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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-09-01 · 1 (9.1932) · p. Seite 4

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
1 (9.1932)
Date
1932-09-01
Page
Seite 4 (sequence 6)
Language
German
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4 Mein Vater blieb indessen bei seinem Entschlüsse, so Schwei ihn persönlich die Trennung auch ankam. Er blieb bei ihm. obwohl jeder Tag ihn von neuem auf die Stürme hinwies, die seiner in Frankfurt warteten. Benjamin Hirsch, Halberstadt, später einer der wärmsten Verehrer und Bewunderer meines Vaters, wandte sich an meinen Onkel. Rabbiner Dr. Salomon Cohn, damals in Berlin, um diesen zu bewegen, auf meinen Vater einzuwirken. ..Dr. Horovitz", schrieb er, „werde sich gewiß nur darum herbeilassen, die Stelle in Frankfurt anzunehmen, weil er eine Pflicht gegen das Judentum zu erfüllen glaubt. Daß dies nicht der Fall ist, brauche ich nicht erst zu sagen. Aber es mag sein, daß die Familie Mainz die Sache so hinstellt." Nur wenige rieten zu. Zu diesen gehörten einige engere Freunde und Verwandte, allen voran mein Onkel, der wegen seiner tiefen Frömmigkeit und Gelehrsamkeit allgemein verehrte Rabbiner Dr. M. I. Freimann in Ostrowo. Bemerkenswert sind die Aeußerungen von Prof. Dr. David Hoffmann, dem nachmaligen Rektor des Berliner Rabbiner-Seminars und die des bekannten Orientalisten Prof. Dr. J. Barth, der ein Schwiegersohn Israel Hildesheimers war und als Dozent am Rabbiner-Seminar wirkte. Jener schrieb: „Möge es Ihnen gelingen, „das Horn der Thora und des Gesetzes zu erhöhen" und den Frieden in Frankfurt wieder herzustellen. In der' bestimmten Voraussetzung, daß Sie unbekümmert um Angriffe, von welcher Seite auch immer, nur jenes heilige Ziel verfolgen werden, hoffe ich, daß sich an Ihnen das Wort der Sprüche erfüllen wird: Wenn Gott an den Wegen eines Mannes Wohlgefallen hat, stiftet er Frieden zwischen ihm und seinen Feinden." Barth schreibt: „Wenn ich auch bis zum Empfang Ihrer Karte gezweifelt habe, ob Sie die Berufung annehmen würden, so würde ich mich doch freuen, wenn der Erfolg meine bisherige Ueberzeugung Lügen strafen würde, und teile ich mit Ihnen aufs innigste den Wunsch, daß es Ihnen gelingen möge. r.jlöNn pp D"nriL So sehr ich von den Schwierigkeiten dieser Aufgabe überzeugt bin, ebenso sicher bin ich, daß Sie in der Ueberzeugung dieses Ziel erreichen zu können, den schwierigen Posten übernommen haben und daß. wenn diese Aufgabe zu lösen ist, sie keiner talentreicheren Kraft als der Ihren übertragen werden konnte. Möge Gott Ihre Kraft zu diesem Werke stärken!" Die meisten sprachen sich indessen noch weit schärfer aus, als Benjamin Hirsch. Ein Korrespondent warnte vor dem Groll S. R. Hirschs: „Wen Hirsch haßt, den haßt er tief." Mein Vater ließ sich durch alle diese Einwände nicht irre machen. Wie ich schon an anderer Stelle dargelegt habe, war er ein grundsätzlicher Gegner des Austritts schon lange, bevor er daran denken konnte, selbst einmal nach' Frankfurt zu kommen. Dennoch ließ ihn der Widerspruch Israel Hildesheimers einen Augenblick zögern. Ich habe das Verhältnis meines Vaters zu diesem seinem Rabbi in einem ausführlichen Aufsatz gewürdigt, der in der „Jüdischen Presse" vom 20. Dezember 1920 erschienen ist. Der Artikel wandte sich damals gegen eine unrichtige Darstellung Jacob Rosenheims im „Israelit". Dessen Antwort auf meinen Aufsatz ist in seine Ausgewählten Aufsätze und Ansprachen mit aufgenommen worden. Dort fehlt aber die Antwort auf meine Entgegnung. Jene sieht sich genötigt, der Sache nach manches abzuschwächen, was vorher mit großer Bestimmtheit behauptet worden war. Inzwischen habe ich dieser Tage Aufzeichnungen meines Vaters gefunden, die das bereits früher von mir Mitgeteilte bestätigen und authentisch ergänzen. Ich lasse meinen Vater selbst sprechen und führe des Zusammenhangs wegen auch die ersten hier in Betracht kommenden Sätze mit an, die bereits früher Bekanntes in z. T. etwas anderer Form wiederholen: „Als mir im Herbst 1873 der Entwurf einer an den Landtag zu richtenden Petition, den Austritt aus den Gemeinden gesetzlich zu gestatten, von meinem hochverehrten Lehrer Rabbiner Dr. Hildesheimer in seinem und im Namen des hochverdienten Rabbiners S. R. Hirsch mit dem Ersuchen übersandt worden war, sie zu unterschreiben, antwortete ich sofort, daß ich ein solches Gesetz nicht für das richtige Mittel halte, um dem Judentum zu dienen. Ich machte den Vorschlag, vielmehr ein Gesetz anzustreben, das jede Gemeinde verpflichtet, religiöse Institutionen so einzurichten, daß auch die Minderheiten vom religionsgesetzlichen Standpunkt aus an ihnen nichts auszusetzen haben. Ich habe meine Auffassung in einem Entwurf formuliert, den ich meinem Lehrer unterbreitete. Dieser antwortete, mein Vorschlag als solcher finde seinen Beifall; er glaube jedoch, daß der Zustand, den ich mir denke, erst erreicht werden könne, wenn das Austrittsgesetz Wirklichkeit geworden sei. Im Augenblick ließe sich die Gegenpartei auf meinen Vorschlag noch viel weniger ein, als auf das Austrittsgesetz. Jedenfalls solle ich aber dem Abgeordneten Lasker meinen Entwurf schicken. Dies*er antwortete mir, daß er meinen Vorschlag nach genauer Erwägung für sehr gut halte. Er selbst aber könne unmöglich der geeignete Vertreter für meine Ansicht sein, nachdem er sich bereits für die in der Petition angestrebte Lösung verpflichtet habe. Ich solle dem' Abgeordneten von Denzin die Vertretung meines Vorschlags übertragen. Er wisse ja, daß ich mit diesem schon von früher her in Verbindung stehe. Herr von Denzin erklärte mir jedoch, er könne unmöglich auf Erfolg rechnen, wenn er in einer jüdischen Angelegenheit gegen Lasker auftrete. Nachdem das Austrittsgesetz in Kraft getreten war, hat alles, was sich in Frankfurt vollzog, der Auffassung meines Lehrers recht gegeben. Als ich nach Frankfurt berufen wurde, hatte ich mit dem verehrten Rabbi eine eingehende Besprechung darüber, ob ich die Stellung annehmen solle. Er erklärte mir, meine Berufung sei nicht nur für mich eine große Genugtuung, da ja in Frankfurt das erreicht sei, was ich" vor Jahren selbst als das Beste bezeichnet hatte, sondern auch für ihn, da offenbar das Austrittsgesetz der Ausgangspunkt für die günstige Wendung der Dinge in Frankfurt gewesen sei. Er sei für die Möglichkeit des Austritts eingetreten. Für den Austritt selbst aber trete er nur dort ein, wo ohne diesen das uns allen heilige Ziel nicht erreicht werden könne. Das habe er übrigens auch dem Abgeordneten Lasker nach der Annahme des Gesetzes erklärt. Sachlich sei also meine Berufung nach Frankfurt nur freudig zu begrüßen. Persönlich aber riete er mir dringend ab, weil er dort Kämpfe kommen sehe, die mir unangenehm und der Gesamtheit schädlich werden könnten. Ich erwiderte, persönliche Unannehmlichkeiten kämen für mich nicht in Betracht, da ich mich verpflichtet fühle, für den Sieg einer Sache einzutreten, die ich seit langem vertreten habe. Der Kampf aber werde keine schädlichen Formen annehmen, weil ich fest und unerschütterlich entschlossen bin, auf Angriffe nur durch meine Wirksamkeit selbst zu antworten. Ich nahm die Berufung an. Nicht nur meine frühere Gemeinde, auch viele andere und vor allem der Rabbi suchten mich zum Bleiben zu bestimmen. In seiner väterlichen Weise schrieb er mir, er halte sich für verpflichtet, mich noch einmal zu bitten, meinen so herrlichen Wirkungskreis nicht gegen einen neuen einzutauschen, der erst unter schweren und leidenschaftlichen Kämpfen zu erobern sein werde. Ich antwortete ihm: „Sprechen Sie es aus, daß ich nicht nach Frankfurt gehen darf: dann werde ich sofort abschreiben. Aber eine Rücksicht auf meine Person kann ich unmöglich gelten lassen. Uebrigens nehme ich die Stelle nur auf ein Jahr an. Sollte mich der Kampf wirklich aufzureiben drohen, dann hoffe ich, doch noch in der großen Welt ein anderes Feld der Tätigkeit zu finden." Meinem Lehrer war es vor allem aus Rücksicht auf Rabbiner Hirsch unangenehm, mich hierher kommen zu sehen. Nachdem ich meine hiesige Stelle angetreten hatte, kam für mich eine Aufmunterung, die mich tief rührte. Ein anderer verehrter Meister, R. Ch. H. Mannheimer, damals in Ungvar in Ungarn, hatte mich telegraphisch beglückwünscht. Später schrieb er mir einmal, es sei eine kühne, aber Glück verheißende Tat von mir gewesen, nach Frankfurt zu gehen. Dr. Hildesheimer machte ich von diesem Briefe mit der Bitte Mitteilung, noch einige Zeit zuzusehen, wie ich meine Aufgabe hier erfasse. Er tat es in der Weise, daß . . ." Leider brechen die Mitteilungen meines Vaters an dieser Stelle ab. Sie sind einer Niederschrift entnommen, die den Titel führt: „Meine Antwort". Diese beginnt mit den Worten: DJ> ..Es ist Zeit zu reden! Daß ich zu schweigen verstehe, werden mir, glaube ich, auch meine Gegner bezeugen. Seit 21 Jahren habe ich' zu sehr vielem geschwiegen. Meine Verteidigung überließ ich voller Zuversicht meiner stillen Wirksamkeit, der die Angriffe galten. Daß ich heute zu Angriffen schreiten muß, braucht meine Gegner nicht zu erschrecken. Auch jetzt werde ich nicht alles sagen, was ich zu sagen hätte." Mein Vater ist dann aber nach reiflicher Erwägung auch in diesem und in manchen anderen Fällen seinem Vorsatz treu geblieben, obwohl der Anreiz zu erwidern stark genug war. Jene Polemik blieb unvollendet und unveröffentlicht. Wie schnell die kleine Spannung zwischen Israel Hildesheimer und meinem Vater vergessen war, habe ich an der erwähnten Stelle eingehend dargelegt. Einen auch nach außen weithin sichtbaren Ausdruck hatte das volle Einvernehmen zwischen Lehrer und Schüler unter vielem anderen auch darin gefunden, daß Israel Hildesheimer, der Rabbiner der Berliner ßeparatgemeinde, in den 80er Jahren, damals noch auf der Höhe seiner Kraft, einen stark besuchten halachischen Vortrag in der Gemeindesynagoge am Börneplatz hielt, an deren Hörsal er schon vorher einmal gesprochen hatte. An der Bahre meines Vaters sprach es der Sohn Israel Hildesheimers, der unvergeßliche Hirsch Hildebheimer aus, daß unter den vielen Schülern Hildesheimers keiner seinem Herzen so nahe gestanden habe, wie mein Vater. Und in der Gedenkrede, die dieser Israel Hildesheimer weihte, sagte er unter anderem: „Der Schwache ist dazu verurteilt, oft unduldsam sein zu müssen; er muß sich oft schroff verhalten gegen eine anders gesinnte Umgebung aus Furcht für sich selbst. Der innerlich Starke aber darf das Glück genießen, duldsam zu sein. An diesen Gedanken knüpfte unser großer Meister oft an. Zu

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