Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 1 (9.1932)
- Date
- 1932-09-01
- Page
- Seite 11 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Von dieser Treppe führte eine tiefer angesetzte Tür über die Stufen des Aron hakodesch unmittelbar in den Synagogenraum, ein Weg, den allein der Rabbi das Recht hatte, zu benutzen. So hatten wir Chorsänger oft das Glück, den immer freundlich lächelnden Raw im Treppenhaus zu - treffen, und wurden nicht selten von ihm durch kurze Worte der Begrüßung vor seinem Eintritt in die Synagoge geehrt. Besonders auf uns Kinder machte die ehrfurchtgebietende Erscheinung immer einen tiefen Eindruck. Trotzdem war der Rabbi uns kein Fremder; als Direktor der von ihm begründeten Israelitischen Religionsschule, deren Schüler wir zum großen Teil gewesen sind, kannte er nicht nur uns, sondern auch unsere Familien genau. Wie der unvergeß- . liehe Rabbiner über der Entwicklung und Ausgestaltung. der von ihm ans Leben gerufenen religiösen Einrichtungen mit besonderer Sorgfalt wachte, so achtete er auch genau darauf, daß der Gottesdienst in seiner Synagoge streng nach Frankfurter Gebrauch vor sich gehe. Damit war auch dem Synagogenchor die Grenze seiner gesanglichen Tätigkeit vorgezeichnet und musikalischer Willkür von vornherein ein Ziel gesetzt, und so nah* men im Rahmen der zum Vortrag * kommenden Gesangstücke die von dem Frankfurter Komponisten I. M. J a p h e t in Noten gesetzten herkömmlichen Melodien einen breiten Raum ein. Erst allmählich setzten sich auch die klassischen synagogalen Kompositionen von Lewandowsky, Sulzer, Naumbourg usw. durch, und heute gibt es wohl keinen namhaften Komponisten synagogaler Gesänge, der —• soweit sich seine Werke überhaupt für einen a capella-Chor aus Laiensängern eignen und dem Charakter unseres (vorwiegend auf den Kantor gestellten) Gottesdienstes Rechnung tragen — in unserem Chor nicht zu Worte käme. Zu nennen wären von neueren insbesondere Baruch Schorr, B. L. Rosowsky, Israel Mombach, Alfred Rose, Samuel Almann; daneben auch die Frankfurter M? Schnerb, E. Groß und IST. Ehrenreich, aber immer noch spielt Japhet, besonders in der Liturgie der hohen Feiertage und der 'Wallfahrtsfeste, eine nicht unbedeutende Rolle. T)em Sachverständigen ist es klar, daß der Chor einer /konservativen Synagoge, der ohne jede Musikbegleitung zu J'sirigeh; hat, besondere Schwierigkeiten musikalischer und technischer Art überwinden muß. Es sei nur erinnert an das ungleiche, oft wechselnde Material besonders der Knabenstimmen. ■Dem Dirigenten erwächst unter diesen Umständen die besonders schwierige, aber auch dankbare Aufgabe, sein Können auf dem Gebiet des Studiums und der musikalischen Linienführung zu beweisen. Die Reihe der Chorleiter eröffnet im Jahre 1882, nachdem der Posten vorher provisorisch durch M. Schweitzer versehen war, Siegmund Rosenthal (1882—1886), den ich nicht gekannt habe. Er soll ein hervorragend begabter Musiker gewesen sein, der sich auch kompositorisch betätigt und die einschlägige Literatur der Synagoge durch verschiedene Chorwerke bereichert hat. Es geht in unserem Chor die Sage, daß Rosenthal, der, wie viele Musiker, ein ausgeprägtes Selbstbewußtsein besessen haben soll, bei Chorausflügen in die Nachbarorte es nicht verschmäht hätte, auch dem nichtjüdischen Publikum Proben seines Könnens mit seiner Sängerschar vorzuführen, und ich erinnere mich aus meiner Kindheit, wie behaglich mein sei. Vater bei Schilderungen solcher Produktäonen gelacht hat. Derartige musikalische Exkursionen waren offenbar in der damaligen Zeit denkbar und möglich. Heute würde der Gedanke, daß etwa in einer Sachsenhäuser Heckenwirtschaft ein „Weschomru" zum Vortrag gelange, fast unbegreiflich erscheinen. Rosenthal verfiel einer unheilbaren Erkrankung und mußte vorzeitig den Dirigentenstab aus der Hand legen. Sein Nachfolger im Amt war Lassar Seckbach (1886—1923). Er entstammte einer eingesessenen Familie. Sein Vater, der langjährige Krankenhausverwalter des Königswarter-Hospitals, war ein ausgezeichneter Kenner des Frankfurter Chasonus und vererbte diese Kenntnis auf seinen Sohn. Dieser, zwar Dilettant, doch durch und durch musikalisch, beherrschte auch die Kunst des Thoravoriesens und brachte so die Eigenschaften mit, die ihn unter den damaligen Verhältnissen zum Chorleiter befähigten, so daß ihm im Alter von 23 Jali- __rem dieses Amt übertragen wurde, das er durch fast 40 Jahre mit seltener Hingabo und Pflichterfüllung bis kurz vor seinem Tode bekleidet hat. Der Chor hat diesem Mann viel zu danken. Bi3 an die Grenze seines Könnens hat Seckbach seine ganze Tatkraft und. Was nicht unerwähnt bleiben soll, finanzielle Opfer aufgewendet, um dem Chor immer neue Kräfte zuzuführen. Er besaß einen ihm eigenen trockenen Humor, der ihm half, schwierige Situationen auf musikalischem wie auf administrativem Gebiet zu überwinden. Er war mit den meisten von uns, die wir mit ihm aufwuchsen, tchor eng befreundet und benutzte auch im dienstlichen Umgang das vertrauliche Du, auch bei denen, die längst über den Stimmbruch hinaus waren. Seine Chorknaben hingen mit besonderer Liebe und Verehrung an ihm, wenn sie ihm auch manchen Schabernack spielten, den er ihnen nicht übelnahm. Esverging wohl selten eine Chorprobe, in der er nicht nach Schluß des gesanglichen Teils eine Verlosung von ihm selbst gestifteter Preise in Gestalt eines Buches, einer Theaterkarte, einer wertvollen Briefmarke oder irgend eines kindlichen Gebrauchsgegenstands veranstaltet hätte. Die regelmäßigen Proben, die seit Gründung des Chors dreimal wöchentlich stattfinden — zwei für die Knaben, eine für die Männer —. waren besonders unter Seckbachs Zeiten oft Quelle großen Vergnügens, da er nicht nur Klavierspieler war, sondern auch die Geige zu handhaben wußte und auf diesen Instrumenten gelegentlich musikalisch-akrobatische Scherze zum Besten gab. Besonderes Vergnügen bereitete uns Kindern auch die Hauptprobe vor dem erstmaligen Vortrag neueinstudierter Gesänge, wenn der unvergeßliche Ogutsch den Solopart zwar nicht sang, aber andeutete. Ogutsch hatte ständig den Kopf voller Sorgen — ein widriges Geschick hatte ihn zeitlebens verfolgt —, so war es nicht verwunderlich, daß er auf kleine Aeußerlichkeiten nicht achtete und oftmals vergaß, die Noten, die eigens für ihn ausgeschrieben und ihm zum Studium zugestellt waren, mitzubringen. Das gab dann Anlaß zu allerhand lustigen Bemerkungen, die den Ernst der Arbeit unterbrachen. Auch in . der Synagoge kam es nicht selten vor, daß Ogutsch eine Solostelle ohne Notenblatt zum ersten Male sang und statt des vom Komponisten vorgeschriebenen Rezitativs eine völlig fremde, von ihm selbst improvisierte Melodie zum Vortrag brachte. In solchen Fällen entstand oft eine für Chor und Dirigent fatale Situation, zumal keiner wissen konnte, ob Ogutsch den richtigen Ton zum Choreinsatz bringen würde. * t * l.'fUXX* jt f i - i -- f \ * * *'* . *\£V $ « *