Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 1 (9.1932)
- Date
- 1932-09-01
- Page
- Seite 8 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3094266-3094386-3094387--3311-3098080- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- hazzan 1× ep/1004827
OCR text
Aus der guten alten Zeit Erinnerungen von J. B. Levy „Im Namen des Ewigen, unseres Gottes, lasst uns Erinnerungen feiern." Ps. 20, 8. Von den ersten fünfzig Jahren der Börneplatz-Synagoge gehören fast M dem Kreise meiner Erinnerungen an — so darf ich, dem Wunsch der Sehriftleitung folgend, diese Jahre der Vergessenheit entreißen und auferstehen lassen, was meines Erachtens wert ist, noch einmal vor unser Auge und auch vor das der Nachwelt gestellt zu werden. Und seien darunter kleinere Momente und in ihnen kleinere Gestalten — sie alle gehören, neben den großen, zu dem Bilde „der guten alten Zeit". Ja, wir können das Lebensbild der Großen nur unklar zeichnen, lassen wir Licht und Schatten der kleinen Nebenfiguren nicht als belebende Elemente im Eindruck des Gesamtbildes mitwirken. Beherrschend ist in diesem Gesamtbilde die Gestalt des ersten großen Rabbiners im Gotteshause, dessen Geist den heiligen Raum erfüllte, ja gewissermaßen bestimmte, dessen Erscheinung das Auge bannte: Marcus Horovitz, der Schöpfer dieser engeren Gemeinschaft in der Gemeinde, der geistige Erbauer und Erweiterer der Börneplatz-Synagoge, dessen ganze Bedeutung hier zu schildern nicht meine Aufgabe ist und nicht in den Grenzen meiner Fähigkeit liegt. Er war diesem Kreise tatsächlich Vater und Führer, der Gestalter dieses Gottesdienstes in seiner die Tradition des Frankfurter Minhag hütenden Form, in seiner Eigenart der Verbindung des modernen Kunstbedürfnisses mit der pietätvollen Wahrung des Alten, Hergebrachten in seiner besonderen Struktur, d. h. der Stellungnahme zum Pijut neben dem strengen, unbeugsamen Festhallen an den von den Vätern geprägten Stammgebeten. Der treuen Hut dieses von ihm im „Kompostell" übernommenen, ausgestalteten und so ins neue Gotteshaus übertragenen Gottesdienstes — im Grunde beruhend auf R. Joseph Hahns ..Jaußef Aumez" und R. Salomon Geigers „Diwre K'hillaus — galt seine ernste Sorgfalt. Ich habe es ganz persönlich erfahren, als er mich, den jungen Anfänger, in den ersten Wochen und Monden meiner Ämtszeit oft zu sich heranrief und mich auf diese und jene Feinheit im 'Minhag. sei's im Text, sei's in der Melodie, mahnend aufmerksam machte und mir die Achtung des traditionellen Brauchs ans Herz legte. Ihm und seinen Intentionen folgte ich, wenn ich vom ersten Tage meiner Amtstätigkeit an das Studium und die sorgfältige Erhaltung des Frankfurter Minhag in unserem Gotteshause nach der rituellen, -wie nach der musikalischen Seite mir zur j Richtschnur machte. So hatte er vor mir meinen Amtsbruder j 0 g u t s c h aus einem „polnischen" zu einem „deutschen" i Chasan umgeformt. War er es doch gewesen, der ihn auf den Rat seines Schwagers Rabbiner Freimann in Ostrowo für unsere Gemeinde und für die Börneplatz-Synagoge gewonnen bezw. seine Berufung angeregt hatte (wie auch meine Anstellung im Jahre 189G auf die Anregung des persönlichen Freundeskreises Horovitz' in Hamburg zurückzuführen ist). Wie manches Mal hat mir Freund Ogutsch erzählt, wie der Rabbi ihm in seiner freundlich ernsten Art in den ersten Jahren immer wieder die Aneignung des süddeutschen und *, darin des sog. Frankfurter Chasonus zur Pflicht gemacht mit den Worten: „Ist die Gemeinde für Sie, oder sind Sie für die Gemeinde da? Soll diese sich nach Ihrem östlichen Geschmack richten, oder müssen Sie sich nicht vielmehr ihrer Sangesweise anpassen?" Wir folgten beide diesem wohlgemeinten und wohl erwogenen Rat: „Wollen Sie für Frankfurt Chasonim sein, so werden Sie Frankfurter Chasonim!" Ob wir's geworden sind? Möge es unsere Gebet-Gemeinschaft entscheiden — Ogutsch jedenfalls hieß im Munde seiner begeisterten Zuhörer nicht anders wie „unser Ogutsch". Freilich, seine liebliche und doch kraftvolle, glockenreine Tenorstimme, die mühelos ,.rene kol chai", d. h. hier vor dem lauschenden Ohr der ganzen großen Zuhörerschaft in die höchsten Bezirke der Töne emporstieg und damit die tiefsten Gründe des menschlichen Empfindens ergriff, seine übergroße Bescheidenheit, sein freundliches Wesen erwarben ihm leicht die Herzen seiner Gemeinde, und wir beide, die wir immer und überall gute Freunde und Amtsgenossen waren, wir verwuchsen mit unserer Synagogengemeinschaft wie Lebensorgane mit ihrem , Lebenszentrum. Unsere Synagogenvorsteher — damals noch [ Synagogen-Inspektion genannt — Aron Meyer, Anselm Schwa-! bacher, Dr. Heinrich Heinemann, Raphael Ettlinger, Emanuel : Lehmann, Joseph Schwaiba eher, Siegfried Herzfeld — sie alle i deckt der kühle Rasen, ihr Andenken sei uns zum Segen — l und nur Hugo Frankel, „der" Kauhen der Börneplatz-Synagoge, lebt noch (bis 120 Jahr!) unter uns von der alten Garde, sie waren unsere 'guten Freunde, nie 'Unsere „Vorgesetzten". Das war das Geheimnis der herzerquickenden Einheit dieses Ganzen: wir Beamten wußten in diesen Männern die verständigen und verständnisvollen Kenner und Beurteiler unserer Berufstätigkeit, uns.eres Faches, waren doch einige von ihnen selbst tüchtige Baale t'filloh und Heinrich Heinemann, der Spiritus rector der Inspektion, der große Kenner der hebräischen Sprache und Literatur. Zurück zu Ogutsch: er war, neben dem Rabbiner, der Glanzpunkt des Gotteshauses. Sein Vorgänger Münz amtierte am Börneplatz nur noch ein Jahr, er ist dann nach London übergesiedelt. Faibisch Judel, genannt F a b i a n 0_gutsc h ist dm Jahre 1^4<i in roübrescher im Gcruverü'timent "Wilna geboren und amtierte 1875—77 in Koschmin, bis 1880 in Schwerin a. d. W. und bis 1883 in Ostrowo. Bei -uns wurde er 1883 mit einem Gehalt von 2100 Mark als Kantor und von 700 Mark „für Aufsicht beim Fleischverkauf" angestellt, unter der Verpflichtung, ohne Vergütung eventuell die Leitung und Einübung des .Synagogenchors zu übernehmen. Es ist bezeichnend, daß dem Ersten Kantor in jener „guten alten" Zeit das Amt eines Schaumer und, wie ich aus den Akten entnommen habe, manchmal auch die Vertretung der Schächter auferlegt •wurde. O. wurde erst 1891 von diesem Amt entbunden. Er fungierte in unserer Synagoge fast 39 Jahre und ist am 4. Oktober 1922 gestorben. Bis zu seinem letzten Atemzuge fast hatte der Schmelz seiner süßen Stimme seine Gem'einde entzückt, hatte sein Gebet uns zur Andacht erhoben. Die reichhaltige Auswahl ergreifend schöner Mußaf-K'dusehaus, sein Tal-Gebet, sein Kol nidre, sein Odom j'ßaudan meofor waren, neben anderen Momenten, die Höhepunkte des Gottesdienstes — staunend, schweigend lauschte die Menge und war tief ergriffen von dieser Offenbarung menschlichen Fühlens und Denkens. Dabei — das kam jedem Kenner der persönlichen Verhältnisse O.'s oft erschreckend und mitleiderregend zum Bewußtsein — waren, „o Freunde, diese Töne", gar sehr der Ausdruck persönlichen Leids und menschlichsten Kleinmuts, denn O. hätte gar manches Mal lieber „weinend' sich aus diesem Bund gestohlen". Tränenden Auges sang er: B'kiraus hal'wowaus anchaußai rabbaus. „In meines Herzens Kammer sind der Seufzer gar viele!" Ein Kind nach dem andern brachte er zu Grabe und seufzte: Wajeze hoechod meitti. „Wieder ist. eines von mir gegangen." Sein Haus und Heim wurde ihm zerstört, und er rief ergeben: Aßeh El din oni w'al er'eh b'rooßi. „Uebe Recht an mir Armen, o Gott, auf daß mein Unglück ende!" So verzieh man diesem schwer geprüften Manne seine Vergeßlichkeit, sein Erscheinen in < Alfred Geiger (1834-1906) Aron Meyer (1846-1902) Raphael Ettlinger (1852—1909) Benjamin Wilhelm Posen (1858-1923)