Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 12 (8.1932)
- Date
- 1932-08-01
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt ___Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde Nr. 7 MÄRZ 1932 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an den Schriftleiter der Beilage, Ernst Holzer, Corneliusstrasse 8, zu richten. NEUE WEGE? Es ist die Unsicherheit der heutigen geistigen, wirtschaftlichen, politischen Situation, die auch und besonders den jungen Menschen aus intellektuellen Schichten nach neuen Lösungen suchen läßt. Neue Wege? Wege, die wirklich Lösungen für eine Masse jüdischer Menschen bedeuten können? — Wir haben Vertreter von vier scharf geprägten Richtungen um Darstellung ihrer Anschauungen gebeten, die wir als persönliche Meinungsäußerungen der Verfasser bringen. Schriftleitung. Die interterritoriale Nation Der Lebensrhythmus eines Volkes äußert sich ebenso wie der des Einzelgeschöpfes in den Bewegungen nach oben und unten. Stillstand gibt es nicht. Ein Volk erfährt entweder eine Steigerung oder ein Nachlassen seiner Lebenskräfte. Steigert sich seine Lebensenergie, so erzeugt es überschüssige Kraft, die sich in geistigen Reichtümern (Kultur) und in Kinderreichtum niederschlägt. Erlahmt die Lebensenergie, so werden die geschmälerten Kräfte auf die Erhaltung und Sicherung des Vorhandenen beschränk*. Die Fortpflanzung schrumpft zusammen, das Volk stirbt aus. Der westlich-europäische Stamm des jüdischen Volkes bewegt sich diesem Ende entgegen. Betrachtet man die Menschen mit den Augen des Makrokosmos, so sind die einzelnen Völker Bakterienkolonien der Erde, deren Virulenz nach einiger Zeit ermattet, falls kein neuer Reiz entsteht. Große Teile des jüdischen Volkes haben ihre Virulenz immer wieder dadurch neu erregt, daß sie — meist unter dem Druck von Verfolgungen — auf frischen Nährboden, auf neue Organe der Erde kamen, wo sie zugleich im Kampf um ihre Selbstbehauptung erstarkten. Aber heute sind diese Möglichkeiten der Volkswanderung erschöpft. Es erhebt sich also die Frage, ob es möglich ist, auch ohne äußere Verpflanzung eine Steigerung der völkischen Lebensenergie herbeizuführen. Nach den Erfahrungen unserer eigenen Geschichte, aber auch nach neuzeitlichen Erfahrungen ist diese Frage zu bejahen. Das Alter eines Volkes bildet dabei kein Hindernis. Kemal Pascha hat die Türken, Gandhi die Inder, Mussolini das italienische Volk durch die Weckung tief im Blut schlummernder seelischer Schätze zu einer neuen Blüte emporgeführt. Auch der westliche Teil der Judenheit kann dem Untergang entrissen und einem neuen Aufstieg zugeführt werden, wenn es gelingt, das in der Volksseele fbegrabene Wesensgut neu zu heben und eine Bewegung innerer Wiedergeburt zu erregen. Aus diesem Geiste heraus entstand im Dezember 1930 der Bund für Neues Judentum. „Der Bund für Neues Judentum erstrebt die Erneuerung des jüdischen Volkes in religiöser, politischer und ethischer Hinsicht. Als dringendste ethische Aufgabe betrachtet er die Durchführung des sozialen Gedanken s." " Der Bund, so wenig er vorerst zahlenmäßig in Erscheinung tritt (er verpönt die Werbung durch Geldmacht), so ungemein ist seine ideologische Bedeutung: er ist die einzige jüdische Gemeinschaft, die geradew.egs die Belebung des jüdischen Volkes und damit die Lösung der Juden frage bezweckt. Der „Central- V er ein" ist lediglich ein Schutzverband zur Durchführung der besonderen deutschen Staatsbürgerrechte, während die zionistische Organisation, ohne sich dessen bewußt zu werden, ihr politisches Ziel einer jüdischen Heimstätte in Palästina erreicht hat, und je mehr der weitere Ausbau fortschreitet, desto weniger die Frage der jüdischen Gesamtheit zu lösen vermag. Links und rechts sehen wir also den Vorgang der Selbstauflösung der Judenheit. Links, im Gefühlsbereich des Centrai-Vereins, " infolge der Verneinung der Naturwahrheit einer jüdischen Volkheit (und ausschließlicher Bejahung;der Zerstreung), rechts, im Verstandesbereich des Zionismus/ infolge der Verneinung der Schicksalstatsache der Zerstreuung (und ausschließlicher Bejahung der Volkheit). Zwischen beiden Zerfallserscheinungen erhebt sich der Bund, dem sich sowohl die jüdische Volkheit wie die jüdische Zerstreuung als Voraussetzungen seines Erneuerungsstrebens darstellen. Diese Erneuerung kann, wie wir sahen, nur aus dem eige- nen Wesen geschöpft werden, niemals aus fremdem. Alle ehrlich gemeinten Versuche, die entleerte Hülle des Judentums etwa mit intellektuellem oder sozial-doktrinärem oder gar mit abstrakt-menschheitlichem Inhalt aufzufüllen, zeugen nur von gedanklicher Unklarheit. Umgekehrt werden dadurch die letzten jüdischen Wesenskräfte in fremde Dienste und Formen gegossen, in die Form etwa des Marxismus, der Demokratie oder des Pazifismus, wo sie erstarren und dem Judentum für immer verloren sind (rote, liberale, internationale Assimilation). Auch eine bloße Steigerung der jüdischen Erziehung fruchtet nichts, weil wir nicht mehr archaisch genug denken, um aus dem alten Lande noch Nahrung für unsere heutige Wirklichkeit ziehen zu können. Nicht dadurch kann erneuert werden, daß wir auf das Alte, dessen Erneuerungsbedürftigkeit uns ja erst zur Suche veranlaßt hat, wieder zurückkommen. Neuland kann nur dadurch gewonnen werden, daß das Alte und Verbrauchte wagemutig verlassen wird, daß wir geistige Auswanderer werden, daß wir von neuem, sei es auch erst durch Wüste, Kampf und Irrweg, nach einem Kanaan der Erlösung ziehen. Kein Volk kann ohne einheitliche Antwort auf die Frage nach dem Sinn seines Daseins leben. Sie erst schafft das Band, das sich um alle Mitglieder der Gemeinschaft unzerreißbar schließt. Das alte Band, die Idee des auserwählten Volkes, bedarf daher einer Auslegung und Erklärung, die dem heutigen Denken und Wissen entspricht. Die Thora hätte ein anderes Gesicht, wenn Moses sie in unseren Tagen geschaffen hätte. Auserwähltheit ist heute für uns Besonderheit der Rassenaufgabe, jedes Volk arbeitet gleich wichtig an dem ewig unvollendbaren Bau der Schöpfung. Gott aber ist nicht mehr die Projektion unserer eigenen angeblich freien irdischen Sehnsüchte, sondern das ewig unnahbare Geheimnis, das die im Gefängnis unseres Ich von uns selbst geschaffene Ethik nur mittelbar, durch den Strahl des Lebens befruchtet. Diese Ethik endlich besteht nicht länger in der naturwidrigen Feindesliebe oder in bloßer Gerechtigkeit (d. h. in der Wahrhaftigkeit in Bezug auf die Anwendung des Rechtes), sondern in der Wahrhaftigkeit überhaupt. Jude sein heißt künftig auch die „Sünde" in uns als einen lebendigen Teil unserer Ganzheit und als ewige Aufgabe der irdischen Ueberwiudung bejahen. Durch dieses neue religiöse Führertuin erfüllt die Judenheit unwillkürlich von neuem einen Teil ihrer Sendung. Aber davon sprechen wir heute nicht. Ins Feld geführt sei allein, daß das jüdische Volk weltanschaulich und seelisch wiederum von seiner Umgebung abgehoben, daß eine neue kulturelle Unterscheidung gewonnen Avird. Ohne Besonderheit der Weltanschauung, ohne Glauben an den Wert und Sinn dieser Besonderheit keine Volkheit! Gilt dieser Satz schon für Völker, die in geschlossener Einheit leben, um wieviel mehr für ein Volk, zu dessen Wesensteil es gehört, einzelweise zwischen anderen Völkern, gürtelförmig als interterritoriale Nation zu leben! Ohne ein starkes, immer wieder von innen genährtes, immer wieder von außen gereiztes Bewußtsein ihrer Besonderheit, ohne Glauben au die Schicksalsnotwendigkeit dieser Besonderheit vermag sich also auch die jüdische Nation nicht zu erhalten. Läßt man diese natürlichen Dämme aus innerer Schwäche oder äußerer Toleranz (Liberalismus!) verfallen, und drohen sich infolgedessen die Wasser zu verlaufen, so müssen neue Böschungen vorbereitet werden. Der Bund für Neues Judentum erstrebt deshalb politisch das Selbstbestimmungsrecht des jüdischen Volkes. Auf sozialem Gebiet ist die Arbeit des Bundes so lange beschränkt, als nur kirchliche und nicht politische Selbstbestimmung besteht. Was er heute schon fordert und unter seinen Mitgliedern durchführt, ist soziale Gerechtigkeit, ist ein Leben brüderlicher Gleichstellung, ist gegenseitige Arbeitshilfe. Die für kirchliche Zwecke ausgeworfenen Mittel sollen künftig zur Bebauung des ganzen jüdischen Arbeitsfeldes schöpferisch verwendet werden. Karl Lieblich. Vollendung der Emanzipation Die gegenwärtige Situation ist für die jüdische Bevölkerung Deutschlands doppelt bedrückend, schwierig und unruhvoll. Aufs härteste getroffen von den Schwierigkeiten eines aus dem Gleichgewicht geratenen Wirtschaftssystems und daher in der materiellen Basis ernstlich bedroht, fühlen sich Deutschlands Juden überdies zutiefst gefährdet durch eine von