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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-07-01 · 11 (7.1932) · p. Seite 238

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
11 (7.1932)
Date
1932-07-01
Page
Seite 238 (sequence 12)
Language
German
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238 wo er auch mein Nachfolger als Religionslehrer wurde, und wo er den Grund zu seiner religionspädagogischen Tüchtigkeit legte, hier in Frankfurt im Jahre 1904 die Stelle eines Religionslehrers und zweiten Rabbiners frei wurde, richtete ich die Aufmerksamkeit des Vorstandes auf meinen jungen Freund, und so wurde er, 27 Jahre alt, hierher berufen und durfte vor drei Jahren sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum feiern, ein wunderbares Erntefest der Liebe und Verehrung, das ihm seine dankbare Gemeinde bereitete. Was er hier als herzgewinnender Jugendlehrer, als beliebter Redner auf der Kanzel und bei frohen und schmerzlichen Anlässen in der Gemeinde, was er als Organisator von ungewöhnlicher Befähigung, als Vertrauensmann des Gemeindevorstands, was er in Vereinen und Logen, in Seelsorge und Heranziehung der Gemeinde in sein gastliches Haus in achtundzwanzig jähriger treuer Wirksamkeit geleistet hat, das steht unauslöschlich in den Herzen seiner Gemeinde geschrieben. Er war ein ausgeprägter Charakter von lauterster Gesinnung, Ehrenhaftigkeit, Zuverlässigkeit, Pflichttreue und Klarheit, ein Mann festen Willens und praktischer Tatkraft. Seiner äußeren gewinnenden Erscheinung, seinem Sinn für gepflegte Form und Haltung entsprach seine tief innerliche Vornehmheit und Würde, sein Gefühl für Ordnung und Gesetz, denen er in erster Linie sich selbst unterwarf. Schön war so die Mitgift, die Natur ihm lieh. Erbe eineß adligen Namens — und Israels Adel war Gelehrsamkeit und Frömmigkeit — sah er seine Lebensaufgabe darin, durch Vorbild und Leistung der jüdischen Gemeinschaft Anerkennung und Ehre zu gewinnen. Er warb für sein Judentum im Kreise seiner Glaubensgenossen, insbesondere der abseits stehenden, wie bei den Andersgläubigen. Er warb mehr noch als durch sein Wort durch sein bloßes Dasein, durch seine vornehme harmonische Persönlichkeit, durch die ihm eigentümliche Art, die sich bewußt an deutscher Art und Kultur gebildet hatte. So war er einer der vornehmsten Repräsentanten eines ganz bestimmten Typs des Judentums, der in der treuen, auf Pietät und Selbstachtung begründeten Bewahrung des religiösen Erbes und gleichzeitiger restloser Hingabe an beste deutsche Art und Gesinnung die besondere Berufung seines Lebens erblickte. Sein Leben war ein steter Aufstieg. In der Gemeinde Liebe und Verehrung, im deutschen Judentum und in weitesten außerjüdischen Kreisen Anerkennung und Ehre, im eignen Hause stilles Glück, das ihm die unsagbare Liebe der zu ihm emporschauenden treuen Gattin und des einzigen lieben Kindes schufen. Nun ist er unserem Blick entschwunden, als er kaum den halben Berg des Lebens erstiegen. „Wie weh ist mir ums Herz um dich", mein Freund, der du mir lieb warst und immer lieber wurdest von deiner Kindheit Tagen und bis zu deinem heldenhaften Schmerzenslager, von dem dich nun der sanfte Friedensbote erlöst hat. Dr. David Warmbrunn Wer noch nicht wußte, welches Maß von Liebe und Freundschaft Arnold Lazarus gegeben und empfangen hat, der mußte dies in der Stunde, in der wir seine sterbliche Hülle zu Grabe trugen, mit Staunen und Erschütterung erkennen. Wir sahen ergraute Männer an seinem Grabe weinen, wir" sahen Frauen in ihrem Schmerze aufgelöst, wir sahen junge Menschen schluchzend ihm das letzte Geleit geben. Eine nicht endenwollende Kette von Menschen drängte sich an seine Bahre, Menschen verschiedenen Alters, verschiedener sozialer Schichtung, verschiedenen Glaubens und verschiedener Weltanschauung. Was war es, das Arnold Lazarus die Kraft gab, zu so vielen und zu so verschiedengearteten Menschen in ein Verhältnis zu kommen, das durch seine Stellung als Rabbiner und Lehrer allein nicht erklärbar ist? War es sein feinfühlendes Wesen, das ihm ermöglichte, sich in die Seele jedes einzelnen einzufühlen? War es seine angeborene Liebenswürdigkeit unter peinlicher Wahrung der äußeren Formen? üder war es der Zauber seiner angenehmen äußeren Erscheinung, der die Menschen bestrickte und ihm zuführte? Gewiß, all dies war ihm Rüstzeug für den Verkehr mit Menschen und für sein Verhältnis zu seinen Mitmenschen, aber es war nicht die Grundbedingung seiner innigen Verbundenheit mit groß und klein, es war nicht die Grundlage der Liebe, die er den Menschen entgegenbrachte und die ihm gegeben wurde. Seine Stellung zu seinen Mitmenschen und sein Wirken als Mensch war durch die tiefe Religiosität bedingt, die ihm von Natur gegeben und in die er sich mehr und mehr vertiefte, je weiter er im Leben voranschritt. Sie war durch seine Auffassung der Religion bedingt, die es ihm zur Pflicht machte, in jedem seiner Mitmenschen den Keim des Göttlichen zu sehen und in jedem Mensehen das Göttliche zu suchen, das ist „die Fähigkeit zum Guten, die als Erbtugend in allen Erdenkendem lebt und sie alle im Dienste des Guten einen soll vor dem einen Gott des Guten" — wie seine eigenen Worte sagen. Für ihn gab es keine Trennung durch den Unterschied des Alters oder des Geschlechts, des Glaubens oder des Standes. Einem jeden brachte er diese Liebe zum Menschen, als dem Geschöpfe seines Gottes, entgegen. Um einen jeden bemühte er sich im Suchen nach dem Guten und Edlen in ihm, als der nicht fehlenden Gabe seines Gottes und in einem jeden suchte er dieses Gute zu fördern oder zu erwecken. Die ihm von Natur aus eigene Gründlichkeit und Bedächtigkeit erleichterte ihm diese Arbeit am Menschen und die von ihm ausgehende Ruhe und. Beruhigung war wie ein stiller Frieden, der von ihm auf die Menschen überging. Seine Erfülltheit von der Pflicht des Menschen am Menschen, seine Freudigkeit und Selbstverständlichkeit, mit der er diese Pflicht erfüllte, war das. Beglückende, das von ihm ausging und das jedes Auge aufleuchten ließ, wenn es ihn sah, und das jedem das Zusammensein mit ihm zur Freude machte. So wurde Arnold Lazarus der Freund so vieler Menschen und der treue Berater eines wohl noch größeren Kreises, die aber alle in schweren Stunden jeder Art zu ihm kamen und sich ihm anvertrauten, nicht nur ihm als Rabbiner, sondern ihm als Mensch, die seinen Rat und seine Meinung erforschten in Stunden der inneren und äußeren Not. Und so hat Arnold Lazarus auch einer großen Zahl von Menschen, und auch hier wieder alten wie jungen, Menschen seines Glaubens und anderen Glaubens, den Weg durch sein Beispiel und durch sein Lehren gewiesen, auf dem sie zu einer Religion fanden und zurückfanden, die das Göttliche in der Fähigkeit zum Guten in die Menschen gelegt und es ihnen zur Pflicht gemacht hat, dieses Gute im Nebenmenschen zu suchen und zu erkennen, wie wiederum seine eigenen Worte lauten. Arnold Lazarus — als Mensch und Freund — so möchte ich diese Zeilen überschreiben. Ich habe aber den Menschen und den Freund nicht trennen können. Als Mensch war er Freund — als Freund war er Mensch! Wir, die wir ihm am allernächsten standen, wir wußten ja auch, daß wir ihn nie allein besaßen, sondern daß seine Kraft an Freundschaft so groß war, daß sie auch andere umfaßte, die wir gar nicht kannten. Soll ich seiner als Freund gedenken, wie er in den heiteren Stunden der heitersten einer war, wie seine Freude an der Fröhlichkeit auf uns alle überströmte und hinriß. Auch in diesem Bilde bleibt Arnold Lazarus uns unvergessen. Aber der Wert seiner Freundschaft bestand für uns in seiner Aufrichtigkeit, in der Sicherheit seiner Anschauungen, die er uns zu vermitteln verstand, in seiner unbedingten Treue und Bereitschaft, für alles, was ihm Freund war. Aber all dies mußten wir mit vielen teilen, sodaß uns das Bild dieses Menschen und Freundes als ein unzertrennbares Ganze, als eine in sich geschlossene - und ausgeglichene Persönlichkeit in seltener Harmonie von Veranlagung und Beruf, als der in seinem Denken und Handeln fast kindlich Reine und zu allem Edlen und Guten Strebende verbleiben wird. Seine sterbliche Hülle haben wir zu Grabe getragen, aber sein Wirken in dieser Welt kann nicht verloren sein, denn es wird in denen, die ihm nahestanden, und in denen, die er für das Leben gebildet, für alle Dauer fortwirkend erhalten bleiben. „Gib Liebe — und Liebe kommt Dir zurück Als Stärkung in jeder Not Und Glauben — und jeder glaubt an Dich Und Dein Wort bis in den Tod." Marie Bloch Vor vier Jahren erging der Auftrag an Herrn Dr. Lazarus, einen Lehrkursus in Form von Diskussionsstunden für die weiblichen Mitglieder des Vereins Westendsynagoge zu halten. Man ging von dem Gedanken aus, die religiösen Kenntnisse der liberalen Mütter zu erweitern, um ihnen damit die jüdische Erziehung ihrer Kinder zu erleichtern. Diese Stunden, die nur für einen Winter gedacht waren, fanden so großes Interesse, daß die Hörerinnen, deren Zahl sich ständig vermehrte, baten, diese Vorträge im folgenden Jahre fortzusetzen. So sprach Dr. Lazarus während der Jahre über das jüdische Kind und seine Erziehung, über religionswissenschaftliche Fragen und über „Der Jude und seine Umwelt". Aus den ursprünglichen Diskussionsstunden entwickelten sich Lehrvorträge, ein Erlebnis für alle, die kamen und begeistert immer und immer wieder an den Lippen ihres Lehrers hingen. Sie empfanden es alle, daß Herr Dr. Lazarus nie gelöster, prägnanter, eindringlicher und lebensvoller sprach als in diesen Stunden. Mit großer Freude konnte man beobachten, daß Frauen, die jahrelang der Gedankenwelt unserer Religion «ntfremdet waren, in diesen Kursus kamen und damit dem Glauben und dem Gotteshaus zurückgewonnen wurden. Wie < oft geschah es, daß Herr Dr. Lazarus seinen Vortrag mit einem besonders schönen Vers oder einem tief innerlichen Spruch j

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