Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 12 (8.1932)
- Date
- 1932-08-01
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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47 viert, nun sich gleichsam gegen seinen Erzeuger wendet, d. h. in einen unlöslichen Widerspruch mit ihm gerät. Besteht ein solcher Widerspruch zwischen Judentum und Sozialismus, wie er in der Tat sowohl in der Theorie wie auch in der Lebenspraxis von manchen jüdischen Sozialisten empfunden wird? Unser Judentum — oder weniger mißverständlich ausgedrückt: Judesein — ist ein formales Element für unser Leben, Es geht unserer Existenz als Einzelindividuum gleichsam voraus, ist in unseren Eltern bereits vorgebildet und prägt damit von Geburt an unseren körperlichen und seelischen Charakter. Judentum wird damit in jedem Augenblick unseres Lebens, durch und in jeder Handlung, die wir ausführen, „erlebt"; es kann zugleich, wenn wir über die Gabe der Selbstbeobachtung bezw. der Geschichtsbetrachtung verfügen, zu einem Gegenstand der Erkenntnis gemacht werden, wir können gewisse Regeln und Gesetze feststellen, nach denen der Lebensprozeß des einzelnen Juden oder auch der jüdischen Gesamtheit abläuft. Sozialismus dagegen ist zunächst eine Gesinnung. Es ist eine bestimmte Art, das Leben der menschlichen Gesellschaft zu betrachten, seine Aeußerungen zu bewerten und sicli Vorstellungen darüber zu machen, wie dieses Leben in Zukunft gestaltet werden soll. Primär ist Sozialismus daher eine Erkenntnis, die gewiß — wie jede in das geistige Leben des Einzelnen tief eingreifende Erkenntnis — den Charakter des Erlebens annehmen kann. Für das Leben des Menschen bedeutet eine solche Erkenntnis naturgemäß ein inhaltliches Moment, das erst im Laufe des Lebens erworben wird, auch abgestreift werden kann, ohne daß sich die eigentliche Substanz dieses Menschen damit verändert. Wir sehen also, daß Judentum und Sozialismus begrifflich auf ganz verschiedenen Ebenen liegen. Auf der einen Seite steht das formale Element des Judentums, primär nur erlebbar, auf der anderen Seite das inhaltliche Element des Sozialismus, ursprünglich wirksam als Erkenntnis. Nach dieser grundsätzlichen Klärung müssen wir allerdings feststellen, daß bei beiden hier zur Diskussion stehenden Lebenstatsachen eine Fortentwicklung möglich ist, die — wenigstens dem Scheine nach — ihre begriffliche Einordnung in das Gegenteil verkehrt. Dies ist beim Sozialismus dann der Fall, wenn er aus einer Erkenntnis und aus einem Plan zu einer Lebenswirklichkeit wird, d. h. wenn er in das Stadium der Verwirklichung eintritt. In diesem Augenblick „formt1ja die sozialistische Idee das Leben von Menschen, sie ist für diejenigen, die in einer sozialistischen Gesellschaft geboren werden, auch „vorher" da. Rein äußerlich betrachtet ist dieser Gedankengang richtig: er übersieht nur, daß es sich liier Um ein formendes Element handelt, das dem Gesellschaftsleben, d. h. dem Gesellschafts willen entstammt und daher in jedem Augenblick durch den freien Willen der beteiligten Menschen abgeändert werden kann, während es sich bei dem Judentum als formales Element um eine biologische und historische Tatsache handelt, die dem freien Entschluß des Einzelnen wie der Gesamtheit entzogen ist. Gewiß ist es denkbar, daß eine sozialistische Weltordnung im Laufe vieler Generationen deren Charakter so beeinflußt, daß die Spuren nicht mehr auslöschbar sind; dann wird' eben die sozialistische Ordnung zu einem der Faktoren, die wie das Klima, der Boden u. a. ihrerseits bestimmende Elemente für die eigentlichen formalen Bausteine des einzelnen Menschen sind. Ein entsprechender Irrtum liegt vor, wenn man glaubt, Judentum als ein inhaltliches Element unseres Lebens ansprechen zu können. Gewiß ist Judentum keine einfache körperliche Tatsache, sondern auch all das, was man als Charaktergemeinschaft im weitesten Sinne zu bezeichnen pflegt. Es ist aber nicht möglich, die geistigen Formelemente, die das Bild des Judentums heute oder zu irgend einer Zeit seiner Geschichte darstellen, herauszulösen, sie als eine „W e 11 - anscliauung" abzustempeln und nun zu behaupten, diese sei das Judentum selbst! Das Judentum besitzt gewiß auf Grund der in ihm enthaltenen naturhaften Bausteine und auf Grund seines historischen Schicksals gewisse Eigenheiten, die man sammeln und systematisch anordnen kann; damit entsteht aber nichts weiter als ein Torso der Gesamtgestalt, die wirklich Judentum ist und die dem einzelnen Juden seine Eigenheit gibt, nmg im übrigen zeitlich wie räumlich wie auch individuell eine noch so starke Differenzierung der Juden vorliegen. Es ist aber kein „I n h a 11", insbesondere kein Denksystem, was wir unter Judentum zu verstehen haben, sondern stets ein umfassendos formales Element. Was uns als ein Schein von reinem ,.I n - h a 11" vorschwebt, ist nichts weiter als ein losgelöster Teil dieses formalen Elementes. Wie steht es nun'uin J u dentum und S o z i a l i s - m us? Gewiß ist es möglich, daß ein abstrahiertes Judentum, wie es eben geschildert wurde, im W i d e r s p r u c Ii mit dem Sozialismus steht. Ebenso gut möglich ist es, daß ein solches Judentum den Sozialismus „e r f o r d e r t". Beide Meinungen haben einen rein theoretischen Wert — und sind dazu auch noch theoretisch und begrifflich falsch! Ebenso falsch ist es, wenn versucht wird, von der Seite eines Sozialismus, der als formales Element aufgezogen wird, nachzuweisen, daß das Judentum etwa im Widerspruch zu ihm stehe. Auch hier fehlt jede Unterlage zu einer solchen Behauptung. Richtig ist allein, daß es .hier um zwei Lebensgebiete geht, die im Prinzip keine Verbindungen oder Ueberschneidungen miteinander besitzen. Welche Aufgabe bestellt nun trotzdem fü» die Juden auf sozialistischem Gebiete? — Es ist die einfache Aufgabe, die auch anderen Menschengruppen, die durch andere Elemente gestaltet sind, obliegt: Den sozialistischen Inhalt zu akzeptieren und zu verwirklichen. Der Sozialismus wird damit zu einem wichtigen Inhalt des Lebens auch für die jüdische Gesamtheit. Allerdings folgt hieraus eines: So wie der Sozialismus hier in das Leben von Menschen eintritt, die durch das Judentum geformt sind, ebenso gilt es, ihn in einer Weise zu verwirklichen, die den Lebensaufgaben und den Fähigkeiten gerade dieser Menschen entspricht. Gewiß ist es nicht möglich, daß sich ein Sozialist grundsätzlich von dem Kampf der Arbeiterschaft ausschließt, in deren Nähe er wohnt. Man muß aber erkennen, daß ein solches Mitkämpfen zugleich eine Distanzierung des Juden erfordert. In der Zeit des Klassenkampfes wird der Jude als Mitstreiter wohl gern aufgenommen; tritt aber der Augenblick einer gewissen Saturiertheit der Arbeiterklasse ein, so macht sich die Sonderstellung des Juden — und noch dazu die des Intellektuellen! — wieder bemerkbar. Erfolgt die Distanzierung des Juden jedoch von diesem selbst und von innen heraus, so wird auch viel eher das kameradschaftliche Verhältnis hergestellt werden, das man als Sozialist ja in jedem Falle wünscht. Natürlich darf es nicht bei einer solchen Distanzierung bleib n. Der jüdische Sozialist muß zugleich dort positiv angrehen, wo es seine eigentliche Aufgabe ist: Er muß den Sozialismus im eigenen Hause verwirklichen, d. h. auf dem Boden des Judentums, Das ist seine primäre Aufgabe als jüdischer Sozialist, von der er durch keinerlei sonstige Verdienste entlastet werden kann. Die sozialistische Umgestaltung auf jüdischem Boden allerdings erfordert einen grundsätzlichen Umbau der Bedingungen, unter denen die Juden heute leben, der aus diesem Grunde am Beginn oder — besser gesagt — v o r jeder eigentlichen sozialistischen Arbeit auf dem Gebiete des Judentums erfolgen muß. Auch hier zeigt sich die Ausnahmestellung des jüdischen Volkes, die von uns besondere Anstrengungen erfordert. Judentum und Sozialismus sind also weder Widersprüche noch Verbundenheiten. Vielmehr ist uns als Juden die Aufgabe gestellt, Sozialismus in unserem eignen Leben und für das jüdische Volk zu verwirklichen und damit eine Revolution besonderer Art durchzuführen, die vielleicht anders ist als die Revolutionen anderer Völker, die aber unserer eigenen Lage entspricht, Kurt Loewenstein. Montag, 8. August, 8% Uhr: Jugendheim, Eschersh. Lstr. 65, Oeffentliche Jugendversammlung Es spricht der Vorsitzende des Reichsausschusses der jüdischen Jugendverbände, Dr. Georg Lubinski, Berlin, über: Jüdische erwerbslose Jugend und Freiwilliger Arbeitsdienst Jedermann willkommen. Erwerbslose Jugendliche, die sich für die Teilnahme am Freiwilligen Arbeitsdienst interessieren, melden sich in der Versammlung oder sofort beim Leiter des Tagesheim für erwerbslose jüd. Jugend, Königswarterstraße 26. Schluss der Beilage. Verantwortlich für die Schriftleitung der Beilage: Ernst Holzer in Frankfurt a. M.