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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-08-01 · 12 (8.1932) · p. Seite 255

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
12 (8.1932)
Date
1932-08-01
Page
Seite 255 (sequence 8)
Language
German
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255 hundertwende wird er der Porträtmaler der bürgerlichen Gesellschaft, wie einst Lenbach in der vorausgehenden Epoche der Porträtmaler der Aristokratie gewesen Avar. Läßt man die Reihe der ausgestellten Bildnisse an sich vorüberziehen, so erkennt man bald, wie die Freude an der malerischen Erscheinung allgemach zurücktritt vor dem Interesse an dem Menschen. Die schweren düsteren Farben, wie sie noch den feierlichen Ernst im Doppelbildnis der Eltern bestimmen, weichen helleren, lichteren Tönen, die ruhige körperliche Existenz, die hier noch betont ist. wird ersetzt durch die Vergeistigung der Materie. Eine geistige Helligkeit strahlt aus Paul Ehrlichs klugem Antlitz, wie denn überhaupt in diesen Körpern der dargestellten Gelehrten und Forscher, der Schriftsteller und der Staatsmänner, der Kaufleute und Industriellen geistige Energien geradezu aufgespeichert erscheinen, die dem Bilde das vibrierende Leben verleihen: es sind Menschen, denen man ihre Lebensmacht anmerkt, deren Gesamterscheinung so unmittelbar zu uns spricht, als wären wir ihnen da und dort schon leibhaftig begegnet. Und doch ist es nicht etwa die äußere Aenhnlichkeit, sondern das Erfassen. Erkennen der seelischen Existenz, das sich bei dem Bildnis des Chirurgen Saüerbrueh — es ist erst vor wenigen Wochen gemalt — geradezu zum visionären Schauen steigert. Hier sind die malerischen Mittel ganz und gar der Intensität des Ausdrucks dienstbar gemacht. Man wird diese Entwicklung zur seelischen Vertiefung am besten an seinen Selbstbildnissen verfolgen können, die während der letzten Jahrzehnte in so großer Zahl entstanden sind, daß sie einer gemalten Selbstbiographie gleichen. Noch umweht ein Hauch wehmutsvoller Romantik das Jugendbild von 1866; klar, nüchtern, bestimmt, selbstsicher, als unerbittlich scharfer Beobachter gibt er sich in dem Bildnis von 1902, das die Reihe der großen Selbstbildnisse einleitet. Es zeugt von dem Reichtum seiner Seele, nicht nur von dem Reichtum seiner Künstlerphantasie, daß bei den zahllosen Bildnissen, den gemalten, radierten, lithographierten, nie von einer Wiederholung gesprochen werden kann. Sie sind stets Dokumente einer Schau, eines tiefgründenden, prüfenden Blicks ins eigene Selbst — sind Bekenntnisse. Daher das Starke, das --------■————- Unmittelbare ihrer Wirkung. Immer mehr schwindet die kühle Reserve, die Distanzierung, schwindet die körperlich eVerhüllung. Das Erschauern beim Tief blick in die Seele verleiht den Selbstbildnissen des letzten Jahrzehnts den ergreifenden Ernst, der nicht selten bis zum Tragischen sich steigert. Man denkt an Rembrandts Spätwerke, an jene Rabbiner- und Greisenporträts, in denen Menschenschicksal und eigenes Leid zur tragischen Erscheinung geworden ist. Die Wirkung ist darum so stark, weil hier bei Liebermann — wie bei Rembrandt — jede Absicht fehlt, weil er geflissentlich jedem Pathos ausweicht. Hier ist Selbstporträt energiscn der Mund nichts zurechtgerückt, nichts gesteigert, alle Bildnisse sind von einer selbstverständlichen Schlichtheit — schlicht auch in der Farbe: das Grau bildet fast überall den Fond, von dem der fahle oder farbige Fleischton des Gesichts sich abhebt: nur selten belebt ein Blau, ein Gelb, ein Rot die Fläche des Bildes. Diese malerische Anschauung bleibt die gleiche — Jahrzehnte hindurch. In ihr dokumentiert sich die Einheit des Gesamt werk es und damit zugleich die Einheit der ganzen Persönlichkeit. Diese Einheit ward ihm nicht als Geschenk in die Wiege gelegt, sondern sie war für ihn eine Aufgabe. In hartem Kampfe hat er sie sich errungen, hat die alte Familienkultur mit der berlinisch-preußischen zusammengeschmolzen, hat das Nationale mit dem Kosmopolitischen in der künstlerischen Sphäre vereint. Die Anlage zu solchem Streben, den Keim zu solchem Wollen aber hat er als Erbgut von den Ahnen, deren Bildnisse ihn in seinem Arbeitszimmer umgeben: die Urgroßmutter Landsberger mit den großen dunklen Augen, den schweren Lidern, dem gezwungen lächelnden Mund, die klaren Formen umgeben von einer riesigen Haube —, der Großvater Josef Liebermann, in ganzer Figur, die hagere Gestalt sitzend am Schreibpult, das Antlitz ernst, fast sorgend der Blick, aiber und das Kinn — eine zähe Natur und dann das Doppelbild der Eltern, vom. Sohne selber gemalt, den willenstarken, selbstbewußten Vater, die mild-ernste, würdige Mutter, alles Menschen von strenger Lebensauffassung, erfüllt von der ehernen Pflicht, durch Selbst;z*icht und ehrliche Arbeit das Schicksal zu meistern. \' Energien von Generationen haben sich in Max Lieberlmann gesammelt. Wer ihn einmal in dieser Umgebung seiner Ahnen gesehen, begreift seine pietätvolle Verbundenheit mit der Familie, begreift die Zähigkeit seiner Natur, begreift aber auch seine Jeber- ----.----- zeugung, daß nicht das Judesein die Anerkennung von Leistungen verhindere, daß allerdings der Jude ein Mehr, ein Vielfaches leisten müsse, damit ihm die verdiente Anerkennung nicht vorenthalten werden kann. Dafür ist er selber der stärkste Zeuge. Er hat von neuem -— wie einst Moses Mendelssohn — den Beweis erbracht, daß die kultivierte Welt die wahrhaft große Leistung anerkennt — sie mag kommen, woher sie wolle. Diese Erkenntnis läßt uns hoffen und glauben. Darum Dank und Glückwunsch dem 85jährigen Meister. Atelier

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