Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 12 (8.1932)
- Date
- 1932-08-01
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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46 darf und kann ein Gesetz verworfen und abgelehnt werden, nur wenn es uns nichts mehr sagt oder dem Empfinden unserer Zeit widerspricht, wird es abgelöst. An seine Stelle treten neue Formen, Formen und Gedanken unserer Zeit im Rahmen unserer religiös-jüdischen Weltauffassung, d. h. aber immer im Sinne und im Geiste der überkommenen Tradition. Ganz anders die Reformbewegung: Wie die Reformation des Christentums zunächst alle Riten und Formen über Bord warf, um unbehindert in die Tiefe der Urgedanken einzudringen, aus den Urtexten neu zu schöpfen und aufzubauen, so will auch die Reformbewegung auf jenen Urtext der Bibel zurückgreifend neues Judentum aufbauen, unbehindert von Formen und Gebräuchen jahrtausendlanger wechselvoller Schicksals- und Augenblicksschöpfungen. Für sie kann es keine aus jüdischem Schrifttum hergeleiteten Bindungen geben, die nach ihren Anschauungen lediglich durch arabesken Schmuck den wahren ITrsinn verdunkeln. Rückkehr zur Reinheit und Klarheit der Bibel ist ihre Forderung. So bauen sich ihre Formen nicht auf, sondern werden neu gesucht und geschaffen, angepaßt dem Bedürfnis unserer Zeit und einer strebenden Gemeinde. Vom tiefen Ewigkeitswert des Judentums durchdrungen wollen sie ungehindert vordringen zum Urtext, ihn durchdringen und lehnen es darum bewußt ab, Formen und Riten des späteren Volkes zu übernehmen. Arthur Astheimer. Im Konservativismus: Wirtschaft, Gesetz, Palästina Um ein Bild über die geistige Struktur der orthodoxen jüdischen Jugend zu erhalten und um Einblick zu gewinnen in die Problemkreise, die die orthodoxe Jugend besonders beschäftigen, ist es zweckmäßig, zuvor die organisatorische Gliederung der orthodoxen Jugend aufzuzeigen; die Bünde und Vereinigungen zerfallen einmal in die Gruppe der politischorientierten Bünde und daneben in die politisch neutralen Bünde. Unter den ersteren sind die Jugendorganisation der Agudistischen Weltorganisation und die Jugendgruppen des Misrachi zu nennen, während neben den neutralen Studentenverbindungen des Bundes Jüdischer Akademiker wohl in der Hauptsache nur der Esra als neutraler Jugendbund zu rechnen ist. Je nach der Einstellung der Bünde nehmen diese nun zu den die gesamte orthodoxe Jugend bewegenden Fragen teilweise verschieden Stellung. Wie bei allen Jugendbünden überhaupt, steht auch bei den gesetzestreuen die Frage nach einer gerechteren Gestaltung unseres bürgerlichen Lebens im Vordergrunde des Interesses. Die Erziehungsarbeit der Bünde geht hier bewußt einen Weg, der den überlebten Formen des Gesellschaftslebens der bürgerlichen Kreise sich entgegenstellt. In engem Zusammenhang mit diesem Fragengebiet steht die Entwicklung des Palästinagedankens und der daraus resultierenden Palästinaarbeit fast sämtlicher orthodoxer Bünde, auf die noch einzugehen sein wird. Sowohl durch die Lebensformen der Hachschara, der Vorbereitung zur Arbeit in Palästina, als auch besonders durch die Gemeinschaftsformen der Siedlungen in Palästina selbst, die als Vorbild in gewissem Sinne vorschweben, wird versucht, diese mit den sozialen Bestimmungen des jüdischen Rechts und den Normen der jüdischen Ueberlieferung in Einklang zu bringen. Pflicht jedes bewußten Menschen ist es, sich mit der Umwelt und den sie tragenden Ideen auseinanderzusetzen. Die mannigfachen Probleme, die dies für jeden gläubigen Menschen hervorruft, komplizieren sich für den religiösen jungen Juden aus schon genugsam erörterten Gründen. An dieser „Bildungsfrage" kann daher auch die orthodoxe Jugend nicht vorbeigehen. Der Fuldaer Bundestag des Bundes Jüdischer Akademiker hat seine Beratungen im Winter des vergangenen Jahres in der Hauptsache ausschließlich diesem Thema gewidmet. Die orthodoxe Jugend steht dem bisher anerkannten „Thora im- Derech Erez-Prinzip" in der Prägung Samson Raphael Hirschs s. A. zum Teil ablehnend gegenüber. Aus dem Streben nach innerer Wahrhaftigkeit sucht sie eine Lösung dieser Frage, unter Distanzierung von einer außer-jüdischen Betrachtungsweise, vom jüdischen Standpunkt unter Zugrundelegung des Quellenmaterials selbst. Sie verläßt sich auch hier keineswegs auf Vorgetragenes, sondern sucht durch eigenes Forschen und „Lernen" die Quellen zu finden und zu erkennen. Man sucht das Judentum durch eigenes Erleben zu erkennen und aus innerer Wahrhaftigkeit und Rechtlichkeit ein von äußerer Kultur unbeeinflußtes, eigenes jüdisches Leben zu gestalten. Eine äußerst bedeutungsvolle Rolle nimmt neben diesen Problemkreisen die Arbeit für den Aufbau Palästinas ein. Entsprechend der politischen Differenzierung, auf die noch einzugehen sein wird, geht naturgemäß diese Palästinaarbeit der verschiedenen Bünde auch auf verschiedene Motive zurück. Nicht zu verkennen ist allerdings bei sämtlichen Bünden der äußere Einfluß einmal der politischen Lage in Deutschland überhaupt und andererseits das Wachsen der Arbeitslosigkeit. Die jüdische Jugend, soweit sie bereits arbeitslos ist oder selbst soweit sie auch heute noch in Arbeit steht, hofft von einer Arbeit im eigenen Land, im jüdischen Land für sich eine glücklichere Zeit, ein menschlicheres, jüdischeres Leben. Eine Gruppe der politisch-orientierten Bünde sieht in der Palästina-, arbeit ihre Hauptaufgabe und erblickt des ferneren in der Erziehung zum Palästinagedanken und zur Alijah Endziel ihrer Erziehungsarbeit schlechthin. Daneben spielt die politische Frage nach dem Wesen der jüdischen Gemeinschaft auch heute selbst bei den rein auf Palästinaarbeit eingestellten Bünden eine bemerkenswerte Rolle. Die Agudistisehe Jugend anerkennt eine jüdische Gemeinschaft nur dann als jüdische, wenn in ihr die Thora zur Grundlage des Gemeinschaftslebens erhoben wird, und sieht daher in Verfolg dieser Auffassung im jüdischen Volk das durch das noch heute in vollem Umfang in Geltung befindliche Gesetz der Thora konstituierte Gottesvolk. Hieraus folgt mit Notwendigkeit die Stellung Palästinas im Rahmen der agudistischen Ideenwelt als des Gotteslandes, dessen Wiedervereinigung mit dem Gottesvolk unter Herrschaft der Thora erstrebt wird. Dieser Auffassung gegenüber steht die des Misrachi, welche auf der zionistischen Grundauffassung beruht und welche die jüdische Gemeinschaft den anderen Nationen zur Seite stellt und somit politische Gleichberechtigung des jüdischen Volkes fordert. Hieraus folgert die zu erstrebende Schaffung eines jüdischen Nationalheims in Palästina im Sinne welche auf der zionistischen Grundauffassung beruht und Aufbau Palästinas im Rahmen der Zionistischen Organisation durchführen zu sollen, erstrebt jedoch ebenfalls als Ziel die Herrschaft der Thora, ohne aber ex definitione den Gemeinschaftsbegriff des jüdischen Volkes selbst zunächst hiervon abzuleiten. Entsprechend diesen gegenüberstehenden Auffassungen ist auch die Arbeit der verschiedenen politischen Jugendbünde zum Teil verschieden differenziert, wenn auch, was betont werden soll, gelegentlich in manchen Dingen nicht grundsätzlicher, sondern praktischer Art eine Zusammenarbeit stattfindet. Dr. Josef Frank. Judentum und Sozialismus Diskussionsbeitrag zur Aprilnummer von „Jugend und Gemeinde" Die an dieser Stelle im Anschluß an Alfred Döblins Buch geführte Aussprache hat wohl als einmütige Meinung aller Teilnehmer das Ergebnis gebracht, daß die Forderung, an die Seite der Arbeiterschaft zu treten, akzeptiert wurde, und daß man ein Bekenntnis zum Sozialismus in irgend einer Form abgab. Wenn man ein solches Ergebnis ohne Voreingenommenheit werten will, so darf man allerdings nicht den Schluß ziehen, daß in der jungen jüdischen Generation und nicht zuletzt unter ihren Intellektuellen eine besonders starke sozialistische Kraft vorhanden sei. Es ist vielmehr so — und gerade als Sozialist sollte man sich dessen bewußt sein —, daß die jüdische Jugend hierbei derjenigen Zeitströmung erliegt, die ihr als Juden Hoffnung auf eine aussichtsvollere Zukunft gibt; was unter der Forderung eines Zukunftsbaues für die gesamte arbeitende Menschheit sich verbirgt, ist seinem Wesen nach zum großen Teil nichts anderes, als eine Neuformung jenes politischen Aktes, den eine frühere jüdische Generation vollzog, als sie sieh dem Liberalismus des 19. Jahrhunderts anschloß. Es ist mit einer solchen Offenlegung der seelischen Quellen für eine politische (und geistige) Haltung gewiß nichts gegen die Haltung selbst gesagt, die Aufdeckung dient jedoch der Klarheit und Rfeinlichkeit. Für uns, die wir auf diesem Wege Sozialisten geworden sind oder werden, entsteht nun die Frage, ob unsere sozialistische Gesinnung mit der Tatsache unseres Judeseins zu vereinbaren ist bezw. ob beide Gebiete irgend welche Verbindungen miteinander haben. Vom Psychologischen her — and das dürfte, nach dem vorhin Gesagten einleuchten — besteht zunächst gewiß kein Widerspruch, da gerade unser Judesein stärkster Antrieb für die sozialistische Entscheidung wurde. Trotzdem wäre es wohl denkbar, daß — gleichsam durch eine „List der Idee" — das, was aus Judesein heraus bei seiner Entstehung sich moti-