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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-07-01 · 11 (7.1932) · p. Seite 236

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
11 (7.1932)
Date
1932-07-01
Page
Seite 236 (sequence 10)
Language
German
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236 Stempel ihrer Persönlichkeit aufgedrückt und damit an ihrem Teil jeites eigentümliche gut deutsche und gut jüdische Milieu geschaffen, das die Gemeinden des ehemals deutschen Ostens kennzeichnete, aus dem dem Vaterland und dem Judentum so manches Wertvolle und so mancher wertvolle Mensch erwachsen. Es mag genügen hinzuweisen auf die Persönlichkeiten, die Arnold Lazarus' erwachendes Leben begrüßt und ihn ein gut Stück auf seinem Lebensweg begleitet haben, den gelehrten, hochgesinnten Vater, der von dem Rabbinat einer kleinen Posener Gemeinde zur Leitung des jüdisch-theologischen Seminars Fränkelscher Stiftung in Breslau berufen ward, und auf seine beiden Oheime, Prof. Moritz Lazarus und Prof. Heimann Steinthal s. A., ersterer der Verfasser der bekannten ..Ethik des Judentums" wie auch der leider ein halbes Jahrhundert nach ihrem Erscheinen wieder aktuell gewordenen Flugschrift „Was ist national", in der er die Zugehörigkeit der deutschen Juden zum deutschen Volke mit beredten Worten und noch beredteren Gründen verficht; und Heymann Steinthal, der Verkünder der Verdienste des Judentums um die Menschheit, beide Begründer einer neuen Disziplin der Philosophie, der Völkerpsychologie, die ihren großen Einfluß auf die Seelenerforschung gerade in neuester Zeit wieder ausübt. Auch der tiefe Friede der Wallstraße, der Straße, in der das Jüdisch-theologische Seminar in Breslau beheimatet ist, in Verbindung mit dem Idealismus und mit der Begeisterung, die von ihm ausgingen, sie haben Arnold Lazarus unter der Obhut einer feinsinnigen, unendlich liebevollen Mutter und unter den Augen liebender älterer Geschwister mit geformt: sie haben in ihm den beinahe selbstverständlichen Entschluß hervorgerufen, den Rabbinerberuf zu ergreifen und das Werk der Vorderen fortzusetzen. So ist er zu der Persönlichkeit herangereift, deren Verlust wir heute so bitter beklagen. Hochverehrte Trauerversammlung! Als Arnold Lazarus vor gut 27 Jahren in seinem 28. Lebensjahr als Religionslehrer und Rabbinatsgehilfe nach Frankfurt berufen wurde, da hatte er nur eine verhältnismäßig kurze Tätigkeit an einer der Religionsschulen der Jüdischen Gemeinde in Breslau hinter sich, aber er war bereits ein ausgereifter, ein von der Vielseitigkeit der Aufgabe eines Rabbiners in der heutigen Zeit voll durchdrungener Mensch. Hier in Frankfurt ist ihm dann die Möglichkeit geworden, seine großen Fähigkeiten voll zur Entfaltung zu bringen und voll wirksam werden zu lassen. Sei es der Religionsunterricht und seine Organisation und Ueberwachung, sei es der Predigtdienst in der Synagoge und bei feierlichen, freudigen oder traurigen Anläßen außerhalb der Synagoge, sei es die Führung in den zahlreichen Erziehungs-, Bildungs- und sozialen Organisationen, die zum Teil neu von ihm geschaffen worden — alle fanden sie in ihm den richtigen Mann an der richtigen Stelle. War er doch neben einem repräsentativen, hoch sympathischen Aeußeren, einem vielseitigen Wissen, einem hervorragenden psychologischen Scharfblick und einer nachsichtigen Güte mit einem außerordentlichen Organisationstalent von Natur ausgestattet, so daß es der Gemeinde geraten erschien, und zwar gerade in der schwersten Zeit des vergangenen Jahrzehnts, ihn eine Zeitlang seinem Rabbineramt zu entziehen und ihn mit wichtigen Dezernaten der Gemeinde-Verwaltung zu betrauen. Und als das Vaterland in harter Kriegszeit aueh des Rabbiners im Heere mit Recht nicht glaubte entraten zu können, wie ist er da dem Rufe mit Begeisterung gefolgt, wie rasch hat er sich eine seiner und seines Amts würdige Position geschaffen und den der geistlichen Einwirkung bedürftigen jüdischen Kameraden Mut und Erhebung, dem Judentum Ehre und dem Vaterland Nutzen gebracht! Hochgeehrte Trauerversammlung! Nicht kann ich diese Worte schließen, ohne Lazarus' größter Beelsorgerischer Tat zu gedenken, der Heranziehung weiter mit dem Judentum nur noch lose zusammenhängender Kreise an Judentum und Gemeinde. Was er hier geschaffen und ausgebaut, das wird nach unserer aller festen Ueberzeugung Generationen fberdauern, das wird seinen Namen in unserer Gemeinde geradezu unvergeßlich machen. Als Dolmetsch der ganzen Gemeinde spende ich Dir, teurer Entschlafener, den keißesten Dank der ganzen Gemeinde und aller ihrer weit verzweigten Institutionen und — den Dank einer ganzen in schwerstem Kampf befindlichen Gemeinschaft. An Dir und an Deinem Gedenken wird sie sich aufrichten; unter der Fahne, die Du ihr vorarigetragen, wird sie, will's Gott, das kostbare Gut der Anerkennung und völligen Gleichberechtigung bewahren. Habe Dank, innigsten Dank, Arnold Lazarus! Mögen Deine großen Verdienste Dich begleiten auf dem Weg zur Ewigkeit! Ich aber gelobe Dir im Namen dieser Gemeinde, die Du kraftvoll und verantwortungsbewußt betreut hast, stetes Gedenken. Dein Andenken wird aus unserer Mitte nicht schwinden, so lange Gott der Herr unserer Gemeinde erhalten wird den Namen einer Muttergemeinde in Israel. Ruhe aanft! Dr. Leo Baerwald Rabbiner in München Dem Rabbiner und Lehrer, dem verdienstvollen Manne und edlen Menschen galten die Worte des Amtsbruders und die des Leiters dieser ehrwürdigen Gemeinde, die mit einfühlendem Verständnis und in gerechter Würdigung ein treffendes Lebens¬ und Charakterbild hier entrollt haben. Ein Wort des Abschieds und des Gedenkens darf noch ausgesprochen werden im Namen derer, die ihm am nächsten standen, ein Wort, in dem alles zusammenklingen soll, was an tiefen Empfindungen der Liebe und des Dankes in unseren Herzen lebt, soweit armselige Worte imstande sind, solcher Empfindungen Herr zu werden. Liebe hat der Verstorbene aus dem Reichtum seines Herzens in übervollem Maße gespendet, Liebe hat er in reicher Fülle empfangen, ganz besonders in den letzten Monaten und Jahren, da sich die Arme des Todes schon nach ihm ausstreckten. Für all die Liebe, die ihm zuteil geworden, sind wir, die wir ihm nahestanden, von tiefstem Dank erfüllt; für alle Teilnahme und Fürsorge, vor allem für die unermüdliche, hingebungsvolle Pflege, die fast übermenschlichen Bemühungen, mit denen ärztliche Kunst, die sich mit höchster Freundestreue verband, abzuwehren versuchte, was alle Kunst und alle Liebe nicht zu hindern vermochte. Unser Entschlafener hat eine aus reinem und reichem Gefühlsleben immer wieder neu hervorquellende Menschenliebe besessen, er hat sie betätigt und sie umgeprägt zu dem Ethos der Freundschaft. Er hat wie Wenige Freundschaft gepflegt und Freundschaft, die ihm zuteil geworden ist, zu würdigen verstanden. Er hat von dem schönen Vorrecht seines Amtes, einem jeden Freund zu sein, der seine Freundschaft suchte, überreichen Gebrauch gemacht. Wie viele ihm dafür danken, davon legt diese Trauergemeinde beredtes und williges Zeugnis ab. In wessen Herzen könnte der Dank für alle Liebe und Freundschaft, die er gegeben, reichere Früchte zeitigen, als in den unsrigen, denen er das höchste Maß seiner Liebe und Freundschaft entgegengebracht hat. Uns gab er sich ganz, dem engeren und weiteren Kreis der Familie, den Aelteren und den Jüngeren. Uns gab er sich in der sonnigen Heiterkeit seines Wesens, wie in dem Ernst seines Pflichtbewußtseins, in seiner Güte, die keine Schwäche war. Und ob er seiner Mutter, die er auf das tiefste verehrt hat, ebensosehr als gehorsamer Sohn wie als verständnisvoller Kamerad verbunden war, ob er als Jüngster seiner Geschwister besondere Liebe genoß, oder ob er ihnen und ihren Familien mit seiner Lebenserfahrung als treuer Berater zur Seite stand, ob er Frau und Tochter den höchsten Reichtum des Erlebens dankte, den ein Mann, beglückt und beglückend, erfahren kann, oder ob er mit ihnen und mit Freunden in Humor und Frohsinn stets von Neuem jung wurde — immer gehörte er uns ganz. Nie gab es eine Lücke in seinem Charakter, eine Unebenheit in seinem Wesen. Wir danken ihm. daß er uns als ein Ganzer gehört hat. Wollten wir versuchen, den tiefsten Grund seines Wesens zu erfahren, der Dolmetsch des Mundes zu sein, der jetzt für immer geschlossen, dann dürfen wir wohl für ihn sagen: VTIPD ruiöK "pn „Ich habe den Weg der Treue gewählt."1) Er war ein Mann der Treue. Treue zum Erbe des Vatersi und der Ahnen ließen ihn reifen zum Mann, gaben ihm Beruf und Richtung. Treue vergoldete seine Kindheit, vertiefte seinen Charakter und band ihn an die Pflicht, die er, wie wir gehört, nie verlassen. So mag es denn auch jetzt die Treue sein, die uns aufrecht hält, da wir ohne ihn weiter leben müssen, die ihren verklärenden Schimmer auf sein gesegnetes Andenken und unseren Schmerz wirft. In solcher Treue werden wir uns wieder aufrichten und die Wahrheit des Satzes erfahren, der einst am Sarge seines Vaters ausgesprochen ward: tP'K WD Ü*l „Ein Mann der Treue ist reich an Segen."2) Auch von seinem Leben ist viel Segen ausgegangen. Wir danken Dir, Du Treuster der Treuen, für alles, was Du uns gegeben. Nun möge sich an Dir das Wort bewähren, das wir au-3 dankbarem Herzen an Deinem Andenken erfüllen wollen, so wie es Gott, der Herr, an Deiner unsterblichen Seele aus dem Born seiner Gnade tun möge: "[Sty* nöXl IDn „Liebe und. Treue sollen Dich nie verlassen." 3) Liebe und Treue zu Deinem Andenken auf dieser Welt, himmlische Liebe und Treue zu Deiner reinen Seele in der Welt des Friedens. Amen! Dr. Walter Rosenmeyer Wenn Schmerz, wenn tiefer, tiefstgefühlter Schmerz neue Worte, neue Formen bilden könnte, dann würde ich jetzt in Worten zu Ihnen sprechen, wie Sie sie noch nie gehört. Da ich das nicht kann, so bleibt mir armen Menschenkind nichts anderes übrig, als in den Worten, die auch der Alltag gibt, zu versuchen zu sagen, was wir, seine Brüder und Freunde, fühlen, zu versuchen in Ihnen anklingen zu lassen, was unser Herz *) Ps. 119. 58. - 2) Spr. 28, 20. — 3) Spr. 3, ■$.

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