persönlichkeiten aus Gemeinde und Judentum. Schließlich verdienen Erwähnung die großen Konzertveranstaltungen zugunsten des Gumpertz'schen Siechenhauses 1926, und vor allem die Beteiligung des Chors während des Sommers der Musik gelegentlich der Internationalen Musikausstellung in Frankfurt am Main im Jahre 1927, die geeignet war, den Teilnehmern neue Eindrücke von der künstlerischen Leistungsfähigkeit des Chors im Konzertsaal und der Eigenart der Synagogenmusik zu übermitteln. Erinnert sei hier auch an den um die Jahrhundertwende aus dem Chor hervorgegangenen Männergesangverein „Freie Chor Vereinigung", dem unter Leitung des Musikdirektors Ferdinand Bischoff im Frankfurter Musikleben ein leider nur kurzes, aber rühmliches Dasein beschieden war. Zur Aufrechterhaltung der inneren Ordnung wählt sich der Chor in einer alljährlich nach den Herbstfeiertagen stattfindenden Generalversammlung einen aus drei -Mitgliederu bestehenden Vorstand, an dessen Spitze seit vielen Jahren der .in vieler Beziehung verdiente Herr Abraham Lewisohn wirkt. — Im Auftrag des Gemeindevorstands werden in jedem Jahr, in der Regel am Vorabend des Schemini azereth-Festes in feierlicher Weise Bücherspenden an die Chorknaben als Belohnung für ihren Fleiß und ihre Leistungen im abgelaufenen Jahr durch den Synagogenvorstand verteilt. Die Feier wird von Chorgesängen umrahmt und durch eine Ansprache des Rabbiners eröffnet. Den erwachsenen Chormitgliedern wird von Zeit zu Zeit durch die Veranstaltung eines gemeinschaftlichen Ausflugs in die nähere oder weitere Umgebung Frankfurts eine Freude bereitet. Sofern die Mittel es gestatten, findet auch wohl ein gemütliches Zusammensein mit Bewirtung statt, an dem auch die übrigen Funktionäre der Synagoge sowie Vertreter des Synagogenvorstands teilnehmen. Aus der großen Reihe eifriger und verdienter Chormitglieder, die im Laufe der Jahrzehnte in die Schar der Himmelschöre abberufen worden sind, seien hier besonders erwähnt die Brüder Carl, Max und Rudolf Bing, die Brüder Gerson und Heinrich Frohmann, die im Krieg gefallenen Brüder Alex und Sally Halberstadt, Felix Horovitz, Lazarus Levi, Leopold Levi und sein Vater Simon Levi, Eduard Lion, Maier Oppenheimer, die Brüder Emil, Nathan und Willy Schwabacher, Max Seckbach und Isaak Wolf. Dir Andenken bleibe ein Segen! Der Synagogenchor wirbt für sich durch seine Leistungen. Möchten ihm auch weiter die Kräfte zufließen, deren er zur Erfüllung seiner Aufgaben bedarf! "\ r Renate Wolf Gr. 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