Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 11 (7.1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- Seite 235 (sequence 9)
- Language
- German
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235 tun, was er nicht ihnen allen voran selber getan hätte. Ein Mann der Pflicht ist er gewesen, im strengen Sinne altpreußischer Tradition, im Geiste des größten deutschen Denkers. Ein Mann der Pflicht nach außen, hat er doch großes Gewicht auf die Formen gelegt, war er doch von einer unvergleichlichen Korrektheit und Pünktlichkeit, von peinlicher Sorgfalt und Ordnungsliebe. Ein Mann der Pflicht nach innen, weil von restloser Gewissenhaftigkeit und Zuverlässigkeit und von vorbildlicher Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit. Yon einem edlen Ehrgeiz erfüllt, hat er seinen unbeirrbaren Willen fest auf ein klar erkanntes Ziel gerichtet und nicht geruht, bis er den Weg dahin zurückgelegt. Ein stets beherrschter Mensch ist er gewesen, mit einem Worte: ein Charakter. Und mit diesem Charakter verband sich ein scharfer, durchdringender Verstand. Kritischen Blicks erkannte er erstaunlich rasch, woran es jeweils mangelte und wie dem Mangel abzuhelfen war. Aller Ueberschwang lag dem nüchtern Besonnenen fern. Die praktische Klugheit, mit der er Menschen und Dinge zu beurteilen und zu behandeln wußte, machte ihn zu dem geborenen Organisator. Es wird so leicht ihm keiner nachmachen, wie er einen Plan in die Wirklichkeit umzusetzen, ein Unternehmen in die Wege zu leiten, oder eine Sitzung, eine große Versammlung zu führen verstand, jede Gefahr eines Konflikts persönlicher Meinungen geschickt schon im Entstehen beschwörend. Dabei kam ihm, wenn ich so sagen darf, die verbindliche Art seiner schlesischen Heimat zustatten, die Ritterlichkeit im Verkehr mit Menschen aller Art und Stände und Schichten, seine gesellige und heitre Natur, die durch allen Ernst durchbrach und die ihm die Herzen aller gewinnen mußte. Es konnte nicht anders sein, als daß ein solcher Mann sich auf das Trefflichste in dem Beruf bewährte, den er in den Bahnen frommer Väter wandelnd selbst erwählt hatte. 1X2^ P)fi3 „Auf der Schulter sollen sie es tragen". Das war das Gebot, das er, der religiöse Führer einer Gemeinde, dem Lade und Tisch, Leuchter und Altar anvertraut waren, redlich erfüllt hat. Sollen wir von dem Redner, von dem Lehrer, dem Seelsorger, dem Rabbiner zu Menschen reden, die ihn — wie oft! — gehört haben und durch sein Wirken in nahe und nächste Beziehungen zu ihm getreten sind? Mit einer natürlichen Beredsamkeit begabt, hat er immer das rechte Wort zur rechten Zeit gefunden, und wenn er vielleicht die besondere, feierliche Kanzelsprache als einen leichten .Zwang empfunden haben mag, so hat er doch in so vielen Predigten aus sicherer Beobachtung und reicher Erfahrungseiner Gemeinde den Weg durch die Fragen und Nöte der Zeit gewiesen, hat er in manchem klaren und überzeugenden Vortrag seiner Zuhörerschaft Wissen und Erkenntnis von Juden und Judentum vermittelt. Ob ein Knabe am Tage seiner religiösen Mündigkeit vor ihm stand, das rechte Leitwort seines Lebens zu empfangen, ob er einem Brautpaar den erbetenen Segen der Religion "für seinen Bund mitgab, ob er an dieser schmerzlich ernsten Stätte stand, um Trauernde zu trösten — ein unfehlbarer Takt ließ jedesmal ihn sagen, was Geist und Herz der Menschen ansprach. Geschlechter von Schülern und Schülerinnen hat er in der Geschichte und den Lehren unserer Religion unterwiesen. Ich wüßte nur wenige zu nennen, die wie er die schwierige Aufgabe meistern, die Jugend von heute zu der Aufmerksamkeit und der Disziplin zu bringen, die nun einmal die Voraussetzung jedes ersprießlichen Unterrichts sind. Unabsehbar ist die Zahl derer, die ihn als Seelsorger in Anspruch nahmen. Seltsam, der Vielbeschäftigte hatte für jeden Zeit und für jeden ein Ohr. Mit der ihm eigenen Ruhe hörte er sie alle an, die Jungen wie die Alten, Männer und Frauen, die Armen und die Beladenen, Studierende und Handwerker, und wußte immer Rat und Hilfe. Sein sozialer Sinn war stets bedacht, das Elend der Massen lindern zu helfen. Noch im letzten Winter hat er hier die Jüdische Toynbeehalle neu begründet, die den Erwerbslosen, zumal im Osten unserer Stadt, ein Asyl und Erhebung über die tägliche Sorge bieten sollte und geboten hat. Es ist selbstverständlich, daß dem Rabbiner sein Judentum den höchsten Wert bedeutete. Er war überzeugter liberaler Jude, aber nicht im negierenden Sinn, sondern im Sinne der Treue gegenüber dem geschichtlich Gewachsenen und Gewordenen. Auch war es ihm nicht darum zu tun, für das Judentum einer bestimmten Richtung zu werben, vielmehr lag ihm am Herzen, für unsere heilige Religion und deren Gemeinschaft überhaupt die Vielen zurückzugewinnen, die abseits stehen. Es ist ihm dies in hohem Maße gelungen, teils indem er in jene entfremdeten Kreise ging und allein schon durch seine Persönlichkeit ihnen die Augen über die Aufgabe öffnete, die er vertrat,, teils indem er sie, sei es an einem Freitag-Abend, oder an einem Seder-Abend in sein gastlich Haus zog, in sein Heim', das von reiner Harmonie und innigem jüdischen Familienleben erfüllt war. Aber neben dem Judentum stand für ihn (schwer zu sagen, welches von beiden den Primat hatte) als ganz hoher Wert das Deutschtum. Beides konnte er ohne Konflikt miteinander verschmelzen. Deutschlands Größe hat ihm einst die Brust geschwellt, für deutsches Volk und Vaterland zu kämpfen, hat er in den Jahren des Krieges als Feidrabbiner draußen Tausende seiner jüdischen Kameraden in reiner Begeisterung angefeuert, Deutschlands- Niederlage und Not hat ihn bedrückt, wie ein persönliches Unglück. So konnte er, ein bewußter deutscher Jude, auch in den Kreisen andersgläubiger deutscher Mitbürger die Ehre und Würde seines Judentums wahren und heben helfen. Was unsere alten jüdischen Weisen unter '.1 .tPHp verstanden haben, Heiligung des göttlichen Namens und zugleich Heiligung des Namens Jude, das war ihm die Aufgabe, war ihm der heilige Dienst, den er stolz und zugleich verantwortungsbewußt auf seine Schulter hob und durch die Wüste dieser Zeit getreulich trug. lHt^ 5|ro Sy„Auf der Schulter sollen sie es tragen." So hat er es getan und hat es sich wahrlich schwer gemacht. Und am Ende hat sich das Wort noch in einem anderen Sinne an ihm erfüllt: der Ratschluß Gottes hat ihm zu aller Bürde noch schwere Krankheit zu tragen auferlegt. Schon vor fünf Jahren — wir wissen es alle noch — mußten wir um sein Leiten zittern. Damals wurde er uns wieder geschenkt, und wenn er auch mühsamer und beschwerter einherging unter der doppelten Last, die auf ihm mhte, so ist er doch sich und seinem Werke treu geblieben bis zuletzt. Noch auf seinem letzten Lager, noch in den letzten Lebenstagen hat er. mit zitternder Hand, Berufliches niedergeschrieben, bis ihm der Tod die Feder aus der Hand nahm, riy-ny Vnajjbl lSys1? m» sagt der Psalmist und unsere Weisen deuten: „Heil dem, der seinem Tagwerk treu bleibt bis zum Abend!" 4) Und also heißt es Abschied nehmen von Dir, lieber Gefährte, Amtsbruder und Mitarbeiter vieler Jahre. Du hast Dirs schwer gemacht — aber uns hast Du's leichter gemacht, indem Du durch die Wüste Wege bahntest, die wir nun gehen. Mit Hiobs Freunde möchte ich zu Dir sagen: mal D,T1 D?2"l mC Hll Pökp mjna wni "pbo pa^ Stris .pmn ,.Siehe, Du hast viele zurechtgewiesen, schlaffe Hände hast Du gestärkt, den Strauchelnden haben Deine Worte aufgerichtet und wankende Kniee hast Du gekräftigt." 5) Wie gerne richteten wir Dich auf und gäben Dir und uns von neuem Mut und Hoffnung! Der Gott, dem Du mit beispielhafter Treue und in demütiger Dankbarkeit gedient, hat es anders gewollt. Wir tragen nun, was sterblich an Dir ist, wehen Herzens hinaus zum Ehrengrab, das Du Dir ehrenhaft verdient. nV3J?3 12p - ^« nh32 Vl3?2tyHJ.,Wir hatten gedacht, Du kämest in reifem Alter erst zu Grabe, wie die vollen Garben, die eingesammelt werden, wenn ihi'e Zeit kommt."8) Du bist vor der Zeit gemäht worden. Aber das Feld, das Du mit so viel Sorgfalt bestellt hast liier auf dieser harten Erde, trägt Garben, die Dich segnen werden noch in späten Tagen. Amen. Justizrat Dr. Blau Vorsitzender des Gemeindevorstands Hochverehrte Trauerversammlung! Auf seinem furchtbaren Erntegang hat der grause Schnitter Tod den Gemeinderabbiner Dr. Arnold Lazarus hinweggerafft und damit nicht nur die Israelitische Gemeinde zu Frankfurt a. M., sondern die ganze deutsche Judenheit in jähen Schrecken und unsägliche Trauer versetzt. Arnold Lazarus ist nicht mehr, er. der Mann, der der Gemeinde Stolz und Zierde, eine ihrer markantesten Persönlichkeiten gewesen ist. von der Ströme von Segen sich über sie ergossen, der, von dessen jüdischem und deutschem Wesen in gegenseitiger Durchdringung und Befruchtung- und von dessen Menschentum gar viele schöne Werke und Einrichtungen in unserer Gemeinde und in unserer Vaterstadt zeugen, ja Marksteine in ihrer Entwicklung bilden. Wenn ich meinem Amt und dem letzten Willen des teuren Entschlafenen entsprechend an seiner Bahre Worte der Trauer und des Abschieds, des Dankes und des Gedenkens im Namen der ganzen Gemeinde, insonderheit ihres Beamtenkörpers, und aller der vielen Vereine und Institutionen, denen er nahe gestanden, die er teils neu geschaffen, teils von neuem befruchtet hat. nunmehr spreche, so bin ich es ihm schuldig, es mit jener Verhaltenheit zu tun, die seinem Wesen eigen war. aus der aber die warme Empfindung für Mensch oder Gegenstand, mit dem er sich gerade befaßte, immer sonnenhaft leuchtend und erwärmend hervorstrahlte. Hochverehrte Trauerversammlung! Der Mensch — es klingt fast schon banal, ist aber doch darum nicht weniger wahr —, der Mensch ist nicht nur ein Kind seiner Zeit, er zieht seine Kraft auch aus der Vergangenheit, aus den Kräften der Vergangenheit, aus der Kraft der Generationen, denen er entsprossen. Nun ich brauche in diesem Kreise nicht auf eine weit entfernte Vergangenheit zu verweisen, der Glieder des Hauses Lazarus den 4) Psalm 104, 23. — *) Hiofa 4, 3 f. — «) Hiob 5, 26.