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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-08-01 · 12 (8.1932) · p. Seite 251

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
12 (8.1932)
Date
1932-08-01
Page
Seite 251 (sequence 4)
Language
German
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251 Erscheinung der edelsten Schönheit selbst schauen und ihren Ewigkeitswert in ihrer Wirklichkeit erkennen und besitzen. Wie Mose zum Sinai hinanstieg, um Gottes Gebot aus seinem Munde selber zu vernehmen, so schreitet darum Faust mit Gefahr seines Lebens allein bis in die verborgene Tiefe zu den Platonischen Urformen aller Erdenwesen zum Herzen der Natur hinab, um sie ans Tageslicht heraufzuführen. Er wird wie Mose durch den unbezwinglichen Drang seiner inneren Natur zum Höchsten angetrieben, bis er im stufenweisen Aufsteigen sich schließlich mit der göttlichen Unendlichkeit vereinigt. Das Verlangen nach dieser hört nknmer auf, denn niemand kann Gott schauen, so daß die Begierde, ihn vollkommen zu sehen, jemals wieder erlischt. Dieses Drängen aber führt nicht in weite Fernen und entlegene Höhen, sondern dem Zarten und Geringsten zu. Des Dichters beweglicher Geist erhielt dabei mit der tiefen Einsicht in das Wesen der Dinge auch die feinere Sinnlichkeit bis ins Greisenalter hinein wach. Doch wußte seine edle Natur sie durch Entsagung wie Mahadöh, der Kenner der Höhen und Tiefen, auf ihrer moralischen Höhe festzuhalten. „Willst du dich am Ganzen erquicken, / So mußt du das Ganze im Kleinsten " erblicken." Goethe drängt das Gefühl der Gottesnähe auch dazu, die optischen Vorgänge und Probleme des morgendlichen und abendlichen Lichtes als Jüngling, Mann und Greis zu beobachten, zu erforschen und hingebend in Prosa und Vers, besonders dem Faust zu schildern. Aber durch die hemmungslose Maßlosigkeit des von ihm mit Helena gezeugten Geschöpfes (Euphorion - Byron) wird ihm die Gestalt ihrer höchsten Schönheit entrissen und gleitet in ihre frühere Weit zurück, wie Mose ob der Sünde des Volkes am goldenen Kalb auch die Gesetzestafeln im lodernden Zorn aus den Händen wirft und am Fuße des Berges zerschmettert. Aber mit den äußern Resten der Schönheit, die Faust in den Händen zurückgeblieben sind, fühlt er die Kraft zu kühnem Fleiß in sich, es treibt ihn jetzt zu großen Taten, nicht nach Ruhm. Im leidenschaftslos hell bewußten Schaffen und dem „Schöpfungsgenuß von innen" sucht er jetzt die rechte Sühne und wahre Erlösung. Wie Mose im Palast des Pharao, hatte auch er an des Kaisers Hofe Zeichen und Wunder, die Geheimnisse der Natur und des schöpferischen Menschengeistes offenbart. Mose spaltete mit seinem Führerstab das Meer, um das befreite Volk hindurchzuführen,. und schlug damit auf den Felsen, daß Wasser hervorkam. Auch Goethe führt den Stab des Dichterwortes, mit dem er die Pustrichgeister vor sich her scheucht (gegen Pustkuchen gerichtet, der ihn mit seiner Travestie: Werthers Freuden, hatte verspotten wollen, während später Friedrich Theodor Vischers Faust "HI. Teil voll galliger Satire des Dichters sieghaft nachwirkendem Geiste unterlag.) Mose führt sein Volk durch die Wüste zum Lande hin, das Gott ihren Vätern gelobt. Auch Faust erhält vom Kaiser zum Dank für seinen siegreichen Beistand im Kampf mit dem Gegenkaiser das wiedergewonnene Land am Meeresufer zum Lehen. Hier schwebt ihm Friedrichs des Großen Bild vor, der die polnischen Sümpfe austrocknete, auch er beginnt es anzusiedeln. Selbst nach seiner Blendung durch Frau Sorge bleibt er von innen her erleuchtet und zu halb göttlicher Höhe gesteigert. In ungeminderter Kraft drängt ihn sein rastloser Wille auch jetzt noch weiter zu mutiger Tat: „Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, / Befreit der Mensch sich, der sich überwindet." ' Goethe fordert uneingeschränkt: „Nur das Gesetz kann uns die Freiheit geben", ebenso das Rechtswie das Sittengesetz. Solche Gesetzeskraft aber herrschte unbedingt in dem theo- und nomokratisch geleiteten jüdischen Volke. Hier überwachten und bekämpften die Propheten nach Mose auch die erst fremden Völkern und Kulten entlehnte Priester- und Königsgewalt in heiligem Zorn und forderten den König wie den Hohepriester vor die Schranken ihres unbestech .eben Gottesgerichtes. Goethe gründet Recht und Sitte statt auf Willkür und Gewalt auf der dreifachen Ehrfurcht vor dem, was über uns ist, Gott im Himmel, was unter uns, die Erde mit ihren Freuden und Leiden, und neben uns, die Verbindung mit Gleichgerichteten, Front zu machen gegen die Welt, uns möglichst bald von den unverhältnismäßigen Leiden zu befreien, welche das irdisch Willenlose uns zufügt. Sich zu fürchten, ist leicht, aher beschwerlich, Ehrfurcht zu hegen, ist schwer, aber bequem. Ebenso gemahnt auch Psalm 4, 5. Jene dreifache Ehrfurcht, die ethnisch heidnische der Völker, die philosophische im kosmischen Verhältnis zu allen übrigen irdischen Umgebungen, dazu „die christliche", die auch Niedrigkeit und Armut, Schmach und Elend, Leiden und Tod, selbst Sünde und Verbrechen als göttlich erkennt, ist bereits Jes. 57, 15, Ps. 113, 5 8, Job 2, 10 und durch die Auslegung von I. B. M. 1, 31 verkündet. Erst alle drei zusammen bringen die wahre Religion hervor, der die oberste Ehrfurcht vor sich selbst entspringt, durch die der Mensch zum Höchsten gelangt, das er zu erreichen fähig ist. (Wilhelm Meisters Wanderjahre H, 1). Wie Faust durch die Genien zweier sündiger Frauen, wird Goethe selber durch seine Hingabe aa die ihm verbundene und ihn erziehende Frauenschönheit dazu entflammt, mit männlicher Schöpferkraft das Schöne in seinem Herzen wiederzuerzeugen. So endet das hier wie im Buche Job lang ausgesponnene Kampf spiel zwischen Gott und Satan, das axich in dem Streitgespräch: Der Ackermann und der Tod von Johannes Saatz nachklingt, damit, daß dem bis zuletzt im rastlosen Streben Ausharrenden die erlösende Macht der göttlichen Gnade und Barmherzigkeit mit der Liebe von oben zu Hilfe kommt. Diese wurde schon dem Mose n. B. M. 34, 5/7, dann Mi. 7, 18/19 verkündet. Damit aber schreitet Goethe auch über den Kreis der antiken Anschauung hinaus, die in der Gestaltung des Schönen befangen bleibt, doch nicht die Kraft aufbrachte, dadurch auch das praktische Leben sittlich zu durchdringen. Daher findet sich der . tragische Zug ihrer Kunst selbst beim Tod des Sokrates, dem das Leben als ein Leiden erscheint, so daß er dem Aesculap ein Opfer weiht. Mose aber ist, da er starb, das Auge nicht trübe und seine Lebenskraft nicht geschwunden. Der Heilige, noch voll vom Anblick des gelobten Landes auf dem Berge Nebo von der Ebene Moab her sagt, da er Gott von Angesicht zu Angesicht geschaut, in diesem Augenblick: Es ist genug. Dann verscheidet 3r am Munde Gottes, der den seinen küßt, Samael entsank das Schwert, Gott selbst kommt, von seinen Engeln begleitet, und diese, Moses Lehrer und Schüler, tragen in ihrer Glorie seine Seele hinweg. Diese Moses-Sage hat auf die Wette im Himmel um den Knecht Moses im Prolog zum Faust, der unmittelbar ja an die einleitende Erzählung im Buche Hiob anknüpft, und ihre Entscheidung über Fausts Leiche bestimmend mitgewirkt. Ganz wie Mose, so scheidet auch Faust, entzückt und noch voll von dem anmutigen Gesicht des aufblühenden Landes, in ruhiger Himmelsklarheit, fern von dem gierigen Genuß des, Augenblicks, den der niedrige, dumme Teufel ihm mit all seinen Künsten vergeblich zuzuwenden, seinen Wert aber immer von neuem zu verkürzen oder zu zerstören bemüht ist. Er, der sich schon im voraus der Schmerzen seines Opfers freut, wird zurückgedrängt, und der Chor der Engel entführt auch Fausts Unsterfosiches mit dem Gesänge: „Wer immer strebend sich bemüht, / Den dürfen wir erlösen", denn: „Alle menschlichen Gebrechen sühnet reine Menschlichkeit." Wie sein Vor- und Urbild Mose, so erfaßt sich auch der Dichter mit der bis zu seinem Todestag immer weiter und tiefer greifenden Ausbildung der eigenen Persönlichkeit als der Befreier, Führer und Lehrer des vom Weltgeist berufenen Gestalters und Deuters künstlerischer Wahrheit. Zeitlebens bleibt ihm der Begriff der Urreligion der Leitstern seines religiös sittlichen Denkens. Goethe sucht das eigentliche, höchste Ziel des Lebens in der Erhebung und Erweiterung seines menschlichen Daseins bis ins Göttliche und in dem höchsten Labsal seiner Vereinigung mit Gott durch die Muse. Sie beseelt ihn durch den Gedanken, daß im hehren Spiel des Dichtens die Schranken zwischen Mensch und Gott fallen und der Mensch sein Ich zum All erweitert. Aber unter dem Andringen des göttlichen Geistes wand er sich „in Mut und Furcht". Wohl weiß er sich im Besitz der unfehlbar sicher treffenden Pfeile des Philoktet wie Mose des göttlichen Beistandes, aber wie jener verbringt auch er seine Tage trotz seines überaus geselligen Wesens oft in Schmerzen auf einer einsamen Insel und nährt seine Poesie vom Leiden seiner Seele, so daß er im April 1773 an Kestner schreibt: „Mein Blut ist mein Brunnen", wie ebenso auch der Prophet Jeremia 20,9 klagt. — In einer Zeit, wo alles nach Rechten verlangte, war es ihm sympathisch, daß Kant die Menschen mit eisernem Ernst an ihre Pflichten gemahnte, mit seinem kategorischen Imperativ zur unbedingten Pflichterfüllung aufrief, als Tugend und Sittlichkeit nur das gelten ließ, was aus der Achtung vor dem Sittengesetz hervorgeht. Dieses stellt er noch dringlicher als Kant dem typisch Ewigen im Leben der Natur gleich: „Denn im Innern ist ein Universum auch". So schwingt er sich zu einer kosmischen Auffassung der Menschennatur auf, wie sie vor ihm und Shakespeare nur die Bibel mit dem Primat des göttlichen Willens aufzuweisen hat. Aber während Shakespeare nach Gundolf den Tatmenschen als Kämpfer durch die sittliche Kraft des Willens sich sein Schicksal bereiten läßt, stellt der an Lessing geschulte Goethe die Tat vielmehr als Streben nach der Wahrheit und Vollkommenheit dar. Besonders widerstrebt ihm die laue Auffassung der Romantiker in Leben und Dichtung, und im Gegensatz zu ihnen feiert er in den Wahlverwandtschaften die Ehe als heilig und würdig und ließ schon ihre Verletzung durch den Gedanken strafen. Sie ist ihm „der Grund aller sittlichen Gesellschaft, der Anfang und der Gipfel aller Kultur. Sie macht den Rohen mild, und der Ungebildete hat keine bessere Gelegenheit, seine Müde zu. beweisen". Während Fichte und Hegel mehr politische Ziele im Auge hatten, wollte er durch sie den Einzelnen zum Gemeinleben und zur Zusammenarbeit mit anderen überleiten, und keiner erschien ihm zu gering und zu schwach, daß er dem andern hierin nicht helfen könnte. Jeder

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