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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-08-01 · 12 (8.1932) · page 26

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
12 (8.1932)
Date
1932-08-01
Page
– (sequence 26)
Language
German
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45 kehr, ein Streben nach Bindungen; Faschismus und Sozialismus sind die soziologischen und politischen Formen eines und desselben Kolektivbewußtseins, einer neuen Haltung der Welt gegenüber, die die zionistische wie jede Jugend immer mehr erfaßt. Sie finden aber bei ihr spezifische Prägungen, die von ihren ursprünglichen Vorbildern weit abweichen. Die gegenwärtige Diskussion ist im wesentlichen von der Spannung: zionistischer Sozialismus — Revisionismus bestimmt. Kein Mißverständnis: es geht hier nicht um irgendwelche abstrakte Prinzipien und geistige Einstellungen zur Welt, sondern um die Wirklichkeit Eres Israels! Soll das jüdische Palästina sozialistisch oder faschistisch werden? Also auch hier die oben erwähnte zionistische Diskussionsebene: der Kampf geht nicht um einen konstruierten Begriff, sondern um das Was und Wie des täglichen Lebens. II. Die Gegner Die zionistische Jugend ist — es ist nur wenig übertrieben — entweder sozialistisch oder revisionistisch (auch die Misrachi-Jugend ist z. B. in Deutschland sozialistisch, und die innerzionistisch neutralen Gruppen neigen entweder zum Sozialismus [Kadimah], oder sie bilden — politisch gesehen — eine Art Dachverband [Turn- und Studenten-Organisationen], deren Mitglieder, soweit sie politisch tätig sind, nur zum geringsten Teil nicht in den erwähnten Richtungen arbeiten). Wir haben also auf der einen Seite eine Jugend, die im Nationalismus den höchsten und letzten Wert sieht, dem sich soziale Interessen unterzuordnen haben; und wie jede nationalistische Jugend bejaht sie bewußt und ganz die gefühlten Bindungen des Blutes, die im tiefsten Schacht des Bewußtseins in gefahrdrohender Nachbarschaft des Menschlich-Triebhaften, des Machtstrebens, liegen. So ist auch für diese Jugend das Machtprinzip ein sittliches, wenn es im Dienste des Nationalen steht. Jener jahrhundertelang unterdrückte und gehemmte physisch-triebhafte Drang nach Ungebundenheit, nach dem Abschütteln der „Schlacken des Galuth", diese Freibeits-Sehnsucht kommt bei diesen jungen Juden zum Ausdruck. Die zionistisch-sozialistische Jugend teilt nicht diese Wertung des Nationalismus; auch jene triebhaften Kräfte, die ihn speisen, werden zwar anerkannt, aber als Machtprinzip bekämpft, Sie ist jüdisch-national aus der Selbstverständlichkeit ihres Soseins, das Nationale ist also nicht letztes, sondern dem Internationalen und Sozialen untergeordnetes Prinzip. Diese zionistische Jugend will ihren jüdischen Beitrag zur Lösung der sozialen Frage in der Schaffung eines sozialistischen Erez-Israel bringen. III. Aus der Erziehungs-Debatte. ----. Revisionist: Das „Machtprinzip", wie Ihr es nennt, ist keine schlechte Sache; wir haben es nur jahrhundertelang verachtet. Wenn jeder Betar-Junge z. B. Wehrsport treiben muß, so hat das nichts mit Militarismus zu tun, das festigt unser Selbstbewußtsein, macht unsere Jugend wieder stark und frei. Sozialistischer Zionist: Unser Recht auf Selbstverteidigung bestreitet niemand, und wir von der Arbeiterschaft am allerwenigsten. Planmäßige militärische Jugenderziehung aber, wo auch immer, hat stets den Charakter des Aggressiven. Sie verleiht der Jugend jenen falschen Schein der Ueberlegenheit über den Anderen, sich besser zu dünken als der Andere, als das andere Volk. Wir brauchen aber jenen bescheidenen Arbeiter, der still auf dem Feld und in der Werkstatt seine Arbeit leistet, den Chaluz. Das ist die „Erneuerung des Menschen", wie sie uns Gordon gelehrt hat, nur sie gibt uns innere Würde und Stärke. Rev.: Das ist wieder jene schwache pazifistische Galuth- Ideologie. Alle Völker sind heute auf Sicherheit bedacht, und wenn wir, das schwächste und bedrohteste Volk, unsere Jugenl zur Wahrhaftigkeit erziehen, dann____ Soz. Zion.: Ja, dann ist es ebenso chauvinistischer Militarismus wie bei den Anderen. Das Schwert hat uns Juden nie unseren Bestand garantiert. Unser Zionismus wäre sinnlos, wenn er nur durch Waffengewalt gegen die Araber verwirklicht werden könnte. Rev.: Wir haben aber ein Anrecht, ein historisches Recht auf Palästina, Herren zu sein in unserem Erez Israel. Kein Staat ist je ohne Gewalt gegründet worden, wir wollen unsere Heimat, unseren Staat wie jedes Volk. Wir wollen sein wie alle Völker! Soz. Zion.: Wie alle Völker?..... Dr. Karl Guggenheim Im Liberalismus: Tradition und Formen! Wie der politische Liberalismus, dessen Entstehen mit dem religiösen zusammenfällt, so stützt sich auch dieser auf den Gedanken der individuellen Selbstbestimmung und Handlungsfreiheit. Hier aber liegt auch zugleich der erste Fragenkomplex begründet: Wie kann bei absolutem Individualismus in der Religionsausübung der Gemeinschaftsgedanke und damit die Religionsgemeinschaft erhalten bleiben? Kann man bei Wahrung des individuellen Prinzips bestimmte Formen im Interesse des Kollektivs vorschreiben? Oder ist es besser, jede äußerliche Form abzustreifen und alles Jedem zu überlassen? Jene Gruppe, die die letztere Frage positiv beantworten will (es ist keine äußerlich getrennte Gruppe, beide Ansichten sind wohl innerhalb der gleichen Organisation vertreten), glaubt die religiöse Betätigung jedem Einzelnen völlig überlassen zu können, wenn er nur genügend Anregung und Ausbildung erhält. Es kann und soll keinen Zwang zur Innehaltung bestimmter Formen geben, denn jeder Zwang (auch der nur moralische) kommt nicht aus dem Antrieb des inneren Herzens und führt daher lediglich zu mechanischer Verrichtung. Die wahre Religion eines Menschen baut sich aus seinem Gefühl, an Hand der ihrn vermittelten Kenntnisse, seiner Umgebung und seinem eigenen Erleben auf, der empfindende Mensch wird nie seiner Religion verlustig gehen, er braucht hierzu keine Anleitung. Religion ist ewige Wahrheit; da sie ewig ist, kann sie nicht aufhören, so brauchen wir auch nicht um ihren. Fortbestand zu bangen und ihn mit künstlichen Formen zu erhalten suchen. Ohne Zweifel folgt wohl der größere Teil der Liberalen nicht diesen Anschauungen und Argumentationen. Auch sie wollen die Religion, den höchsten und letzten Begriff des Menschentums individuell behandelt wissen, auch sie lehnen jede schematische Aufoktroyierung ab. Aber ein wesentlicher Gedanke der Religion und gerade unserer jüdischen Religion, der Gemeinschaftsgedanke, darf darunter nicht leiden oder gar zunichte werden. Daher kann auch die liberale Religionsauffassung nicht gemeinschafterhaltender und -fördernder Formen entbehren. Die liberalen Führer haben die Aufgabe, jenen Gedanken und ihrer Auffassung gemäße Formen und Veranstaltungen zu schaffen, die zur Gemeinschaft führen. Kein Staat, keine irgendwie geartete Gemeinschaft kann im wahren Sinne des Wortes eine „Gemeinde" bilden, ohne durch Vorschriften und Formen gebunden zu sein. Hier muß sich der Individualist dem Kollektivgedanken beugen, seine individuellen Wünsche, die im übrigen unbegrenzt und ihm unbenommen bleiben, dem Wohle und der Erhaltung der Gemeinschaft anpassen. Macht man sich jene letztgezeichnete Einstellung, die für die Leiter liberaler Organisationen maßgebend sein muß, zu eigen, so ergibt sich sofort die Frage nach der Art jener geforderten liberalen Formen. Auch hier können wir wieder zwei Strömungen unterscheiden, die allerdings im Gegensatz zu den oben geschilderten durch ihre Benennung auch äußerlich getrennt erscheinen. Es sind dies einerseits (im Kreis der Jugendlichen) die Iiis, andererseits die Jugendgruppe der Reformgemeinde, Berlin. Ich möchte hierbei vorausschicken, daß auch die letztgenannte der Arbeitsgemeinschaft jüdischliberaler Jugendvereine Deutschlands seit etwa zwei Jahren angehört, denn es liegt kein Grund vor, sie um ihrer anderen Ansicht willen auszuschließen, soll das Wort „liberal" nicht seine Bedeutung verlieren. Die Formen, die die liberale Bewegung (Iiis) anstrebt, bauen sich auf den überkommenen Formen der jüdischen Tradition auf. Da jene alten Formen aus hier kaum darzulegenden Ursachen für die große Mehrheit der westeuropäischen Juden in vielen Beziehungen undurchführbar geworden sind, gilt es, an deren Stelle Neues zu setzen. Da wir der Ansicht sind, daß auch jene Formen wie alles andere zeitgebunden sind, so haben wir in Anbetracht der völlig veränderten Lebensbedingungen die Pflicht, sie auf ihre Wertbeständigkeit zu prüfen. So muß jedes einzelne Ritual betrachtet werden, jedesmal die Frage aufgeworfen werden, ob es für uns und unsere Zeit (und Zone!) noch von wirklichem Wert ist oder im Laufe der Jahrhunderte seine Bedeutung verlor. Nicht etwa planlos aus Bequemlichkeit

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