Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 12 (8.1932)
- Date
- 1932-08-01
- Page
- Seite 252 (sequence 5)
- Language
- German
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252 sollte die kleinere und größere Gemeinschaft, in der er lebt, nicht bloß als eine wirtschaftliche und politische, sondern ganz im Geiste der mosaischen Sozialethik auch als eine sittliche ansehen. Diese Forderung-, die der hochbetagte Faust bis zur Stunde seines Todes erfüllt, steigert er so hoch, daß die ganze geistig sittliche Existenz des Mitmenschen, die nicht durch das tägliche Brot befriedigt wird, sich dem andern aufs Gewissen legt. Diese Spannung seiner ethischen Kraft ist so stark, daß er selbst seine Spöttereien über den bei der Erdentwicklung mitwirkenden Vulkanismus in Faust n,3, die er noch durch eine Drohung gegen den Plutonisten „Alexander Humboldt, ihn schändlich zu blamieren", am 6. 3. 1828 verschärft, doppelsinnig mit der französischen Staatsumwälzung verbindet. Die vom Satan vertretenen Lehren und Taten ihrös schaffenden Umsturzes erklärt er für eine Pfuscherei wider die göttliche Ordnung, deren greulichen, unaufhaltsamen Folgen er den Weg vernünftiger Reformen entgegenstellt. Seine Grundforderung des reinen Menschentums wird ihm nicht durch geopolitische oder soziale Bedingtheiten eingeschränkt. Schon als Jüngling hatte der Dichter aufgerufen: „Mit inniger Liebe fall' ich dem Bruder um den Hals: Mose, Prophet! Evangelist, Apostel! Spinoza oder Macchiavell!" Er selber übt eine durch unauslöschliche Dankbarkeit noch gesteigerte Uneigennützigkeit, die ihn bei S p i n o z a aufs höchste entzückte. Das erinnert an die Demut, die Mose vor allen Menschenkindern auszeichnete. Am 22. X. 1797 schreibt der Züricher Pfarrer Georg Geßner über Goethes Erscheinung: „Stirn und Augen Moses, lauter Geist und Feuer!" und leuchtete damit in die innere schöpferische Arbeit, die Goethe erfüllte, tiefer als er ahnen konnte. Denn indem dieser den zu seiner Zeit vielgenannten Magier des 16. Jahrhunderts nach dem Menschheitstypus formte, den in seiner Phantasie Mose darstellte, wuchs er selbst in dessen Rolle hinein, wurde ein Führer, Priester und Prophet seines Volkes, der Gründer eines neuen Bundes mit Gott und einer neuen nationalen Kultur. Sie, kann durch trübe Zeiten wie die gegenwärtige zeitweilig wohl zurückgedrängt werden, wird aber immer wieder von neuem hervorleuchten und zu allen Zeiten um ihr Licht dessen Träger scharen, die es für künftige Zeiten unversehrt zu wahren suchen. Die Erhaltung und Aufwärtsentwicklung dieser Geisteskultur gründet sich auf dem Geschlechtersegen der Patriarchen, der wohl eine Auslese, aber keine Unterscheidung von Erbtüchtigen kennt, und dessen tätige Anerkennung schon der Iphigenie in den Sinn gelegt wird: „Es erbt der Eltern Segen, nicht ihr Fluch." „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." Nachdem der Dichter den West-Oestlichen Diwan vollendet hatte, schrieb er am 21. VTJI. 1819 an Schubarth: „Ich komme mir wie der Leichnam Moses vor, um welchen sich die Dämonen streiten. Tun Sie von Ihrer Seite das Mögliche, daß der alte Vater bei seinen Ahnen zu Mamre anständig beigesetzt werde!" Dieses Streben nach der persönlichen Selbsterhaltung auch über den Tod hinaus gründet sich bei ihm vor allem auf der Ehrfurcht vor dem eigenen Dasein. „Sie ist die Wurzel allei Tugenden und wahren Religionen, das beste, was Gott und Natur hervorgebracht haben, das am ehesten den Menschen zum Menschen macht, wenn er auf dieser Höhe verweilt und nicht durch Dünkel und Selbstheit wieder ins Gemeine gezogen wird." Praktisch wirkt sie sich in dem Gebot aus: Mäßigung im Willkürlichen, Emsigkeit im Notwendigen! aber: Genießen macht gemein. So sucht er in Entsagung und mit weisester Ausnützung der Zeit als „der höchsten Gabe Gottes und der Natur" über die Schranken der bestehenden Kirchenorganisationen hinaus das rein Menschliche, dem er keine Grenzen setzt wie die Späteren nach ihm. Dieses unvergängliche, künstlerisch sittliche Vermächtnis knüpft das Erleben des Einzelnen an das Gemeinschaftsschicksal des Gottesreiches, und beide werden durch den Glauben an den Sieg des Ideals gestützt, den er von Spinoza übernimmt. Wie dieser fordert er eine der Wirklichkeit zugewandte höhere Gestaltung des Lebens, die auch seine Annehmlichkeiten zu mäßigem Genüsse zuläßt, und verwirft die Affekte des Leidens und Schmerzes ebenso wie Nietzsches Zarathustra die Prediger des Todes mit ihren lebenden Särgen: „daß Leben sich des Lebens freut". Diese Frömmigkeit des alltäglichen Daseins hat Goethe mit seiner eigenen Persönlichkeit wie seinem ganzen genialen Dasein vorgelebt. Nachdem er die Schwächen seiner Jugendnatur „mit eherner Geduld und steinern Aushalten" durch eine strengere Selbsterziehung überwunden, als sie uns von dem attischen Redner Demosthenes überliefert wird, und durch die er selbst die Schrecken von Dantes Inferno, hinter sich zurückließ, faßte er die Dreifalt seiner Natur durch mythenlose Verschmelzung zu einer untrennbaren Einheit zusammen. Er bezwang das nordische Vatererbe des düstern Grübelns wie seinen himmelstürmenden Titanismus durch die Gesetzesehrfurcht vor sich selber, den verwirrenden Zwiespalt der Weltdinge durch die südlich heitere Klarheit seiner Einsicht in die innere Entwicklung des Weltwesens und das unsicher ziellose Schwanken seines persönlichen Fühlens durch den Gemeingeist der ausgleichend umfassenden und reinen Menschenliebe, die auch die Sünde überwindet. Umfangend umfangen erhebt solch göttliches Streben ihn über Uebel und Schuld, deren Erinnerung den Leuten aufgefrischt wird, indem ihnen „das Heiligtum des Schmerzes immer von neuem geschmacklos vor die Augen gestellt wird". So wird er zum zielweisenden Führer und Befreier alles menschlichen Strebens. Zur Frage eines jüdischen Vorbildes für die Estherszenen im Jahrmarktsfest zu Plundersweiler Von Dr. B. Weinryb Nachdem mein Aufsatz ,,Ein unbekanntes Frankfurter Estherspiel" im Aprilheft des Frankfurter Gemeindeblattes erschienen war, machte Herr Rechtsanwalt Otto Rothbarth darauf aufmerksam, daß der frühere Besitzer dieser Handschrift J. F. H. Schlosser, der Neffe von Johann Georg Schlosser, dem Schwager Goethes, war. Es erscheine demnach wahrscheinlich, daß das Schlossersche Manuskript Goethes Vorbild für die Estherszenen im Jahrmarktsfest von Plundersweiler gewesen wäre; bisher nahm man an, er hätte ein in der Bibliothek seines Vaters vorhandenes jüdisch-deutsches Ahasverspiel verwandt. Aber noch weit mehr als die verwandtschaftlichen könnten die persönlichen Beziehungen Goethes zu F. J. Heinrich (Fritz) Schlosser zu der Annahme verleiten, das genannte Estherspielmanuskript könnte mit Goethe in Zusammenhang gebracht werden. 'Fritz Schlosser war mit Goethe eng befreundet, er vertrat ihn rechtlich in Frankfurt bei der Erledigung von Goethes Erbschafts- und Vermögensangelegenheiten und unterstützte ihn bei der Schilderung seiner Jugendzeit in „Dichtung und Wahrheit", indem er ihm seine und seines Vaters P. Schlossers wertvolle Aufzeichnungen und Sammlung von Francofurtensia überließ. Goethe und Fritz Schlosser standen auch in ziemlich regem Briefwechsel. (Vgl. Goethe-Briefe aus Fritz Schlossers Nachlaß. 1877.) In der späteren Zeit sammelte Fritz Schlosser alles, was mit Goethe irgendwie in Zusammenhang stand, und unser Manuskript ist zusammen mit dieser Goethe-Sammlung im Jahre 1865 nach dem Tode der Frau Schlosser in das bischöfliche Seminar nach Mainz gekommen. Somit würden die äußerlichen Kennzeichen ausreichen, um dieses jiddische Estherspiel mit Goethe in Zusammenhang zu bringen.l) Aber alle Beziehungen, die Goethe zu dieser Handschrift haben konnte, gehen nicht über das Aeußerlieh'? hinaus. Im allgemeinen ist die Behauptung, daß Goethe ein in der Bibliothek seines Vaters vorhandenes jiddisches (jüdisch-deutsches) Purimspiel zum Vorbild genommen habe (so z. B. H. Teweles: Goethe und die Juden, 1925, S. 32) bei weitem nicht begründet. Zunächst steht es überhaupt nicht fest, ob das im Versteigerungskatalog der Bibliothek seines Vaters angeführte hebräische Buch (unter Nr. 822) wirklich ein Purimspiel gewesen ist. Ferner scheint die Meinung Berendsohns2) begründeter zu sein, daß es sich um ein Purimspiel „Mechiras Joseph" (von der Verkaufung Josephs) handelt. Jedenfalls wurde für die Hochzeit von Goethes Onkel Johann Jost Textor am 17. Febr. 1766 ein jüdisch-deutsches Lied gedruckt, für das offenbar das Joseph-Spiel als Quelle unter einem Motto zwischen Titel und eigentlichem Gedicht steht und in einer Anmerkung als „Verkaufung Josephs oder Josephs- Spiel" erklärt wird. (Wenn man allerdings der Vermutung Berendsohns, Goethe habe Schudts „Jüd. Merkwürdigkeiten" benutzt, zustimmt, kann man annehmen, Goethe habe dort nicht x) Diese Hs. gehörte vielleicht wirklich zu Schlossers Goethe-Sammlung. Als Schreiber zeichnet dort ein gewisser Ochs, und im Jahre 181? hat Schlosser für Goethe das Ochssche Haus in Frankfurt, auf dem eine Hypothek Goethes lastete, als Eigentum übernommen. Man kann vermuten, daß die Hs. dadurch zu Schlosser gekommen ist. 2) W. A. Berendsohn: Goethes Knabendichtung, Hamburg 1922, S. 29, 71.