Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 12 (8.1932)
- Date
- 1932-08-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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ist entscheidend von der Ueberlegung abhängig, daß wir ein Volk sind „like all nations". Dabei soll nicht verkannt werden, daß natürlich auch das jüdische Volk eine spezifische „nationale-Idee" haben mag. Jedes Volk hat seinen charakteristischen „Volksgenius" und seine bestimmte nationale Aufgabe. Man erinnere sich z. B. an die geistige Grundlegung des tschechischen Volkstums durch Masaryk. Jedes Volk ist vom anderen verschieden. Aber alle Völker haben organische Gemeinsamkeiten. In diese Front gliedert sich auch das jüdische Volk ein, und es lehnt ab, eine Nation „sui generis" zu sein. Indem wir uns zu unserem Volkstum bekennen, verstehen wir zugleich die Nation als eine „historische Einheit". Das Wollen um die Zukunft beruht letzten Endes im Erleben der Vergangenheit. Der Revisionismus bejaht den Sinn der jüdischen Geschichte, der untrennbar mit dem Boden des Vorderen Orients verknüpft ist und leimt jede unhistorische Konstruktion einer „neuen Nationalität" ab. Es ergibt sich also die Notwendigkeit, für ein „irdisches" Volk eine „irdische" Existenz auf historischem Boden zu schaffen. Zur politischen, kulturellen und sozialen Entwicklung ist die höchstentwickelte Organisationsform einer Nation — der Staat — notwendig. Staat ist voll-organisierte Nation. Für das Individuum hat diese Erkenntnis zur Folge, daß — gerade im Interesse einer künftigen geistigen Produktivität des Volksganzen — sein Denken aus der ständigen Hoffnung auf das Zukünftige in die Gegenwart zurückgewiesen wird. Keine „Transzendenz", keine .,spirituelle" Hoffnung, kein „Jenseits", sondern HEUTE. Diese Linie bedeutet eine gewichtige Veränderung des politischen jüdischen Denkens. Sie ist die Grundlegung des nationalen Aktivismus. Die „Aktion" steht im Mittelpunkt der revisionistischen ..Philosophie"; sie bedeutet eine Ueberwindung des Hanges zur Mystik und eine Erziehung zu einem ..logischen und nüchternen" System. Dieser auf das „Irdische" gerichtete Aktivismus betont bewußt alles Körperliche: Aeußere Form, Kraft, Wehrhaftigkeit: aber auch als Reflex der Abkehr von jeder Mystik — schärfste Steigerung von Energie und Willen. Eine derartige Konzentration ist nur unter der geistigen „Alleinherrschaft" der nationalen Idee denkbar, die hoch über alle materialistischen Instinkte triumphiert. Und die politischen Konsequenzen ergeben sich von selbst. Alle Entscheidungen haben sicli aus dem Primat der „nationalen Aktion" abzuleiten. Eine Aktion kann nur auf ein Ziel gerichtet sein; Energie ist nur bei konzentrierter Hingabe an eine Aufgabe denkbar. Alle Abirrungen von dem geraden Wege zum ..Jüdischen Staate" sind nur als Schwächezustände derjenigen begreifbar, für deren Nerven eine allerdings notwendige energische Aktivität auf lange Sicht zu anstrengend ist. Der Revisionismus lehnt eine Konzession an derartige „Schwächezustände" ab. Er betrachtet es nur als eine Abirrung, wenn immer wechselnd jeweils die letzte Modeströmung als eigentlicher Sinn des Judentums proklamiert wird. Demgemäß ist für das jüdische Volk, dem die objektiven Eigenschaften einer normalen Volksexistenz mangeln, der Sozialismus „gegenstandslos". Der jüdische Volksorganismus kennt weder Klassen, noch Produktionsmittel. Der jüdische Sozialismus entbehrt somit eines letzten Sinnes innerhalb unseres Volkes. Er führt vom geraden Weg der „Aktion" ab und gefährdet bis zur Gefahr der Vernichtung das Judentum. Einer ähnlichen abirrenden „Beschäftigungssueht" entspricht der „jüdische" Pazifismus. Auch ihm fehlt jede reale Grundlage, denn die Friedensliebe eines ohnehin „machtlosen" Judentums überzeugt niemanden. Hinzu kommt, daß der heutige Pazifismus an einer Stabilisierung des Status quo ein stärkeres Interesse hat, als an einer gerechten Ordnung der Welt. Welch' ein Interesse hat aber das „Jüdische Volk" an einer Beibehaltung des für ihn untragbaren Sein-Zustandes? Unser Beitrag zur Befriedung der Welt ist die Lösung der Judenfrage. „Das ist alles doch unmoralisch", werden die Moralisten antworten. Demgegenüber erklärt die revisionistische Philosophie: Alle unsere Nöte erklären sich aus unserer anormalen Lage. Die Ueberwindung dieses ungesunden Zustandes ist sicher ein moralisches Ziel, und es kann daher kein Schritt zur Sicherung dieses „höchstmoralischen" Zweckes je unmoralisch sein. Immer hat auch das jüdische Volk zur Durchsetzung eines moralischen Weites die irdischen Mittel „dieser" Welt gewählt. Der neue „revisionistische" Mensch, logisch-nüchtern und klar, mit Energie geladen zur Durchführung der nationalen Aufgaben, in größter Aktivität, im Bewußtsein seines körperlichen und geistigen Wertes, mag daher jedes Mittel ergreifen, das ihm heute geeignet erscheint auf dem Wege zum ,, J u d e n s t a a t e". Er möge zuerst an seine eigenen Sorgen denken, und nicht zuerst an die fremden. So begehe er den „Neuen Weg", in dem Wissen, daß der politische Erfolg eines Volkes die Funktion seines Willens ist. Die Macht, auf die sich die revisionistische Bewegung stützen wird, ist dieser durch ein klares Ziel geformte nationale Gegenwartswillen. Und wenn immer schon der politische Raum eines Volkes in direkter Beziehung von dessen aktivistischem Wollen abhängig war, so auch bei dem Jüdischen Volke. Die im Erdreich starke Nation setzt sich durch. Wir müssen diese Erkenntnis unseren Menschen beibringen, auch dann, wenn sie „faschistisch" wäre. Aber wo ist Diktatur, wo ist Staatsgewalt? Nichts von alledem! Immerhin, etwas italienischer Beigeschmack soll nicht bestritten werden: „Sacro egolsmo." Und das ist notwendig! Dr. Paul Arnsberg Soziale Wandlung Die Juden Westeuropas und vor allem die Juden Deutschlands scheinen einem unvermeidlichen Untergang entgegenzugehen. Andauernd steigt die Zahl der' Mischehen, die Geburtenziffer geht immer mehr zurück, die Sterblichkeit übersteigt bei weitem die Zahl der Geburten; damit ist eine starke Ueberalterung der jüdischen Bevölkerung verbunden. Hinzu kommt die ungeheure wirtschaftliche Not, die das Lebensniveau der deutschen Juden immer mehr herabdrückt und dem der Allgemeinheit angleicht. In keinem anderen Berufszweig sind die Vergleichs- und Konkursziffern so sehr angestiegen wie in den von Juden besonders stark durchsetzten Berufen des Groß- und Kleinhandels. Bereits vor zwei Jahren ist festgestellt worden, daß die Hälfte aller jüdischen Erwerbstätigen Nichtselbständige seien. Der größte Teil der letzteren gehört dem Angestelltenstand an; hieraus kann man auf das Ausmaß der Arbeitslosigkeit bei uns Juden schließen, wenn man weiter weiß, daß es heute in Deutschland 700 0U0 erwerbslose Angestellte gibt. Und wieviele Agenten und Provisionsvertreter gibt es bei uns, die sich nur dadurch von einem Angestellten unterscheiden, daß sie in der Berufsstatistik als Selbständige bezeichnet sind. Es ist bei uns Juden ein unverkennbares Absinken ins Proletariat zu verzeichnen, wenn man auch an vielen Stellen noch glauben machen will, daß es sich lediglich um eine kleine Strukturveränderung handele, um die Heranbildung eines neuen Mittelstandes. Sieht man weiter die faschistisch-antisemitische. Flut, die uns, aber auch die Juden der Nachbarländer — ich erinnere nur an Polen — mit alten und neuen Kampfesmitteln, Pogromen und wirtschaftlichem Boykott bekämpft, so ergibt dies alles eine Situation, die nach einem Ausweg schreit. Kann es denn überhaupt noch einen A u s w e g aus diesem Chaos geben? Zionismus, wieder ein Volk mit eigener Scholle auf heimatlichem Boden werden, sagen -die einen. Andere rufen zur religiösen Erneuerung auf, wissen aber anscheinend nicht» von der Areligiosität der heute lebenden Generation; Ruppin schreibt bereits 1920: „ein Jahrhundert freier Betätigung in der kapitalistischen Gesellschaft im Verein mit weltlicher Schulbildung hat die Juden in allen kapitalistischen Ländern der jüdischen Religion entfremdet." Und der Weg zurück ins Land der Väter? Wahrhaftig ein Weg zurück, gewollt aus vollkommener Unkenntnis gesellschaftlicher Entwicklung. Auch wir Juden können das Rad der Geschichte nicht zuiüickdrehen, sonst rollt es über uns hinweg. E)ie sich andauernd verschärfende Weltkrise, die ja schon keine rein wirtschaftliche Krise mehr ist, vielmehr schon zu einer Krise der Menschheit überhaupt geworden ist, zeigt klar die Abhängigkeit unseres ganzen Seins von der Gesellschaftsform, in der wir leben. Eine Lösung der jüdischen Frage kann es aber in der kapitalistischen Gesellschaft deshalb nicht geben, weil es ohne Veränderung der jetzigen Gesellschaftsform auch keinen Ausweg aus den katastrophalen Verhältnissen für die Allgemeinheit geben kann. Nur e i n Land hat sein Judenproblem lösen können, die Sowjet-Union. Aber dazu mußten erst 1 die Voraussetzungen gegeben sein, die die russische Revolution i von 1917 geschaffen hat. Vor Beendigung der Bürgerkriege konnte Rußland nicht an Aufbauarbeit denken, und so kam es dahin, daß im Jahre 1923 ca. 45% der russischen Juden als Deklassierte zu bezeichnen waren, d. h. Menschen ohne jede Existenzmöglichkeit. Sie waren außerdem nicht wahlberechtigt, da nur derjenige das Wahlrecht bekam, der „gesellschaftlich notwendige Arbeit" leistete. Menschen zweiter Klasse, kein Recht zum Eintritt in eine Kollektive und in die Gewerkschaften; als man beim Beginn des Fünfjahrplans dazu überging, die Lebensmittel zu rationieren, kamen sie bei der Verteilung an letzter Stelle. Und wie ist es heute? Von den 45% ist der weitaus größte Teil in die Produktion eingereiht, sei es in der Landwirtschaft, als Siedler in der Ukraine, in der Krim, in Weißrußland und in Biro-Bidjan, oder als Arbeiter in der Industrie. Zu Beginn des Jahres 1931 — diese Zahlen sind heute Aveit überholt —, waren ohne Biro-Bidjan 824 400 ha von 260 000 Juden bewirtschaftet. Die Kolonisation in Biro-Bidjan beginnt sich erst seit Jahresfrist auszuwirken, da erst die nötigen Untersuchungen, die glänzende Ergebnisse zeitigten, über die Eignung dieses Gebiets angestellt werden mußten. Die Zahl der jüdischen Industriearbeiter in Sowjet-Rußland dürfte heute von dem 3. Hunderttausend nicht weit entfernt sein. Wir können also die Tatsache feststellen, daß durch den sozialen Abstieg zum Proletariat eine neue aufsteigende Linie für die Juden Rußlands begonnen hat und damit das Problem in sozialer Hinsicht gelöst ist. Am 30. 9. 31 hat das Zentral- Exekutiv-Komitee der U. d. S. S. R. einen ungeheuer bedeutenden Entschluß gefaßt: bis 1933 ist in Biro-Bidjan eine autonome, jüdische nationale Einheit zu schaffen. Dort werden die Juden die Mehrheit haben, die Landessprache wird die jüdische sein, die Verwaltung jüdisch, ein jüdisches Land