Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 11 (7.1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- Seite 234 (sequence 8)
- Language
- German
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234 ARNOLD LAZARUS zum Gedächtnis Gemeinderabbiner Dr. Arnold Lazarus wurde am 13. Juni nach langem Leiden in . die Ewigkeit abberufen und am 15. Juni imEhrenhof des Neuen Friedhofs beigesetzt. Er war der letzte männliche Träger eines berühmten Namens: sein Vater war Direktor der ältesten rabbinischen Hochschule Deutschlands, der Mediziner Prof. Dr. Adolf Lazarus, die Philosophen Prof. Dr. Moritz Lazarus und Prof. Dr. Heymann Steinthal, der Philologe Prof. Dr. Leopold Cohn gehörten zu seinen nächsten Verwandten. Am 9. Oktober 1877 in Breslau geboren, wurde er 1904, kurz vor Ablegung des Rabbinatsexamens, als Religionslehrer und Rabbinatsadjunkt nach Frankfurt berufen und bereits 1905 zum Rabbiner ernannt. Während der beiden letzten Kriegsjahre war er als Armeerabbiner tätig. In den schweren Jahren 1922 — 1924 übernahm er unter Einschränkung seiner rabbinischen Funktionen die Leitung einiger Verwaltungsgebiete der Gemeinde, seit 1928 war er Mitglied der Stadtschuldeputation und Dezernent für den Religionsunterricht. Am 1. April 1929 konnte er sein Jubiläum 25jähriger Amtsführung begehen. Vielfach, schon 1907, hatten auswärtige Gemeinden versucht, ihn an sich zu ziehen, doch war es stets gelungen, ihn für Frankfurt zu erhalten. Wenn auch ^■JigWfSg^jg das Schwergewicht seiner Tätigkeit in der praktischen Arbeit lag, so fand er doch auch Zeit zu Avissenschaftlicher Betätigung; erwähnt sei die Neuausgabe einer Schrift seines Vaters „Zur Charakteristik der talmudischen Ethik", ferner mehrere Arbeiten über das Verhältnis von Freimaurerei und Judentum und eine Untersuchung über die Armenpflege in der Frankfurter Gemeinde. Für die Weite und Tiefe seines Wirkens zeugte die fast unübersehbare Trauerversammlung, die ihm das letzte Geleit gab. Was er seiner Gemeinde, der er mit aller Kraft und Treue fast bis zum letzten Tag gedient hat, und was er seinem engeren Kreis, der Gattin, dem Kind und den Freunden gewesen ist,sdas kommt in den hier wiedergegebenen Nachrufen und Gedenkworten noch einmal zu ergreifendem Ausdruck. Vollauf hat sich die bei seinem Amtsantritt im Jahre 1904 von ihm ausgesprochene Hoffnung erfüllt, daß er durch treue . Pflichterfüllung im Dienste, der Gemeinde den ihm zugewiesenen Wirkungskreis ausfüllen werde. „Ruhig und stetig seine Pflicht tu n", wie er es in seiner Rückschau beim Amtsjubiläum im Jahre 1929 ausdrückte, das war Sinn und Inhalt seines allzufrüh vollendeten Lebens. Möge seine fromme Seele in Frieden ruhen! Nach einer Porträtskizze von Hans Feibusch Reden bei der Beisetzung Rabbiner Dr. Salzberger Andächtige'Trauerversammlung, verehrte und liebeLeidtragende! •'S W ~lt»N1 Tnin Tfins ins „Wovor uns im geheimen gebangt, das hat uns nun getroffen, was wir bisweilen gefürchtet, ist nun über uns gekommen."1) Der noch vor wenigen Jahren uns ein Bild männlicher Kraft uud Schönheit, ein Bild der Gesundheit und Lebensfülle gewesen — seit Monden sahen wir ihn unter Qualen dahinsiechen: und wenn die Hoffnung immer wieder über die Furcht siegte, so ist jetzt auch die letzte Hoffnung ausgelöscht. Nichts bleibt uns als die alte Klage: pnDfitPÖ xbl p13KT Sj? San ..Ach, über die Edlen, die wir verloren haben und nicht wiederfinden!" 2) Mit der Gattin und der Tochter, mit den Schwestern, der Schwiegermutter und den ferneren Anverwandten des Verblichenen vereinigen sich in aufrichtiger Trauer um den Führer und Lehrer, den Freund und Kameraden, den Mitarbeiter und Mitstreiter nicht nur ungezählte Einzelne von nah und fern, sondejn auch zahlreiche Vereinigungen und Organisationen. Da sein letzter Wille ihnen wohlmeinend verwehrt hat, es selbst zu tun, entbieten ihm durch meinen Mund den Scheidegruß und das Gelöbnis unauslöschlicher Dankbarkeit: Der Allgemeine Rabbinerverband in Deutschland, dessen Zentralausschuß er angehört hat, die Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands, der Südwestdeutsche Rabbinerverband, den er mitbegrün-' det hat. die Vereinigung israelitischer Lehrer und Lehrerinnen liier, die Frankfurt-Loge vom U.O.B.B., deren unvergeßlicher Präsident er zwei Jahre gewesen, das Israelitische Mädchenheim, zu dessen Vorstand und Verwaltungsausschuß er zwanzig Jahre gezählt hat. die Flersheim-Sichel-Stiftung, deren zeitweiliger Vorsitzender und deren Vorstandsmitglied bis zuletzt er war. olij Verbindungen im K. C, der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, Ortsgruppe Frankfurt a. M., und der Verein ehemaliger 81er. Zumal aber die Rabbiner, voran die Gemeinderabbiner der Isrealitischen Gemeinde Frankfurt a. M. und insbesondere ihr ältester, den zu seinem Schmerze Krankheit verhindert, dem Mann den Nachruf zu halten, der einst sein Schüler und dann durch mehr als ein Viertel jähr hundert sein Amtsbruder iu der gleichen engeren Gemeinde war, sie alle, deren manchen innige Freundschaft seit sorglos heitren Jugendtagen mit ihm verband, fühlen tief das Bedürfnis, dem heimgegangenen Kollegen an dieser Stätte noch einmal ihre ganze Verehrung und Liebe zu bekunden. Wenn ich in ihrer aller Namen sagen soll, was Arnold Lazarus' Wesen kennzeichnete, möchte ich nach altem Predigerbrauch ein Wort aus dem Thoraabschnitt des kommenden Sabbats wählen. Es wird da berichtet, wie der Priesterstamm der Leviten Wagen und Zugtiere erhält, um die Teile und Geräte des wandelnden Heiligtums durch die Wüste zu tragen. Und die Thora fährt fort: 2Hpn majMD \m kS nnp "mSi?]rm DnSj? „Aber den Söhnen Kehats gab Mose nichts, denn der Dienst des Allerheiligsten lag ihnen ob, auf der Schulter sollten sie es tragen." 3) Das Allerheiligste — es war die Bundeslade und der Tisch, der Leuchter und der Altar — sollte also nicht gefahren werden. Das Allerheiligste sollten diejenigen auf sich nehmen, die aus dem Priesterstamm zu diesem höchsten Dienste ausersehen waren. „Auf der Schulter sollen sie es tragen!" Das ist die Aufgabe derer geblieben, die im Reich der Priester, in unserem heiligen Volke die religiösen Führer sein wollen. fjrD 7V „Auf der Schulter sollen sie es tragen!" Stimmt dieses Wort nicht zu dem Bild unseres heimgegangenen Freundes? Er hat sich seine Aufgabe nicht leicht, nicht bequem gemacht, hat nicht anderen zu tragen aufgegeben, was er nicht selber zu tragen bereit war, hat nicht anderen gepredigt, zu *) Hiob?. 25.-2) Sanh. 109a. 3) 4. Mose 7, 9.