Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 11 (7.1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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42 Berge und Höhen mit dem Morgen das jungfräuliche Gestirn aufsteigen sah und wahrhaft im Banne der ersten Lichtstrahlen stand, — dann konnten sich junge Menschen gar leicht dem „Weltwesen" näher, dem göttlichen Urgrund der Welt verbunden glauben. Aber wie viele aus dieser bündischen Jugend stürzten später aus dem Glauben, wie stark ergriff die Krise der Religion auch von unseren jungen Juden Besitz! So ist's nicht verwunderlich, daß der feierlich-ernste Klang religiöser Beseeltheit bisher aus der Jugendbeilage des „Gemeindeblatts" uns schwach, kaum merkbar klang. Und wenn er anklang, ward er rasch übertönt von der harten Sprache des Zweifels, der kritischen Vernunft. Da man jüngst vom Religions-Unterricht sprach, waren es zumeist nur Aeußerungen der Unzufriedenheit und Enttäuschung, die laut wurden, — doch wurden auch bei diesem Anlaß keine schöpferischen, konstruktiven Gedanken oder gar ekstatische Regungen bemerkbar. Die Abwehr der älteren Generation, der Lehrer war darum durchaus begreiflich und berechtigt. Aber sie vermochte doch nicht an die Mitte der Not zu rühren, an die fehlende Gläubigkeit, an die geschwundene religiöse Haltung. Gewiß, diese Religions-Ferne jüdischer Jugend gilt nicht allgemein. Im Esra, den Misrachi-Jugendgruppen, auch im Iii ist es gerade die religiöse Sehnsucht, die Jugendliche über sieh selbst und dieses schwere Dasein hinaushebt und sich als bündische Kraft bewährt. Auch da und dort leben in anderen Jugendgruppen und außerhalb der Bünde einzelne lebendig Religiöse. Aber um der richtigen Werbung der heutigen Situation willen sollte man ihre Zahl nicht überschätzen. Und vor allem — die Kraft der Uebertragung auf anders Gerichtete, früher ein Kennzeichen für Gott — nahe Geschlechter, macht sich nur ganz selten bemerkbar. Die äußeren Anlässe und tieferen Gründe dieser seelischen Verarmung, die fraglos mit der schwindenden religiösen Haltung erstand, liegen klar zutage. Karl Jaspers hat sie in seinem kleinen, aber schwerwiegenden Büchlein „Die geistige Situation der Zeit" wohl am schärfsten analysiert. Es ist sicherlich kein schlechtes Zeugnis für den inneren Wert unserer Jugend, wenn wir neben den Einflüssen des gewandelten Milieus („totale Krise") vor allem die Verzweiflung über die in der Welt so verbreitete und so übel sich auswirkende soziale Ungerechtigkeit als ursächlich für die Zweifel an einer Sinn-erfüIIten Weltordnung bezeichnen. So ist's sicherlich nicht nur der übüche Assimilations-Vorgang, der unsere jüdische Jugend in Scharen dem Lager des Kommunismus zuführt. Vielmehr darf man annehmen, daß hier ein Naturgesetz sich erfüllt, indem durch die glühenden Erwartungen auf die klassenlose Gesellschaft, die der Kommunismus entfacht, der mit Schwinden früherer religiöser Regungen entstandene leere Raum im seelischen Bereich neu gefüllt wird. Und was den jugendlichen Sozialisten die kommunistischen Verheißungen, das ist für die jungen Zionisten — die Liebe zum jüdischen Volk, zum neuen jüdischen Land, zur „Nation". So sehr wir alle, voran wir Menschen der älteren Generation, uns hüten sollen, diese neuen Regungen und Strebungen unserer Jugend zu unterschätzen und zu lästern, — so müssen wir sie doch klar als das erkennen, was sie ihrem Wesen nach sind, — — Religions-Ersatz, also nicht Religion. Denn Religion haben oder religiös sein, bedeutet doch seiner wesentlichen Erscheinung nach: Bindung an eine Wesenheit jenseits, des Menschlich-Stofflichen verspüren oder ersehnen; sei es nun, daß dies Jenseitige von außen her „transzendent" in unser Ich hineinlangt oder daß es aus uns („immanent") aufsteigt und nach außen, über uns und die Dingwelt hinausdrängt. So wäre denn im Seelenleben der meisten heutigen jungen Juden dem wahrhaft Religiösen keine Stätte zu bereiten? Das wäre schmerzlich. Denn nur wer die Armut um ihrer selbst willen preist — das konnten nur ganz wenige wirklieh Gottinnige im Laufe der Geschichte — vermag die Verarmung des Seelischen um eine wesentliche [wenn nicht d i e wesentliche! Sphäre nicht zu beklagen. Mit Fordern und Predigt im Sinne lies Verlangens ist sicherlich hier am wenigsten etwas zu erreichen, kaum mit der Lehre der Religions-Geschichte, mehr schon mit der beschwingten Darstellung des Lebens der religiös Beschwingten, Innerlichen, — der Essäer. eines Rabbi Akiba, Gamliel, der Kabbalisten und Mystiker. Doch dies sind nur mittelbare und darum zweifelhafte (im Erfolg) Methoden. Eines vor allem darf man weitesten Kreisen unserer Jugend dringend nahelegen: sich nicht abzusperren gegen die Möglichkeit religiösen Erlebens. Dies ist wohl die wichtigste Voraussetzung, die jetzt zu schaffen ist und zwar vom jungen Menschen her. Auch der betonte Anhänger materialistischer Geschichts- und Lebens-Auffassung kann dieser Möglichkeit den Boden bereiten. Er gerät dann leicht aus der Möglichkeit zur Wirklichkeit des Erlebens. Denn ..Alles in der Weit ist merkwürdig und wunderbar für ein paar wohl geöffnete Augen", sagt Ortetra y Gasset mit Feingefühl. Das Sichwundern ist immer wieder das religiöse Frerlebnis. Darauf wies so manches Mal der sei. Rabbiner N. A. Nobel hin. der in der Art seines glühenden religiösen Fühlens und dessen unmittelbarer Aeußerung etwas Genialisches an sieh hatte. Ich. nenne ihn auch darum, weil sein Beispiel einen weiteren Weg datut. wie für Menschen, die dem Ueber-Ich offen sind, das Göttliche „erscheinen" kann. Der edle Rabbi zog einen ganzen Kreis junger jüdischer Menschen ohne sein eigentliches Zutun an sich. Menschen von ursprünglich ganz anderer weltanschaulicher Einstellung, weil seine ganze Art ihnen die Ahnung metaphysischer Welten eröffnete. „Indessen die große Tat und die große Liebe am Entschwinden war" (Stefan George), machte seine Seelenhaltung sie wieder glaubhaft. Und eben das Erleben eines jüdischen Menschen, der das Wort unserer Mystiker „Die Welt wird durch Liebe gebaut" begreifen macht, bringt zugleich dem „liebenden Baumeister" näher. Es ist gewiß nicht der übliche Weg für den Juden zum religiösen Bereiche. Aber Josua ging ihn, da er seinem Meister Moses folgte. Elisa beschritt ihn, als ihm Elia seinen Mante) zuwarf, und die Schüler des großen Maggid wählten ihn. Das geliebte und angestaunte Vorbild eines echt religiösen Menschen ist für den Jüngling und das junge Mädel um die Zeit ihrer Entfaltung der am ehesten begrüßte Führer zum Religiösen. Das Merkwürdige und Wunderbare kann „für ein paar wohl geöffnete Augen" unsrer Jungen auch jetzt noch oder wieder in der unerschütterlichen, ewigen Gesetzlichkeit der Natur liegen, im Rhytmus des Tages-Ablaufs, der Jahreszeiten, im prismatischen Glänze des Regenbogens, in der unübersehbaren Fülle des Aehrenfeldes nach gemessener Aussaat. Das Natürliche, staunend besehen, macht Uebernatuv faßbar. Doch wo man als „sachlicher" Mensch sich solcher ..Romantik" schämen möchte, bleibt eine durchaus diesseitige Straße frei, die Straße vorüber an den Häuserquadern, den mächtigen Fabrik-Schloten, den Dampfkrahnen, den großen und kleinen Autos, den Traktoren auf den Aeckern, kurzum vorbei an den Schöpfungen neuzeitlicher Technik. In einem kürzlich erschienenen Büchlein „Befreiung der Technik" von Dessauer und Meissinger, das über die Wertordnung des Technikers und den Sinn der Technik nachdenkt und begeistert vom gewaltigen Schaffen in Sowjet-Rußland spricht, findet sich der Satz: „Die Technik ist Botschaft Gottes an unsere Zeit tragischen Uebergangs". Hier kommt zum Ausdruck, was mir vorschwebt: sobald wir nach dem Sinn im Leben suchen, durchstoßen wir die Mauer des Dinglichen, auch wenn wir inmitten der Dinge selbst stehen. Nicht nur die Jugend lebt hinsichtlich des Religiösen in Not. Wir alle, auch die Aelteren tragen die Folgen von Aufklärung. Naturwissenschaft und Technisierung der Welt, wir alle leiden an der Krise unserer Tage. Drum müssen wir mit einander suchen, ob es uns wieder gelinge, daß wir „ruh'n im Frieden Seiner Hände". D r. (inst a v L ö f f! e r