Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 11 (7.1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- Seite 239 (sequence 13)
- Language
- German
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239 schloß, so daß alle gebannt sitzen blieben, Dankbarkeit, Freude und Begeisterung im Auge. Wer es weiß, Avie gering in unseren Kreisen die Möglichkeit geworden ist, sich über die Sorgen des Alltags zu erheben, der kann ermessen, was diese Stunden für die Zuhörerinnen bedeuteten, und warum von Jahr zu Jahr die Bitte um einen erneuten Zyklus an Herrn Dr. Lazarus erging. Es war ein erlesener Genuß, mit welch taktvoller Sicherheit er neue Wege des liberalen Gedankens erschloß, und wie er selbst als edelster Repräsentant nicht nur durch die Reinheit seiner Seele und die Harmonie seiner Auffassung, sondern auch durch das Feuer seiner Begeisterung gerade in diesem Kreise mehr vielleicht wie je an anderer Stätte bewies, daß Liberalismus nicht Lauheit bedeute, sondern daß volles Einsetzen des ganzen Menschen verlangt werde. Daß dies ihm gelungen, bewiesen ihm die Hörerinnen dadurch, daß der größte Teil von ihnen praktisch in jüdischen Dingen mitzuarbeiten begann, angefeuert von den Lazarusschen Gedanken, aber auch bestrebt, durch die Tat den Dank abzustatten für das Erlebnis, das sie gewandelt hatte. Sie alle wissen, Avas sie durch seinen Tod verloren haben, wieviel ärmer die Wochen des kommenden Winters werden, da die Stunde ausfallen Avird, zu der sie in voller Freude kamen und von der sie in stiller Dankbarkeit Aveggingen. Diese Dankbarkeit ohne Pathos und Phrase ist tief eingewurzelt und fester begründet, als es der bescheidene Sinn des Entschlafenen je geahnt und erhofft hätte. Sie bleibt unauslöschlich in den Herzen Aller bestehen. Otto Bendheim Es war kein Zufall, daß Rabbiner Lazarus sich in ganz besonders intensiver, aufopferungsvoller Weise dem Religionsunterricht widmete und diese Seite seiner beruflichen Tätigkeit auch dann mit nie ermüdender Hingebung und Liebe ausübte, wenn sein Gesundheitszustand ihn eigentlich zu absoluter Ruhe hätte veranlassen sollen. Nicht der geringste Teil seines überaus reichen Lebenswerkes galt dem Religionsunterricht. Ein Mensch wie er, der im Fluge die Herzen und das unbedingte Vertrauen der Jugend gewann, mußte früher oder später zur Pädagogik stoßen. Das unbedingte Vertrauen — das will viel heißen. Es gab wohl keine Frage, mit der Avir uns nicht an ihn hätten wenden können, keine Frage, die nicht auch wirklich an ihn herantrat. Von vornherein durften wir bei ihm auf das tiefste Verständnis und auf die Bereitschaft rechnen, uns zu helfen. Es tauchten da Fragen auf, die mit der Religion scheinbar nichts zu tun hatten und die scheinbar ganz außerhalb des Religionsunterrichts lagen. Aber auch nur scheinbar! Denn wie er für seine Person keine Trennung von Religion und Leben, von Glaube und Sein kannte, so wenig ließ er auch nur den Schein einer solchen Trennung im Religionsunterricht aufkommen. Es war sicher auch kein Zufall, daß es gerade der Unterricht in einem humanistischen Gymnasium war, der ihn fesselte. Das humanistische Prinzip war seinen eigenen Anschauungen und seiner eigenen Bildung mehr als irgend ein anderes angemessen. Immer wieder von neuem setzte es uns in Erstaunen, Avie vielseitiger war. Es gibt wohl kein Gebiet, in dem er sich nicht zu Hause gefühlt hätte, an dem er nicht mindestens sehr interessiert war. Man braucht sich nicht zu scheuen, von einer universalen Bildung zu sprechen. Dem wahren Humanismus ist Universalität wohl eine Selbstverständlichkeit. Leider ist dieser wahre Humanismus sehr rar geAVOrden. Denn er erfordert viel. Er ist untrennbar von der Humanität, die auch der jüdischen Religion in so hohem Maße anhaftet. Das war es, die Vereinigung von Universalität und Humanität, die Rabbiner Lazarus im Humanismus suchte und fand. Ein Mann wie er, der so überzeugend, hinreißend und begeisternd Avirkte, der zugleich so erfüllt war vom Geist des Liberalismus, der Toleranz und der Wahrhaftigkeit, ein solcher Mann Avar geradezu prädestiniert zum Religionslehrer eines humanistischen Gymnasiums. Es gab wohl Stunden, in denen die unmeßbaren Schwierigkeiten und einzelne Mißerfolge, die keinem modernen Religionslehrer, einerlei welcher Konfession und welchen Landes, erspart bleiben, schwer auf ihm lasteten. Diese Stunden wurden mehr als aufgewogen durch die Erfolge und Freuden, die ihm zuteil Avurden. Viele Schüler saßen zu seinen Füßen, den meisten bedeutete dieser Religionsunterricht mehr für das Leben, als sie sich eingestehen mögen. Es lag ein eigentümlicher, einmaliger, herzlicher Geist über diesen Stunden. Das läßt sich nicht beschreiben. Aber Aver es erlebt hat, zählt in der Erinnerung diese Stunden zu den köstlichsten, die man überhaupt erleben kann. Die große Zahl von Schülern, die er dem Judentum wieder zurückgewonnen hat. in deren Herzen er die Begeisterung und die Beglückung gepflanzt hat, die nur dem religiösen Menschen zuteil wird, spricht mehr für ihn als alles andere. Ehre seinem Andenken! ARTMANN PIEPMEYER & OPPENHORST 2: E: Kohlen ■ Koks ■ Briketts ■ Kunstdünger ■ Zement FRANKFURT AM MAIN, Nedtarstrasse 11, Fernruf 33344 Eigene Zechen, Schiffe, Ein- und Auslade-Vorrichtungen Vertreter: C. Crailsheimer, Oberlindau 108, Telefon 56526