Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 12 (8.1932)
- Date
- 1932-08-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde_ Nr. 11___AUGUST 1932 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an den Schriftleiter der Beilage, Ernst Hölzer, Corneliussfrasse 8, zu richten. WORUM JÜDISCHE JUGEND HEUTE RINGT ... Im Centraiverein: Deutsch>politischer Kampf, jüdische Vertiefung Die Arbeit und die geistige Haltung der jüdischen Jugend in Deutschland hat in den "letzten Jahren starke Wandlungen erfahreu. Die Stellung des jungen jüdischen -Menschen im Leben und zum Lebenskampf war stets in besonderem Matte von der jeweiligen Gesanitsituation abhängig und durch sie entscheidend bedingt. Wenn man auch die erfreuliche Feststellung treffen darf, daß diese Abhängigkeit von der Allgemeinlage im wesentlichen nicht zu einem Verzicht auf eigenes Wollen, zu einer Unterordnung aller Betätigung unter die konkreten Bedingungen des Tages geführt, sondern vielmehr im Gegenteil eine starke und bedeutsame Aktivität erzeugt hat, so' bleibt doch die Tatsache bestehen, daß die Art der Tagesarbeit und der geistigen Auseinandersetzung durch den politischen Tageskampf stark beeinllußt wird. Von der jüdischen Jugend wird heute vor allem positives Wirken, aktive Mitarbeit gefordert. Die Zeit gebietet, daß jeder Einzelne sich ganz einsetzt, daß er bereit ist. Die Jugend — und vor allem die dem Centrai-Verein nahestehende — reiht sich ein in die Kampforgauisatiouen gegen kulturellen Kiickschritt, gegen politische und gesellschaftliche Reaktion. Wir linden unsere Jugend in starkem Maße bei den großen deutsch-politischen Organisationen, wir linden sie eingegliedert in die Kampfgruppen zu geistigem Kampf und zur Abwehr brutaler Gewalt. Aber auch die großen jüdischen Organisationen verzeichnen in zunehmendem Maße die tätige Mitarbeit jugendlicher Menschen. Die Jagend arbeitet an sich. Sie verschafft sich in Arbeitsgemeinschaften und Vortragsabenden Wissen, Wissen um jüdische Dinge und Wissen auf den verschiedensten Gebieten. Die jungen Menschen verbreiten dann dieses Wissen in lebendigem Austausch mit ihrer Umwelt. Der Kampf gegen eigene und fremde Unkenntnis ist ein wichtiges Teilgebiet der Jugendarbeit geworden. Schulungsstunden, Rednerkurse. Ferienlager, Sammlung von Material für den Tageskampf sind hierzu wichtige Mittel. Im Mittelpunkt unserer Jugendarbeit steht das Berufsproblem. Die wirtschaftliche Vernichtung großer Teile des selbständigen Mittelstandes, die Arbeitslosigkeit der Angestellten hat im besonderen den jüdischen Volksteil vor große Aufgaben gestellt. Berufsberatung, Arbeitsbeschaffung. Berufsumschichtung erfordern die Mitarbeit der Jugend. Die sozialen und wirtschaftlichen Strukturwandlungen iiiüs.-vn i-rkauni werden, damit neue Erkenntnisse dem wirtschaftlichen Wie |e,- aufbau ziigrundegelegt werden können. Hei der Sammlung und Verarbeiumg lies .Materials kann die Jugend wich'.:;:" Mitarbeit leisten. Ihr unmittelbarer Einsatz alter ist vnr allein möglich bei der Arbeit für und mit den arbeit do<i-:i Angestellten Gerade unter den jaulen Angestellten herrs-dii bitterste Not und Hoffnungslosigkeit. Hier hat die jüdisch- Jugend, besonders in den Großstädten, bereits sehr erfolg reich gearbeitet. Es sind —- vornehmlich in Berlin von jungen Mensehen aus dein C.-V. - Angestelltenheime. Lesehallen. Atifcutliaitsräume. Speisehalien für junge jüdische Angestellte geschaffei wurden, in denen jüdische junge Menschen Hir andere Jugendliche und mit diesen zusammenarbeiten. Es werden regelmäßig Diskussionsabende und gesellige Veranstaltungen abgehalten, um bei der arbeitslosen jüdisele-n Jugend geistige Interessen zu erhalten und zu erwecken, dir geistiges Leben zu intensivieren, um ihr den Willen und die Fähigkeit zur jüdischen Gemeinschaft zu stärken. All diese Arbeit kann nur auf Grund einer starken geistigen Haltung geleistet werden. Ein großer Teil der jüdischen Jugend bullet sie durch Vertiefung des jüdischen' Wesensmhalts. Der junge Mensch greift auf die kulturellen Werte des Judentums zurück, er macht sie sich lebendig. Er kommt lurch Kenntnis zur Erkenntnis und von dort zu eigenem Lebensinhalt. In diesem neuen lebendigen Judentum sehen •.veite Kreise der jüdischen Jugend das stärkste Milte! gegen die sog. ..rote Assimilation", gegen den Verlust jeder gv- .vachsenen kulturellen Bindung. Die Erkenntnis, daß ein großer Teil der jüdischen jungen Menschen dem Judentum nur .laiin erhalten bleibt, wenn die Werte des Judentums, die jüdische Ethik für die heutige Zeit so aktiviert werden, daß de den ganzen Menschen erfüllen und ihn für jeden Lebenskampf befähigen, führt mehr und mehr zur Umwandlung der potentiellen Energie des jüdischen Seins in eine virtuelle. Das Anwachsen des Nationalsozialismus hat andererseits die Diskussion über die Stellung der deutschen Juden als Deutsehe auch in der deutsch-jüdischen Jugend wieder entfacht. Seibslanalyse. Massenpsychologie. sowie die Beschäftigung mit den Begriffen Volk. Nation. Rasse. Kultur. Volksgemeinschaft. Nationalstaat sind wieder einmal zu hohem Ansehen gelangt. Dr. Richard Mainzer Im Zionismus: Zionistischer Sozialismus - Revisionismus I. Das Feld der Auseinandersetzung WTir Juden leben in einer zwiefachen Welt: im Kreise unserer nichtjüdischen Umwelt und innerhalb unserer jüdischen „vier Ellen"; und jede dieser beiden Welten stellt an jeden Juden ganz bestimmte Fragen. Diese Zwiespältigkeit unseres seelischen Seins gehört zur Anormalität des jüdischen Lebens, und das Hauptproblem der Auseinandersetzung mit der Umwelt besteht bei uns Juden darin, eine „synthetische-" Antwort zu finden, d. h. zu einer Haltung zu gelangen, die im tätigen Leben diesen zwiefachen Forderungen gerecht wird. Während die assimilatorische Welt des jüdischen Bürgertums in Deutschland in ihrer Unsicherheit, welchem dieser beiden Lebenskreise sie das Schwergewicht geben sollte, keinen Ausgleich finden konnte zwischen ..Deutschtum und Judentum" (oder wenn, dann nur mit Hilfe eines fiktiven, konstruierten Begriffs vom Judentum, das sich mit einem ebenfalls von den Juden zurechtgemachten Deutschtum vereinbaren läßt), schuf der Zionismus durch seine Lehre und durch seine Wirklichkeit eine neue Situation. Er lehrte die deutschen Juden, daß die Juden ein Volk sind, daß also für sie eine Antwort auf Menschheitsfragen (wie bei allen Völkern) nur im Rahmen des eigenen Volkstums gegeben werden kann, da dies der weiteste nicht iuhaltsgebuiuleiie Kähmen ist für alle, die sich gemeint fühlen, wenn vom Juden die Rede ist. Nur in diesem Rahmen des nationalen Bewußtseins und seiner Formen erfolgende Antworten können also für die Juden Gültigkeit haben, alle anderen nur noch Einschränkungen Der Zionismus schuf weiter eine neue Wirklichkeit in Palästina, denn jeder Antwort auf Lebensfragen fehlt ihr- Glaubwürdigkeit, wenn sie nicht durch gelebtes Leiten legitimiert wird. Beteuerungen in Wort und Schrift allein, db» sonst bei uns übliche Form. ..Antworten-' zu geben, sind unglaubhaft. Somit lebt die zionistische Jugend in einer anderen geistigen Dialektik als die jüdisch-liberale, orthodoxe oder nicht-zionistische sozialistische Jugend. Sie kann mit größter Unbefangenheit alle geistigen und kulturellen Strömungen der Umwelt auf sich einwirken lassen. Die Gefahr, sich an sie zu verlier" 1. ist geringer: und sie weiß andererseits, daß ihr Zionismus, d. h. eben die ..synthetische1- Antwort auf Menschheit*- un 1 jüdische Fragen, sinnlos und unglaubhaft ist. wenn er nicht durch persönlichen Einsatz verwirklicht wird. Wir leben im Zeitalter des ausgehenden Liberalismus. In Wirtschaft und Politik erleben wir heute eine bewußte Um-