Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 1 (9.1932)
- Date
- 1932-09-01
- Page
- Seite 9 (sequence 11)
- Language
- German
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9 letzter Minute, hatte ein liebevolles Verständnis, ja ein mitleidvolles Lächeln dafür, wenn er eigenmächtig den Neumondstag vom Mittwoch auf den Donnerstagverlegte oder bei den Responsen der Gemeinde den ihr zukommenden Vers wegschnappte, dem Frankfurter Gebetstext nicht immer die nötige Sorgfalt schenkte, die er hingegen der musikalischen Exaktheit seines Vortrags widmete. Alles in allem: Ogutsch war ein „Chasan eljaun" im höchsten Sinne dieses Frankfurter Amtstitels — Ehre seinem Andenken! (O.'s musikalische Bedeutung habe ich in einem Vorwort zu seinem Lebenswerk „Der frankfurter -Kantor", herausgegeben von der Israelitischen Gemeinde und von mir bearbeitet, gewürdigt.) Sein Nachfolger ist Oberkantor Emil Grosz. Neben Ogutsch amtierte als „Zweiter Kantor" bis zum Jahre 1895 Moses Marx, vorher Lehrer und Kantor in Rimbach. Wie ich hörte, war er ein tüchtiger Baal kaure, versah aber neben seinen amtlichen Pflichten auch geschäftliche Berufe, die ihn mit seinem Hauptamt und dessen Geistigkeit nicht selten in Konflikt brachten. Er mußte 1895 sein Amt verlassen. Nach einem Jahre, in welchem Jakob Rothschild interimistisch vorbetete und die Thora verlas, am 1. April 1896', am Schabbos hagodaul, trat ich mein Amt an, wurde 1912 zum ^Ersten Kantor" ernannt und legte meinen Kantordienst am 1. April 1928 nieder. Mein Nachfolger ist Kantor und Lehrer M e y e r H e s. Als ich im Herbst 1895, am Schabbos Wajero, Probegottesdienst abhielt, fiel mir unter den Beamten der Synagoge besonders der „Schammeß" Isaak auf — Sußmann II. I s a a k, als Leichcnbegleiter angestellt 1855, als Beerdigungskommissar und Synagogendiener im Kompostell 1867, starb am 6. Juni 1897 —, eine grauköpfige, ehrwürdige Erscheinung mit weißem Spitzbärtchen, stattlicher Figur, freundlicher Miene und betont würdevollem Auftreten. Wie es sich mir bald zeigte, ein Original ganz eigener Art. Pflichttreu, dienstbeflissen, pünktlich aufs äußerste, verband er mit den Auswirkungen dieser Beamteneigenschaften eine seltene Würde und selbstverständliche Respektforderung. Er schien sich finden Hauptfaktor im Gotteshause zu halten: nicht der Rabbiner setzte die Gojttesdienstzeiten fest, nicht er ordnete die Predigten an, sondern Isaak: „Herr Rabbiner, ich denk', mer gehn Schabbes um 5 Uhr Schulen" oder: „Herr Rabbiner, mer müsse am nächsten Schabbes predige!" Ueberlegen lächelnd folgte der weit jüngere Raw dem greisen Praktiker — er wußte die Wahrung der äußeren Ordnung in besten Händen, und auch der energischste Parneß, von ihm respektlos „Strippezieher" genannt, beachtete den freundlichen Rat des guten Alten, wenn er meldete: „Ich denk', mer rufe den X. Y. auf", oder „mer gebbe dem N. N. die Haftoroh". — So machte es auf mich auch einen bestimmenden Eindruck, als er am Ende meines Probevortrages mir jovial die Versicherung mit auf die Reise gab, kein anderer werde das Amt erhalten als ich. Und als er mir bald darauf gar auf meiner Hochzeitsreise in Bad Ems scherzhaft als „Parneß" von Frankfurt vorgestellt wurde und er selbstbewußt einwarf: „Das tat mer leid! Ich bin der S c h a m m e s", da war meine Hochachtung vor diesem Muster aller Synagogendiener besiegelt. Isaaks Nachfolger wrurde sein Schwiegersohn Heinrich Frohmann — der würdige Schüler seines Meisters. Dank einer ausgezeichneten Schulbildung und einer längeren Tätigkeit im Bankgeschäft, dank auch der Beherrschung guter gesellschaftlicher Formen, Avußte er sich bald eine Stellung zu < Fabian Ogutsch (1846-1922) schaffen, die die Bedeutung seiner Aemter — er wurde auch Beerdigungskommissar und Beamter der Männerkrankenkasse (wie' sein Vorgänger) — weit übertraf. Frohmann war ein feiner Charakter, ein ganzer Mann, ein vielseitiger, tüelitiger Beamter. Sein Takt, seine Feinfühligkeit, seine bescheidene Zurückhaltung, trotzdem er — ein Frankfurter Kind — mit der größten Zahl der Synagogenbesucher persönlich befreundet war, sicherten auch ihm, wie seinem Amtsvorgänger, eine seltene Anerkennung seiner Beamtenqualitäten uiid Verdienste um die Ordnung im Gotteshause. Sein allzufrüher Tod — er starb im besten Mannesalter 1914 kurz nach Ausbruch des Weltkrieges — wurde von der ganzen Gemeinde betrauert. War er doch vielen ihrer Mitglieder in Stunden tiefsten Leides sehr nahe gekommen. Auch mir war Heinrich Frohmann persönlicher Freund und Berater. Sein Nachfolger ist J o s e p h Mühlfelder. — Zweiter Synagogendiener war von 1887—1909 Jose p h H a 1 b c r - Stadt. Sein Nachfolger ist S a 11 y I s r a e 1. — Kastellane unserer Synagoge waren der aus dem „Kompostell" übernommene Helfenstein (bis 1896) und Philip Fischer (1896-1915); er war interessiert bemüht, den Synagogenbräuchen und Kultgegenständen Verständnis abzugewinnen und war ein X besonders treuer Hüter des alten Friedhofes hinter unserm Gotteshause, durch den er manchen Besucher mit guter Kenntnis der bedeutendsten Gräber führte. Sein Nachfolger ist G e o r g J u n k. Einer der wichtigsten Faktoren des Gottesdienstes in der Börneplatz-Synagoge ist der C h o r. Ein solcher wirkte schon bei der Einweihung der Synagoge am 10. September 1882, d. i. am Sonntag, den 26. Ellul 5642, mit. Er pflegte in seinen ersten Jahren hauptsächlich die J. M. Japhet'schen Gesänge und stand bis 1886 unter der Leitung des mir oft gerühmten Dirigenten Siegmund Rosenthai. Dann übernahm Lazar See kb a c h , der Sohn des damaligen Krankenhaus- Verwalters, musikalisch begabt, wenn auch nur autodidaktisch vorgebildet, die Führung. (Lazarus Seckbach, Dirigent von 1886—1923, gest. 1926.) Er wagte sich auch an schwierige Aufgaben wie an die Kompositionen von Lewandowsky, Selzer und Naumbourg, und fand dabei die Unterstützung seiner jungen Freunde, die in seltenerSangesfreudigüceit und in persönlichem Zusammengehörigkeitsgefühl einen Synagogenchor-Verein gründeten und darin mit ihrem Leiter Hervorragendes leisteten im Dienste der heiligen Musika. Seckbachs Verdienst allein war damals die Begeisterung dieser ganz uneigennützigen, freiwilligen Sängerschar und ganz besonders der Knaben aus den hier bestehenden jüdischen 'Schulen — heute noch wegen des natürlicherweise oft nötigen Wechsels die Hauptsorge der Chorleitung. — Wie bereits gesagt, Avar Seckbach Autodidakt in seinem Fach, und daraus ergeben sich manche Erscheinungen, die unvergessen sind. Wer hörte nicht noch aus allen Chcrstimmen, oft recht unharmonisch, die nicht gerade wohlklingende Stimme des lieben Seckbach heraus? Er glaubte allen helfen zu müssen, bald dem Tenor, bald dem Baß, am meisten aber den manchmal unsicheren Knabenstimmen, und unterschied sich nicht immer gar lieblich von der Frische und Klarheit ihrer jugendlichen Organe. Ja, die Höflichkeit dieses Sängers hätte besser geschwiegen! Wer könnte sein mal), mah, mah vergessen, mit dem er den Dreiklang intonierte, wenn er an Feiertag-Abenden den Ton zum Lewandowskyschen Mah tauwu angab! Wer erinnert sich nicht mit verzeihendem Entgegenkommen des grausig einsetzenden Japhetschen Uw'nuchauh jaumar, wenn die ganze Gemeinde unisono mehr Lassa Seckbach (1S63—1926) Sasmann Hirsch Isaac (1831—1897) Heinrich Frohmann (1861—1914)