Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-08-01 · 12 (8.1932) · p. Seite 254

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
12 (8.1932)
Date
1932-08-01
Page
Seite 254 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3094266-3094373-3094385--3278-3098047
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

254 ehrung. Was uns hier besonders interessiert, sind die jüdischen Besucher des Goethehauses in jenen Jahren, die in gar nicht geringer Zahl dort verzeichnet sind. Und zwar waren es nichtetwa, wie man wohl annehmen sollte, in erster Linie unsere hiesigen Glaubensgenossen, die diese Räume andächtig aufsuchten; wie überhaupt die Frankfurter Besucher damals ein erstaunlieh geringes Kontingent stellten. Während sich aus Berlin, Breslau, Hamburg, Hannover, Leipzig, aus Amerika, Frankreich, Rußland, Oesterreich-Ungarn, Polen zahlreiche jüdische Namen finden — als Prominente sind 184G Julius Mosen, 1848 Fanny Lewald zu nennen —, begegnen uns in diesen Jahren liier nur fünf Frankfurter jüdische Besucher: 1844 Dr. Adolf Teblee, der langjährige Lehrer am Philanthropin, 1847 Dr. Kohn-Speyer, 1856 Helene Weißweiller, 1857 Mathilde Nachmann und 1858 Dr. Oelsner, wohl der spätere Lehrer der Wöhlerschule. Es scheint also unter den gebildeten Frankfurter Juden damals nicht anders als in christlichen Kreisen durchaus nicht üblich oder Sache des guten Tons gewesen zu sein, dieses Haus aufzusuchen. Unter diesem Gesichtspunkt darf daher wohl nicht nur bei der Schreiberin eine Eintragung besonderes Interesse erwecken, die den Besuch des Goethehauses durch zwei jüdische Frauen aus einem kleinen hessischen Landstädtchen meldet. Am 12. Juli 1853 finden wir da die Naiven: „Henriette Frenkel geb. Meyer aus Witzenhausen Z(er!ine) Ballin, Witzenhausen". Hier begegnen wir also den Urgroßmüttern einer ganzen Reihe heutiger Gemeindemitglieder. Wenige Monate vorher hatte die Stieftochter Rahel jener Frau Frenkel den wohl vielen älteren Frankfurtern noch bekannten Bankier Emaimel Schwarzschild geheiratet; und man kann wohl annehmen, daß die Mutter und die verwandte Frau Ballin damals das junge Paar besuchten. Daß die beiden Frauen aus der Kleinstadt mit freudigem Eifer die Gelegenheit benützten, das viel gerühmte Frankfurt kennen zu lernen, kann man sich ja leicht vorstellen. Daß sie aber auch schon den Wunsch hatten, Goethes Geburtshaus zu sehen, das ja damals noch nicht zu den jedem bequem zugänglichen Sehenswürdigkeiten gehörte, verdient doch besonderer Beachtung, namentlich wenn man die verschAvindend geringe Zahl nichtjüdischer Besucherinnen aus der Kleinstadt berücksichtigt. Unbedingt muß man mit einer gewissen Bewunderung auf den Hildungsstand und die geistige Regsamkeit dieser Frauen blicken, denen damals schon das Goethehaus eine Sehenswürdigkeit bedeutete. Führt nicht von diesen kleinstädtischen Jüdinnen aus der Provinz eine gerade Linie zurück zu jenen literaturbegeisterten, hochstehenden Frauen, einer Henriette Herz od'-r Rah?l Levin, die in ihren Berliner Salons der deutschen Literatur und ihren Vertretern, vor allem Goethe, die Wege ebnen halfen? Sflison-Scftlnss-Vertfliil Teppiche - Gardinen so billig wie noch nie! Wir nennen hier auf diesem kleinen Raum keine Preise, denn diese besagen garnichts, wenn Sie die Ware nicht sehen. Besichtigen Sie darum unsere 20 großen Schaufenster und kommen Sie zu uns. BRUMLIK Süddeutschlands g r ö B:t.e,s Spezialhaus Frankfurt a. M., Liebfrauenstrasse 1—3 Max Liebermann Zu seinem 85. Geburtstag Von Dr. Arthur G a 11 i n e r *) Eine Künstlerpersönlichkeit, deren produktives Schaffen über sechs Jahrzehnte unvermindert andauert, ist allein schon etwas Erstaunliches, Außerordentliches; daß aber diese Per- | sönlichkeit in dieser ganzen Zeit, d. h. seit zwei Generationen, im Kampfe steht, im künstlerischen, kulturellen, überhaupt im tätigen Leben mit all seinen Widersprüchen und Widerständen, daß sie diesen Kampf besteht, daß sie von Sieg zu Sieg schreiten konnte — das ist ehrfurchtgebietend. Zwölf Jahre hindurch hat er, der einst so verlästerte Maler, an der Spitze der Preußischen Akademie der Künste gestanden; immer Avieder ward der Widerstrebende von verantwortungsbewußten Männern dazu gedrängt, die Präsidentenwürde zu übernehmen, weil man wußte, daß er eine Macht im künstlerischen Leben Berlins bedeutete. Und in der Tat hat er die Ausstellungen der Akademie — früher kaum beachtet — zu einem künstlerischen und gesellschaftlichen Ereignis zu erheben gewußt, wie er einst vor drei Jahrzehnten ganz ähnlich die Ausstellungen der Sezession in den Mittelpunkt des künstlerischen Lebens zu rücken verstanden hat. Ueberblickt man diese Epoche seines Schaffens nach der *) Die Abbildungen in den Beiträgen über Liebermann sind mit Ausnahme des Selbstporträts dem bei I. Kauf/mann erschienenen Werk „Arthur Galliner: Max Liebermann, der Künstler und der Führer' entnommen. Jahrhundertwende bis heute, diese Epoche der künstlerischen Revolutionen, des Kampfes der Richtungen, der Verfemung des Alten, der Vergötterung des Neuen, so bleibt eines bewundernswert: die organische Weiterentwicklung in Liebermanns Malerei. „Ich bin kein Verwamllungskiinstler." schreibt er einmal. Dies besagt aber nicht, daß er heute so malt wie vor 30 Jahren, oder daß er um 1900 so gemalt hat wie um 1880. Gewiß er hat sich nicht verwandelt, aber doch gewandelt, weil seine Kunst immer Ausdruck seines Daseins und seiner Zeit sein will, sein muß. Darum ist sie so außerordentlich lebendig geblieben, ist auch heute noch von der gleichen überzeugenden Kraft wie vor einem halben Jahrhundert. Das enthüllt sich vielleicht am deutlichsten in seinen Porträts. Der Verein Berliner Künstler, dessen Ehrenmitglied Liebermann ist, stellt als erste Huldigung zu seinem SJ. Geburtstag 33 Bildnisse aus, zumeist Arbeiten aus den letzten Jahrzehnten, aber doch auch einige aus früherer Zeit, so daß man die Entwicklung des Meisters seit 1878 hier verfolgen kann. Nur vereinzelt war er früher zur Darstellung des einzelnen Menschen im Sinne des Bildnisses gelangt, hatte diesen oder jenen berühmten Zeitgenossen im Bilde festgehalten, meist nur als Zeichnung, wie Virchow, Fontane, Gerhart i Hauptmann, Friedrich Naumann; aber erst nach der Jahr-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.