Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-08-01 · 12 (8.1932) · p. Seite 253

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
12 (8.1932)
Date
1932-08-01
Page
Seite 253 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3094266-3094373-3094385--3277-3098046
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

253 nur das Joseph-, sondern auch das Estherspiel gelesen.) Vor allem kann eine Vermutungvon einer jiddischen Quelle der Esther-Ahasveros-Szenen im „Jahrmarktsfest" nur nach einem Vergleich des Textes und Inhaltes dieser Szenen mit den jiddischen (jüdisch-deutschen) Estherspielen angestellt werden. Dies ist bisher noch von niemandem versucht worden. Auch Herrmann (Max Herrmann, Jahrmarktsfest zu Plundersweiler. Berlin 1900). der die Quellen des Jahrmarksfestes untersucht, zieht die jiddischen Estherspiele nicht heran. Es soll daher liier, wenn auch nur kurz, versucht werden, durch einen solchen Vergleich mit den jiddischen Estherspielen die Frage der Beeinflussung zu klären. Wie ich in meinem erwähnten Aufsatz schon hervorgehoben habe, gibt es jiddische Esther spiele mit und ohne komische F i g u r. Die ältesten erhaltenen Spiele aus der ersten Gruppe sind: die Handschrift vom Jahre 1697 aus dem handschriftlichen Nachlaß von Wagenseil3) und der Text von 1708 bezw. 1714. der bei Schudt in den „Jüd. Merkwürdigkeiten" (Bd. 3) abgedruckt ist. Von den ernsten Spielen ist das defekte Exemplar vom Jahre 1718 der Rosenthaliana-Amsterdam und das handschriftliche Frankfurter Estherspiel (im bischöfl. Seminar in Mainz) zu nennen. Alle diese Spiele entnehmen ihre Stoffe aus Bibel. Talmud. Midrasch u. a. jüdischen Quellen. Aber sie waren kaum eine selbständige jüdische Schöpfung. Vielmehr hat man den Text eines nichtjüdischen biblischen Dramas übernommen bezw. diesem nachgebildet. Schipper (Geschichte des jüdischen Theaters und Dramas. Warschau 1927) glaubt mit Sicherheit behaupten zu können, daß der Urtext des jüdischen Estherspiels dem des nichtjüdischen ähnlich war. Auch Einflüsse des späteren nichtjüdischen Dramas wie des der englischen Komödianten werden deutlich. Daher kann nur dann die Rede von einem Einfluß der jüdischen Estherspiele auf das „Jahrmarktsfest" sein, wenn man hier solche Momente und Stoffvarianten finden würde, die nur in den' jüdischen Estherspielen vorkommen. Wie bekannt, sind die Ahasverus-Estherszenen im ,..)ahrlnarktsi'est" nur hineingestrent und bestehen bloß aus einer Hanian-Ahasverusszene und einer Mordechai-Estherszene. In der Fassung vom J. 1774 (Germania 1846. S. 402 f., Hermann 247 f.: Jub.-Ausg. Bd. 7. 352 f.) tritt Ha man als Rationalist auf und kiagt die Juden an, sie ließen durch ihre Empfindsamkeit und Religiosität die Vernunft nicht zur Herrschaft kommen. Ahasverus zieht es aber vor, „zu Bett zu gehen", und will es ..ein ander Mal besehen". Die Angelegenheit, wird somit nur angedeutet, nicht erledigt. Dasselbe geschieht in der Szene zwischen Mordeehai und Esther. Man hört nur, daß Esther ihn bittet, er möge sie in Ruhe lassei/ und Mordeehai ihr von seiner Sucht, die Menschen bekehren zu wellen, erzählt. Bei dieser Fassung ist gar kein Platz für einen stofflichen Einfluß der jüdischen Spiele. Goethe hatte hier, wie von Hagen meint, ganz bestimme Erscheinungen im Auge. Das einzige, was für Goethes Bekanntschaft mit den jüdischen Estherspielen sprechen könnte, sind d:e derben und anstößigen Ausdrücke, die er Mordeehai in den Mund legt. In einem Teil der jüdischen Estherspiele (Ms. Wagenserl. Schudt) ist die Rolle Mordechais bald komisch, bald ernst und ist voll solcher Ausdrücke. Nach der Meinung Hermanns verbirgt sich in der Person Mordechais (in dieser ersten Fassung) eine bestimmte Persönlichkeit, und zwar Leuchsenring, der Empfindsamkeitsreisende und Allerwelisfreund. Es ist kaum anzunehmen, daß dieser Mann anrüchige Ausdrücke gebraucht hat. Man kann dies daher auf 3) Hs. Nr. 55 der Stadtbibliothck Leipzig. Für das frdl. Ausborgen der Handschrift und die Erlaubnis, sie zu veröffentlichen, sei hiennii bestens gedankt. Näheres über die Handschrift selbst an anderer Stelle. eine Beeinflussung Goethes durch ein auf einem Jahrmarkt gesehenes oder ein jiddisches Estherspiel zurückführen. Ausgebreiteter sind diese Szenen in der zweiten F a s s u n g (gedr. zum erstenmal 1789), die die ursprüngliche sein soll. Eingangs hören wir, wie Haman sich empört, weil sich Mordeehai nicht vor ihm bücken will. Er versucht dann Ahasverus gegen die Juden einzunehmen, weil sie anderen Glaubens, ferner Betrüger und Wucherer seien. Aber erst, als er die Juden beschuldigt, daß sie vielleicht nach dem Leben des Königs trachteten, bekommt dieser Angst und will sofort einen Befehl zur Niedermetzelung aller Juden erlassen. Darauf beginnt ihn Haman umzustimmen; nicht alle seien Bösewichte, und es genüge, wenn man die Häupter vernichte'. So wird beschlossen, heimlich den „Hofjud" der Königin, Mordeehai, hängen zu lassen, bevor sie es erfahren könnte. Mordeehai kommt schluchzend zu Esther und bittet sie, sich für ihn einzusetzen, was jene ablehnt. Auch als Mordeehai ihr alle seine Wohltaten und Gefälligkeiten gegen sie vor Augen führt, will sie seine Bitte nicht erfüllen. Dann versucht Mordeehai ihr vorzustellen, was sie mit „dem treuen Freund" einbüßen würde. Niemand würde ihr Geld geben, um ihre Schulden zu tilgen, und sie würde kein neues Kleid mit Perlen und Juwelen mehr haben. So würde sie zur Sklavin ihres Mannes werden. Diese Argumente schienen (es wird kaum angedeutet) Esther umzustimmen. Auch bei dieser Fassung wird in Bezug auf den Stoff kaum ein beträchtlicher Einfluß der jüdischen Spiele zu finden sein. Sofern der Stoff nicht der Bibel entnommen oder bei Hans Sachs .entlehnt ist, hat ihn Goethe wohl selbst als Parodie auf einen der kleinen Fürsten seiner Zeit gestaltet. Er will die Trägheit des Königs und seine Aengstlichkeit verspotten, wie die Händel der Königin mit ihrem Hofjuden. Das einzige, was auf die jüdischen Spiele weisen könnte, wäre die Erwähnung des jüdischen Schwindels und WTnchers durch Haman. In fast allen jüdischen Texten spielt diese Tatsache eine mehr oder weniger große Rolle. Die Klagen und Tränen wieder, durch die Mordeehai Esther rühren will, erinnern vielleicht an die Klagen Mordechais in den jiddischen Spielen, hauptsächlich an die in der ernsteren Fassung (Amsterdam. Frankfurt), wenn sie auch bei Hans Sachs und in den Spielen der englischen Komödianten zu finden sind. Vielleicht kann auch die Tatsache, daß Ahasverus nicht gleich Hamans Vorschlag zustimmt, sondern mit verschiedenen Ausreden die Juden zu verteidigen sucht, auf den Einfluß der jüdischen Spiele (ernster Fassung) hinweisen, in denen er ebenfalls durch Ausreden seine Weigerung, gegen die Juden vorzugehen, zu begründen sucht. Zusammenfassend kann man sagen, daß in den Ahasverus- Estherszenen des „Jahrmarktsfestes" einzelne, nicht sehr wichtige Momente vorhanden sind, die auf die Bekanntschaft Goethes mit einem oder mehreren der jiddischen Estherspiele hinweisen könnten. Keineswegs sind sie aber so ausschlaggebend, daß man von einem Vorbild sprechen kann (Teweles S. 32). Die Grundzüge der .Ahasverus-Estherszenen bei Goethe stehen im Gegenteil sogar im krassen Gegensatz zu den jiddischen Fassungen, die sich eher an die Bibel anlehnen. In keinem jiddischen Spiel verhandelt Mordeehai direkt mit Esther (überall durch Vermittlung des Hataeh), und nirgends bittet Haman den König, nicht alle Juden, sondern nur Mordeehai selbst zu töten. Dagegen lassen die erwähnten kleinen Momente auf eine Kenntnis der jüdischen Spiele schließen. Aber auch dies ist nicht ganz zwingend. Das eine oder das andere kann von Goethe selbst stammen, oder er kann es in einer Vorführung des Marionetten- oder des Puppenspieltheaters gesehen haben. Jüdische Besucher des Goethehau&es in alter Zeit Von Ella Wer in diesen Monaten das Goethehaus aufsucht, sei es um de.n Goethejahr den schuldigen Tribut abzustatten, oder um sich an den endlich zugänglich gemachten Schätzen des schönen Goethemuseums zu erfreuen, der wird mit Befriedigung sehen, welch' eine große Zahl von Besuchern diese Stätte jetzt anzieht. Nun ist es recht interessant, dem Erwachen und der Entwicklung dieser Anziehungskraft des Goethehauses nachzusinnen. W e r n e r Schon in den Jahren, da es noch ein vermietetes Wohnhaus wie ein beliebiges anderes war, also bis 1S63, bedeutete es für viele Kenner und Bewunderer des Dichters eine Stätte der Sehnsucht und Verehrung. In jener Zeit der sozusagen inoffiziellen Existenz des Goethehauses, etwa von 1840—63 wurden die Besucher gebeten, ihre Namen in ein Buch einzutragen. Und bei diesen Eintragungen finden sich mancherlei bemerkenswerte, auch poetische Bezeugungen dieser Ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.