Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 12 (8.1932)
- Date
- 1932-08-01
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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und das in einem Gebiet, das iK»mal so groß ist wie Palästina, Damit beginnt eine neue Epoche des Judentunis. Der Judenheit der ganzen Welt ist eindeutig der Weg vorgezeichnet, der allein zu einem neuen Aufstieg führen kann. Bei der Betrachtung der Dinge darf jedoch ein wesentliches Moment nicht übersehen werden, der Unterschied in der soziologischen Struktur zwischen Ost- und Westjudentum. Die Juden Osteuropas haben sich kastenartig innerhalb einer halbfeudalen Gesellschaft erhalten und haben bestimmte Eigenarten nationaler Axt sich durch die Jahrhunderte hindurch bewahren können. Die Juden des Westens hingegen haben sich seit dem Beginn der Emanzipation weitgehend assimiliert. Dieser Prozeß ist anscheinend unaufhaltbar. „Die deutschen Juden sind ein aussterbender Volksteil", stellt Silbergleit fest; diese Feststellung ist zumindest sehr problematisch. Zwar kann man mit -ziemlicher Sicherheit sagen, daß sich die deutschen Juden in den nächsten Jahrzehnten dezimieren werden, damit aber auf ein Aussterben zu schließen, halte ich für falsch; man hat die Bevölkerungszunahme des letzten Jahrhunderts auch nicht voraussehen können. Aus unserem einfachen Da-sein aber müssen wir nach einer Lebensmöglichkeit suchen. Eine berufliche Umschichtung, die neuen Lebensraum für uns schaffen könnte, ist in dem kapitalistischen Wirtschaftssystem nicht durchführbar. Wir, und das gilt den Jungen unter uns vor allem, haben uns darüber klar zu werden, wie unsere Lage in Wirklichkeit ist. Wir wissen, daß die bürgerliche Umgebung viele noch vor der klaren Erkenntnis zurückhält und "sie an die Rückkehrfrüherer Zeiten glauben läßt. Es gibt aber aus dieser Situation kein Zurück mehr, es gibt nur noch den Weg vorwärts. Die große Linie ist uns vorgezeichnet; wir müssen zurück zur Urproduktion, zur Landwirtschaft, und wir müssen Industriearbeiter werden. Dieser soziale Abstieg ist jedoch nur ein scheinbarer, wenn er unter denselben Voraussetzungen erfolgt wie in Rußland. Dort war ja die fast vollkommene Vernichtung der früheren Existenz die Vorbedingung für den neuen Aufstieg. Es ist. möglich, daß es adäquat dem russischen Beispiel ein geschlossenes jüdisches Siedlungsgebiet in Deutschland geben wird; die Frage ist, ob das deutsche Judentum noch soviel Lebenskraft aufbringen kann. Sicher ist jedenfalls: Unser Schicksal ist heute bestimmt durch das Emporsteigen des Proletariats. In diesem Jahre werden 1000 deutsche Juden nach der Sowjet-Union übersiedeln. Damit beginnt eine neue Wanderungsepoche, der Weg geht jetzt von West nach Ost, aus dem Lande der Auflösung in das Land des Aufbaus. Untergang oder Aufstieg? Wir müssen uns entscheiden. Edgar- Gerson Beispiele jüdischer Jugendpolitik 4. Breslau Die Stadt Breslau leidet, wie sich an Hand der Statistik nachweisen läßt, besonders schwer unter der gegenwärtigen Not. Diesem Umstand entspricht auch die Lage der Breslauer jüdischen Gemeinde. Fast jedes dritte Gemeindemitglied der nicht ganz 24 000 Seelen zählenden jüdischen Gemeinde ist unterstützungsbedürftig. Starke Einsparungen im Gemeindeetat wurden erforderlich. Dabei wurde erfreulicherweise die Jugend möglichst schonend behandelt. Während im Etatjahr 1930/31 die Beihilfen für die Ju ig end vereine RM. 2150.— betrugen, sind im Etat für 1931/32 RM. 2637.50 vorgesehen, wrobei zu berücksichtigen ist, daß diesmal die Hälfte der Subventionen als Beitrag zu den Kosten des Jüdischen Jugendheimes (insbesondere für Beleuchtung und Beheizung) der Gemeinde verbleiben muß. Interessieren dürfte in diesem Zusammenhang, daß der Etat 1931/32 an Zuschüssen für jüdische Jugend-Einrichtungen und -Anstalten RM. 56 411.38 gegenüber RM. 19358.80 im Vorjahr vorsieht. Wenn auch die Zurückbehaltung der Hälfte der Jugendvereinsbeihilfen unter dem Gesichtspunkt jüdischer Jugendarbeit bedauerlich erscheint, so muß mau immerhin in Betracht ziehen, daß durch die Schaffung eines Jüdischen Jugendheims .in Breslau alle Jugendbünde schwerer Sorgen enthoben sind. Ueber die Bedeutung der Jugendheime für die Zusammenarbeit der Jugend ist schon an anderer Stelle genügend gesagt worden. Auch in Breslau hat das Heim, das seit April 1930 von den Jugendbünden benutzt wird, unsere Erwartungen erfüllt. Zwar nicht restlos, denn die nichtorganisierte jüdische Jugend macht vorläufig von den Einrichtungen des Heimes, insbesondere dem schönen Bibliotheks- und Zeitschriftenzimmer, nur wenig Gebrauch. Die Errichtung des Jugendheimes, sowie seine zweckentsprechende Inneneinrichtung verdankt, die jüdische Jugend der Initiative und den jahrelangen Bemühungen von Frau Paula Oll endo r ff. Sie erreichte schließlich, daß die Breslauer jüdische Gemeinde ein zentral gelegenes Grundstück nebst Garten für mehr als RM. 150 000 — erwarb und. ausbauen ließ. Dem Jüdischen Jugendheim, das jetzt den Namen Paula Ollendorff-Haus trägt, wurde zunächst, ein Lehrlingsheim und später ein Montessori-Kindergarten angegliedert. Die Sommermonate 1931 erbrachten eine Durchschnittsbesucherzahl von 2000 Personen. Diese Zahl wird im Winter natürlich .beträchtlich höher liegen. Das : Heim untersteht der Gemeindeverwaltung; \ die speziellen Heimangelegenheiten werden von einem -Jugend hedm-Au s - Schuß beraten, der zu einem Drittel aus Jugendlichen (organisierten und nichtorganisierten) zusammengesetzt ist. Ferner hat sich ein „Verein Jüdisches Jugendheim" gebildet, der durch Werbung weitere Mittel für Unterhalt und Ausbau des Heimes schaffen -will. Ihm gehören außer Erwachsenen auch zahlreiche Jugendliche aus allen Bünden an. Der Etat 1931/32 sieht für das Jugend- und Lehrlingsheim an Ausgaben RM. 41857.—, an Einnahmen RM. 17 844.— vor, so daß die Gemeinde einen tatsächlichen Zuschuß von RM. 24 013 leisten muß. Der Zuschuß des Vorjahres erreichte ungefähr die gleiche Höhe. Außer dem schon erwähnten Jugendheim- Ausschuß besteht noch ein Jugendpflege- Ausschuß, der gleichfalls zu einem Drittel aus Jugendlichen gebildet wird. Beide Ausschüsse sind selbstverständlich Gemeindekommissionen mit beratender und anregender Funktion. Es wird eine der Bemühungen des Jugendpflege-Ausschusses sein müssen, sich des Jugendheimes als Mittel bei der Heranziehung nichtorganisierter Jugend zum Gemeindeleben <zu bedienen. Ein brauchbarer Ansatz in dieser Richtung wurde soeben geschaffen, ein Tages räum im Heim, der vor allem auch der erwerbslosen Jugend einen warmen und gemütlichen Aufenthalt ermöglicht und sie mit anderen Jugendlichen zusammenführt. Auf Anregung des Ortsausschusses der jüdischen Jugendverbände wird ab Oktober im Jugendheim ein „Schulungskursus der jüdischen Jugend Breslau" durchgeführt werden, dessen Leit-Thema „Der Jude in der Krise der Gegenwart" lautet. An zunächst 10 Abenden werden allen Richtungen angehörende führende Persönlichkeiten des Gemeindelebens die religiöse, die sozialpolitische und die geistigindividuelle Krise in Referaten behandeln. Jeder dieser drei Abschnitte wird durch einen Aussprache-Abend abgeschlossen. Es wäre erfreulich, wenn auch dieser Kursus dazu beitragen würde, die große Zahl der nichtorganisierten Jugend wieder intensiver in das Gemeindeleben einzureihen. Erich Vulkan Zur Diskussion um „Jugend u. Gemeinde" Die Wandlung unserer Welt zeigt sich vor allem darin, daß die überwiegende Mehrzahl der jungen Leute in allen europäischen Lagern nicht mehr unbesehen die Wahrheiten akzeptiert, die ihnen ihre Väter überliefert haben. Es ist eine erschütternde Relativierung aller überkommenen Werte eingetreten. Für den geistigen Menschen, d. h. für denjenigen, der seine Stellung innerhalbdes Geschehens bedenkt, um aus seiner Denktätigkeit zur Tätigkeit an sich und an der Welt vorzustoßen, bedeutet diese Wandlung eine Erschwerung. Denn es muß jetzt ein Jeder sich selbst seine Welt erbauen; es nützt ihm nichts, daß andere vor ihm sich schon die Köpfe zerbrochen haben. Dem Menschen ist das Wort gegeben, nicht um zu schwatzen, sondern um anzusprechen und sich ansprechen zu lassen. In dieser Zeit, die im Kampf der Interessen und Richtungen atomisierend gewirkt hat, wie keine zuvor, bedeutet der Tausch der Worte für jeden Menschenkreis große Chance. Das Wort wird zum Kitt. Es schafft Gemeinsamkeiten, gemeinsames Denken, gemeinsames Fühlen, gemeinsame Haltung — endlich gemeinsame Gestaltung. Wo so Beziehungen geschaffen werden zwischen dem Ich und dem Ihr, da entstehen gleichzeitig die neuen Bindungen, die stärker sind als die verlorenen alten, weil sie nicht ererbt, sondern erworben sind. Damit ist schon gesagt, avozu wir die Blätter „Jugend und Gemeinde" machen. Nicht, um Schwätzern die Möglichkeit zu geben, sich gedruckt zu sehen. Und nicht, um eine Revoluzze gegen die vorhandenen Autoritäten zu inszenieren. Sondern um den Menschen, die hier zu Worte kommen, und deren Worte in Frankfurts jüdischer Jugend gehört und besprochen, akzeptiert und widerlegt werden, eine Plattform zu schaffen, von der aus sie für die Jugend der Gemeinde, d. h. für die Junghaltung der Gemeinde, wirken können; eine Plattform, von der aus sie neue Autoritäten, neue Bindungen vorbereiten können. Ich weiß, daß die Erklärung des Gemeindevorstandes, die — übrigens ohne meine vorherige Kenntnis — in der letzten Nummer veröffentlicht wurde, dem allen nicht widerspricht. Ich weiß, daß jeder jüdische Führer vor. dieser Zeit und ihrer jüdischen Gefahr die Augen nicht verschließt. Den Lesern dieser Blätter aber, und vor allem denen, die produktiv oder rezeptiv an ihnen mitarbeiten, -soll immer wieder gesagt sein, daß alles, was hier gedruckt wird, sub specie aeterni betrachtet werden muß: alles als ein Dienst, ein Dienst: A n der Jugend und an der Gemeinde! Ernst Holz er Erwerbslosenheim für jüdische Jugendliche Das Heim wird in den ersten Tagen des März eröffnet und befindet sich Königswarterstraße 26 I. Täglich nachmittags geöffnet. Unterhaltung, Fortbildung, Verpflegung. Auskunft bei Philipp Rochwerg, Rückertstraße 59, Tel.45434.