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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-08-01 · 12 (8.1932) · page 22

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
12 (8.1932)
Date
1932-08-01
Page
– (sequence 22)
Language
German
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' 0*/fXSy^y'\ - Ü ■ ' \ offener und versteckter Judenfemdschaft vergifteten Umwelt. Die Fundamente eines gesicherten und unbefangenen Lebens sind zwiefach schwankend geworden, und die bange Frage nach der Zukunft kann auch nicht einen Augenblick ruhen. Daß es gilt, mit allen Kräften die rechtliche und. bürgerliche Position zu verteidigen, und daß daher allen . Angriffen unermüdlich entgegengetreten Averden muß, versteht sich von selbst, — und es ist eine erfreuliche Erscheinung, daß wenigstens in diesem Punkte eine gewisse Einmütigkeit unter den deutschen Juden besteht. Aber — und das muß mit aller Entschiedenheit gesagt werden — damit ist es keineswegs getan. Der bedrohlich angeschwollene Judenhaß läßt sich auf die Dauer keineswegs wirksam in der Defensive bekämpfen. Die Tatsachen der letzten Jahre lehren uns das. Es heißt mit einer gerade wegen der Notzeit verstärkten Aktivität die Front zum Kampf gegen den Antisemitismus zu formieren, und zwar, vor allem durch einen starken inneren Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen und sich den Anfeindungen und Verdächtigungen zum Trotz das Gefühl deT Zugehörigkeit zum deutschen Volke nicht nehmen zu lassen. Wenn der innere Wille der deutschen Juden, die absolute Zugehörigkeit zum deutschen Volke unter allen Umständen als oberste politische Maxime zu verfechten und sicherzustellen, auch nur in etwas nachläßt und einer depressiven Haltung Platz macht, — dann ist der Kampf um unsere organische Eingliederung in das deutsche Volk verloren. Dieser Gefahr muß mit der ganzen von einer hohen Idee gespeisten Willenskraft begegnet werden. Es gilt bei der tiefen Niedergeschlagenheit und der damit oft verbundenen Neigung, sich „auf sich selbst" zurückzuziehen, den deutschen Juden und vor allem ihrer jungen Generation mit neuem Schwung und neuer Begeisterung unser altes Kampfziel einzuprägen: Vollendung der Emanzipation! Was heißt das: „V o 11 e n d u n g der Emanzipatio n"? Es heißt, daß wir den zu Beginn des 19. Jahrhunderts hoffnungsvoll begonnenen Weg zur äußeren und inneren Gleichberechtigung und Eindeutschung, ein Weg, der zunächst gradlinig zu seinem Ziel zu führen schien, der aber dann — vor allem seit der Revolution — durch viele schicksalshafte Rückschläge und Irrwege gehemmt wurde, — es heißt, diesen Weg der Emanzipation wenigstens was uns selbst anbelangt, zu Ende zu gehen. Wer heute, zurückgestoßen von einer ihm unüberwindlich erscheinenden Gegnerschaft, mit der lauen Begründung: „Sie wollen uns ja doch nicht" sein Zugehörigkeitsgefühl zum deutschen Volk und seinen Willen zum Deutschtum erkalten läßt, verrät gerade in dem Augenblick die Sache der Emanzipation, wo es gilt, sich einer 100jährigen, bewußten und kampfesfreudigen Eindeutschungsperiode würdig zu erweisen und sich in ihrem Sinne zu bewähren. Wer beim ersten ganz großen und gefährlichen Angriff auf die Grundprinzipien der Emanzipation das Gefühl des Zusammenhanges mit der deutschen Sache verliert, zeigt dadurch, daß für ihn auch der ganzen bisher erkämpften Freiheit die eigentliche, innere Grundlage fehlte. Wer Rechte beansprucht, muß die absolute Legitimität dazu haben. Will der deutsche Jude also die völlige rechtliche und gesellschaftliche Gleichberechtigung in Deutschland, so muß er innerlich zunächst die völlige Eindeutschung vollziehen, d. h., er muß von sich aus jene unsichtbare Mauer niederreißen, die er selbst zwischen sich und seiner nichtjüdischen Umwelt errichtet hat, er muß das durch ihn selbst (nicht nur vom Gegner) gezüchtete Gefühl des unüberbrückbaren Anderssein ausrotten. Das soll nicht heißen, daß er sich plump anbiedern soll, sondern daß er in sich den eindeutigen Prozeß einer eindeutigen Zugehörigkeit zu seinem Heimatlande endgültig zu Ende bringen soll, sodaß es für ihn mit der ganzen Selbstverständlichkeit eines jeder Diskussion entzogenen Seins heißt: „Ich bin Deutscher im deutschen Land." Die Vollendung der Emanzipation schließt also jede Rede von einem jüdischen Volk oder einer jüdischen Nation als einer für den deutschen Juden verbindlichen Gemeinschaft radikal aus. Für ihn gibt es — folgt er dem Weg der Emanzipation konsequent — nur eine Nation, zu der er gehört, die deutsche: und Jude ist er nur der Religion und der Abstammung nach. Eine solche, mit der Kraft der inneren Wahrhaftigkeit gelebte Haltung muß die ganze Position der deutschen Juden ungemein stärken. Allen Angriffen werden sie im Bewußtsein einer endgültigen Schicksalsentscheidung ihre im Kampf besonders vertiefte und erprobte deutsche Ge-^> sinnung entgegenhalten können und am Vertrauen auf ein solches uneingeschränktes inneres Zugehören zum deutschen Volke werden sie mit ganz anderem Elan und deshalb größerem Erfolg den Kampf um die äußere Anerkennung ihres Deutschtums führen. Es ist selbstverständlich, daß dieser Weg zur vollendeten Emanzipation ein besonders starkes deutsches National g e f ü h 1 voraussetzt. Man darf es deshalb nicht länger als eine Absurdität empfinden, wenn sich ein wirklich eingedeutschter Jude dem überall spürbaren, vorläufig mehr weltanschaulich als parteilich gebundenen, neuen deutschen Nationalismus zugehörig fühlt, einem Nationalismus, der mit dem blutdürstigen Fanatismus der Nazis wenig gemein hat, sondern dessen Ziel die solidarisch geeinte Nation als Basis eines neuen, mächtigen Deutschland ist. Man muß es klar sehen, daß sich die deutschen Juden immer mehr der Stimmung der deutschen Seele entfremden, wenn sie sich nicht von der 'großen nationalen B ewegung unserer Tage in irgendeiner Weise so miterfassen lassen, daß es ihre innere Einstellung zu den politischen und wirtschaftlichen Dingen gestaltet. Für den deutschen Juden, dem Deutschlands Erneuerung am Herzen liegt und der den Erneuerungswillen unserer Zeit auch in sich spürt, wird deshalb ein unaggressiver Nationalismus, der keine Judengegnerschaft in sich schließt, sondern den deutschen Juden als Volksgenossen anerkenntj Ausdruck seiner inneren Haltung dem Vaterland gegenüber sein. Unabhängig von seiner politischen Einstellung kämpft der von uns den wirkungsvollsten Kampf um die Anerkennung in Deutschland, bei dem in Wort und Tat ein echtes nationales Empfinden sich kundgibt. Er kämpft dann nicht nur um seinet-, sondern um der Einigkeit der Nation willen, wenn er sich in seiner Haltung und seinem Tun stets verantwortlich fühlt als ein Verfechter der gesamten deutschen Sache. Diese Einstellung — vom deutschen Juden vollzogen — bedeutet die Vollendung der Emanzipationsidee in Deutschland. Der deutsche Jude befindet sich dann in einer Position, in der er Vorkämpfer für eine Volksgemeinschaft ist, deren echtes (sowohl von Fanatismus wie von Lauheit freies) Nationalgefühl die unbedingte Voraussetzung dafür ist, daß wir einmal der gegenwärtigen Not Herr werden können. Dr. Hans H e r z f e 1 d Revisionismus Vor sieben Jahren war Revisionismus nicht mehr als ein ..Wegweiser" für den zionistischen Weg. Man hatte das bescheidene Rezept einer Opposition zur Revision von gewissen politischen und. sozialen Methoden beim Aufbau Erez Israels. Nachdem es sich nunmehr aber leider erwiesen hat, daß der bisherige Weg des Zionismus in einer Sackgasse endet, aus der es keinen Ausweg gibt, wächst der Revisionismus weit über sich hinaus und stellt sich zur Aufgabe, den „Neuen Weg des Jüdischen Volkes" zu bestimmen. Der „kritische" Revisionismus mit seinen unheimlich hellsichtigen Voraussagen wird abgelöst von dem „positiven" Revisionismus. Das Ziel dieser Bewegung ist die Lösung der. gesamten Judenfrage. Und zwar eine Lösung nicht durch den „Untergang des Judentums", sondern durch eine Lebensbejahung in der radikalsten Totalität (damit weit über das Ziel des „offiziellen" Zionismus hinausragend). Mittel hierzu ist die „Normalisierung" des Volkslebens durch Schaffung des Jüdischen Staates. Nicht als Symbol, sondern als effektive Realität von stärkst denkbarer Ausdehnung ist dieser Staat gedacht. Ziel und Mittel sind die festen Voraussetzungen, die gewissermaßen zu einer revisionistischen „Philosophie" des Judentums geführt haben. Diese „Philosophie" erkennt den Sinn der jüdischen Geschichte im gegenwärtigen Moment und stellt fest: Die historische Aufgabe des Judentums, d. h. die nationale Idee unseres Volkes ist, in großem Maße erfüllt und daher fehlt den Juden die geistige Spannung zur Erhaltung ihrer Art. Die Folge hiervon ist eine verstärkte Zunahme der Assimilation und auch die innere seelische Schwächung der jüdischen Gemeinschaft. Das heutige Judentum ist „sinnentleert" und seine historische Aufgabe besteht in einer neuen „Sinngebung". Und da dies nichts anderes bedeutet, als eine „Renaissance" des jüdischen Volksgenius, so muß erkannt werden, daß Voraussetzung hierfür die körperhafte Existenz des Volkes in einem gesunden Normalzustand ist. Dies bedeutet die Wiederherstellung des Zusammenhangs von Volk, Land und Sprache. Der Sinn der jüdischen Geschichte mag dialektisch erkannt werden. Die ursprüngliche These des säkularen Volkslebens — überwunden durch die Antithese eines „vergeistigten" Galuthlebens —, geht nunmehr in die Synthese eines „totalen" Nationalismus über. Mit anderen Worten, der historische Augenblick erfordert, — nach Beendigung der „spirituellen" Mission, — wieder eine Rückkehr zu körperlichen Maßstäben. Die Existenz des Judentums in „dieser Welt" ist in Gefahr. Es kommt daher darauf an, sich auf die „diesseitigen" Gefahren , einzustellen und Bedingungen zu schaffen, unter denen ein \,,irdisches" Volk leben kann. Daraus ergibt sich eine besondere , miffafs^ng des Begriffes ,",N a t i o n" und „nationale Idee". Die „spirituelle" Aera der jüdischen Geschichte hat auch den N&tionsbegriff vergeistigt und aus einem gesunden „irdischen" Volke ein „geistiges Gottes-Volk" gemacht. Die anormale Existenz unseres Lebens wurde nicht als Tragik, sondern als sinnbestimmte Aufgabe empfunden. Jeder Versuch, dieses groteske Schicksal eines „Ahasver"-Volkes zu wandeln, zerschellte an dem Widerstand derjenigen, denen die „Einzigartigkeit" der jüdischen Volksexistenz nicht Mangel, sondern Wesensart des Judentums bedeutete. Diese „spirituelle" Psychose greift stark in zionistische Kreise über, die mit Hochmut jeden Vergleich unseres Volkes mit einem gewöhnlichen „Feld-, Wald- und Wiesenvolk" weit von sich weisen. Die Fähigkeit, je wieder zu einer nationalen Aktion zu kommen,

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