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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-08-01 · 12 (8.1932) · page 3

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
12 (8.1932)
Date
1932-08-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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FRANKFURTER ISRAELITISCHES GEMEINDEBLATT Amtliches Organ der Israelitischen Gemeinde Das Gemeindeblatt erscheint monatlich und wird den Gemeindemitgliedern unentgeltlich durch die Post zugestellt. — Preis der Einzel nummer 50 Pfg. — Anzeigen nach Tarif. — Sohriftleitung und Anzeigenverwaltung: Gemeindehaus, Fahrgasse 146. Fernsprecher: Sammelnummer Hansa 27544. — Postscheckkonto: Frankfurt a. M. 33521. Die Schriftleitung übernimmt für den Inhalt des Gemeindeblatts nur die preßgesetzliche Verantwortung. Nachdruck nur mit Erlaubnis gestattet. 10. Jahrgang Frankfurt a. M., August 1932 Nr. 12 Goethe, ein Künder altbiblischer Weisheit Von Dr. Max Golde Goethes Weltanschauung war wie die der Bibel ganz auf das diesseitige Leben eingestellt. Daher gibt er in den Wanderjahren ein nicht zu überbietendes Beispiel für die Vergeistigung der inneren Menschennatur, indem er den persischen Dualismus mit seiner radikal guten Licht- und radikal bösen Schattenwelt zum Kampf zwischen der schöpferisch erleuchteten Kraft des Menschen mit dem ihm dumpf widerstehenden rohen Stoff umdeutet. „Was willst du ins Unendliche schreiten? / Geh nur im Endlichen nach allen Seiten!'' Dabei fordert er aber auch mit prometheischem Herrenrecht: „Wenn ich bis an mein Ende rastlos wirke, so ist die Natur verpflichtet, mir eine andere Form des Daseins anzuweisen, wenn die jetzige meinen Geist nicht ferner auszuhalten vermag." Freilich können nicht alle auf gleiche Weise unsterblich sein: „Das Maß unserer Ewigkeit hängt von dem Grade unserer Persönlichkeit ab." Hier wendet er gern den dem Aristoteles entlehnten Begriff der Entelechie an. der Keimkraft der Wesen, und sagt: „Um sich künftig als große Entelechie zu manifestieren, muß man auch eine sein." Seit seiner frühen Knabenzeit warb er mit inniger Andacht um das volle Verständnis des Orients, um dadurch die tiefere Einsicht in die innere Natur des Menschen zu gewinnen. Dies lenkte ihn zu der großen Schatzkammer menschlicher Typen von poetischer Urkraft im Alten Testament hin. Hier fesselte ihn besonders die Gestalt des Mose. Der 1797 unvollendet zurückgelegte Aufsatz über ihn erschien 1811 und 1814 in Dichtung und Wahrheit I, 4 und HI, 12, nur wenig umgestaltet 1819 in den Noten und Abhandlungen zum West- Oestlichen Diwan. Ihr Mittelpunkt ist Moses menschlicher Charakter, gewaltsam, stark, das Rechte und Gute wollend, aber ungewandt im Reden wie im praktischen Tun, von seinem Wege, so beim Richten des Volkes, doch nicht von seiner Idee abzuleiten. Er füllt sein ganzes Leben damit aus, das Volk von Sklaven zu einem Volk der Freiheit zu erheben und ihm den Gott der freien Geisteskraft zu geben. Der Straßburger Theologischen Fakultät reichte er, nachdem er sich mit unsäglicher Mühe durch die fünf Bücher Moses durchgearbeitet hatte, (D. u. W. IH, 12) die Untersuchung der Tafeln Moses als Doktor-Dissertation ein. Sie wurden wegen ihres genialischen Ueberschwangs abgelehnt, weil „der Verfasser einen Sparren zu viel im Kopfe habe oder auch einen zu wenig". Er arbeitete dann einen Teil davon zu Thesen um, mit "denen er die Würde des Lizentiaten der Rechte erwarb. Durch Herders freie Nachdichtung rabbinischer Sagen: „Jüdische Dichtungen und Fabeln" wird er zu einer neuen typischen Auffassung des menschlichen Charakters angeregt, besonders der in Nr. 11 „Der Tod Moses" verborgene Kern prägt sich seinem Gemüte so tief ein, daß er daraus neues Leben und Wachstum empfing. Diesen poetischen Eindruck hält er mit Zähigkeit fest, so daß er ihn nie wieder verliert. Am 12. XH. 1812 schreibt er an Zelter, er habe 30 Jahre vergebens nach einer Medaille des Moses von Cellini getrachtet und sie durch einen sonderbaren Zufall doppelt erhalten. Sie trug die Umschrift: ut bibat populus, mag das Volk trinken! (H. Buch M. 17, 6: IV. 20, 11, abei) auch n. 32, 20 das aurum potabile.) Im gleichen Jahr hatte er, wie er den 27. 7. seiner Frau' mit ausführlicher Beschreibung mitteilt, Michel Angelos Statue Moses am Grabe Julius n. angekauft, und noch 1830 schreibt er, sie habe sich seiner Einbildung dergestalt bemächtigt, daß er nicht von ihr loskommen könne. Sie zieht durch seine ganze große Lebensdichtung, an die er mehr denn 60 seiner reichgesegneten Jahre gewendet — er selbst nennt Helena in diesem Sinne ein öOjähriges Gespenst — und dann in wesentlichen Teilen immer noch" unvollendet zurückgelassen bat. Wie Mose dem brennenden Dornstrauch auf dem Sinai nicht nahen darf, so kann im Anfang auch Faust den aus seiner pantheistischen Weltanschauung stammenden Erdgeist nicht ertragen und stürzt vor ihm zu Boden nieder. Nachdem er lange Zeit seinen Studien auf allen Gebieten nachgegangen, so wie Mose seinen einsamen Gedanken als Hirt der Steppe, ist ihm die Erscheinung des Schönen das natürliche, lebensgebotene Atmen, die Systole und Diastole eines dessen gewürdigten Herzens und das Hauchen seiner Seele, von dem sie das schöpferische Gesetz ihres Lebens erwartet. Im Anfang kostet er sie in dumpf befangener Leidenschaft mit all seinen Sinnen aus. daß sie vor ihrem Ansturm in erschütternder Tragik zusammenbricht. Nach diesem jähen Absturz, der dem Niederschlagen des Aegypters durch Mose gleichzusetzen wäre, aber verhelfen die im Dienste Gottes stehenden, von Mephi&topheles unabhängigen guten Geister der Natur ihm zur Wiedergeburt und wecken in ihm den Entschluß, zum höchsten Dasein immerfort zu streben. So sagte Cordata, die fromme, gelehrte Pietistin Susanna v. Klettenberg, auch zu Lavater: „Goethe gehört zu den Auserwählten." Faust erquickt der neue Tag, der mit immer stärker anschwellendem Posaunenhall das Nahen des Weltenrichters ankündigt, alle Geschöpfe zu lebendigem Schaffen aufzurufen, nicht aber die Toten aus ihren Gräbern zum jüngsten Gericht wie in Strophe 3 der Sequenzdichtung des Franziskaners Thomas von Celano aus dem 13. Jahrhundert: Tuba mirum spargens sonum ,. Per sepulchra regionum / Coget omnes ante thronum, die Goethe in der Domszene nicht anführt. In den feierlichsten Stunden des Morgens sieht er im stufenweisen Aufgang das Weltenlicht aus ewigen Gründen hervorbrechen und muß das geblendete Auge vor dem vollen Glanz der Wahrheit schließen. Wie Mose vor der Gotteserscheinung in dichtes Gewölk, tritt auch Faust in ein Dunkel ein. die Sonne bleibt ihn im Rücken, und er läßt am farbigen Abglanz des Lebens sieh genügen. Der religiöse Naturdienst Faust* beim Sonnenauf- und -niedergang ist dem Gemälde des werdenden Tages in Moses Schöpfungsliede mit der tiefen Ruhe der drei ersten Schöpfungstage nachgebildet, da wir bei jedem Sonnenaufi gang die göttlichen Urkräfte so herrlich wie am ersten Tage wiedersehen. Da wird jeder Mensch neu gestärkt und tüchtig wie Faust, der das schöpferische Werden der Gottnatur in den Einzelerscheinungen liebevoll mit- und nachempfindet, sie aber als göttliches Ganzes in sich aufnehmen und innerlich erleben möchte. Diese durch Herder gewonnene Schau der Seele erschließt dem Dichter die Erkenntnis des Wesens der Dinge und bringt ihm durch sie mit der inneren Form, dem moule interieur des französischen Naturphilosophen Button, in ihren verschiedenen Ausgestaltungen durch sein Dichterwerk die Gotteheit näher: „Wenn der Mensch die herrlichen Bildungen der unendlichen Welt und ihre unzähligen Gestalten an sich vorüber ziehen sieht, dann fühlt er das allgewaltige Wehen des Alliebenden und begreift seine Seele als den Spiegel des unendlichen Gottes." — Der Ewige redet'; mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freunde spricht, so will auch Faust nicht wieder durch das Blendwerk des Spiegels das Zauberbild eines Idols nur in den Umrissen und an. seiner Oberfläche, sondern die

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