Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 11 (7.1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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43 Die Endzeitstimmung, die — nun auch dem Stumpfsten merklich — mehr und mehr die Stimmung unserer Tage wird, spüren wir am meisten in der inneren Aushöhlung aSer Formen und Bindungen menschlicher Beziehungen. Je nach der weltanschaulichen Haltung begrüßt der eine diese Vorboten des kommenden Neuen, oder er nimmt mit banger Unsicherheit vom Altgewohnten Abschied, in ein ungewisses Zwielicht hinausschauend, von dem er nicht sagen kann, ob es der Abend- oder Morgendämmerung zugehört. Mit feiner Witterung ist von katholischen Zeitkritikern wohl zuerst festgestellt worden, daß das Hinaustreten der Frau aus dem Bezirk des „Herdfeuers" auf die „Straße" „zugespitztes Symptom" der Endzeitlichkeit sei: „Primat des weiblichen Ahnungs- und Einfühlungsvermögens" (Klages) „einfühlendes Denken" und dementsprechend Aufstieg des Einflusses der Frau! Die Andacht zur Nacht" ... „das Zersetztwerden alles methodischen Denkens, die Flucht in die schweifende „naturhafte" Zuchtlosigkeit . . . Animalisierung alles Geistigen, Feminisierung alles Männlichen, Dämonisierung alles Heiligen . . ." so sieht z. B. E. Przywara das „Ende des männlichen Zeitalters" als d i e Endzeit — und wir glauben nicht zu irren, wenn wir feststellen, daß in dieser Haltung auch vieles sich ausspricht, was die Haltung des Judentums zur Frau erklärt. Denn was ist für diese Haltung charakteristisch? Bertha Pappenheim, unsere große jüdische Führerin, die als einzige ihrer Generation und Richtung sich ausdrücklich nicht außerhalb des Judentums stellte, hat es (in einem Brief an die Verfasserin) einmal so umschrieben: „Für geschäftliche (also kapitalistische) Wünsche und Bedürfnisse hat die Orthodoxie immer Verständnis gehabt und auch Wege, sogenannte „Heter", gefunden, ihnen entgegenzukommen. Für die Frauen und deren Entwicklung im sozialen und persönlichen Leben ist nur starres Festhalten an den alten Gesetzen da." Eine Haltung, die seit den Tagen der Romantik — dem Beginn der „Nacht" in der Definition Przywaras — gerade die stärksten Frauen aus dem Judentum hinausdrängte und ihren Verlust kompensierte durch besondere Wertung des entgegengesetzten Frauenbildes, in dem alle gewollte Bindung freiwillig bejaht wird. Es gab vor Bertha Pappenheim also keine jüdische Frauenbewegung — die bewegte Frau stand außerhalb der traditionellen Frauenideale. Und die jüdische Frauenbewegung ist von ihren Anhängerinnen sehr selten in ihrer Ganzheit erfaßt wor- Die jüdische junge Frau den, meist waren es Teilgebiete rechtlicher, sozialer, gemeindepolitischer Art, die im Vordergrund standen und dadurch verbargen, um was es bei der jüdischen Frauenbewegung im letzten ging: um den Versuch, die „bewegte" Frau mit all ihren Lebenskräften für das Judentum zu erhalten und andererseits diese Frau nicht völlig der „Auflösung aller Form" auszuliefern. An der heutigen weiblichen Jugend können wir erkennen, wie wenig dieser Versuch gelungen ist: stärker noch als beim jungen Mann ist die Lösung von allen Verwurzelungen, leidenschaftlicher die Hingabe an jede neue Strömung. Die jüdische Frauenbewegung kam vielleicht zu spät — im Augenblick, als es im Gebälk schon unheimlich zu knistern begann — vielleicht aber wurde sie eben durch die Fülle der Einzelaufgaben, um die sie kämpfen mußte, zersplittert und in ihrer geschlossenen Wucht dadurch abgeschwächt. Jedenfalls konnte sie die Aufgabe, die sie sich gesetzt, nicht erfüllen, und sie vermag heute nicht der jungen Frau das Judentum und dem Judentum die junge Frau zu erhalten. Und doch ist es nach unserer festen Ueberzeugung dazu noch nicht zu spät, wenn auch vielleicht der allerletzte Augenblick, eh die Nacht kommt, „da niemand wirken kann!". Was aber können wir tun? Was können wir in dieser letzten äußersten Minute tun, ehe wir unwiderbringlich diese letzte Gelegenheit sehenden Auges verpaßt haben? Unter voller Anerkennung der Gefahr den Aufgabenkreis der Frau innerhalb des Judentums erweitern, denn in seiner heutigen, innerlich und äußerlich bedrohten Lage kann das Judentum keine lebendige Kraft sich kampflos entgleiten lassen. Andererseits durch die Art, wie wir Frauen der jüdischen Frauenbewegung unsere Pflichten auffassen, der Jugend vorleben,- daß es auch innerhalb unseres Kreises Gelegenheit gibt all das zu leisten, was sie aus diesem Kreise hinweglockt, der ihnen nur Fessel durch den Zufall der Geburt, nicht erlebte Gemeinschaft bisher gewesen ist. Um ganz konkret zu sein: die ungeheure Fülle der sozialen Aufgaben, besonders an den erwerbslosen Mädchen, sollen wir aufnehmen, um gegenseitig die Gemeinschaft zu erleben, unsere Gemeinschaft: aus diesem Gemeinschaftserlebnis allein kann die Erfüllung der doppelten Aufgabe erwachsen, die wir oben umschrieben: Der jungen Frau das Judentum, dem Judentum die junge Frau zu?rhaitcn. Dr. Dora Edinger „In der Auflösung zur Funktion wird das Dasein seiner geschichtlichen Besonderheit entkleidet; bis zu dem Extrem der Nivellierung der Lebensalter. Jugend als das Dasein der höchsten vitalen Leistungsfähigkeit und des erotischen Lebensjubels ist der erwünsche Typus des Lebens überhaupt. Wo der Mensch nur als Funktion gilt, muß er jung sein; wenn er es nicht mehr ist, wird er den Schein der Jugend herstellen. Dazu kommt, daß das Lebensalter schon ursprünglich nichts mehr gilt; das Leben des Einzelnen wird nur augenblicklich erfahren, seine zeitliche Erstreckung ist eine zufällige Dauer, ist nicht als Aufbau unwiderruflicher Entscheidungen auf dem Grunde biologischer Phasen erinnert und bewahrt. Hat der Mensch eigentlich kein Lebensalter mehr, so fängt er stets von vorn an und ist stets am Ende: er kann dies tun und auch das. und einmal dies, ein andermal jenes: alles scheint jederzeit möglich zu seini nichts eigentlich wirklich. Der einzelne ist ein Fall von Millionen, warum sollte er seinem Tun Gewicht geben? Was geschieht, das ist bald geschehen und dann vergessen. Man benimmt sich daher, als ob alles gleich alt sei. Kinder sind so früh als möglich wie Erwachsene und reden mit aus eigenem Anspruch. Es ist keine Scheu vor dem Alter, wo das Alter selbst sich gibt, als ob es jung sei; statt zu tun, was seine Sache ist, und'dadurch den Jüngeren in der Distanz möglicher Mäßstab zu sein, nimmt es die Gestalt unverbindlicher Vitalität an, welche der Jugend noch gemäß, ihm aber Würdelosigkeit ist. Echte Jugend will Abstand, nicht Durcheinander, Alter will Form und Verwirklichung und die Kontinuität seines Schicksals." (S. 30) „Symptom der Unruhe unserer Zeit um die Erziehung ist die Intensität pädagogischen Bemühens ohne Einheit einer Idee, die unabsehbare jährliche Literatur, die Steigerung didaktischer Kunst, die persönliche Hingabe einzelner Lehrer in einem Maße, wie sie kaum jemals war. Doch ist vorläufig das Charakteristische unserer Situation die Auflösung substantieller Erziehung zugunsten eines endlosen pädagogischen Probierens, einer Zersetzung in gleichgültige Möglichkeiten, einer unwahren Direktheit des Unsagbaren. Es ist, als ob die Freiheit des Menschen, die errungen wurde, sich selbst aufgebe in der leeren Zur geistigen Situation der Zeit Freiheit des Nichtigen. Ein Zeitalter, das sich selbst nicht vertraut, kümmert sich um Erziehung, als ob hier aus dem Nichts wieder etwas werden könnte. Kennzeichnend ist die Rolle der Jugend. Wo aus dem Geiste eines Ganzen die Erziehung substantiell ist, ist Jugend an sich Unreife. Sie verehrt, gehorcht, vertraut und hat als Jugend keine Geltung; denn sie ist Vorbereitung und mögliches Berufensein für eine Zukunft. In der Auflösung aber gewinnt die Jugend Wert an sich selbst. Von ihr wird geradezu erwartet, was in der Welt schon verloren ist. Sie darf sich als Ursprung fühlen. Schon die Kinder sollen mitreden bei der Schulordnung. Es ist, als ob an die Jugend der Anspruch gehe, von sich aus zu schaffen, was die Lehrer nicht mehr besitzen. Wie die Staatsschulden kommenden Generationen aufgebürdet werden, so die Folgen der Vergeudung geistigen Gutes, das sie sich von neuem erwerben sollen. Jugend bekommt ein unwahres Gewicht und muß versagen, weil der Mensch nur werden kann, wenn er in der Kontinuität von Jahrzehnten wächst und in Strenge durch eine Folge von Schritten gebildet wird." (S. 94) „Der Anspruch der Situation an den Menschen scheint in der Tat von der Art, daß nur ein Wesen, das mehr als Mensch ist, ihm genüge tun kann. Die Unerfüllbarkeit des Anspruchs kann verführen, ihn zu umgehen, sich einzurichten auf das nur Gegenwärtige und seinen Gedanken eine Grenze zu setzen. Wer alles in Ordnung glaubt und dem Weltlauf als solchem traut, braucht nicht erst Mut zu haben. Er tritt ein in den Gang der Dinge, der auch ohne ihn zum Guten treibt. Sein vorgegebener Mut ist nur das Vertrauen, aus dem er weiß, daß es nicht in den Abgrund geht, in dem der Mensch sich verlieren würde. Auf echte Weise hat Mut, wer aus der Angst im Erfühlen des Möglichen zugreift in dem Wissen: nur wer Unmögliches will, kann das Mögliche erreichen. Die Erfahrung der Unerfüllbarkeit in dem Versuchen der Erfüllung kann allein verwirklichen, was dem Menschen aufgegeben ist zu tun." (S. 130) Aus: Karl Jaspers, Die geistige Situation der Zeit (Sammlung Göschen) Schluss der Beilage. Verantwortlich für die Schriftleitung der Beilage: Ernst Holzer in Frankfurt a. M.